{"id":18547,"date":"2013-09-09T10:26:59","date_gmt":"2013-09-09T08:26:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18547"},"modified":"2019-07-11T15:01:32","modified_gmt":"2019-07-11T13:01:32","slug":"menschenrechte-versus-volkerrecht-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18547","title":{"rendered":"Menschenrechte versus V\u00f6lkerrecht?"},"content":{"rendered":"<p>Mit der <a href=\"http:\/\/www.un.org\/depts\/german\/un_charta\/charta.pdf\">Charta der Vereinten Nationen [PDF &ndash; 405 KB]<\/a> versuchten die Staaten am Ende des Zweiten Weltkriegs eine internationale Ordnung zu schaffen, die f&uuml;r immer &ldquo;die Welt vor der Gei&szlig;el des Krieges bewahren&ldquo; sollte (Pr&auml;ambel). Als wichtigste Grunds&auml;tze hierf&uuml;r gelten zwei Artikel. Nach  Artikel 2 Ziff. 4 und Artikel 2 Ziff. 7 der Charta ist Gewalt gegen Staaten also grunds&auml;tzlich tabu. Ebenso auch jede Androhung von Gewalt gegen einen Staat. Einzig Art. 51 bel&auml;sst den Staaten im Falle eines bewaffneten Angriffs &bdquo;das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung.&ldquo; Medien und Politik starren nun allerdings immer &ouml;fter auf Kapitel VII der Charta, das in der Tat &ndash; auch &ndash; milit&auml;rische Zwangsma&szlig;nahmen des Sicherheitsrats (und also explizit nicht etwa einer &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo;, es sei denn, diese ist vom Sicherheitsrat autorisiert) bei &bdquo;Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen&ldquo; zul&auml;sst, wenn Ma&szlig;nahmen zur &bdquo;Friedlichen Beilegung von Streitigkeiten&ldquo; (Kap. VI der Charta) ausgesch&ouml;pft sind.<br>\nSeit der ersten vom Sicherheitsrat legitimierten &bdquo;humanit&auml;ren Intervention&ldquo; im Irak im Jahre 1991 wurde das &bdquo;Interventions-Notwendigkeits-Verst&auml;ndnis&ldquo; weiterentwickelt und als Konzept einer &bdquo;Schutzverantwortung&ldquo; in die v&ouml;lkerrechtliche Debatte eingef&uuml;hrt, ohne allerdings bisher von der Vollversammlung der VN beschlossen worden zu sein.<br>\nGerade wenn es um &bdquo;humanit&auml;re Interventionen&ldquo; geht, sind die beiden wichtigsten Frage daher immer: Wie verl&auml;sslich sind die Informationen, von wem kommen sie? Und: wer verfolgt welche Interessen? Dar&uuml;ber wird jedoch in aller Regel nicht gesprochen. Von <strong>Werner Ruf<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18547#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] und <strong>Jens Wernicke<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18547#foot_1\" name=\"note_2\">**<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nMit der <a href=\"http:\/\/www.un.org\/depts\/german\/un_charta\/charta.pdf\">Charta der Vereinten Nationen [PDF &ndash; 405 KB]<\/a> versuchten die Staaten am Ende des Zweiten Weltkriegs eine internationale Ordnung zu schaffen, die f&uuml;r immer &ldquo;die Welt vor der Gei&szlig;el des Krieges bewahren&ldquo; sollte (Pr&auml;ambel). Als wichtigste Grunds&auml;tze hierf&uuml;r gelten zwei Artikel. N&auml;mlich Artikel 2 Ziff. 4 der Charta, in dem es hei&szlig;t:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabh&auml;ngigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und Artikel 2 Ziff. 7. Hier hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Aus dieser Charta kann eine Befugnis der Vereinten Nationen zum Eingreifen in Angelegenheiten, die ihrem Wesen nach zur inneren Zust&auml;ndigkeit eines Staates geh&ouml;ren, oder eine Verpflichtung der Mitglieder, solche Angelegenheiten einer Regelung auf Grund dieser Charta zu unterwerfen, nicht abgeleitet werden; die Anwendung von Zwangsma&szlig;nahmen nach Kapitel VII wird durch diesen Grundsatz nicht ber&uuml;hrt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Prinzipielle &Auml;chtung des Krieges<\/strong><\/p><p>Gewalt gegen Staaten ist also grunds&auml;tzlich tabu. Ebenso auch jede Androhung von Gewalt gegen einen Staat. Mit dieser &Auml;chtung des Krieges als Mittel der Politik endete die seit Thomas von Aquin (1225 bis 1274) in den internationalen Beziehungen herrschende Lehre vom &bdquo;Gerechten Krieg&ldquo;. Einzig Art. 51 bel&auml;sst den Staaten im Falle eines bewaffneten Angriffs &bdquo;das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung.&ldquo; Doch selbst dieser Bestimmung folgt ein Halbsatz, der bei Verweisen auf den Artikel 51 meist verschwiegen wird: &bdquo;bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Ma&szlig;nahmen getroffen hat.&ldquo; Dies hei&szlig;t, sobald sich der Sicherheitsrat mit dem Konflikt befasst, erlischt auch das Recht auf Selbstverteidigung. Die Verpflichtung zur Herstellung der Ordnung geht auf den Sicherheitsrat &uuml;ber.<\/p><p>Wolfgang Gehrke, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, hat also vollkommen Recht, <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2013\/09-06\/014.php\">wenn er verlauten l&auml;sst<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Eine Milit&auml;rintervention der USA gegen Syrien w&auml;re politisch verheerend, moralisch falsch und v&ouml;lkerrechtswidrig. Bereits mit der Androhung des Angriffs verst&ouml;&szlig;t Pr&auml;sident Obama gegen das V&ouml;lkerrecht, das Bestrafung, Vergeltung oder Abschreckung als Grundlage f&uuml;r Milit&auml;rinterventionen nicht kennt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Medien und Politik starren nun allerdings immer &ouml;fter auf Kapitel VII der Charta, das in der Tat &ndash; auch &ndash; milit&auml;rische Zwangsma&szlig;nahmen des Sicherheitsrats (und also explizit <strong><em>nicht<\/em><\/strong> etwa einer &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo;, es sei denn, diese ist vom Sicherheitsrat autorisiert) bei &bdquo;Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen&ldquo; zul&auml;sst. &Uuml;bersehen oder &uuml;bergangen wird hierbei jedoch, dass die Vereinten Nationen in Kap. VI der Charta ein ganzes Arsenal von Ma&szlig;nahmen zur &bdquo;Friedlichen Beilegung von Streitigkeiten&ldquo; besitzen. Diese sollen (und k&ouml;nnten) zun&auml;chst ausgelotet werden, bevor zu gewaltf&ouml;rmigen Ma&szlig;nahmen gegriffen wird. <\/p><p>Soweit zumindest die Theorie und das V&ouml;lkerrecht. Denn auch im Zeitalter der Bipolarit&auml;t gab es immer wieder mehr oder weniger zumindest indirekte Interventionen in die Angelegenheiten anderer Staaten wie beispielsweise die Unterst&uuml;tzung der nicaraguanischen Contras durch die USA oder die so genannte Breschnew-Doktrin von der &bdquo;eingeschr&auml;nkten Souver&auml;nit&auml;t der sozialistischen Staaten&ldquo;, die die Intervention der Warschauer Vertragsstaaten legitimieren sollte. <\/p><p><strong>&bdquo;Humanit&auml;re Intervention&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die erste vom Sicherheitsrat legitimierte &bdquo;humanit&auml;re Intervention&ldquo; findet sich jedoch erst im Augenblick des Austritts der ehemaligen Sowjetunion aus der Weltgeschichte, in jener Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats vom 5. April 1991, die den Irak dazu verurteilte, &bdquo;internationalen humanit&auml;ren Organisationen sofortigen Zugang zu allen hilfsbed&uuml;rftigen Personen in allen Teilen des Landes&ldquo; zu gew&auml;hren. <\/p><p>Damit wurde erstmals Art. 2.7 au&szlig;er Kraft gesetzt, denn hier wurde die Erm&auml;chtigung gegeben, in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedsstaates einzugreifen. USA, Frankreich und Gro&szlig;britannien verf&uuml;gten denn auch &ndash; allerdings einseitig und ohne Beschluss des Sicherheitsrats &ndash; sogenannte Flugverbotszonen mit der fadenscheinigen Begr&uuml;ndung, dies sei f&uuml;r die Sicherung des Zugangs der Hilfsorganisationen notwendig. <\/p><p>Seither hat das &bdquo;Recht hat auf humanit&auml;re Intervention&ldquo; eine steile Karriere hinter sich gebracht. H&ouml;hepunkte der Argumentation f&uuml;r ein solches Recht waren bisher der V&ouml;lkermord in Ruanda und der von der UN nicht autorisierte Krieg gegen (Rest-)Jugoslawien. Heute wissen wir, dass Frankreich an der Vorbereitung der Schl&auml;chtereien in Ruanda erheblichen Anteil hatte[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">1<\/a>] und dass jenes &bdquo;Massaker von Racak&ldquo; im Kosovo, das zum Ausl&ouml;ser des Krieges gemacht wurde, nichts anderes als eine gezielte Inszenierung zur Kriegslegitimation war. Dies hat der deutsche General Heinz Loquai, der als OSZE-Beobachter vor Ort war, in zwei B&uuml;chern eindr&uuml;cklich beschrieben. Erinnern m&uuml;ssen wir uns aber auch an jene Horrorszenarien, die irakische Soldaten zeigten, wie sie in Kuweit Babys aus ihren Brutk&auml;sten rissen und zertrampelten &ndash; und die nichts anderes als die &uuml;ble Inszenierung einer PR-Firma waren, um vor dem US-Kongress, in der die Tochter des kuweitischen Botschafters als Kronzeugin und Krankenschwester auftrat, Kriegszustimmung zu erheischen. Die Show wirkte und der Kongress stimmte dem Krieg gegen Saddam Hussein &ndash; &bdquo;dem neuen Hitler&ldquo;, wie er damals oft genannt wurde &ndash; zu.<\/p><p><strong>Responsibility to Protect<\/strong><\/p><p>Inzwischen wurde das &bdquo;Interventions-Notwendigkeits-Verst&auml;ndnis&ldquo; weiterentwickelt und als Konzept einer &bdquo;Schutzverantwortung&ldquo; (Responsibility to Protect, kurz R2P) in die v&ouml;lkerrechtliche Debatte eingef&uuml;hrt. Dieses unter Vorsitz des kanadischen Au&szlig;enministers entwickelte Konzept wurde von der Vollversammlung der Vereinten Nationen behandelt, aber <em><strong>nicht<\/strong><\/em> &ndash; wie von interessierte Seite immer wieder behauptet wird &ndash; beschlossen, sondern an den Sicherheitsrat &uuml;berwiesen, der sich bisher jedoch noch nicht explizit darauf berufen hat. Selbst in seiner Resolution 1973, die die Flugverbotszonen &uuml;ber Libyen verf&uuml;gte, hat er sich nicht ausdr&uuml;cklich auf dieses Konzept berufen, auch wenn er eine zentrale Formel des Konzepts in die Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Erlaubnis der Gewaltanwendung gegen Libyen &uuml;bernahm, n&auml;mlich die Berufung auf eine &bdquo;Schutzverantwortung&ldquo;, die dann eintrete, wenn &bdquo;Staaten nicht in der Lage oder willens sind, die eigene Bev&ouml;lkerung zu sch&uuml;tzen&ldquo;. <\/p><p>Dass dann die Interventionsm&auml;chte Frankreich und England nicht etwa nur eine &bdquo;Flugverbotszone&ldquo; einrichteten, sondern sofort libysche Truppen am Boden bombardierten, dass in den Medien gierig z.B. die Behauptung des qatarischen Sender al-jazeera aufgegriffen wurde, Gaddhafi habe an seine Truppen Potenzmittel verteilt, damit sie Massenvergewaltigungen begehen sollten. All das diente franz&ouml;sischen und britischen Interessen, die in der aktiven und durchaus erfolgreichen Afrika-Politik Gaddhafis ihre neokolonialen Positionen gef&auml;hrdet sahen. Deshalb mutierte die &bdquo;Einrichtung einer Flugverbotszone&ldquo; auch sofort zu einem Angriffskrieg gegen Libyen. Das Mandat des Sicherheitsrates wurde jedenfalls weit &uuml;berschritten. <\/p><p>Das ging sogar so weit, dass die inzwischen l&auml;ngst widerlegten Behauptungen vom Chefankl&auml;ger des Internationalen Strafgerichtshofs Moreno Ocampo in den internationalen Haftbefehl gegen Gaddhafi &uuml;bernommen wurden. Wie viele Zivilisten dann in den Bombenkriegen gegen Jugoslawien oder Libyen umgebracht wurden &ndash; im letzteren Falle soll sich die Zahl der Opfer auf bis zu 100.000[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">2<\/a>] belaufen &ndash; interessiert inzwischen aber kaum noch jemand. <\/p><p>Wenn es um humanit&auml;re Interventionen geht, sind die beiden wichtigsten Frage daher immer: Wie verl&auml;sslich sind die Informationen, von wem kommen sie? Und: wer verfolgt welche Interessen? Dar&uuml;ber wird jedoch in aller Regel nicht gesprochen. Warum sind die Schl&auml;chtereien im Ost-Kongo, bei denen in den letzten Jahren weit mehr als 100.000 Menschen grausam zu Tode kamen, kein Thema. Warum wurden Hussein und Gaddhafi, die langj&auml;hrigen Freunde des Westens, pl&ouml;tzlich zu den schlimmsten Diktatoren der Welt, gegen die es das Menschenrecht zu verteidigen galt? Nicht vielleicht doch, weil es dort auch um &bdquo;unser&ldquo; Erd&ouml;l und &bdquo;unser&ldquo; Coltan oder um geostrategische Interessen ging? Warum wurde der Einsatz von wei&szlig;em Phophor in Falludja (Irak) sowie im Gaza-Streifen nicht als Kriegsverbrechen benannt? Was war mit dem Einsatz von Napalm und Agent Orange in Vietnam, unter dessen das Erbgut ver&auml;ndernden Folgen die Menschen dort heute noch leiden?<\/p><p><strong>Internationale Interessen und &ouml;ffentliche Desinformation <\/strong><\/p><p>In der Hysterie der Debatte und der Produktion von (Des-)Informationen zu Syrien herrscht inzwischen l&auml;ngst die Formel &bdquo;Der Diktator ermordet sein Volk&ldquo; vor. Niemand stellt sich die Frage, warum er das denn wollen, und welchen Sinn das &ndash; auch f&uuml;r diesen Diktator &ndash; denn &uuml;berhaupt machen sollte. Richtig ist zwar, dass die Revolten in Syrien nach demselben Schema begannen wie in den &uuml;brigen arabischen L&auml;ndern. Die Menschen forderten W&uuml;rde: Brot, sauberes Wasser, menschenw&uuml;rdige Behausungen &ndash; und Freiheit. Die Repressionen des Regimes hieraufhin war f&uuml;rchterlich (ganz wie der in Bahrein von den Saudis niedergewalzte Aufstand, der bezeichnenderweise weder bei al jazeera noch in den westlichen Medien Beachtung fand). Erwiesen ist jedoch auch, dass sp&auml;testens seit Mai 2011 Saudi-Arabien und Qatar die Aufst&auml;ndischen in Syrien mit Geld und teils schweren Waffen versorgen.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">3<\/a>] Nach Angaben des UN-Sondergesandten f&uuml;r Syrien, Lakhdar Brahime, befinden sich derzeit &bdquo;nicht weniger als 30.000 bis 40.000 ausl&auml;ndische K&auml;mpfer&ldquo; in Syrien.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">4<\/a>]<\/p><p>Tats&auml;chlich geht es hier um eine Vielzahl verschiedener Interessen: Die T&uuml;rkei hegt neo-osmanische Tr&auml;ume von einer Herrschafts- oder Einflusserweiterung, vor allem aber stellen die Kurden eine Herausforderung dar, die im Irak eine quasi-staatliche Autonomie erhalten und im Norden Syriens eine Selbstverwaltung aufgebaut haben. Russland verf&uuml;gt im syrischen Tartous &uuml;ber den einzigen Kriegshafen au&szlig;erhalb des Gebiets der ehemaligen Sowjetunion. Eine zentrale Rolle spielt &uuml;berdies der Iran, der mit dem herrschenden syrischen Regime eng verbunden ist: Der Sturz Assads w&auml;re ein schwerer Schlag f&uuml;r Teheran. Qatar verfolgt das Projekt zum Bau einer Pipeline mit dem Ziel des Anschlusses an das gro&szlig;e Pipeline-Projekt Nabucco, das Gas vom Kaspischen Meer nach Europa transportieren soll. Vor allem aber unterst&uuml;tzen und finanzieren Saudi-Arabien und Qatar dhjihadistische Gruppen, die inzwischen &ndash; obwohl teilweise untereinander zerstritten &ndash; in Syrien einen entscheidenden Gewaltfaktor darstellen.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">5<\/a>] Dabei instrumentalisieren die Despotien am Golf die Gegens&auml;tze zwischen Schiiten (Assad, Iran) und Sunniten und versuchen so, religi&ouml;sen Fanatismus zu f&ouml;rdern und f&uuml;r ihre Interessen einzusetzen.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">6<\/a>] <\/p><p><strong>&bdquo;Gut gegen B&ouml;se&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das Schema aber, das uns als Erkl&auml;rung angeboten wird, ist einfach und zudem immer aufs Neue recyclebar: Es gilt, einen &bdquo;B&ouml;sen&ldquo; zu entfernen, dessen Vernichtung die Welt wieder zum Guten wenden w&uuml;rde. Zur Rechtfertigung hat man sogar Hitler immer wieder auferstehen lassen: Zuerst am Nil (Nasser), dann in Bagdad (Saddam Hussein) und schlie&szlig;lich in Belgrad (Milosevic). Diese Drohkulissen und Bedrohungsszenarien erkl&auml;ren nichts, sondern verschleiern vielmehr die Interessen, die hinter jedem Konflikt wirklich stehen, vor allem aber: Sie verharmlosen im Nachhinein den deutschen Faschismus &ndash; und dienen allzu oft als Totschlagargument, warum Krieg nun &bdquo;doch&ldquo; wieder (und damit sind wir wieder bei Thomas von Aquin angekommen) als &bdquo;gerecht&ldquo; anzusehen sein soll! Denn Gut und B&ouml;se, das sind moralische Kategorien, mit denen man Menschen mobilisieren und ihre Zustimmung erreichen kann. Sie haben allerdings nichts mit Recht zu tun. Solche moralischen Begr&uuml;ndungen fordern &bdquo;Bestrafung&ldquo;, ja Rache: Beides Begriffe, die es im V&ouml;lkerrecht nicht gibt. Die moralisierende Keule wird dazu benutzt, dass nicht mehr gefragt werden muss, wer in Konflikten wie in Syrien aus welchen Gr&uuml;nden agiert: Die Interessen der untergr&uuml;ndigen Hauptakteure Saudi-Arabien, Qatar, T&uuml;rkei werden nicht mehr hinterfragt, sondern hinter  humanit&auml;rem Pathos trefflich versteckt.<\/p><p><strong>Soziale Ursachen<\/strong><\/p><p>So hat tats&auml;chlich auch der Ausbruch des Konflikts in Syrien im Kern <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/39\/39413\/1.html\">soziale Ursachen<\/a>: Ab 2005 begann das dortige Regime auch unter dem Druck des IWF mit liberalen Reformen und Strukturanpassungen wie insbesondere der Streichung von Subventionen. Dies hatte eine rapide Verarmung vor allem der ohnehin bereits verarmten Landbev&ouml;lkerung zur Folge und nutzte der kleinen &ndash; sunnitischen &ndash; Bourgeoisie, die noch immer fest hinter Assad steht. Dies zeigt, dass auch g&auml;ngige Interpretation eines konfessionellen Konflikts: Sunniten gegen Schiiten (und Christen) nur bedingt zutrifft. Zugleich geht es den Despotien am Golf im Machtkampf im und um den Nahen Osten aber auch um den Sturz der s&auml;kularen Regime, also vor allem Tunesien, &Auml;gypten, Irak, Syrien, Libanon, und Algerien, und die Ausbreitung der reaktion&auml;ren Variante des auf der Arabischen Halbinsel herrschenden wahabitischen Islam. Seine Verbreitung von Tunesien &uuml;ber Libyen und &Auml;gypten bis in den Nahen Osten erscheint den Saudis offenbar als Basis f&uuml;r die Sicherung ihres despotischen Systems. Gerade unter dem Menschenrechtsaspekt erscheint es daher grotesk, dass Saudi-Arabien und Qatar sich hier als Vork&auml;mpfer der Befreiung von Diktaturen gerieren, w&auml;hrend der Westen &uuml;ber die in diesen L&auml;ndern allt&auml;glich stattfindenden Menschenrechtsverletzungen gro&szlig;z&uuml;gig hinwegsieht. Nicht zuf&auml;llig erkl&auml;rt Verteidigungsminister de Maizi&egrave;re deshalb wohl auch: &bdquo;Saudi-Arabien ist ein Anker der Stabilit&auml;t.&ldquo;[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">7<\/a>]<\/p><p><strong>Krieg f&uuml;r die Menschen(-rechte)?<\/strong><\/p><p>Die bitteren geschichtlichen Erfahrungen mit &bdquo;humanit&auml;ren Interventionen&ldquo; in der letzten Dekade sollten uns allen eine Lehre sein: Afghanistan (nach Abzug der Kampftruppen), Irak und Libyen sind heute zerfallende Staaten, in denen anarchische Gewalt herrscht, sie sind zu Horten des angeblich bek&auml;mpften internationalen Terrorismus geworden. Es scheint so, als h&auml;tten unsere politisch Verantwortlichen noch nicht einmal den preu&szlig;ischen Kriegstheoretiker Clausewitz gelesen: Denn wenn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, dann ist heute mehr denn je zu fragen, welche politischen Ziele tats&auml;chlich mit Kriegen verfolgt werden, die die Menschenrechte als Begr&uuml;ndung bem&uuml;hen.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"360\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"http:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/b0hP0CBzYNo?feature=player_detailpage\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"display:block;text-align:center;\"><strong>(Russland hat Eigeninteressen, die USA haben sie nicht)<\/strong><br>\n<strong>ZDF: &ldquo;Obama geht es in Syrien ja nur um die Menschenrechte&rdquo;<\/strong><\/p><p>Denn: Gerade wenn es um Menschenrechte ginge, m&uuml;sste Diplomatie zum Einsatz kommen, m&uuml;ssten alle au&szlig;enpolitischen Mittel genutzt werden, dann m&uuml;sste verhandelt werden &ndash; und zwar auch mit den indirekt Beteiligten wie T&uuml;rkei und Iran. Vor allem m&uuml;sste die aktive Unterst&uuml;tzung jener ausl&auml;ndischen K&auml;mpfer durch Saudi-Arabien, Qatar und die T&uuml;rkei beendet werden, die nichts anderes als eine schlecht verdeckte ausl&auml;ndische Intervention darstellt. <\/p><p>Festzuhalten ist: Die bisherigen Milit&auml;rinterventionen, meist getarnt als &bdquo;humanit&auml;re Interventionen&ldquo;, zeigen in aller Deutlichkeit, dass sie nicht nur ein Vielfaches an Menschenleben gekostet haben, sie haben f&uuml;r die dortige Bev&ouml;lkerung auch in keiner Weise L&ouml;sungen, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit etc. gebracht, sondern L&auml;nder wie Afghanistan, Irak, Libyen in ein Chaos rivalisierender Milizen und radikaler K&auml;mpfer gest&uuml;rzt, das t&auml;glich hohe Opfer gerade auch unter der Zivilbev&ouml;lkerung fordert. <\/p><p><strong>Gr&uuml;nde und Bedingungen hinterfragen<\/strong><\/p><p>Und: Wollte man das Menschenrechtsargument wirklich ernst nehmen, dann m&uuml;sste man bei den strukturellen Gewaltverh&auml;ltnissen beginnen, die unseren Planeten beherrschen: So benennt die Europ&auml;ische Sicherheitsstrategie (ESS 2003) Hunger und Elend als Ursachen der Gewalt: Wenn j&auml;hrlich 45 Mio. Menschen an Hunger sterben, wenn alle zehn Sekunden ein Kind an Hunger stirbt, dann leben wir in einer Welt, die Jean Ziegler zu Recht eine &bdquo;kannibalische Ordnung&ldquo; nennt. So zieht dann die ESS aus ihrer zutreffenden Lageanalyse die Folgerung, dass Elend Instabilit&auml;t verursacht, weshalb man &bdquo;pr&auml;ventiv intervenieren&ldquo; (die UN-Charta l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en) m&uuml;sse, um &bdquo;Schlimmeres zu verh&uuml;ten&ldquo;. So gesehen m&uuml;sste die humanit&auml;re Intervention schon an den Getreideb&ouml;rsen beginnen, wo, wenn beispielsweise in Somalia eine Hungersnot ausbricht, die Weizenpreise auf das Drei- oder Vierfache steigen. <\/p><p><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"475\" frameborder=\"0\" src=\"http:\/\/johnbeieler.org\/protest_mapping\/\"><\/iframe><\/p><p style=\"display:block;text-align:center;\"><strong>Visualization of every protest on the planet since 1979<\/strong><\/p><p>Die Instrumentalisierung von Elend und Gewalt, die Ursachen der arabischen Revolten waren und auch in Syrien die ersten Proteste ausl&ouml;sten, kann keine L&ouml;sung sein. Wer die Welt verbessern will, muss die Ursachen der Konflikte bek&auml;mpfen, nicht ihre Folgen erschie&szlig;en &ndash; ganz gleich, wer gerade als &bdquo;der B&ouml;se&ldquo; erkoren wird. Das aber hie&szlig;e, den Kampf gegen die &bdquo;kannibalische Ordnung&ldquo; des Neoliberalismus bei uns zu beginnen. Sonst bleibt die b&ouml;se Vermutung, die Berufung auf die Menschenrechte diene nur der Aush&ouml;hlung des bestehenden V&ouml;lkerrechts um &ndash; ganz in der Tradition der &bdquo;gerechten Kriege&ldquo; &ndash; die Gewalt wieder zum Mittel der Politik zu machen und Kriege dann wieder f&uuml;hrbar zu machen, wenn sie im Interesse der m&auml;chtigen Staaten und der dort herrschenden Interessen liegen. Das (selektive!) Beschw&ouml;ren der Menschenrechte entpuppt sich letztlich als durchsichtiges Man&ouml;ver, das Krieg in der &Ouml;ffentlichkeit wieder legitimieren soll.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.werner-ruf.net\/\">Werner Ruf<\/a> ist emeritierter Professor mit dem Arbeitsschwerpunkt Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Au&szlig;enpolitik.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] Jens Wernicke ist Kultur- und Medienwissenschaftler sowie freier Journalist und hat &uuml;ber das Thema <a href=\"http:\/\/www.medienverantwortung.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/Wernicke_Forschungsarbeit-Feindschaft.pdf\">Kriegspropaganda und -rhetorik [PDF &ndash; 2.0 MB]<\/a> gearbeitet.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;1<\/a>] Schmid, Bernhard: Frankreich in Afrika, M&uuml;nster 2011, insbes. S. 95 &ndash; 135. S. auch Grund, Sabine: Ruanda: Der zweifache V&ouml;lkermord. In: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und Internationale Politik Heft 5\/2008, S. 22 &ndash; 24. Sehr informativ auch <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/international\/rwanda-genocide-french-role-in-slaughter-under-investigation-a-444361.html\">hier<\/a>. [05-09-13].<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.ibtimes.co.uk\/articles\/237895\/20111026\/libya-conflicting-death-toll-raises-questions-about-what-truly-happened.htm\">So die in London erscheinende International Business Times<\/a> [06-09-13].<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;3<\/a>] Jay, Paul: Was ist los mit Al Jazeera? In: Inamo Nr. 70, Sommer 2012, S. 43 &ndash; 46.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.dailystar.com.lb\/News\/Middle-East\/2013\/Apr-24\/214833-brahimi-tells-security-council-syria-situation-hopeless.ashx#axzz2eDDY43RS\">The Daily Star &ndash; Brahimi tells Security Council: Syria situation hopeless<\/a> [06-09-13].<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.crisisgroup.org\/~\/media\/Files\/Middle%20East%20North%20Africa\/Iraq%20Syria%20Lebanon\/Syria\/131-tentative-jihad-syrias-fundamentalist-opposition.pdf\">International Crisis Group: Tentativ jihad: Syria_s Fundamentalist opposition. Middle East Report Nr. 131, 12. October 2012. [PDF &ndash; 3.1 MB]<\/a> [06-09-13].<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;6<\/a>] Ausf&uuml;hrlicher dazu s. Ruf, Werner: Revolution und Konterrevolution in Nahost. In: Edlinger, Fritz\/ Kraitt, Tyma (Hrsg.): Syrien. Hintergr&uuml;nde, Analysen, Berichte. Promedia Wien, 2013, S. 157 &ndash; 174.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/panzer-deal-regierung-nennt-saudi-arabien--stabilitaetsanker-,1472596,8652296.html\">FR-Online &ndash; Panzer-Deal &ndash; Regierung nennt Saudi-Arabien &ldquo;Stabilit&auml;tsanker&rdquo;<\/a> [06-09-13]. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der <a href=\"http:\/\/www.un.org\/depts\/german\/un_charta\/charta.pdf\">Charta der Vereinten Nationen [PDF &ndash; 405 KB]<\/a> versuchten die Staaten am Ende des Zweiten Weltkriegs eine internationale Ordnung zu schaffen, die f&uuml;r immer &ldquo;die Welt vor der Gei&szlig;el des Krieges bewahren&ldquo; sollte (Pr&auml;ambel). Als wichtigste Grunds&auml;tze hierf&uuml;r gelten zwei Artikel. 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