{"id":18505,"date":"2013-09-04T09:53:05","date_gmt":"2013-09-04T07:53:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18505"},"modified":"2015-08-17T17:15:36","modified_gmt":"2015-08-17T15:15:36","slug":"wer-sich-nicht-in-gefahr-begibt-kommt-darin-um","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18505","title":{"rendered":"Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um"},"content":{"rendered":"<p>In seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18476\">treffenden Analyse<\/a> des Duell-Spektakels zwischen Angela Merkel und Peer Steinbr&uuml;ck kam Wolfgang Lieb hier auf den NachDenkSeiten zu dem Schluss: &bdquo;90 Minuten Duell &ndash; zumal unter Show-Bedingungen &ndash; reichen zur Erzeugung einer Wechselstimmung eben nicht aus.&ldquo; Das gibt nicht nur die gegenw&auml;rtige, f&uuml;r einen Regierungswechsel fast aussichtslose Situation richtig wieder. Es verweist auch auf die entscheidenden strategischen Fehler, die Rot-Gr&uuml;n und vor allem die SPD in diesem Wahlkampf von Beginn an begangen haben. Viel zu lange haben sie sich erstens nicht als echte politische Alternative pr&auml;sentiert und zweitens nicht als reale Machtoption. Ein Beitrag von <strong>Stephan Hebel<\/strong>, Autor des Buches &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16450\">Mutter Blamage<\/a>&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nWie sch&ouml;n w&auml;re es, k&ouml;nnte man &uuml;ber den ganzen Wahlkampf sagen, was Lieb zum Fernsehauftritt des Kandidaten schreibt: &bdquo;Steinbr&uuml;ck hat f&uuml;r seine Kritik an den bestehenden Verh&auml;ltnissen (soziale Ungerechtigkeit, prek&auml;re Arbeit, Chaos bei der Energiewende, PKW-Maut, Chancengleichheit, Euro-Kurs) viele Fakten und gute Argumente aufgetischt und er ging sogar weiter voran, als man das bisher von ihm geh&ouml;rt hatte. Etwa indem er klarstellte, dass wir in Europa eine Bankenkrise und keine Schuldenkrise h&auml;tten, dass man Banken auch auf Kosten der ,Gl&auml;ubiger&lsquo; und nicht nur der Steuerzahler abwickeln m&uuml;sse, dass man Steuerhinterzieher h&auml;rter bek&auml;mpfen m&uuml;sse, dass man die Agenda 2010 auch korrigieren m&uuml;sse&hellip;&ldquo;. <\/p><p>Schlappe 21 Tage vor der Wahl begann also der Kandidat mit dem, was er und seine Partei seit einem Jahr h&auml;tten tun m&uuml;ssen. Und wenn er es tat, dann prallte er zwar tats&auml;chlich, wie Lieb schreibt, &bdquo;an den medial schon tausendfach transportierten Besch&ouml;nigungen und Vertr&ouml;stungen der Teflon-Kanzlerin ab&ldquo;. Allerdings: Hier und da, etwa beim NSA-Skandal, blieb der Amtsinhaberin  nichts anderes &uuml;brig, als hinter dem Kanzlerin-f&uuml;r-alle-Gestus durchscheinen zu lassen, dass sie dieses Land in Wahrheit nach einem klaren ideologischen Kompass regiert (in diesem Fall: mit einer erstaunlichen Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber B&uuml;rgerrechten). Oder aber Steinbr&uuml;cks konkrete Gegenargumente, etwa bei Steuern und Mindestlohn, lie&szlig;en ihre Plattit&uuml;den (&bdquo;&hellip;nichts tun, was Arbeitspl&auml;tze gef&auml;hrdet&hellip;&ldquo;) in der Konfrontation noch d&uuml;mmlicher erscheinen.<\/p><p>In diesen Situationen des Duells hat sich gezeigt: So vollkommen unangreifbar, wie auch bei Rot-Gr&uuml;n manche meinen, schwebt auch eine Angela Merkel nicht &uuml;ber den Wolken &ndash; allen Beliebtheitswerten zum Trotz. Pl&ouml;tzlich war manches von dem zu sp&uuml;ren, was sie antreibt: von der geradezu verbohrten Ideologie der Staatsverarmung (&bdquo;keine Steuererh&ouml;hungen!&ldquo;) bis zum bereits erw&auml;hnten,  offensichtlichen Desinteresse am Schutz des B&uuml;rgerrechts auf Datenschutz (&bdquo;wei&szlig; ich nicht&ldquo;).<\/p><p>Aber es ist, wenn nicht alles t&auml;uscht, zu sp&auml;t. Ein Jahr lang hat Rot-Gr&uuml;n der Amtsinhaberin ihre Strategie des &bdquo;Kanzlerin f&uuml;r alle&ldquo;-Gestus einfach durchgehen lassen, offensichtlich aus Angst, ihre Beliebtheit k&ouml;nnte als Ablehnung auf die Kritiker zur&uuml;ckschlagen. Dieses Risiko gibt es. Aber was w&auml;re das f&uuml;r ein spannender Wahlkampf geworden, h&auml;tten SPD und Gr&uuml;ne den Angriff dennoch gewagt, getreu dem sch&ouml;nen Satz von Ernst Bloch: &bdquo;Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um!&ldquo;<\/p><p>Unbehelligt von der Opposition, ist es Angela Merkel ist so gut gelungen wie keinem Spitzenpolitiker vor ihr, die ideologischen Leitlinien und die blamablen Ergebnisse ihrer Politik hinter einer dichten Nebelwand aus Allgemeinpl&auml;tzen zu verbergen. <\/p><p>Sie ist damit durchgekommen, Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Verm&ouml;gende und Spitzenverdiener als Teufelszeug zu verunglimpfen. Sie hat es geschafft, ihr untaugliches Modell &bdquo;Mindestlohn light&ldquo;, das vor allem dazu dient, der Opposition das Thema aus der Hand zu schlagen, als echte Alternative zur gesetzlichen Untergrenze zu verkaufen. Sie lobt sich ungeniert f&uuml;r die Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen und verschweigt die wichtigste &bdquo;Errungenschaft&ldquo; einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik, n&auml;mlich Armut trotz Arbeit. Sie zwingt fast ganz Europa in die Rezessionsspirale, die Steinbr&uuml;ck im Duell richtig benannte &ndash; und verschweigt ihrem Volk, dass das nicht nur f&uuml;r die jetzt schon Betroffenen unmoralisch, sondern auch f&uuml;r die deutsche Wirtschaft auf Dauer untragbar ist. Mit Folgen im Sozialbereich, die sie bis zur Wahl zu verschweigen gedenkt. Sie lobt sich f&uuml;r eine Bankenregulierung, die ihre Partei und die FDP nach Kr&auml;ften verw&auml;ssern und verz&ouml;gern. Sie faselt von &bdquo;Lebensleistung&ldquo;, wenn sie Rentnerinnen ein Almosen verspricht &ndash; vorausgesetzt, sie haben vorher ihre wenigen Spargroschen zum Riestern an die Finanzm&auml;rkte getragen. Sie gef&auml;hrdet die Akzeptanz der Energiewende, indem sie die Entlastung von Unternehmen ins Absurde treibt. Sie gedenkt der Opfer rechten Terrors und l&auml;sst ihren Innenminister Ressentiments gegen Fl&uuml;chtlinge verbreiten, die den Humus des Extremismus in der Gesellschaft noch fruchtbarer machen. Um nur einige Themen zu nennen. <\/p><p>Man k&ouml;nnte auch sagen: Angela Merkel nutzt die verst&auml;ndliche Angst vieler Menschen um ihre Daseinsvorsorge f&uuml;r ihr Betrugsman&ouml;ver aus: Wider besseres Wissen vermittelt sie den Eindruck, alles bleibe gut, wenn wir so weitermachten wie bisher. Sie verschweigt, dass vieles zu &auml;ndern w&auml;re, damit unser Leben so komfortabel bleibt, wie es noch ist &ndash; und dass es f&uuml;r die gewachsene Zahl der Armutsgef&auml;hrdeten und Armen wieder ein w&uuml;rdiges Niveau erreicht. Die leider in Politik und Medien st&auml;ndig gesungene Melodie von der &bdquo;Sozialdemokratisierung&ldquo; der Union w&auml;re leicht zu widerlegen gewesen, trotz dieser oder jener Anpassungsleistung Merkels an gesellschaftliche Entwicklungen, etwa beim Kita-Ausbau.<\/p><p>All das h&auml;tte Rot-Gr&uuml;n l&auml;ngst offenlegen m&uuml;ssen, ohne Furcht vor der Beliebtheit der Kanzlerin. Steinbr&uuml;ck hat damit im Fernsehduell begonnen. Das sollte aufgenommen und fortgesetzt werden &ndash; gerne noch einen Tick aggressiver. Ja, es ist riskant, die CDU-Vorsitzende frontal anzugreifen. Aber es ist noch gef&auml;hrlicher, es nicht zu tun. Und wirklich zu sp&auml;t ist es daf&uuml;r nie, denn erstens hat es diese Gesellschaft dringend n&ouml;tig, dass das Konzept einer angemessenen Daseinsvorsorge und einer gerechten Lastenverteilung der Ideologie der Staatsverarmung weiter entgegengestellt wird, auch nach der Wahl. Und zweitens: Auch wenn es f&uuml;r einen rot-gr&uuml;nen Sieg nicht mehr reichen wird, w&auml;re ein Ergebnis, das die linke Mehrheit im Lande unter Einschluss der Linkspartei wieder herstellen w&uuml;rde, f&uuml;r die Zukunft von gro&szlig;em Nutzen.<\/p><p>Womit wir bei dem zweiten strategischen Fehler von SPD und Gr&uuml;nen w&auml;ren: Sie haben es nicht nur viel zu lange vers&auml;umt, die Kanzlerin inhaltlich zu stellen. Sie haben es auch vers&auml;umt, sich als alternative Machtoption zu pr&auml;sentieren.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann man, weniger als drei Wochen vor der Wahl, jetzt kein rot-gr&uuml;n-rotes Modell aus dem &Auml;rmel ziehen. Das h&auml;tte, praktisch vom Wahlabend 2009 an, vorbereitet werden m&uuml;ssen, um &uuml;berhaupt eine Chance zu haben. Die Voraussetzungen waren ja auf paradoxe Weise gut: Gerade wegen ihrer damaligen Niederlage sa&szlig; die SPD mit den potenziellen Partnern in der Opposition, w&auml;re also frei gewesen, entsprechend zu agieren. <\/p><p>Aber schon an jenem Wahlabend, als der vernichtend geschlagene Frank-Walter Steinmeier in fast putschistischer Manier den Fraktionsvorsitz wieder f&uuml;r sich reklamierte, war klar: Der Schr&ouml;der-Fl&uuml;gel w&uuml;rde der Partei einen Kampf bis zur Spaltung aufzwingen, wenn sie unter F&uuml;hrung von Sigmar Gabriel auf eine linke Mehrheit setzte. Eine Distanzierung von den wichtigsten Fehlern der Agenda 2010, wie sie jetzt sogar einem Steinbr&uuml;ck &uuml;ber die Lippen kommt, war lange, zu lange tabu. Und der Linkspartei machte es die SPD damit allzu leicht, sich als einzig wahre Opposition zu pr&auml;sentieren und von jeder realen Machtoption auch ihrerseits weitgehend fernzuhalten.<\/p><p>Diese Fehler sind jetzt nicht mehr zu korrigieren. Nicht vor der Wahl. Danach allerdings w&auml;re es allerh&ouml;chste Zeit, eine linke Mehrheit, die auch regieren kann, f&uuml;r die Zukunft zu konzipieren. Das wird extrem schwer, erst recht wenn Rot oder Gr&uuml;n so dumm sein sollten, der Kanzlerin bei Bedarf per Koalition wieder zur Mehrheit zu verhelfen. Aber wer die Wechselperspektive f&uuml;r dieses Land nicht ganz aufgeben will, muss damit jetzt beginnen, wenigstens jetzt. Ein sch&ouml;ner Anfang w&auml;re es, wenn Rot und Gr&uuml;n der amtierenden Kanzlerin die Koalition und damit die Mehrheit zur Wiederwahl im Bundestag verweigern w&uuml;rden. <\/p><p>Das w&uuml;rde die verkrusteten Verh&auml;ltnisse im deutschen Parlamentarismus ein wenig zum Tanzen bringen: Von Minderheitsregierungen und Duldungsmodellen bis zur Neuwahl k&auml;men neue Perspektiven ins Spiel. Auch das w&auml;re, so inhaltsleer wie in Deutschland &uuml;ber &bdquo;Stabilit&auml;t&ldquo; und &bdquo;Verantwortung&ldquo; geredet wird, ein gro&szlig;es Risiko. Aber wie gesagt: Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.<\/p><p><strong>Stephan Hebel<\/strong> ist seit vielen Jahren Autor der Frankfurter Rundschau und hat ein Buch &uuml;ber Angela Merkel geschrieben. In &bdquo;Mutter Blamage. Warum die Nation Angela Merkel und ihre Politik nicht braucht&ldquo; (Westend Verlag, 160 Seiten, 13,99 &euro;) zeichnet er das Bild eines gro&szlig;en Betrugsman&ouml;vers der &Ouml;ffentlichkeit durch die CDU-Politikerin. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16450\">Hier<\/a> eine ausf&uuml;hrliche Rezension des Buches von Wolfgang Lieb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18476\">treffenden Analyse<\/a> des Duell-Spektakels zwischen Angela Merkel und Peer Steinbr&uuml;ck kam Wolfgang Lieb hier auf den NachDenkSeiten zu dem Schluss: &bdquo;90 Minuten Duell &ndash; zumal unter Show-Bedingungen &ndash; reichen zur Erzeugung einer Wechselstimmung eben nicht aus.&ldquo; Das gibt nicht nur die gegenw&auml;rtige, f&uuml;r einen Regierungswechsel fast aussichtslose Situation richtig wieder. Es verweist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18505\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[11,190],"tags":[247,246,315,253,482],"class_list":["post-18505","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-hebel-stephan","tag-linke-mehrheit","tag-merkel-angela","tag-steinbrueck-peer","tag-tv-duell"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18505","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18505"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18507,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18505\/revisions\/18507"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}