{"id":18467,"date":"2013-08-30T10:00:46","date_gmt":"2013-08-30T08:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18467"},"modified":"2022-10-18T15:18:18","modified_gmt":"2022-10-18T13:18:18","slug":"wahlkampf-faule-zahlenspiele-mit-atypischen-jobs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18467","title":{"rendered":"Wahlkampf: Faule Zahlenspiele mit atypischen Jobs"},"content":{"rendered":"<p>Lauter gute Nachrichten gehen derzeit durch die Mainstream-Medien. Zuletzt <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/arbeitsmarkt-die-zahl-der-regulaeren-jobs-steigt-a-919028.html\">jubelte SPIEGEL Online dar&uuml;ber<\/a>, dass die Zahl der atypischen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse seit Jahren erstmals zur&uuml;ckgehe. Sind wir also endlich am Ende der Krise angekommen? Hat die Bundesregierung wom&ouml;glich doch einen guten Job gemacht? Wohl kaum, auch wenn es sich so anh&ouml;rt. Von <strong>J&ouml;rg Wellbrock<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Rezession in Europa ist beendet. So steht es zumindest in der WELT und auf der Internetseite der Tagesschau. Der Focus spricht in seinem Aktienteil (den ja mindestens 50 Millionen Deutsche t&auml;glich ganz aufgeregt verfolgen) gleich von einer Heldentat und titelt: &bdquo;Eurozone beendet Rezession&ldquo;. Jetzt hat die Eurozone die Sache also offenbar selbst in die Hand genommen. Und da die Deutschen davon ausgehen, dass die europ&auml;ische Politik zu einem Gro&szlig;teil durch &bdquo;Mutti&ldquo; Merkel gesteuert wird, kann das doch wohl nur bedeuten, dass die CDU\/FDP-Koalition f&uuml;r diesen Erfolg verantwortlich sein muss. Angela Merkel braucht keinen Wahlkampf zu machen, das erledigen die ihr wohlgesonnenen Medien ganz alleine. Die Berichterstattung &uuml;ber den R&uuml;ckgang der atypischen Arbeitsverh&auml;ltnisse zeigt das eindrucksvoll, denn der Tenor fast aller Zeitungen ist nahezu gleichlautend, beinahe wie vorformuliert. Allerdings fehlt dabei unter anderem der Blick auf die Lohnentwicklung bei den Vollzeitstellen. Der w&uuml;rde der Meldung den Spa&szlig; verderben.     <\/p><p><strong>Regul&auml;re Jobs versus atypische Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse<\/strong><\/p><p>Mit den sogenannten atypischen Arbeitsverh&auml;ltnissen sind befristete Jobs gemeint. Au&szlig;erdem die der geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigten, Zeitarbeitsangestellten und jene von Menschen, die 20 Stunden oder weniger pro Woche arbeiten. Die Zahl dieser Stellen hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Doch (unter anderem) SPIEGEL Online gab am 28. August 2013 Entwarnung. Atypische Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse seien laut Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2012 &bdquo;erstmals deutlich r&uuml;ckl&auml;ufig&ldquo; gewesen. Nun kann man dar&uuml;ber streiten, ob die Absenkung von 146.000 atypischen Jobs ausreicht, um sie als &bdquo;deutlich r&uuml;ckl&auml;ufig&ldquo; einzuordnen. Aber selbst wenn man das t&auml;te, bliebe doch die Frage, wie dieser Wert zustande kommt. Nat&uuml;rlich klingt es besser, von regul&auml;ren als von atypischen Jobs zu sprechen. Aber erstens blendet die Zahl einen wichtigen Faktor aus. Und zweitens bedeutet eine Vollzeitstelle noch lange nicht, dass man damit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. <\/p><p><strong>Lohndr&uuml;cker Werkvertrag<\/strong><\/p><p>Dass ausgerechnet Werkvertr&auml;ge, die nach gesetzlichen Regelungen bei der Zeitarbeit als Schlupfloch f&uuml;r unterirdische Bezahlung eingesetzt werden, nicht in der Statistik des Bundesamtes ber&uuml;cksichtigt werden, ist nicht nur nicht nachvollziehbar. Es zeichnet ein falsches Bild. Denn &uuml;ber diese Art des Arbeitsverh&auml;ltnisses wird Lohndumping auf einer anderen Ebene betrieben. Arbeitnehmer, die Werkvertr&auml;ge unterschreiben, gibt es fast &uuml;berall &ndash; auf Werften, im Supermarkt oder auf der Baustelle. Das Prinzip ist einfach und billig: Ein Unternehmen heuert entweder &uuml;ber eine externe andere Firma einen Arbeiter an oder l&auml;sst ihn gleich auf selbst&auml;ndiger Basis arbeiten. Mindestlohn oder Tarifzuschl&auml;ge? Fehlanzeige! Die Stundenl&ouml;hne bewegen sich im unteren Bereich. Somit sind in den meisten F&auml;llen Arbeitsverh&auml;ltnisse, die auf Werkvertr&auml;gen beruhen, atypische Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse. W&auml;ren diese bei der Erhebung eingeflochten worden, h&auml;tte das ein g&auml;nzlich anderes Bild ergeben. Interessant bei der medialen Berichterstattung ist der Umstand, dass die Kanzlerin erst k&uuml;rzlich k&uuml;nstliche Betroffenheit signalisiert und angek&uuml;ndigt hatte, etwas gegen diese Form der Ausbeutung zu unternehmen. Das Handelsblatt hatte dar&uuml;ber berichtet. Doch es ist offenbar einfacher, die gelieferten Zahlen des Bundesamtes f&uuml;r Statistik ungepr&uuml;ft zu &uuml;bernehmen und so weiter Sonnenscheinatmosph&auml;re verbreiten zu k&ouml;nnen. Insbesondere, wenn man damit die Kanzlerin indirekt bei ihrem Wahlkampf unterst&uuml;tzen kann. <\/p><p><strong>Sch&ouml;ne neue Niedriglohnwelt<\/strong><\/p><p>Wenn man davon ausgeht, dass die im &bdquo;Spiegel&ldquo; zur Schau gestellten Zahlen des Statistischen Bundesamtes gleichfalls jene Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse nicht mit einbeziehen, die zwar &uuml;ber 20 Arbeitsstunden pro Woche, jedoch unter dem Wert einer Vollzeitstelle liegen, ergibt sich abermals ein neues Bild. Wer also beispielsweise 25 oder 30 Stunden arbeitet, steckt offiziell nicht in einem atypischen Arbeitsverh&auml;ltnis. Faktisch aber in der Klemme, denn von solch einem Job kann niemand leben.<br>\nDoch auch die so begehrte Vollzeitstelle ist keineswegs ein Garant f&uuml;r gutes Auskommen. Untersuchungen des DGB &ndash; durchgef&uuml;hrt im September 2012 und bezogen auf das Jahr 2010 &ndash; ergaben, dass damals bereits 4,66 Millionen Besch&auml;ftigte in Vollzeitstellen unter der Last des Niedriglohns &auml;chzten. Somit z&auml;hlten &ndash; Auszubildende nicht mitgerechnet &ndash; 22,8 Prozent der mit Vollzeitstellen ausgestatteten Arbeitnehmer zu der Gruppe der Geringverdiener. Tendenz: steigend. <\/p><p><strong>Vier harte Wochen<\/strong><\/p><p>Es ist davon auszugehen, dass die n&auml;chsten Wochen bis zur Bundestagswahl sowohl von der Bundesregierung als auch durch die ihr nahestehenden Medien weiterhin f&uuml;r Gute-Laune-Stimmung genutzt werden. Das Prinzip der sich selbst erf&uuml;llenden Prophezeiung funktioniert dabei zwar nicht, denn auch wenn man noch so oft herunter betet, dass alles gut ist, wird das nicht zwangsl&auml;ufig der Fall sein. Wirkungslos bleibt diese aufdringliche Praxis aber dennoch nicht, denn inzwischen glauben viele Menschen daran, dass es uns gut geht, besonders mit Blick auf die europ&auml;ischen L&auml;nder, die unter den wirtschaftlichen Folgen des Neoliberalismus (noch) viel st&auml;rker leiden als wir.<br>\nNach der Wahl wird es dann weitergehen. Weiter auf dem Weg der Arbeitsmarktpolitik ohne Perspektive, weil immer weniger Menschen von ihren Jobs leben k&ouml;nnen. Weder mit noch ohne gesch&ouml;nte Zahlen durch das Statistischen Bundesamt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lauter gute Nachrichten gehen derzeit durch die Mainstream-Medien. Zuletzt <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/arbeitsmarkt-die-zahl-der-regulaeren-jobs-steigt-a-919028.html\">jubelte SPIEGEL Online dar&uuml;ber<\/a>, dass die Zahl der atypischen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse seit Jahren erstmals zur&uuml;ckgehe. Sind wir also endlich am Ende der Krise angekommen? Hat die Bundesregierung wom&ouml;glich doch einen guten Job gemacht? Wohl kaum, auch wenn es sich so anh&ouml;rt. Von <strong>J&ouml;rg Wellbrock<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,123,12],"tags":[1544,319,288],"class_list":["post-18467","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-manipulation-des-monats","tag-kampagnenjournalismus","tag-lohnentwicklung","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18467"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18467\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89361,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18467\/revisions\/89361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}