{"id":18476,"date":"2013-09-02T09:13:39","date_gmt":"2013-09-02T07:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18476"},"modified":"2015-08-12T17:04:40","modified_gmt":"2015-08-12T15:04:40","slug":"ein-duell-ohne-treffer-sprechblasen-platzten-aufeinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18476","title":{"rendered":"Ein Duell ohne Treffer \u2013 Sprechblasen platzten aufeinander"},"content":{"rendered":"<p>Das war es also das gro&szlig;e Duell, f&uuml;r das wie beim Tamtam vor einem Boxkampf auf allen Kan&auml;len die Stimmung aufgeheizt wurde. Schon die Vorank&uuml;ndigungen &auml;hnelten eher dem Rummel vor einem Sportereignis als der Berichterstattung &uuml;ber eine wichtiges politisches Ereignis. Da gab es eine &bdquo;Favoritin&ldquo; und einen &bdquo;Herausforderer&ldquo;, da ging jemand als &bdquo;Au&szlig;enseiter ins Spiel&ldquo; und da hatte jemand den Bonus des Titelverteidigers. Politik wird zur Schau getragen und zur Show gemacht &ndash; verk&ouml;rpert auch noch durch einen Spa&szlig;moderator als Fragesteller. Zeitlich begrenzt wie ein Fu&szlig;ballspiel auf 90 Minuten, ein M&uuml;nzwurf entscheidet wer &bdquo;Ansto&szlig;&ldquo; hat. Keine Aktion der Duellanten soll l&auml;nger als 90 Sekunden dauern d&uuml;rfen. Und anschlie&szlig;end sollen mittels der Umfrageinstitute die Zuschauer als Kampfrichter, die Punkte verteilen.<br>\nDaf&uuml;r konnten die Duellanten nichts, sie sind Opfer dieser Inszenierung. Aber statt eine politische Debatte zu liefern, haben auch Merkel und Steinbr&uuml;ck sich nur selbst inszeniert.<br>\nVon <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3609\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-18476-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130902_Duell_ohne-Treffer_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130902_Duell_ohne-Treffer_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130902_Duell_ohne-Treffer_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130902_Duell_ohne-Treffer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=18476-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130902_Duell_ohne-Treffer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"130902_Duell_ohne-Treffer_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Schon die Regeln dieser Show sind nicht auf Aufkl&auml;rung und auf Argument und Gegenargument angelegt, sondern auf Sympathie und &auml;u&szlig;eren Eindruck. Wer hat die besseren Finten, wer ist schneller, wer strahlt Ruhe aus, wer macht den Eindruck von besserem Sachverstand, wer wirkte &uuml;berzeugender? So oder so &auml;hnliche fragten die Umfrageinstitute auch bei den Fernsehzuschauern als Kampfrichter die Punkte ab.<br>\nBei der Blitzumfrage der ARD hatte Steinbr&uuml;ck mit 52 Punkten vor Merkel mit 36 die Nase vorn. Beim ZDF ging die Partie umgekehrt 40 zu 33 f&uuml;r Merkel aus, auch bei ProSieben siegte Merkel haushoch und bei RTL kam das Forsa-Insitut auf ein Unentschieden von 44 zu 43. Bei allen Diskussionen vorher und nachher ging es fast ausschlie&szlig;lich um Stimmungsmache, je nachdem, welche vorgefasste Meinung der einzelne Gespr&auml;chspartner schon hatte und je nachdem, f&uuml;r welchen der beiden Duellanten er werben wollte. <\/p><p>Mit einer ernsthaften Debatte um die politische Zukunft des Landes hatte das ganze Spiel nichts zu tun. Wer k&ouml;nnte auch einem, der noch nie ein Spiegelei gebraten hat, in 90 Sekunden erkl&auml;ren, wie das Ei so gelingen kann, dass es auch gut schmeckt. Aber  zur Erkl&auml;rung der Euro-Krisen-Politik, der Arbeitsmarktpolitik, der Rentenpolitik oder der Frage von Krieg und Frieden soll in eineinhalb Minuten eine &uuml;berzeugende Argumentation m&ouml;glich sein.<\/p><p>In Wahrheit, war das gar kein Duell mit Argument und Gegenargument, es war keine Debatte in der Sache, sondern bestenfalls ein Austausch von zuvor auf ihre Wirkung auf den Zuschauer getesteten und auf bestimmte W&auml;hlergruppen abgestimmten Sprechformeln &ndash; eine Choreografie der Wahlkampfstrategen und Spin-Doktoren.<\/p><p>Und da trat Merkel staatstragend mit schwarz-rot-goldener Kette an und Steinbr&uuml;ck mit taubenblauer und wei&szlig; gestreifter Krawatte, beide im Business-Blau. Merkel redete &ndash; wie gewohnt &ndash;  endlos lange und sagt wenig, Steinbr&uuml;ck musste als Herausforderer viel argumentieren und redete gewohnt schnell und mit hanseatischem Schm&auml;h.<\/p><p>Merkel sagt in ihrem Schlusswort einfach &bdquo;Sie kennen mich und Sie wissen, wie ich die Dinge anpacke&ldquo;, wir hatten &bdquo;vier gute Jahre&ldquo;, ich m&ouml;chte weiter machen und &bdquo;gemeinsam&ldquo; schaffen wir es und sie verabschiedet sich mit einem &bdquo;Guten Abend&ldquo;. Das waren ihre Kernbotschaften.<\/p><p>Steinbr&uuml;ck betete am Ende der Sendung einigerma&szlig;en gekonnt seine Wahlkampffloskeln vom politischen Stillstand unter Schwarz-Gelb, vom sozial Gerechten und &ouml;konomisch Vern&uuml;nftigen, von Balance und Gemeinwohlorientierung, vom Zusammenhalt und von &bdquo;mehr wir und weniger ich&ldquo; herunter. <\/p><p>Steinbr&uuml;ck versuchte, den Regierungsstil der Kanzlerin blo&szlig; zu stellen (&bdquo;Lassen Sie sich nicht einlullen&ldquo;) und Merkels politische Ank&uuml;ndigungen als &bdquo;leere Schachteln&ldquo; zu enth&uuml;llen. (&bdquo;Das sind alles sch&ouml;ne Schachteln, die Frau Merkel ins Schaufenster gestellt hat.&ldquo;) <\/p><p>Steinbr&uuml;ck hatte viele und auch gute Argumente bei seiner Kritik am Zustand der Republik, aber welcher Zuschauer kann seine Einw&auml;nde auf die Schnelle nachvollziehen. Wer versteht schon was es bedeutet, dass das &bdquo;Arbeitsvolumen&ldquo; nicht zugenommen hat (und damit die Arbeit logischerweise nur auf mehr K&ouml;pfe umverteilt wurde), wenn Merkel sich br&uuml;stet, dass es noch nie so viele Besch&auml;ftigte gegeben hat, wie unter ihrer Regierung. Die Kanzlerin kontert Steinbr&uuml;ck, indem sie Schr&ouml;der lobt. (&bdquo;Gerhard Schr&ouml;der hat sich um Deutschland verdient gemacht.&ldquo;)<\/p><p>Merkel scheut bei ihrer Erfolgsbilanz nicht einmal vor glatten Unwahrheiten zur&uuml;ck, so wenn sie behauptet, dass jedem jungen Menschen ein Ausbildungsplatz in Aussicht stehen w&uuml;rde.<br>\nDa die vier fragenden Journalisten nicht willens oder unf&auml;hig waren, die angeblichen Erfolge zu hinterfragen, konnte sich Merkel locker &uuml;ber die Zeit retten. <\/p><p>Steinbr&uuml;ck argumentiert in der Sache und Merkel wirbt um pers&ouml;nliches Vertrauen. Und wenn der Herausforderer wunde Punkte ihrer Politik aufdeckte, dann verwies Merkel entweder auf die Schuld der Vorg&auml;ngerregierungen oder darauf, dass die SPD ja immer mitgestimmt habe, und wenn sie sich gar nicht mehr anders wehren konnte, wich sie aus, dass sie Schritt f&uuml;r Schritt schon einen Ausweg finden werde. Z.B.:  &bdquo;Wir arbeiten an einem Rentenkonzept in den kommenden vier Jahren&ldquo;. <\/p><p>Merkel versuchte offensichtliche Skandale, wie etwa das Kassenpatienten Hilfsmittel massenhaft verweigert werden, als Einzelf&auml;lle darzustellen. Jeder der sich ungerecht behandelt f&uuml;hle, k&ouml;nne sich bei den zust&auml;ndigen Stellen melden. Merkel posierte in der Rolle der sich k&uuml;mmernden Mutti. Jede Sorge um die weitere k&uuml;nftige Entwicklung blockt sie damit ab, dass sie die Dinge erst diskutieren werde, wenn sie anstehen. Und wenn gar nichts mehr half, um &uuml;ber die Probleme hinwegzureden, fl&uuml;chtete sie sich in Allgemeinpl&auml;tze: &bdquo;Jeder Mensch muss in W&uuml;rde altern k&ouml;nnen&ldquo; oder &bdquo;Jeder Mensch bekommt die Gesundheitsvorsorge, die er braucht&ldquo; oder &bdquo;Jeder Aufstocker ist einer zuviel&ldquo;.<\/p><p>Wie schon ihr Kanzleramtsminister Pofalla redete auch die Kanzlerin selbst um den Datenskandal herum. Sie wiederholt die irref&uuml;hrende Behauptung dass die NSA &bdquo;auf deutschem Boden&ldquo; nicht &bdquo;fl&auml;chendeckend Deutsche&ldquo; ausspioniere und umgeht damit das Kernthema, dass es f&uuml;r die Verletzung des Grundrechts der Informationsfreiheit ziemlich egal ist, von welchem &bdquo;Boden&ldquo; aus dies geschieht.  <\/p><p>In typisch konservativer Manier versuchte Merkel bei den Zuschauern &Auml;ngste vor einem Verlust ihrer Arbeitspl&auml;tze zu wecken.  So bei der Frage nach  Steuererh&ouml;hungen: &bdquo;Wenn wir die, die Arbeitspl&auml;tze schaffen, belasten, dann g&auml;be es weniger Arbeitspl&auml;tze.&ldquo; Gegen den Mindestlohn: Wir d&uuml;rften Arbeitspl&auml;tze nicht in Gefahr bringen. Oder: Wenn Arbeitspl&auml;tze in Gefahr gerieten, dann h&auml;tten wir weniger Staatseinnahmen und k&ouml;nnten weniger Schulden zur&uuml;ckbezahlen.<\/p><p>Merkel wehrte die von Steinbr&uuml;ck vorgetragenen Negativbilanzen als Schwarzmalerei ab.<br>\nSie spielte ganz systematisch auf den bekannten psychologischen Mechanismus an, dass die Menschen ihre eigene Situation gerne sch&ouml;ner ausmalen, als sie tats&auml;chlich sein mag.<br>\nMerkel gab vermeintlich klare Antworten, indem sie sich aber immer ein Hintert&uuml;rchen offen hielt, aus dem sie im Zweifel entwischen kann. Als sie Steinbr&uuml;ck bei Seehofers unbedingter Forderung nach einer PKW-Maut  in Schwierigkeiten bringt, sagt sie scheinbar klipp und klar: &bdquo;Mit mir wird es keine PKW-Maut im Inland geben&ldquo;. Das l&auml;sst jedoch v&ouml;llig offen, ob es nicht doch eine solche Maut f&uuml;r Inl&auml;nder und Ausl&auml;nder zugleich geben kann und wird. Noch deutlicher wurde diese Hintert&uuml;rchen-Taktik bei einer viel grunds&auml;tzlicheren Frage, n&auml;mlich bei der Frage nach einer Beteiligung Deutschlands an einem Milit&auml;reinsatz in Syrien. Da sagte Merkel zun&auml;chst eindeutig: Nein, unter ihrer Regierung wird sich Deutschland an einem Milit&auml;reinsatz &bdquo;nicht beteiligen&ldquo;. Ein paar S&auml;tze sp&auml;ter spricht sie allerdings von der Notwendigkeit einer &bdquo;kollektiven Antwort&ldquo; und f&uuml;gte sie hinzu, wenn ein Nato-Mandat (also nicht ausschlie&szlig;lich ein UN-Mandat) oder ein &bdquo;europ&auml;isches Mandat&ldquo; (was das auch immer bedeutet) vorliege, dann d&uuml;rfe keine &bdquo;Spaltung&ldquo; entstehen. Das kann doch nur hei&szlig;en, wenn der Nato-Partner T&uuml;rkei ruft oder wenn die Franzosen und die Engl&auml;nder doch marschieren w&uuml;rden, dann s&auml;he die &bdquo;Sache&ldquo; doch wieder anders aus. <\/p><p>Dass Steinbr&uuml;ck mit seiner erneuten Absage an Rot-Rot-Gr&uuml;n die SPD nicht aus der Defensive bringen kann, machte Merkel in sch&ouml;ner &bdquo;Rote-Socken&ldquo;-Kampagne-Manier deutlich, indem sie &ndash; sich schon ganz als Wahlsiegerin darstellend &ndash; ihrem Herausforderer vorhielt, dass er selbst nach seiner Wahlniederlage gar nicht mehr &uuml;ber eine solche Koalition entscheiden werde. <\/p><p>Steinbr&uuml;ck hat f&uuml;r seine Kritik an den bestehenden Verh&auml;ltnissen (soziale Ungerechtigkeit, prek&auml;re Arbeit, Chaos bei der Energiewende, PKW-Maut, Chancengleichheit, Euro-Kurs) viele Fakten und gute Argumente aufgetischt und er ging sogar weiter voran, als man das bisher von ihm geh&ouml;rt hatte. Etwa indem er klarstellte, dass wir in Europa eine Bankenkrise und keine Schuldenkrise h&auml;tten, das man Banken auch auf Kosten der &bdquo;Gl&auml;ubiger&ldquo; und nicht nur der Steuerzahler abwickeln m&uuml;sse, dass man Steuerhinterzieher h&auml;rter bek&auml;mpfen m&uuml;sse, dass man die Agenda 2010 auch korrigieren m&uuml;sse, dass der &bdquo;Pflege-Bahr&ldquo; nichts bringe, dass die derzeitige Krankversicherung &bdquo;vor die Wand&ldquo; fahre, dass beim NSA-Skandal durch das Verhalten der Bundesregierung &bdquo;Schaden entstanden&ldquo; sei, dass f&uuml;r ihn ohne &bdquo;v&ouml;lkerrechtliches Mandat&ldquo; keine Milit&auml;reinsetze denkbar sind usw.<\/p><p>Er hat sicher ein besseres Bild abgegeben, als ihm von den Medien in den letzten Monaten zugeschrieben wurde, doch prallte er damit immer wieder an den medial schon tausendfach transportierten Besch&ouml;nigungen und Vertr&ouml;stungen der Teflon-Kanzlerin ab. Merkel konnte etwa in der Europapolitik ihre Formeln von der Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit, von der Aufrechterhaltung des Reformdrucks oder von Leistung und Gegenleistung so offensiv vortragen, weil Steinbr&uuml;ck nicht nur an dieser Stelle keine wirklich alternative Perspektive dagegen stellen konnte. Eine solche Alternative plausibel zu machen,  ist zugegebenerma&szlig;en drei Wochen vor der Wahl schwer, wenn die SPD als Partei und vor allem die SPD-Bundestagsfraktion &uuml;ber die vergangene Legislaturperiode nichts daf&uuml;r getan haben, die Kanzlerin mit einer alternativen Konzeption in der Wirtschafts-, Europa-, Fiskal oder Arbeitsmarktpolitik offensiv zu stellen. <\/p><p>90 Minuten Duell &ndash; zumal unter Show-Bedingungen &ndash;  reichen zur Erzeugung einer Wechselstimmung eben nicht aus. Da konnte Steinbr&uuml;ck noch so sehr gegen die Gummiwand Merkel anrennen. Der Vorwurf des &bdquo;Stillstands&ldquo; macht den Fortschritt, den Steinbr&uuml;ck gegen&uuml;ber Merkel anstreben will, noch nicht glaubw&uuml;rdig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war es also das gro&szlig;e Duell, f&uuml;r das wie beim Tamtam vor einem Boxkampf auf allen Kan&auml;len die Stimmung aufgeheizt wurde. Schon die Vorank&uuml;ndigungen &auml;hnelten eher dem Rummel vor einem Sportereignis als der Berichterstattung &uuml;ber eine wichtiges politisches Ereignis. 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