{"id":1851,"date":"2006-11-10T09:31:54","date_gmt":"2006-11-10T07:31:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1851"},"modified":"2016-01-22T10:51:14","modified_gmt":"2016-01-22T09:51:14","slug":"das-jahresgutachten-des-sachverstandigenrats-tragt-alle-anzeichen-des-sektierertums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1851","title":{"rendered":"Das Jahresgutachten des Sachverst\u00e4ndigenrats tr\u00e4gt alle Anzeichen des Sektierertums"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Widerstreitende Interessen &ndash; ungenutzte Chancen&ldquo;, schon der Titel zum diesj&auml;hrigen <a href=\"http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/\">Jahresgutachten des Sachverst&auml;ndigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung<\/a> offenbart ein bedenkliches Demokratie- und Gesellschaftsverst&auml;ndnis.<br>\nEs geh&ouml;rt nun mal zu den Ausgangsbedingungen jeder Gesellschaft, dass es widerstreitende Interessen gibt, das gilt zumal in einer Gesellschaft, in der es eine weit auseinanderklaffende Prim&auml;rverteilung und einen grundlegenden Interessenkonflikt zwischen Produktionsmittelbesitzern und Arbeitnehmern gibt.  Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nWenn also allein in widerstreitenden Interessen &bdquo;ungenutzte Chancen&ldquo; gesehen werden, ist das zun&auml;chst eine Behauptung die Interessenskonflikte  negiert oder sie zumindest als sch&auml;dlich betrachtet. Das legt aber dar&uuml;ber hinaus vor allem nahe, dass hier sog. Experten ihr vermeintliches Wissen &uuml;ber die (vorhandenen) gesellschaftlichen Interessen stellen. Ein demokratischer politischer Interessenausgleich gilt dann nur noch als l&auml;stig, als unn&ouml;tig, als falsch. Das ist ein Expertokratiedenken, das jede wissenschaftliche Selbstkritik verweigert, sich absolut setzt und sich &uuml;ber demokratische Willensbildungsprozesse erhebt.<\/p><p>Ein vom Staat eingesetztes Gremium also, dessen arrogantes Selbstverst&auml;ndnis sich nur noch schwer mit dem Verst&auml;ndnis des Grundgesetzes &uuml;ber die Funktionsweise unserer Demokratie vertr&auml;gt.<\/p><p>Der Tonfall des &bdquo;Gutachtens&ldquo; h&ouml;rt sich vielfach an, als w&uuml;rden hier Propheten &ndash; &uuml;ber der Gesellschaft und der Politik stehend &ndash; die Wirklichkeit an ihren unfehlbaren Glaubenss&auml;tzen messen und dementsprechend aburteilen.<\/p><p>Man bescheinigt etwa der Regierung &bdquo;vielversprechende erste Schritte&ldquo; etwa bei der Anhebung des Renteneintrittsalters oder bei der ersten Stufe der F&ouml;deralismusreform. Jedoch seien &bdquo;die Anstrengungen auf wichtigen Politikfeldern im Dickicht widerstreitender Interessen stecken&ldquo; geblieben. Es gebe &bdquo;erheblichen Nachbesserungsbedarf&ldquo;, &bdquo;die Chance zu einem wirklich gro&szlig;en Wurf bei der gebotenen Neuordnung der Unternehmensbesteuerung d&uuml;rfte &hellip; vertan sein&ldquo;, &bdquo;notwendige Reformbausteine&ldquo; seien nicht beschlossen worden, &bdquo;Hoffnungen auf weitreichende Ma&szlig;nahmen&ldquo; gebe es allenfalls, &bdquo;wenn es der Politik gelingt, die durch den Widerstreit der Interessen entstandene Selbstblockade aufzul&ouml;sen&ldquo;.<br>\nBei der Reform der Unternehmensbesteuerung, wie der des Niedriglohnbereichs, best&uuml;nde allerdings &bdquo;noch die Hoffnung, dass sich die Bundesregierung aus dem Klammergriff der parteipolitischen Interessen befreien kann und gleicherma&szlig;en schl&uuml;ssige wie wirksame Antworten findet.&ldquo;<br>\n&bdquo;Ein Vergleich dessen, was auf den zentralen wirtschaftspolitischen Reformbaustellen geschehen ist, mit dem <strong>was h&auml;tte geschehen m&uuml;ssen und k&ouml;nnen<\/strong>, zeigt, dass im ersten Jahr dieser Gro&szlig;en Koalition die durch den Regierungswechsel gebotene Chance, auf wichtigen wirtschaftspolitischen Feldern z&uuml;gig voranzukommen, unzureichend genutzt wurde.&ldquo;<\/p><p>Vier der f&uuml;nf Sachverst&auml;ndigen &ndash; <a href=\"?p=1203\">Wolfgang Franz vom ZEW<\/a>, <a href=\"?p=320\">Bert R&uuml;rup<\/a>, <a href=\"?p=1007\">Beatrice Weder di Mauro<\/a> und <a href=\"?p=1152\">Wolfgang Wiegard<\/a> &ndash; tun so, als verk&uuml;ndeten sie eine angeblich &bdquo;<strong>rein &ouml;konomisch<\/strong>&ldquo;  abgeleitete und unfehlbare Lehrmeinung &ndash; sozusagen ex cathetra &ndash; , und sie spielen sich auf, als m&uuml;ssten sich an diese Lehrs&auml;tze  alle Mitglieder der Gesellschaft und zumal die Regierung strikt halten, wenn sie ihre Chancen nutzen wollten.<\/p><p>Jeder der Vernunft und der Aufkl&auml;rung noch einigerma&szlig;en Verpflichtete und jeder der sich noch einigerma&szlig;en Rechenschaft dar&uuml;ber abgibt, wie unsicher die Aussagen gerade der Wirtschaftswissenschaften sind,  fragt sich, woher nehmen die drei weise Herrn und die weise Dame eigentlich ihre Autorit&auml;t als W&auml;chter des rechten Glaubens aufzutreten.<\/p><p>Die Abweichungen zwischen den Prognosen des Sachverst&auml;ndigenrats von der Realit&auml;t, also seine Fehlprognosen sind notorisch. In einer Tabelle zeigt etwa <a href=\"http:\/\/www.hwwa.de\/Publikationen\/Wirtschaftsdienst\/2005\/wd_docs2005\/wd0502-hinze.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.hwwa.de\/Publikationen\/Wirtschaftsdienst\/2005\/wd_docs2005\/wd0502-hinze.pdf\">J&ouml;rg Hinze vom HWWA [PDF &ndash; 104 KB]<\/a>, dass die &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; mit ihren Prognosen in der Vergangenheit st&auml;ndig und teilweise geradezu peinlich neben der Realit&auml;t lagen.<br>\nKlar, die immunisierende Antwort war stets, dass die Politik ja den Empfehlungen nicht gefolgt sei.<br>\nAber es gab auch geradezu eklatante Fehlurteile, die man nicht so ohne weiteres der (falschen) Politik in die Schuhe schieben konnte. <a href=\"?p=1788\">Vor genau sechs Jahren zum Beispiel verk&uuml;ndete eben dieser Sachverst&auml;ndigenrat<\/a>, die Konjunktur &bdquo;laufe rund&ldquo;, ein Wachstum f&uuml;r das Jahr 2001 von 2,8 Prozent wurde prognostiziert, gelandet sind wir damals bei 0,8 Prozent. Die Spekulationsblase der sog. New Economy wurde nicht erkannt. Trotz der damals schon 4 Millionen Arbeitslosen schenkte die Politik der v&ouml;llig daneben liegenden Prognose Glauben, tat nichts mehr f&uuml;r die Konjunktur und der damalige Finanzminister Eichel fuhr seinen Sparkurs fort.<br>\nSeither sackte die Konjunktur in den Keller, wir hatten eine Stagnation in den Folgejahren unter der wir bis heute leiden.<br>\nUnd auch heute gilt: Im Gegensatz zu der Euphorie, die der Rat &uuml;ber seine aktuelle Prognose von 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum in 2007 verbreitet, sollte man sich auch davon nicht <a href=\"?p=1733\">ins Bockshorn jagen lassen<\/a>.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte alle diese Trefferungenauigkeiten noch mit dem alten Joke abtun: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber es ist ja weniger die Treffgenauigkeit, die die Anma&szlig;ungen dieser &bdquo;Experten&ldquo; in Frage stellt, sondern geht viel mehr darum, dass sie ihr eindimensionales wirtschaftspolitisches Verst&auml;ndnis zum Dogma erheben. Ein Dogma &uuml;brigens,  das in den vergangenen zwei Jahrzehnten alles andere als erfolgreich war und es jedenfalls erwiesen ist, das L&auml;nder, die dieser Glaubenslehre nicht gefolgt sind &ndash; wie etwa die skandinavischen &ndash; erheblich besser gefahren sind.<\/p><p>Dass die verk&uuml;ndeten Lehrs&auml;tze keineswegs so unfehlbar sind, wie die Mehrheit des Sachverst&auml;ndigenrat der ihr mehrheitlich nachplappernden Medien&ouml;ffentlichkeit weis machen will, soll nur an einem Beispiel deutlich gemacht werden:<\/p><p>Die Mehrheit der Vertreter der angebotsorientierten Glaubenslehre h&auml;lt den Mindestlohn f&uuml;r einen &bdquo;Irrweg&ldquo;,  weil gerade eine weitere Auff&auml;cherung der Lohnstruktur &ndash; sprich eine Ausdehnung und weitere Senkung der L&ouml;hne im Niedrigstlohnsektor &ndash; ein &bdquo;essentieller Bestandteil der Therapie&ldquo; sei. &bdquo;Ein Mindestlohn zur Verhinderung einer weiteren Lohnspreizung steht in diametralem Gegensatz zu den Intentionen eines arbeitnehmerseitigen Kombilohns und ist daher strikt abzulehnen.&ldquo; Es gibt also genug Stellen, wenn nur die Arbeitskosten niedrig genug sind, so verk&uuml;ndet das der Rat, wie eine Art Glaubenskongregation. <\/p><p>Doch da gibt es &ndash; &ouml;ffentlich meist ganz unterschlagen &ndash; einen Ketzer: Irgendwo, im Gutachten versteckt, taucht &bdquo;Eine andere Meinung&ldquo; auf.<br>\nDer Sachverst&auml;ndige Peter Bofinger schreibt unter Ziffer 566 des Gutachtens: &bdquo;Ein zentraler Unterschied zur Strategie der Mehrheit besteht in der Einsch&auml;tzung von Mindestl&ouml;hnen.<br>\nDiese werden von der Mehrheit abgelehnt, da f&uuml;r ihr Konzept eine weitere Absenkung<br>\nder L&ouml;hne konstitutiv ist. Wenn man verhindern will, dass immer mehr Vollerwerbst&auml;tige in den<br>\nStatus eines Arbeitslosengeld II-Beziehers geraten, bietet es sich an, gleichsam als &bdquo;Leitplanke&ldquo;<br>\neinen niedrig angesetzten Mindestlohn in H&ouml;he von zum Beispiel 4,50 Euro einzuf&uuml;hren.&ldquo;<br>\nNun kann man trefflich dar&uuml;ber streiten, ob ein Stundenlohn von 4,50 Euro &uuml;berhaupt noch als &bdquo;Mindestlohn&ldquo; oder nicht doch besser als &bdquo;Hungerlohn&ldquo; bezeichnet werden sollte, aber immerhin wird der Glaubensatz der Mehrheit mit der Empirie konfrontiert.<br>\nBofinger: &bdquo;Fast alle empirischen Studien kommen zu dem Ergebnis, dass von Mindestl&ouml;hnen keine nachteiligen Effekte auf die Besch&auml;ftigung ausgehen. Dieser Befund gilt auch f&uuml;r die OECD-Studie (OECD, 1998), die von der Mehrheit als Beleg f&uuml;r die nachteiligen Arbeitsmarktwirkungen von Mindestl&ouml;hnen angef&uuml;hrt wird.&ldquo; (Ziffer 587 nebst Tabelle 49) <\/p><p>Das ist nur ein kleines Beispiel f&uuml;r viele, das erkennen l&auml;sst, <\/p><ul>\n<li>dass die Mehrheit des Sachverst&auml;ndigenrats sich jenseits realer gesellschaftlicher Interessen bewegt,<\/li>\n<li>dass sie h&auml;ufig fernab von jeglicher Empirie und<\/li>\n<li>dass sie ignorant gegen&uuml;ber allen anderen &ouml;konomischen Theorieans&auml;tzen sowie den tats&auml;chlich in anderen L&auml;ndern praktizierten (erfolgreichen und  st&auml;rker nachfrageorientierten) Wirtschaftspolitiken<\/li>\n<\/ul><p>sich in eine dem betriebswirtschaftlichen Denken folgende angebotsorientierte Zirkelargumentation eingeschanzt hat, die f&uuml;r makro&ouml;konomisches Denken keinen Blick mehr hat. Man k&ouml;nnte das an einer Aussage nach der anderen des Mehrheitsvotums durchdeklinieren.<\/p><p>Das Gutachten zeigt<\/p><ul>\n<li>in seinem arroganten Tonfall gegen&uuml;ber demokratischen Prozessen,<\/li>\n<li>in der Verweigerung der Anerkennung von politischen und gesellschaftlichen Realit&auml;ten,<\/li>\n<li>in der fehlenden (wissenschaftlichen) Selbstkritik und Selbstbescheidenheit gegen&uuml;ber den eigenen fr&uuml;heren Fehlurteilen und<\/li>\n<li>in der Erfolglosigkeit der sich immer nur wiederholenden Rezeptur,<\/li>\n<li>in der Verweigerung des Blicks auf alternative Wirtschaftspolitiken anderer L&auml;nder<br>\nalle Z&uuml;ge eines Sektierertums.<\/li>\n<\/ul><p>Sektierer sind bekanntlich Fundamentalisten und  Fundamentalismus ist &ndash; wie wir das gegenw&auml;rtig weltweit erleben &ndash; eine der gr&ouml;&szlig;ten Gefahren f&uuml;r eine vernunftorientierte Politik. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Widerstreitende Interessen &ndash; ungenutzte Chancen&ldquo;, schon der Titel zum diesj&auml;hrigen <a href=\"http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/\">Jahresgutachten des Sachverst&auml;ndigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung<\/a> offenbart ein bedenkliches Demokratie- und Gesellschaftsverst&auml;ndnis.<br \/> Es geh&ouml;rt nun mal zu den Ausgangsbedingungen jeder Gesellschaft, dass es widerstreitende Interessen gibt, das gilt zumal in einer Gesellschaft, in der es eine weit auseinanderklaffende<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1851\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,30],"tags":[537,272,317,312,455],"class_list":["post-1851","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-bofinger-peter","tag-eichel-hans","tag-mindestlohn","tag-reformpolitik","tag-wirtschaftsweise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1851","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1851"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1851\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30476,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1851\/revisions\/30476"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1851"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1851"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}