{"id":18483,"date":"2013-09-03T09:18:57","date_gmt":"2013-09-03T07:18:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18483"},"modified":"2015-08-17T17:11:57","modified_gmt":"2015-08-17T15:11:57","slug":"bewahrungsproben-fur-die-unterschicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18483","title":{"rendered":"Bew\u00e4hrungsproben f\u00fcr die Unterschicht"},"content":{"rendered":"<p>Bei den Arbeitsmarktreformen ist ja angeblich der Kerngedanke das &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo;. Das der Hartz-Gesetzgebung zugrunde liegende Leitbild ist, dass Arbeitslosigkeit vor allem der mangelnden Erwerbsorientierung und einer Passivmentalit&auml;t der Betroffenen geschuldet sei. &Uuml;ber den Druck der K&uuml;rzung und der zeitlichen Begrenzung der Leistungsbez&uuml;ge und durch Sanktionen soll ein Mentalit&auml;tswechsel bei den Arbeitslosen herbeigef&uuml;hrt werden. In einer Arbeitsstudie einer Forschungsgruppe um den Jenaer Soziologen Klaus D&ouml;rre mit dem Titel &bdquo;Bew&auml;hrungsproben f&uuml;r die Unterschicht?&ldquo; wird der Blickwinkel gewechselt:<br>\nDas neue &bdquo;aktivierende Arbeitsmarktsystem&ldquo; wird zun&auml;chst aus der Sicht der Arbeitsverwaltungen und der arbeitsmarktpolitischen Akteure betrachtet. Im zweiten Teil werden die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Bewertungen der Betroffenen selbst zum Gegenstand einer sozialwissenschaftlichen Analyse gemacht. Die Kernfrage ist dabei: &bdquo;Trifft das Bild von einer Lazarusschicht, die es sich in der H&auml;ngematte des Wohlfahrtsstaates auf Kosten anderer bequem macht, tats&auml;chlich zu?&ldquo; Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gef&ouml;rderten Forschungsprojekt hat eine Gruppe von Soziologen an der Friedrich-Schiller-Universit&auml;t Jena &uuml;ber sieben Jahre hinweg in mehreren Wellen Experten die neue aktivierender Arbeitsmarktpolitik einerseits und Leistungsbezieher der Grundsicherung andererseits in vier sozial und wirtschaftlich unterschiedlich strukturierten Regionen Deutschlands unter Anwendung qualitativ explorativer sozialwissenschaftlicher Methoden befragt. Ziel war einmal, sozusagen eine &bdquo;Inspektion&ldquo; der Arbeitsverwaltungen. Und es ging zum anderen darum, den Betroffenen, den &bdquo;eigensinnigen&ldquo; (&uuml;ber eigene Gerechtigkeitsvorstellungen Unterlaufstrategien verf&uuml;genden (S.212)) &bdquo;Kunden&ldquo; der Arbeitsverwaltungen eine &bdquo;Stimme&ldquo; zu geben. (S. 30) Es wurde dar&uuml;ber hinaus auch nach den &bdquo;eigentlichen sozialen Kosten der Reform&ldquo; gefragt.<\/p><p><strong>Der &Uuml;bergang von einem statuserhaltenden zu einem lediglich existenzsichernden Wohlfahrtsstaat<\/strong><\/p><p>Die Senkung der fr&uuml;heren Arbeitslosenhilfe auf das Niveau der fr&uuml;heren Sozialhilfe und die Begrenzung der Bezugsdauer des stattdessen eingef&uuml;hrten Arbeitslosengeldes I auf 12 bzw. 18 Monate (f&uuml;r &uuml;ber 55-J&auml;hrige) und die sich daran anschlie&szlig;enden Befugnisse der Arbeitsverwaltungen bis hin zu Eingriffen in die Wohn- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse und zur Kontrolle des Privatlebens der Leistungsbezieher, h&auml;tten gravierende Folgen f&uuml;r die subjektive Verarbeitung und zugleich f&uuml;r die gesellschaftliche Akzeptanz der Hartz-Reformen gehabt. Zusammen mit der Senkung der Zumutbarkeitsregeln f&uuml;r eine Aufnahme von Arbeit, mit den damit verbundenen Sanktionen und mit einer Vielzahl anderer Instrumente des &bdquo;F&ouml;rderns und Forderns&ldquo; habe die Gesamtheit der &bdquo;Reformen&ldquo; tats&auml;chlich ein &bdquo;sytemsver&auml;nderndes&ldquo; Potential gehabt, n&auml;mlich den &Uuml;bergang von einem statuserhaltenden zu einem lediglich existenzsichernden Wohlfahrtsstaat (S.29).<\/p><p>Die Hartz-Gesetzgebung hatte nicht etwa das Besch&auml;ftigungspotential auf dem Arbeitsmarkt im Blick. Sowohl die rot-gr&uuml;ne als auch die Gro&szlig;e Koalition haben, statt auf eine aktive Wirtschafts- und Besch&auml;ftigungspolitik zu setzen, einen Gro&szlig;teil ihrer politischen Energie daf&uuml;r eingesetzt, das eher <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Publikationen\/WirtschaftStatistik\/Arbeitsmarkt\/StatistischeMessung122011.pdf?__blob=publicationFile\">r&uuml;ckl&auml;ufige Arbeitsvolumen [PDF &ndash; 238 KB]<\/a> auf mehr K&ouml;pfe zu verteilen bzw. das Arbeitskr&auml;fteangebot zu &bdquo;verfl&uuml;ssigen&ldquo;. (S.346) Mit dem Ergebnis, dass zwar die Erwerbsquote zugenommen, ja sogar Rekordwerte erreicht hat, dass jedoch zus&auml;tzliche Besch&auml;ftigung jenseits der &ouml;konomischen Zyklen vor allem durch flexible und h&auml;ufig prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse entstanden ist. Um einen noch immer vorhandenen Sockel von Festanstellungen herum gruppierten sich zunehmend flexible und h&auml;ufig prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse. Mehr als jedes f&uuml;nfte Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis ist heute dem Niedriglohnbereich zuzurechnen und knapp die H&auml;lfte aller <a href=\"http:\/\/www.iab.de\/de\/informationsservice\/presse\/presseinformationen\/befristung_2012.aspx\">Neueinstellungen erfolgt befristet<\/a>. <\/p><p><strong>Von der Vollbesch&auml;ftigungs- zur prek&auml;ren Vollerwerbsgesellschaft<\/strong><\/p><p>Das neue Arbeitsmarktregime habe &ndash; so die Forscher &ndash;  die Erwerbslosigkeit &bdquo;als Wettkampf inszeniert&ldquo;. (S. 32) Es habe die Langzeitarbeitslosigkeit ein St&uuml;ck weit reduziert, in dem es atypische und prek&auml;re Besch&auml;ftigung f&ouml;rderte. (S.33, 82) Nunmehr zeichne sich ein &Uuml;bergang von einer erodierende &bdquo;fordistischen Vollbesch&auml;ftigungs- zu einer prek&auml;ren Vollerwerbsgesellschaft&ldquo; ab. (S. 33, 57)<\/p><p>Die Erfolgsmeldungen &uuml;ber die Senkung der registrierten Arbeitslosigkeit wirkten n&auml;mlich weniger glanzvoll, wenn man genauer hinschaue: Zu einem guten Teil seien die &bdquo;Erfolge&ldquo; schlicht das Ergebnis statistischer Bereinigungen. Als arbeitslos w&uuml;rden nur solche Personen registriert, die dem Arbeitsmarkt uneingeschr&auml;nkt zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden. Ma&szlig;nahmeabsolventen, Ein-Euro-Jobber und tempor&auml;r erwerbsunf&auml;hige Personen tauchten in der Statistik schlicht nicht mehr auf. <\/p><p>Solche Gruppen w&uuml;rden nur noch bei der offiziell registrierten &bdquo;Unterbesch&auml;ftigung&ldquo; mitgez&auml;hlt. Die Zahl der &bdquo;Unterbesch&auml;ftigten&ldquo; sei jedoch bis ins Jahr 2010 &ndash; also 7 Jahre nach den Hartz-Gesetzen &ndash; nur wenig gesunken. Rechne man die &bdquo;stille Reserve&ldquo; arbeitswilliger, aber nicht anspruchsberechtigter Personen hinzu, so m&uuml;sse man noch 2010 &bdquo;eher von f&uuml;nf als von drei Millionen Arbeitslosen&ldquo; reden. (S. 83) Die Ann&auml;herung an die &bdquo;Rekorderwerbst&auml;tigkeit&ldquo; beruhe in erster Linie auf der Expansion unsicherer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen. Binnen 10 Jahren sei die Zahl der atypischen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse um 46,2 Prozent, die geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigung um 71,5 Prozent, die der Soloselbst&auml;ndigen um 27,8 Prozent gestiegen und die Normalarbeitsverh&auml;ltnisse h&auml;tten schon vor 2009 um drei Prozent abgenommen.<br>\nAn der Bereitschaft von Arbeitslosen oder von Arbeitslosigkeit Bedrohten solche nicht-standardisierte oder sozial gef&ouml;rderten T&auml;tigkeiten auszu&uuml;ben, habe die neue Arbeitsmarktpolitik einen erheblichen Anteil.<\/p><p>Zusammen mi der nachlassenden Tarifbindung ist der expandierende Sektor mit prek&auml;rer Arbeit eines der &bdquo;Bleigewichte&ldquo;, die das Lohnniveau insgesamt nach unten gezogen haben. (Lehndorff, zitiert S. 351)   <\/p><ol type=\"i\">\n<li><strong>&bdquo;Inspektion&ldquo; des neuen Arbeitsmarktregimes<\/strong>\n<p>Auf der Seite der Arbeitsverwaltungen habe sich ein &bdquo;professioneller Habitus&ldquo; (S. 116) ausgebildet, der die Handlungsanforderungen der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik inkorporiere und der die Akteure von pers&ouml;nlichen Konflikten mit ihrer T&auml;tigkeit entlaste. Je schwieriger die &bdquo;Kundengruppen&ldquo; w&uuml;rden, desto eher neigten die Handelnden in den Arbeitsverwaltungen zu individualisierenden Verantwortungszuschreibungen: es komme zu einer vermeintlich &bdquo;gerechten&ldquo; Abwertung der Leistungsbezieher (S. 57). &bdquo;Gerecht ist, was Arbeit schafft&ldquo; sei der Grundgedanke. Gerecht sei deshalb, von den Leistungsbeziehern maximale Eigenaktivit&auml;t zu fordern. Aus einem sozialen Recht Erwerbsloser sei so Erwerbslosigkeit zu einem &bdquo;Wettkampfsystem&ldquo; geworden. Man k&ouml;nne geradezu von einer &bdquo;Neuerfindung des Sozialen&ldquo; sprechen, die die Pflicht der Einzelnen gegen&uuml;ber der Gesellschaft in den Vordergrund stelle. Und diese Gerechtigkeitsvorstellungen bildeten den Ma&szlig;stab f&uuml;r die &bdquo;Legitimit&auml;t von Bew&auml;hrungsproben, denen sich Leistungsbezieher unterziehen m&uuml;ssen&ldquo;. (S. 60)<\/p>\n<p>Die &bdquo;aktivierende Arbeitsmarktpolitik&ldquo; r&uuml;cke das individuelle Verhalten der Arbeitslosigkeit in den Mittelpunkt ihrer Interventionen. Bei der Frage, wie  und mit welcher H&auml;rte sich die Betroffenen den &bdquo;Bew&auml;hrungsproben&ldquo; unterziehen m&uuml;ssten, gebe es deutliche regionale Unterschiede. Unterhalb der nationalen Entscheidungsebene lie&szlig;en sich drei &bdquo;Arenen&ldquo; des Arbeitsmarktregimes unterscheiden, n&auml;mlich <\/p>\n<ul>\n<li>erstens das jeweils unterschiedliche arbeitsmarktpolitische Umfeld,<\/li>\n<li>zweitens die regionalen Arbeitsverwaltungen mit teilweise unterschiedlichen Leitlinien f&uuml;r den &bdquo;Hausgebrauch&ldquo; und<\/li>\n<li>drittens schlie&szlig;lich die &bdquo;Arena&ldquo; der Arbeitsvermittler und Fallmanager.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Regionen&uuml;bergreifend besage jedoch der &ouml;konomische Leitgedanke des neuen Arbeitsmarktregimes, &bdquo;dass eine intensivere Konkurrenz zwischen Besch&auml;ftigten und Arbeitslosen, aber auch unter den Arbeitslosen selbst, den Reservationslohn, also das Einkommen von Erwerbslosen, senkt und so den Anreiz zur Arbeitsaufnahme erh&ouml;ht. Dem liegt die Vorstellung zur Grund, marktgerechtes Verhalten der Erwerbslosen k&ouml;nne Besch&auml;ftigung erzeugen.&ldquo; (S.110) Dementsprechend seien alle Ma&szlig;nahmen und Anreize legitim, die Erwerbslose zur aktiven Verbesserung ihrer Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit motivieren. &bdquo;Ohne jede Garantie, einen einmal erreichten sozialen Status dauerhaft absichern zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sich die Erwerbslosen durch Eigenaktivit&auml;ten f&uuml;r F&ouml;rderma&szlig;nahmen und &bdquo;Kundengruppen&ldquo; qualifizieren, vor allem aber den Bezug von Transferleistungen rechtfertigen.&ldquo; (ebd.) <\/p>\n<p><strong>&bdquo;Bew&auml;hrungsproben&ldquo; auch f&uuml;r die Arbeitsverwaltungen<\/strong><\/p>\n<p>Arbeitslosigkeit werde aber nicht nur f&uuml;r die Leistungsbezieher selbst, sondern auch f&uuml;r die zust&auml;ndigen Sachbearbeiter der Arbeitsverwaltungen (z.B. &uuml;ber Zielvereinbarungen mit Vermittlungsquoten) zur permanenten &bdquo;Bew&auml;hrungsprobe&ldquo;.<\/p>\n<p>Aber nicht nur in der &bdquo;Arena&ldquo; der Arbeitsvermittler und Fallmanager gebe es einen regelrechten &bdquo;Wettkampf&ldquo;. Auch auf der dar&uuml;ber liegenden Ebene des arbeitsmarktpolitischen Umfeldes seien zwar der Gestaltbarkeit vergleichsweise enge Grenzen gesetzt, dennoch h&auml;tte das neue Arbeitsmarktregime den korporativen Konsens der fr&uuml;heren aktiven Arbeitsmarktpolitik gesprengt, so sei z.B. die gewerkschaftlich-arbeitsorientierte Stimme im Konzert regionaler Akteure strukturell geschw&auml;cht worden. (S. 111) Die Kraftproben setzten sich auch auf der mittleren &bdquo;Arena&ldquo;, der regionalen Arbeitsverwaltungen fort, indem die ARGEn nach Zielvorgaben und mittels strikter Budgetierungen gef&uuml;hrt w&uuml;rden. (ebd.)<\/p>\n<p>Die eigentliche Kraftprobe finde jedoch zwischen Sachbearbeitern und &bdquo;Kunden&ldquo; statt. So f&uuml;hlten sich z.B. Fallbearbeiter geradezu pers&ouml;nlich angegriffen, wenn Vereinbarungen seitens des &bdquo;Kunden&ldquo; nicht eingehalten w&uuml;rden. Es k&auml;me zu einem &bdquo;asymmetrischen Kr&auml;ftemessen&ldquo; zwischen Fallbearbeitern und Erwerbslosen. Der &bdquo;gute Wille&ldquo; der &bdquo;Kunden&ldquo; werde zum Selektionskriterium nicht nur f&uuml;r die Transferzahlungen, sondern auch f&uuml;r die Intensit&auml;t der Vermittlungsbem&uuml;hungen. Je schwieriger die &bdquo;Kundengruppen&ldquo; w&uuml;rden, desto legitimer erschienen den Sachbearbeitern (moralische) Kritiken, die am Verhalten der &bdquo;Kunden&ldquo; ansetzten. <\/p>\n<p>Die (pers&ouml;nlichen) Gerechtigkeitsma&szlig;st&auml;be, die dabei angelegt w&uuml;rden seien, einmal das &bdquo;Autonomieprinzip&ldquo;, will sagen, die Erwerblosen verstie&szlig;en gegen ihre Chancen auf eine  eigenst&auml;ndige Lebensf&uuml;hrung zugunsten einer dauerhaften Abh&auml;ngigkeit von Sozialtransfers. Zum Zweiten verletzten Arbeitslose das Gebot der Leistungsgerechtigkeit, weil sie nicht bereit seien, im Gegenzug f&uuml;r die F&ouml;rderma&szlig;nahmen angemessene Eigeninitiativen zu entwickeln. Drittens w&uuml;rden sie die Gleichheitsnorm mit F&uuml;&szlig;en treten, weil sie den Leistungswilligen Kosten aufb&uuml;rdeten. Kurz: Gemessen an diesen Gerechtigkeitsma&szlig;st&auml;ben verhielten sich die Betroffenen gegen&uuml;ber der Gesellschaft amoralisch (&bdquo;antiemanzipatorisch&ldquo; (S. 359)) und die Durchsetzung strenger Zumutbarkeitsregeln durch die Handelnden der Arbeitsverwaltung erschienen so &bdquo;als legitimiert, ja geradezu (als) emanzipatorischer Akt im Namen der Gerechtigkeit. Die Kritik am Arbeitsmarktregime selbst oder an einzelnen Praktiken verschiebe sich so in die Richtung einer Kritik an den &bdquo;Kunden&ldquo; mit &bdquo;Vermittlungshemmnissen&ldquo;. (S. 359)<\/p>\n<p><strong>Disziplinierung mittels sozialer Abwertung<\/strong><\/p>\n<p>&bdquo;Wohlverhalten ihrer &bdquo;Kunden&ldquo; (werde) zum Wettkampfkriterium.&ldquo; Auf Seiten der Erwerbslosen entstehe &bdquo;Anpassungsdruck&ldquo;: Anpassung an das Regime, Passgenauigkeit f&uuml;r Ma&szlig;nahmen, Leidensf&auml;higkeit, mitunter devotes Verhalten gegen&uuml;ber den Sachbearbeitern. (S. 118) Je gr&ouml;&szlig;er die Vermittlungshemmnisse seien, desto mehr w&uuml;rden sich die &bdquo;Kunden&ldquo; in den Augen der Sachbearbeiter dem medial gest&uuml;tzten Bild einer &bdquo;verwahrlosten Unterschicht&ldquo; ann&auml;hern. (S. 117) Leistungsbezieher, die nach sozialer Herkunft, Erwerbsbiografie, Lebensalter, Familienformen oder sozialen Netzwerken erheblich differierten, w&uuml;rden ohne Unterschied &bdquo;symbolisch in die N&auml;he der schw&auml;chsten &acute;Kundengruppe`&ldquo; ger&uuml;ckt. &bdquo;Disziplinierung mittels Abwertung lautet die Bezeichnung f&uuml;r diese Rezeptur.&ldquo; (S. 119)<\/p>\n<p>Die damit verbundene kollektive Stigmatisierung liefere so gleichzeitig auch den (noch) gesicherteren Gruppen (der &bdquo;sozialen Mitte&ldquo;) Anschauungsunterricht f&uuml;r das, was geschehen k&ouml;nnte, wenn sie in den Bew&auml;hrungsproben des Erwerbssystems scheiterten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Sichtweisen der vom Arbeitsmarktregime Betroffenen <\/strong>\n<p>Im zweiten Teil der Studie geht es um die &bdquo;Kunden&ldquo;, also um die Leistungsbezieher\/innen von Alg II und deren Sichtweisen. Der zentrale Befund ist, dass die Fallmanager in der Praxis &bdquo;auf eigensinnige, relativ verfestigte Erwerbsorientierungen ihrer &bdquo;Kunden&ldquo; treffen&ldquo;. (S. 123) <\/p>\n<p>Diese subjektiven Erwerbsorientierungen werden in der Studie empirisch rekonstruiert und typisiert.<\/p>\n<p>Es wurden drei Haupttypen und sechs Subtypen von Erwerbsorientierung herausgefunden (die sich &uuml;berschneiden bzw. untereinander auch austauschen k&ouml;nnen): <\/p>\n<ol>\n<li>Die &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiter\/innen&ldquo;, mit der Unterscheidung zwischen Aussichtsreichen und den Alternativlosen.<\/li>\n<li>Die &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo; mit den Subtypen: Schein-Regul&auml;re und B&uuml;rgerschaftlich-Engagierten.<\/li>\n<li>Die &bdquo;Nicht-Arbeiter\/innen&ldquo;, darunter wiederum die Ziellosen und die Resigniert-Eingerichteten<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Die &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiter\/innen&ldquo;<\/strong><\/p>\n<p>Die &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiter\/innen&ldquo;, die etwas mehr als ein Drittel (rd. 30) der in der Studie Interviewten umfassen, untern&auml;hmen buchst&auml;blich alles, um eine wenigstens halbwegs attraktive Berufst&auml;tigkeit zu finden, h&auml;ufig auch als &bdquo;Aufstocker&ldquo; oder &bdquo;Soloselbst&auml;ndige&ldquo;. F&uuml;r diese Gruppe gelte es unter allen Umst&auml;nden zu vermeiden auf das Niveau von Sozialhilfeempf&auml;ngern abzusinken. (&bdquo;Bevor ich Hartz beziehe, bring ich mich um&ldquo;.)<br>\nObwohl gegen&uuml;ber der Arbeitsverwaltung durchaus &bdquo;sperrig&ldquo;, seien dies die idealen &bdquo;Kunden&ldquo; der Arbeitsverwaltung. Diejenigen, die ihre Chancen als aussichtsreich betrachteten, verhielten sich wie &bdquo;Unternehmer ihrer eigenen Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit&ldquo;. (157)<br>\nBei den &bdquo;Alternativlosen&ldquo; dieser Gruppe w&uuml;rden &ndash; situationsbedingt &ndash; eher unterst&uuml;tzende Anspr&uuml;che angemeldet. Selbst wenn im Einzelfall das Familieneinkommen geringer sei als zu Zeiten der Erwerbslosigkeit, hindere das die Betreffenden nicht einen solchen Job anzunehmen. (S. 353)<\/p>\n<p>Das Verhalten dieser Gruppe sei allerdings v&ouml;llig unabh&auml;ngig von den Arbeitsmarkt&ldquo;reformen&ldquo;. <\/p>\n<p><strong>Die &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo;<\/strong><\/p>\n<p>40 Prozent das Samples machen die &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo; aus (&bdquo;In meinem Haus, wei&szlig; keiner, das ich Hartz VI bin&ldquo;) (S. 159ff.). Es seien &uuml;berwiegend Frauen. Sie geh&ouml;rten zu den durchschnittlich &Auml;lteren (46 Jahr) und sie seien meist als &bdquo;Langzeiterwerbslose&ldquo; und allenfalls im &bdquo;zweiten Arbeitsmarkt&ldquo; (Ein-Euro-Jobs, ABM) aktiv, prek&auml;r besch&auml;ftigt, erwerbslos oder im Ehrenamt. <\/p>\n<p>Sie beurteilten ihre Arbeitsmarktchancen pessimistisch, obwohl die H&auml;lfte unter dieser Gruppe eine Berufsausbildung und ein weiteres Viertel einen Hochschulabschluss hat. Ihre T&auml;tigkeiten &uuml;bten sie aus, als ob sie regul&auml;r besch&auml;ftigt w&auml;ren. Die Autoren unterscheiden zwischen Schein-Regul&auml;ren und B&uuml;rgerschaftlich-Engagierten. Man arbeite so, als handle es sich um das, was fehlt und man halte die Fassade beruflicher Normalit&auml;t so lang wie m&ouml;glich aufrecht.<\/p>\n<p>Die Erfahrung unsicherer Arbeitsverh&auml;ltnisse vor Augen scheue man r&auml;umliche und soziale Mobilit&auml;t, es drohe sonst noch verloren zu gehen, was das Leben &uuml;berhaupt noch einigerma&szlig;en lebenswert mache. Die &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo; w&uuml;rden liebend gerne arbeiten, betrachten sich selbst aber als chancenlos. Die andauernde Erfolglosigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt werde (mit Frust und Entt&auml;uschungen) umgedeutet in sozial gef&ouml;rderte oder ehrenamtliche T&auml;tigkeiten. Die Erfahrungen mit der Arbeitsverwaltung beschreibe diese Gruppe meist als frustrierend. <\/p>\n<p>Auch bei dieser Gruppe falle es schwer, an die Aktivierungserfolge der Arbeitsmarkt&ldquo;reformen&ldquo; zu glauben.<\/p>\n<p><strong>Die &bdquo;Nichtarbeiter\/innen&ldquo;<\/strong><\/p>\n<p>Ein Viertel der in der Studie Befragten (mehrheitlich Frauen) werden dem Typus der &bdquo;Nichtarbeiter\/innen&ldquo; zugeordnet. Sie h&auml;tten im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen ein eher niedriges Bildungs- und Qualifikationsniveau, oft zerr&uuml;ttete Familienstrukturen und sie h&auml;tten meist keine oder nur lange zur&uuml;ckliegende praktischen Erfahrungen in einem erlernten Beruf. Es handele sich um einen sehr heterogenen Personenkreis, von alleinerziehenden M&uuml;ttern, &uuml;ber ostdeutsche Langzeiterwerbslose oder Menschen mit erheblichen gesundheitlichen Beeintr&auml;chtigungen. Viele h&auml;tten ihr individuelles Handeln bewusst auf ein Leben jenseits der offiziellen Arbeitswelt ausgerichtet. Bei J&uuml;ngeren w&uuml;rden oft subkulturelle Szenen (Punks, rechte Szene) zum eigentlichen Lebenszentrum.<\/p>\n<p>Sie bem&uuml;hten sich (teilweise auch nur vor&uuml;bergehend) nicht (mehr) um regul&auml;re Erwerbsarbeit. Eine innere Verpflichtung dazu sei nicht (mehr) vorhanden und oft auch im sozialen Umfeld nicht anzutreffen. Die Nichtbeachtung der Erwerbsnorm sei aber keine bewusste Entscheidung, sondern verloren gegangen oder erst gar nicht erworben. Die &bdquo;Nichtarbeiter\/innen&ldquo; schreckten oft vor den unbekannten Anforderungen der Arbeitswelt mit Angst zur&uuml;ck. Trotz ihrer Passivit&auml;t im Arbeitsmarktverhalten seien die &bdquo;Nichtarbeiter\/innen&ldquo; jedoch meist durchaus gesellschaftlich aktiv, nur in Einzelf&auml;llen treffe man auf Verwahrlosung oder Apathie. Aber ein Teil sei ziellos oder habe sich resigniert eingerichtet (meist &auml;ltere oder k&ouml;rperlich eingeschr&auml;nkte Personen). Viele &bdquo;Nichtarbeiter\/innen&ldquo; h&auml;tten Kompensationsmechanismen (Tafel, T&auml;tigkeiten in der Schattenwirtschaft) f&uuml;r den finanziellen Mangel entwickelt und sich mit dem Alg II-Bezug abgefunden.<\/p>\n<p>Diese Gruppe wende sich frustriert von der Arbeitsverwaltung und ihren Angeboten ab und entwickle teilweise Unterlaufstrategien. Strengere Zumutbarkeitsregeln oder Sanktionen k&ouml;nnten bei dieser Gruppe kaum etwas ver&auml;ndern. <\/p>\n<p><strong>Fazit: Das Klischee der passiven Arbeitslosen ist falsch<\/strong><\/p>\n<p>Anders als in der Unterschichtendebatte &uuml;blicherweise unterstellt, lasse sich bei der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Befragten keine subjektive Abkehr von der Erwerbsnorm feststellen. Eher sei das Gegenteil der Fall. Hartz IV bedeute f&uuml;r den Gro&szlig;teil der Befragten einen gesellschaftlichen Abstieg, mit dem sie sich nur schwer arrangieren k&ouml;nnten. Selbst bei extremer materieller Knappheit strebten viele Befragte von sich aus nach gesellschaftlicher Anerkennung. In scharfem Kontrast zum Klischee der passiven Arbeitslosen seien diese Leistungsbezieher\/innen zu einem erheblichen Teil ausgesprochen aktiv, ja, arbeiteten sogar h&auml;ufig hart. Trotz aller Anstrengungen k&auml;me aber ein Gro&szlig;teil der Befragten beruflich nicht vom Fleck. &bdquo;Lange Jahre in Arbeitslosigkeit und Prekarit&auml;t bewirkten, dass die Betroffenen regelrecht ausbrennen.&ldquo; (S. 205,) K&ouml;rper und Psyche tr&auml;ten in Streik. (S. 355) &bdquo;Scham und Angst, mit einer Welt konfrontiert zu werden, in der man selbst nicht (mehr) leben kann, bewirken, dass sich ein erheblicher Teil der Leistungsbezieher nur noch unter Seinesgleichen bewegt.&ldquo; (S. 205) <\/p>\n<p><strong>Strenge Zumutbarkeitsregeln wirken eher kontraproduktiv<\/strong><\/p>\n<p>In einem weiteren Perspektivwechsel wird untersucht, wie die Verhaltensanforderungen aktivierender Arbeitsmarktpolitik auf &bdquo;eigensinnige&ldquo; Handlungsstrategien von Personen im Leistungsbezug treffen. Es zeige sich, dass strenge Zumutbarkeitsregeln eher kontraproduktiv wirkten. (S. 363) &bdquo;Wenn es dennoch zu individuellen Positionsverbesserungen kommt und der Spring in eine regul&auml;re Besch&auml;ftigung gelingt, so l&auml;sst sich das nicht auf die Wirksamkeit strenger Zumutbarkeitsregeln zur&uuml;ckf&uuml;hren.&ldquo; (S. 208) Nicht wegen, sondern trotz strenger Zumutbarkeitsregeln gel&auml;ngen individuelle Positionsverbesserungen. Die gro&szlig;e Mehrzahl zirkuliere jedoch zwischen prek&auml;rer Besch&auml;ftigung, sozial gef&ouml;rderter Ersatzarbeit und l&auml;ngeren Phasen der Erwerbslosigkeit.<\/p>\n<p>Die Strenge des Arbeitsmarktregimes f&uuml;hre nur zu materieller Knappheit (karger Lebensunterhalt, fehlende kulturelle Teilhabe) bis hin zu Eingriffen in die Familien- (Kinder-Elternbeziehung) und in die Geschlechterarrangements. Als besonders drastische Eingriffe in das Privatleben w&uuml;rden die Aufwendungsgrenzen f&uuml;r Wohnraum (Verlust der angestammten Wohnung)  und die Regelungen zur sog. Bedarfsgemeinschaft (die finanzielle Heranziehung des Lebenspartners) empfunden. Die Mehrzahl der Befragten beschreibe das &bdquo;Wettkampfregime&ldquo; als b&uuml;rokratischen Zwangsapparat, der einige privilegiere, andere abwerte und langfristig stigmatisiere. <\/p>\n<p>&bdquo;Das Bestreben der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, die Eigenverantwortung zu st&auml;rken, verkehrt sich aufgrund der allgegenw&auml;rtigen Kontrollmechanismen in sein Gegenteil. Ohnmacht, Fremdbestimmung und Scham dominieren das Erleben eines Gro&szlig;teils der Leistungsbeziehenden.&ldquo; (S. 256) <\/p>\n<p><strong>Nur wenige schaffen den Sprung aus dem Leistungsbezug<\/strong><\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich fragt die Wissenschaftlergruppe noch danach, ob die H&auml;rten des Aktivierungsregimes geeignet seien, die Erwerbsorientierung der &bdquo;Kunden&ldquo; der Arbeitsverwaltung, so zu formen, dass sie f&uuml;r den Arbeitsmarkt passf&ouml;rmig w&uuml;rden. <\/p>\n<p>Im Befragungsabstand von drei Jahren beobachteten die Forscher bei den &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo; und bei den &bdquo;Nicht-Arbeiter\/innen&ldquo; eher ein Verfestigung der individuellen Erwerbslagen, nur bei den &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiterinnen&ldquo; f&auml;nden sich Beispiele f&uuml;r Aufw&auml;rtsmobilit&auml;t. (S. 268) Nur 10 Prozent der Befragten, h&auml;tten den Sprung aus dem Leistungsbezug in ein Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis geschafft, die anderen 90 Prozent nicht.<\/p>\n<p>Nach weiteren drei Jahren h&auml;tten nahezu ausschlie&szlig;lich die &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiter\/innen&ldquo; eine Anstellung erreicht und den Leistungsbezug vor&uuml;bergehend beendet. Die Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse seien jedoch alle im Niedriglohnsegment angesiedelt und stellten in aller Regel nur eine geringf&uuml;gige Verbesserung gegen&uuml;ber dem Alg II-Bezug dar.<\/p>\n<p>Es gab unter den Befragten nur einen einzigen Fall, bei dem man mit Bestimmtheit sagen k&ouml;nne, dass etwas eingetreten sei, was &ndash; dem Anspruch nach &ndash; das Ziel der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik ist. Viel eher sei ein Wechsel von den &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo; zu den &bdquo;Nicht-Arbeiter\/innen&ldquo; feststellbar, also eine Abw&auml;rtsmobilit&auml;t. (S. 271) Je l&auml;nger die Erwerbslosigkeit andauere, desto gr&ouml;&szlig;er werde der Druck, sich einzugestehen, dass der Sprung in &bdquo;richtige Arbeit&ldquo; nicht mehr gelingen kann.<\/p>\n<p>In der &uuml;berwiegenden Zahl der F&auml;lle erreiche die Aktivierungspolitik das Gegenteil dessen, was sie zu leisten beansprucht, n&auml;mlich dass sie die Erwerbsorientierung und damit zugleich ein Lebenskonzept zerst&ouml;re, soziale Stabilit&auml;t und zugleich die &bdquo;W&uuml;rde&ldquo; n&auml;hme.<\/p>\n<p><strong>Desillusionierende Befunde<\/strong><\/p>\n<p>Aus Sicht von Bef&uuml;rworter des neuen Arbeitsmarktregimes m&uuml;ssten die Befunde der Studie geradezu desillusionierend wirken. (S. 276) In keinem Fall habe sich nachweisen lassen, dass der Sprung in bessere Verh&auml;ltnisse gelungen sei, weil die Arbeit der Fallmanager\/in erfolgreich gewesen sei. (S. 276) Der Anteil von Aktivierungsma&szlig;nahmen am individuellen &bdquo;kleinen Aufstieg&ldquo; sei jedenfalls vergleichsweise gering. Diejenigen, die einen Aufstieg geschafft habe, h&auml;tten diesen auch ohne das strenge Zumutbarkeitsregime geschafft.<\/p>\n<p>Feststellbar sei vielmehr eine Tendenz zur &bdquo;Polarisierung&ldquo; der Erwerbsorientierungen, d.h. die Erwerbsnorm erodiere. Au&szlig;erdem sei eine &bdquo;zirkul&auml;re Mobilit&auml;t&ldquo; (S. 368f.) zu beobachten, d.h. es komme auf Grund von Eigeninitiativen zu Positionsver&auml;nderungen, die jedoch auf ein Auf-der-Stelle-Treten hinausliefen. Ein weiterer Befund sei schlie&szlig;lich die Anpassung an die prek&auml;ren Lebensumst&auml;nde, d.h. man blicke nicht mehr in eine bessere Zukunft. Ressourcenknappheit und strenge Zumutbarkeit w&uuml;rden aber die Gefahr des weiteren Abgleitens, in Verschuldung und im Extremfall gar in die Verwahrlosung erh&ouml;hen.<\/p>\n<p>Was immer wieder als Fortschritt der Hartz-Reformen genannt werde, n&auml;mlich die Gleichstellung von Sozialhilfebezieher\/innen und Arbeitslosen, erweise sich sozialpsychologisch und sozialstrukturell als &uuml;beraus problematisch. Die Sozialhilfeempf&auml;nger einerseits empf&auml;nden sich keineswegs als Gewinner der Arbeitsmarktreformen, w&auml;hrend anderseits Arbeitslose, die lange erwerbst&auml;tig waren, sich auf einen F&uuml;rsorgestatus zur&uuml;ckgeworfen s&auml;hen. Diese &bdquo;Zwangshomogenisierung&ldquo; der Transferbezieher versto&szlig;e massiv gegen das Gerechtigkeitsempfinden der ehemals Erwerbst&auml;tigen. (S. 371)<\/p>\n<p><strong>Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland<\/strong><\/p>\n<p>In einem Exkurs vergleichen die Wissenschaftler\/innen, ob sich das neue Arbeitsmarktregime im Osten Deutschlands unterschiedlich zum Westen auspr&auml;gt. Grunds&auml;tzlich m&uuml;sse man sagen, dass der Hartz IV-Bezug zusammenzwinge, was eigentlich nicht zusammengeh&ouml;re. Im Osten g&auml;be es jedoch eine gr&ouml;&szlig;ere erwerbsbiografische Diskontinuit&auml;t (60 % haben mindestens einmal ihren Arbeitsplatz verloren) als  im Westen (43 %), das habe dazu gef&uuml;hrt, dass es im Osten mehr &bdquo;Als-Ob-Arbeiter\/innen&ldquo; als &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiter\/innen&ldquo; gebe. Beim Umgang mit dem Mangel k&ouml;nne man im Osten einen R&uuml;ckgriff auf das Verhalten in fr&uuml;heren Mangelsituationen in der ehemaligen DDR feststellen. Bei der subjektiven Wahrnehmung von sozial gef&ouml;rderter Besch&auml;ftigung gebe es in Ostdeutschland eine h&ouml;here Akzeptanz. Vor allem aber bei der unterschiedlichen Bewertung der Frauenerwerbst&auml;tigkeit k&ouml;nne man deutliche Unterschiede ausmachen. Bei westdeutschen Frauen k&ouml;nne man eher einen R&uuml;ckzug in die Hausfrauenrolle (mit Minijob) beobachten, w&auml;hrend diese Rolle von den ostdeutschen Frauen &uuml;berwiegend abgelehnt w&uuml;rde und eher eine Vollerwerbst&auml;tigkeit ihrem Selbstverst&auml;ndnis entspreche.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Zusammenfassend:<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Arbeitslosenstatistik mag gl&auml;nzen, der Preis daf&uuml;r ist eine Verwilderung des Arbeitsmarktes, bei der die W&uuml;rde der Hilfsbed&uuml;rftigen und ihr Anspruch auf Unversehrtheit zunehmend unter die R&auml;der eines Wettkampfprinzips geraten, das seinen dogmatischen Verfechtern als Selbstzweck gen&uuml;gt.&ldquo; (S. 398)<\/p><p><strong>Sind die Befunde valide?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte nat&uuml;rlich in Frage stellen, ob 99 Befragte in der ersten Befragungswelle, 69 Interviews in der zweiten und Gespr&auml;che mit weiteren 20 ausgew&auml;hlte Interviewpartner\/innen, die an allen Befragungen teilgenommen haben in einer dritten Runde, ein statistisch repr&auml;sentatives Bild geben k&ouml;nnen. <\/p><p>Dabei st&ouml;&szlig;t man auf ein methodisches Dilemma aller qualitativ explorativer Studien. Ihre Verallgemeinerbarkeit ist nicht unmittelbar gegeben. Aber im Gegensatz zu repr&auml;sentativen Umfragen k&ouml;nnen solche qualitative Studien (wie die dem in der Studie zugrunde gelegten Ansatz der sog. &bdquo;Public Sociology&ldquo; (S. 346f.)) Unsichtbares sichtbar machen, sie k&ouml;nnen Wissen erschlie&szlig;en, das der empirischen Forschung ansonsten gar nicht zug&auml;nglich w&auml;re und im Verborgenen bliebe. Auch die Befunde dieser Studie m&uuml;ssen letztlich den &bdquo;H&auml;rtetest&ldquo; einer Verallgemeinerbarkeit erst noch in der Diskussion innerhalb der Scientific Community, mit der weiteren empirischen &Uuml;berpr&uuml;fung der herausgefundenen Ergebnisse gegen&uuml;ber Erwerbslosen selbst, mit Praktikern der Arbeitsverwaltungen, mit Arbeitsloseninitiativen oder Arbeitsmarktpolitikerinnen bestehen. <\/p><p>Gerade deshalb m&ouml;chte man dieser Studie eine breite &ouml;ffentliche Diskussion w&uuml;nschen, die dann m&ouml;glicherweise zu neuen Einsichten f&uuml;r eine neue Arbeitsmarktpolitik und zu einem sinnvolleren Arbeitsmarktregime f&uuml;hren k&ouml;nnte als es das Hartz IV-System darstellt. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnte eine neue Debatte angesto&szlig;en werden, dass durch Arbeitsmarktpolitik alleine, das Problem der Arbeitslosigkeit nicht zu lindern oder gar zu l&ouml;sen ist. Man kann nicht das Pferd vom Schwanze aufz&auml;umen und sich wundern, dass es r&uuml;ckw&auml;rts l&auml;uft. N&ouml;tig w&auml;re vor allem eine aktive Wirtschafts- und damit auch Besch&auml;ftigungspolitik die das Angebot an Arbeitspl&auml;tzen ehrh&ouml;ht. <\/p><p>Das w&auml;re im Interesse der Millionen von Betroffenen eine der wichtigsten politischen Aufgaben und nicht etwa &ndash; wie in der Vergangenheit, im Sinne eines Experiments mit menschlichen Versuchstieren &ndash; eine weitere Verfeinerung oder Justierung des Hartz- Arbeitsmarktregimes. <\/p><p><strong>Bibliografische Angaben:<\/strong><br>\nKlaus D&ouml;rre, Karin Scherschel, Melanie Booth, Tine Huber, Kai Marquardsen, Karen Schierhorn, Bew&auml;hrungsproben f&uuml;r die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik; Internationale Arbeitsstudien, Band 3; Campus Verlag Frankfurt\/New York, 2013, 423 Seiten; 29,90 Euro. <\/p><p>Hinweis:<br>\nWem die knapp 400 Seiten des Buches zu viel Lesestoff sind, sollte wenigstens das letzte Kapitel lesen.<br>\nF&uuml;r meine umgangssprachliche Zuspitzung des wissenschaftlichen Vokabulars der Studie m&ouml;chte ich die Wissenschaftler\/innen nicht in Anspruch nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den Arbeitsmarktreformen ist ja angeblich der Kerngedanke das &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo;. Das der Hartz-Gesetzgebung zugrunde liegende Leitbild ist, dass Arbeitslosigkeit vor allem der mangelnden Erwerbsorientierung und einer Passivmentalit&auml;t der Betroffenen geschuldet sei. &Uuml;ber den Druck der K&uuml;rzung und der zeitlichen Begrenzung der Leistungsbez&uuml;ge und durch Sanktionen soll ein Mentalit&auml;tswechsel bei den Arbeitslosen herbeigef&uuml;hrt werden.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18483\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,147,141,132],"tags":[739,442,1221,288,312,389],"class_list":["post-18483","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-doerre-klaus","tag-eigenverantwortung","tag-perspektivlosigkeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18483","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18483"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18483\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18492,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18483\/revisions\/18492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}