{"id":18526,"date":"2013-09-06T13:56:29","date_gmt":"2013-09-06T11:56:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18526"},"modified":"2015-08-17T17:21:48","modified_gmt":"2015-08-17T15:21:48","slug":"panik-attacken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18526","title":{"rendered":"Panik-Attacken"},"content":{"rendered":"<p>Die Steuererh&ouml;hungspl&auml;ne von SPD und Gr&uuml;nen sind unzumutbar, weil nicht nur Spitzenverdiener zur Kasse gebeten werden, sondern auch der Mittelstand belastet wird! So t&ouml;nt es inzwischen landauf, landab. Nun hat sich auch die ZEIT in die Phalanx der Panikmacher und auf breitfl&auml;chige Attacke getrimmten Kritiker eingereiht. Von <strong>G&uuml;nther Wierichs<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18526&amp;preview=true\/#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nVor dem TV-Duell zwischen Merkel und Steinbr&uuml;ck am vergangenen Sonntag lie&szlig; Giovanni di Lorenzo in der Hamburger Wochenzeitung verlauten: &bdquo;Wenn die SPD in einer rot-gr&uuml;nen Regierung an die Macht k&auml;me, dann w&uuml;rde es f&uuml;r etliche B&uuml;rger teurer: Sie will den Spitzensteuersatz f&uuml;r Alleinstehende mit einem Jahreseinkommen ab 100.000 Euro auf 49 Prozent erh&ouml;hen, die Abgeltungsteuer f&uuml;r Kapitalertr&auml;ge kr&auml;ftig anheben, auf 32 Prozent, (&hellip;).&ldquo; <em>(Steinbr&uuml;cks letzte Patrone, in: DIE ZEIT v. 29.8.2013)<\/em><\/p><p><strong>Unzumutbare Belastung?<\/strong><\/p><p>Unterziehen wir den von Giovanni di Lorenzo ins Spiel gebrachten Gutverdiener einmal einer n&auml;heren Betrachtung. Zun&auml;chst gilt es, den Begriff &bdquo;Jahreseinkommen&ldquo; zu pr&auml;zisieren. Hiermit ist nicht das Bruttoeinkommen gemeint, sondern das zu versteuernde Einkommen. Es ergibt sich bei Angestellten im Prinzip dadurch, dass man vom Bruttoeinkommen die Werbungskosten (Aufwendungen zur Sicherstellung des Einkommens, zum Beispiel Fahrtkosten zur Arbeitsstelle), Sonderausgaben (zum Beispiel Beitr&auml;ge zur gesetzlichen Rentenversicherung oder Spenden) und au&szlig;ergew&ouml;hnliche Belastungen wie Krankheitskosten oder Unterst&uuml;tzung bed&uuml;rftiger Angeh&ouml;riger abzieht. Das Bruttoeinkommen liegt also deutlich &uuml;ber dem zu versteuernden Jahreseinkommen &ndash; wie hoch, h&auml;ngt von den steuerlichen Gegebenheiten der jeweiligen Person ab, beziehungsweise von seiner Cleverness zur Ausnutzung von &bdquo;Steuertipps&ldquo;, sprich: Steuervermeidungsstrategien. Setzt man einen f&uuml;r alle Steuerpflichtigen geltenden Durchschnittswert f&uuml;r die genannten Abz&uuml;ge an, landet man in unserem Beispiel bei etwa 106.000 Euro Bruttoeinkommen. (Aufgrund der Komplexit&auml;t und Intransparenz unseres Steuersystems sowie der gerade in Kreisen von Besserverdienenden grassierenden Lust an der Steuervermeidung ist jedoch von einem h&ouml;heren Wert auszugehen.) <\/p><p>Aber legen wir ruhig einmal die 106.000 Euro zugrunde. Dann erhalten wir ein monatliches Bruttogehalt von mehr als 8.800 Euro. Davon bleiben bei einem ledigen Angestellten nach Abzug von Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeitr&auml;gen ca. 5.000 Euro netto &uuml;brig. <\/p><p>Wie hoch ist nun die aufgrund der SPD-Steuerpl&auml;ne zu erwartende Mehrbelastung f&uuml;r diesen Arbeitnehmer? Hierzu hat das Karl-Br&auml;uer-Institut des Bundes der Steuerzahler eine Berechnung pr&auml;sentiert, aus der sich bei einem zu versteuernden Einkommen von 100.000 Euro ein zus&auml;tzlicher Steuerbetrag von 1.329 Euro pro Jahr, also 110 Euro im Monat, ergibt. (Jedoch ist hier Vorsicht geboten, denn schlie&szlig;lich geh&ouml;rt der Bund der Steuerzahlen von je her zu den sch&auml;rfsten Steuererh&ouml;hungs-Kritikern.) Trotzdem &ndash; auch wenn man diese Zahl als korrekt und nicht nach oben gepusht akzeptiert, betr&auml;gt die Mehrbelastung in Prozent des Netto-  gehaltes lediglich 2,2 Prozent*. <\/p><p>Unzumutbar? Das muss jeder Betroffene f&uuml;r sich entscheiden. Die Frage ist aber, ob wir eine Gesellschaft wollen, in der sich Arm und Reich immer weiter voneinander entfernen und der Staat systematischen Raubbau an seinem Steuereinnahmenpotenzial betreibt (und damit zunehmend Gestaltungsspielr&auml;ume f&uuml;r Bildung, Infrastruktur und Sozialpolitik preis gibt), oder ob man eine &ndash; in Prozent des Nettoeinkommens gerechnet &ndash; geringe Abgabe aufzubringen bereit ist, um endlich einmal beiden Trends entgegenzuwirken. Denn was die SPD vorhat, ist letztendlich ja nur die geringf&uuml;gige Korrektur einer Entwicklung, die sich in den letzten Jahren im Zeitgeist neoliberalen Denkens vollzogen hat: Auf breiter Front wurden Steuern gesenkt; allein der Einkommensteuer-Spitzensatz fiel von (heute unter Steuersenkungsfetischisten undenkbaren) 53 Prozent im Jahr 1999 auf die inzwischen g&uuml;ltigen 42 Prozent (Ausnahme ist die so genannte &bdquo;Reichensteuer&ldquo; von 45 Prozent ab einem zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro f&uuml;r Ledige beziehungsweise 500.000 Euro f&uuml;r steuerlich zusammen veranlagte Ehepartner).<\/p><p><strong>Steuersubvention f&uuml;r Kapitalertr&auml;ge<\/strong><\/p><p>Kommen wir zum zweiten Punkt, den Giovanni di Lorenzo in seinem ZEIT-Artikel angesprochen hat &ndash; der Kapitalertragsteuer. Seit 2008 gilt hier f&uuml;r alle Kapitalertr&auml;ge, also Zinsen, Dividenden und Kursgewinne, ein &bdquo;Abgeltungsteuerabzug&ldquo; von 25 Prozent (zuz&uuml;glich Solidarit&auml;tszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer). Diesen nimmt die Hausbank eines Kunden bei der Gutschrift von Zinsen und Dividenden und bei der Realisierung von Kursgewinnen vor, sobald der Freistellungsauftrag des Kunden (801 Euro\/Ledige, 1.602 Euro\/steuerlich zusammen veranlagte Ehepartner) &uuml;berschritten wird. Der Charme f&uuml;r Gutbetuchte: Die Besteuerung ist mit diesen 25 Prozent grunds&auml;tzlich &bdquo;abgegolten&ldquo;. Wer einen geringeren Einkommensteuersatz als 25 Prozent hat, kann sich die Differenz zwischen dem Abzug und seiner individuellen Steuerschuld auf Kapitalertr&auml;ge vom Finanzamt zur&uuml;ckholen; Steuerpflichtige mit einem h&ouml;heren Satz m&uuml;ssen nichts nachversteuern. <\/p><p>Nun erdreistet sich die SPD, die 25 Prozent auf 32 Prozent anheben zu wollen. Das macht vor allem die Inhaber hoher Finanzverm&ouml;gen nerv&ouml;s. Die Deutschen haben inzwischen ein Geldverm&ouml;gen von ann&auml;hernd 5.000 Milliarden Euro angeh&auml;uft. Trotz der aktuellen Niedrigzinsphase wird auf diese Summe immer noch ein erklecklicher Zuwachs realisiert. Allein im ersten Quartal 2013 stiegen die Geldverm&ouml;gen um 52 Milliarden Euro, also 1,1 Prozent. Wird dieses Niveau bis Ende des Jahres gehalten, ergibt sich eine Jahresverzinsung von mehr als 4 Prozent. <\/p><p>Ziehen wir nun wieder unseren Gutverdiener hinzu. Es ist durchaus plausibel, wenn man unterstellt, dass dieser &uuml;ber ein Geldverm&ouml;gen in H&ouml;he von 100.000 Euro verf&uuml;gt. Bei einer Jahresverzinsung von 4 Prozent hat er also Kapitalertr&auml;ge von 4.000 Euro und somit als Lediger 4.000 &ndash; 801 = 3.199 Euro [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>] 25 Prozent = 800 Euro an Abgeltungsteuer zu zahlen. Hinzu kommen noch der Solidarit&auml;tszuschlag sowie gegebenenfalls die Kirchensteuer. Sollten nun die SPD-Pl&auml;ne Wirklichkeit werden, w&uuml;rde die Belastung auf einen Abgeltungsteuerbetrag von 1.024 Euro steigen. Das sind 19 Euro pro Monat mehr. Dabei geht die SPD ja l&auml;ngst nicht so weit, eine Gleichbesteuerung von Kapitaleink&uuml;nften und allen andern Eink&uuml;nften einzufordern. L&auml;ge diese vor, w&uuml;rde die Belastung f&uuml;r unser Mitglied im Club der Spitzensteuersatz-Betroffenen knapp 1.344 Euro (bei einer Mehrbelastung von 45 Euro monatlich) ausmachen. <\/p><p>Unserem fiktiven Zeitgenossen werden also voraussichtlich, sollten SPD und Gr&uuml;ne die Wahl gewinnen, unter Ber&uuml;cksichtigung seines Arbeitsverdienstes und seiner Kapitaleink&uuml;nfte insgesamt etwa 130 Euro in der Haushaltskasse fehlen. Wenn man die ZEIT &uuml;brigens weiter durchbl&auml;ttert, st&ouml;&szlig;t man auf Anzeigen von Anbietern renommierter Markenartikel aus dem gehobenen Preissegment: Prada, Fay, Mercedes S-Klasse. F&uuml;r diese Unternehmen sind Steuererh&ouml;hungen bei Besserverdienern pures Gift &ndash; dann d&uuml;rfte sich n&auml;mlich die Anschaffung des n&auml;chsten Dufflecoat oder der n&auml;chsten S-Klasse ein wenig verz&ouml;gern. Oder beide G&uuml;ter werden durch ein preisg&uuml;nstigeres Modell ersetzt.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Anmerkung JB:<\/strong> Der Vollst&auml;ndigkeit halber sei jedoch auch erw&auml;hnt, dass der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bereits jetzt schon wieder Steuersenkungen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/gabriel-rueckt-von-steuererhoehungen-ab-a-917107.html\">ins Spiel bringt<\/a>. Da fragt man sich doch, wie glaubw&uuml;rdig die Pl&auml;ne f&uuml;r potentielle Steuererh&ouml;hungen eigentlich sind. Von einer flankierenden &ndash; und dringend notwendigen &ndash; R&uuml;cknahme der rot-gr&uuml;nen Senkung der Unternehmenssteuern und hier vor allem die R&uuml;cknahme der Steuerbefreiung von Ver&auml;u&szlig;erungsgewinnen beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen wollen &uuml;brigens weder SPD noch Gr&uuml;ne etwas wissen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] G&uuml;nter Wierichs (* 1955) studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte zum Dr. rer. pol. Er arbeitet als Fachleiter am Zentrum f&uuml;r schulpraktische Lehrerausbildung in D&uuml;sseldorf und ist Autor mehrerer Lehrb&uuml;cher, eines Bank- und B&ouml;rsenlexikons sowie zahlreicher Aufs&auml;tze zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] 110 Euro Mehrbelastung auf ein unterstelltes Nettogehalt von 5.000 Euro, also (110 : 5.000) * 100 = 2,2 %.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Steuererh&ouml;hungspl&auml;ne von SPD und Gr&uuml;nen sind unzumutbar, weil nicht nur Spitzenverdiener zur Kasse gebeten werden, sondern auch der Mittelstand belastet wird! So t&ouml;nt es inzwischen landauf, landab. Nun hat sich auch die ZEIT in die Phalanx der Panikmacher und auf breitfl&auml;chige Attacke getrimmten Kritiker eingereiht. 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