{"id":1855,"date":"2006-11-10T17:35:07","date_gmt":"2006-11-10T16:35:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1855"},"modified":"2019-02-15T13:17:51","modified_gmt":"2019-02-15T12:17:51","slug":"christoph-butterwegge-krise-und-zukunft-des-sozialstaats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1855","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Krise und Zukunft des Sozialstaats."},"content":{"rendered":"<p>Thesen zur Sozialpolitik der Gro&szlig;en Koalition.<br>\n&ldquo;Sozialpolitik paradox &ndash; gro&szlig;z&uuml;gig und kleinkariert&rdquo; &ndash; so betitelt Christoph Butterwegge seine Bilanz der Gro&szlig;en Koalition nach einem Jahr. Der K&ouml;lner Politikwissenschaftler und Armutsforscher legt die dritte Auflage seines Erfolgsbuches <a href=\"http:\/\/www.vs-verlag.de\/index.php;do=show\/site=w\/book_id=10317\/sid=12f7d6f65d36b20d07e62c85ba9fcd62%20\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.vs-verlag.de\/index.php;do=show\/site=w\/book_id=10317\/sid=12f7d6f65d36b20d07e62c85ba9fcd62 \">&bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo;<\/a> vor, in dem er eine umfassende, aktuelle, kritische und vor allem faktenreiche Bestandsaufnahme der deutschen Sozialpolitik und zudem eine erste kritische Zwischenbilanz der Regierung Merkel\/M&uuml;ntefering zieht. Zentrale These des Autors: <\/p><blockquote><p>Der Sozialstaat wird seit Mitte der 1970er Jahre restrukturiert und demontiert, obwohl er weder Verursacher der damaligen Weltwirtschaftskrise oder der bis heute dauernden Besch&auml;ftigungskrise war, noch aus seinem Um- bzw. Abbau irgendein Nutzen f&uuml;r die wirtschaftliche oder gesellschaftliche Entwicklung des Landes erw&auml;chst.<\/p><\/blockquote><p>Gemeinsam mit Norbert Bl&uuml;m und Oskar Lafontaine pr&auml;sentierte Christoph Butterwegge die Neuauflage. Von Christoph Butterwegge.<br>\n<!--more--><\/p><p>Insgesamt erscheine die schwarz-rote Reformpolitik weniger spektakul&auml;r als die mit dem Namen von Peter Hartz verbundene Arbeitsmarktreform, wirke subtiler als diese und habe manchmal auch st&auml;rker St&uuml;ckwerkcharakter, sie sei aber keineswegs sozial gerechter, sagt Butterwegge. Denn die CDU\/CSU\/SPD-Regierung verteile gro&szlig;z&uuml;gige Steuergeschenke an die &bdquo;oberen Zehntausend&ldquo;, w&auml;hrend sie vor allem gegen&uuml;ber den Unterschichten zugekn&ouml;pft und kleinkariert agiere. Butterwegge bef&uuml;rchtet, dass die &bdquo;kleinen Leute&ldquo; zu den Verlierern der Gro&szlig;en Koalition geh&ouml;ren.<br>\nN&ouml;tig w&auml;re nach seiner &Uuml;berzeugung eine Kurskorrektur, die wieder f&uuml;r mehr Gerechtigkeit sorgen und eine gleichm&auml;&szlig;igere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zum Ziel haben m&uuml;sse. Wenn die Regierung Merkel\/M&uuml;ntefering scheitere und die Massenarbeitslosigkeit nicht dauerhaft sinke, werde der Ruf nach dem &bdquo;starken Mann&ldquo; lauter als bisher erschallen. Mit der schwarz-gelben, der rot-gr&uuml;nen und der schwarz-roten Koalition seien fast alle Farbkombinationen im Regierungsalltag &bdquo;erprobt&ldquo; worden, was die Gefahr erh&ouml;he, dass sich rechtsextreme bzw. rechtspopulistische Tendenzen verst&auml;rkten. <\/p><p><strong>Christoph Butterwegge<\/strong><\/p><p>Mehr Freiheit durch weniger Sicherheit, Gleichheit und Gerechtigkeit?<br>\nThesen zur Wohlfahrtsstaatsentwicklung und zur Sozialpolitik der Gro&szlig;en Koalition<\/p><p>Bei der gegenw&auml;rtigen &bdquo;Umbau&ldquo;-Diskussion handelt es sich um den umfassendsten Angriff auf den Sozialstaat in seiner jahrzehntelang gewohnten Gestalt. Daraus erw&auml;chst eine gesellschaftspolitische Richtungsentscheidung von historischer Tragweite. Auf der politischen Agenda steht nicht etwa nur weniger, sondern ein anderer Staat. Es geht also keineswegs um die Liquidation des Sozialstaates, vielmehr um seine Reorganisation nach einem Konzept, das Leistungsreduktionen (z.B. &bdquo;Nullrunden&ldquo; f&uuml;r Rentner\/innen), eine Versch&auml;rfung der Anspruchsvoraussetzungen (z.B. Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters) bzw. eine Verk&uuml;rzung der Bezugszeiten (z.B. von Arbeitslosengeld) sowie die Reindividualisierung, &Ouml;konomisierung und Privatisierung sozialer Risiken beinhaltet.<\/p><p>Wahrscheinlich erlahmte die &ouml;ffentliche Debatte dar&uuml;ber mit Bildung der Gro&szlig;en Koalition deshalb, weil die Zweidrittelmehrheit von CDU\/CSU und SPD kaum Raum f&uuml;r Initiativen der Opposition lie&szlig; und sich im Parlament nicht mehr zwei fast gleich starke Machtbl&ouml;cke gegen&uuml;berstanden. Auch die journalistischen Meinungsf&uuml;hrer verkeilten sich unabh&auml;ngig von ihrer &bdquo;Lagerzugeh&ouml;rigkeit&ldquo; nicht mehr so wie fr&uuml;her ineinander, was auf den Parteienstreit m&auml;&szlig;igend wirkte, die gesellschaftspolitischen Kontroversen aber weniger spannend machte. Au&szlig;erparlamentarisch gab es weniger Bewegungen und Aktionen wie die sich allm&auml;hlich verlaufenden Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, denn die an der Regierung beteiligten Volksparteien banden einen Gro&szlig;teil des Protestpotenzials an sich oder neutralisierten es zumindest weitgehend.<\/p><p>Dass die Vorschusslorbeeren, mit denen man Angela Merkel bei ihrem Amtsantritt als Bundeskanzlerin und nach ihren ersten &ouml;ffentlichen Auftritten vor allem auf diplomatischem Parkett bedachte, schnell welkten und die Gro&szlig;e Koalition ihren Kredit bei einer &uuml;berwiegenden Bev&ouml;lkerungsmehrheit geradezu im Rekordtempo verspielt hat, d&uuml;rfte mit der Art und Weise zu tun haben, wie sie den rot-gr&uuml;nen Reformkurs im Sozialbereich noch versch&auml;rfte und die Umverteilung von unten nach oben fortsetzte. Die schwarz-roten Reformen sind von zahlreichen Br&uuml;chen und Widerspr&uuml;chen gekennzeichnet. Weder l&auml;sst sich in der Sozialpolitik bisher eine klare Linie erkennen, noch wird sie konsequent durchgehalten. Da sucht man mit den Sozialversicherungsbeitr&auml;gen die Lohnnebenkosten zu senken, kompensiert aber die Senkung der Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung zum 1. Januar 2007 durch eine nur unwesentlich geringere Erh&ouml;hung der Rentenversicherungs- und Krankenkassenbeitr&auml;ge. Man will angeblich &bdquo;versicherungsfremde&ldquo; Leistungen wie die beitragsfreie Mitversicherung der Kinder st&auml;rker &uuml;ber Steuern finanzieren, streicht den Krankenkassen aber gleichzeitig bisher gew&auml;hrte Zusch&uuml;sse aus der Tabaksteuer und erh&ouml;ht ihre laufenden Kosten durch die Anhebung der Mehrwertsteuer. Vizekanzler M&uuml;ntefering, im Bermudadreieck zwischen Mindestl&ouml;hnen, Kombil&ouml;hnen und Zuverdienstgrenzen beim Alg II steckend, dachte laut &uuml;ber deren Senkung nach, um die gro&szlig;e Zahl der aufstockenden Geringverdiener\/innen einzud&auml;mmen, obwohl die damals noch von ihm selbst gef&uuml;hrte Mehrheitsfraktion des Bundestages die entsprechenden Freibetr&auml;ge erst zum 1. Oktober 2005 angehoben hatte, um Langzeitarbeitslosen gr&ouml;&szlig;ere finanzielle Anreize zur Arbeitsaufnahme zu geben, usw.<\/p><p>Insgesamt erscheint die schwarz-rote Reformpolitik weniger spektakul&auml;r als die mit dem Namen von Peter Hartz verbundene Arbeitsmarktreform, wirkt subtiler als diese und hat manchmal auch st&auml;rker St&uuml;ckwerkcharakter, sie ist aber keineswegs sozial gerechter. Denn die CDU\/CSU\/SPD-Regierung verteilt gro&szlig;z&uuml;gige Steuergeschenke an die &bdquo;oberen Zehntausend&ldquo;, w&auml;hrend sie vor allem gegen&uuml;ber den Unterschichten zugekn&ouml;pft und kleinkariert agiert. Zu bef&uuml;rchten ist gleichzeitig, dass die &bdquo;kleinen Leute&ldquo; zu den Verlierern der Gro&szlig;en Koalition geh&ouml;ren werden; Hauptleidtragende d&uuml;rften Rentner\/innen, (Langzeit-)Arbeitslose, Sozialhilfebezieher\/innen, Studierende, Sch&uuml;ler\/innen und die Familien von Geringverdiener(inne)n sein. Wohin ein Kurs der Spaltung in Gewinner und Verlierer\/innen zusammen mit einer ausgepr&auml;gten sozialr&auml;umlichen Segregation (Gettoisierung) f&uuml;hren kann, haben die oft als &bdquo;Jugendkrawalle&ldquo; missdeuteten Gewaltakte marginalisierter Bewohner der franz&ouml;sischen Banlieues im Oktober\/November 2005 gezeigt.<\/p><p>Hierzulande entstand zur selben Zeit eine Regierungskoalition gegen den Sozialstaat, der nicht nur f&uuml;r die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich, sondern auch zum S&uuml;ndenbock einer falschen Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik der etablierten Parteien gemacht wird. Nach neoliberaler Lesart erh&ouml;ht die Freiheit von Wirtschaftssubjekten, die unternehmerisch t&auml;tig sind, automatisch den gesellschaftlichen Wohlstand. F&uuml;r leistungsunf&auml;hige bzw. -unwillige Mitglieder der Gesellschaft bringt sie eine gr&ouml;&szlig;ere Marktabh&auml;ngigkeit und geringere Existenzsicherheit mit sich. Weniger Sozialstaat bedeutet allerdings mitnichten mehr Freiheit, sondern gr&ouml;&szlig;ere Ungleichheit, mehr soziale Ungerechtigkeit und wachsende Unzufriedenheit in der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Legitimiert durch den in Fach- und Medien&ouml;ffentlichkeit st&auml;ndig wiederholten Hinweis auf Sachzw&auml;nge haushaltspolitischer Art bzw. tiefgreifende gesellschaftliche Wandlungsprozesse (Globalisierung sowie &bdquo;Vergreisung&ldquo; und &bdquo;Schrumpfung&ldquo; der Bev&ouml;lkerung durch die demografische Entwicklung) einerseits sowie eine sukzessive Umdeutung des Gerechtigkeitsbegriffs (von der Bedarfs- zur &bdquo;Leistungsgerechtigkeit&ldquo;, der Verteilungs- zur &bdquo;Teilhabegerechtigkeit&ldquo; und der sozialen zur &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo;) andererseits, wird der Wohlfahrtsstaat mittels verharmlosend und besch&ouml;nigend &bdquo;Reformen&ldquo; genannter Ma&szlig;nahmen der Gro&szlig;en wie der schwarz-gelben und der rot-gr&uuml;nen Koalition vor ihr nicht nur systematisch demontiert, sondern auch in mehrfacher Hinsicht transformiert:<\/p><p>1. Aus dem Wohlfahrtsstaat wird ein &bdquo;nationaler Wettbewerbsstaat&ldquo; (Joachim Hirsch), der die Aufgabe hat, durch seine Politik die Konkurrenzf&auml;higkeit des &bdquo;eigenen&ldquo; Wirtschaftsstandortes auf dem Weltmarkt, Wachstum und Besch&auml;ftigung zu f&ouml;rdern. Sozialstaatlichkeit, die eigentlich Verfassungsrang hat, besitzt f&uuml;r Neoliberale keinen Eigenwert mehr, sondern muss sich nach der Standortlogik wirtschaftlichen und Machtinteressen unterwerfen. Dies zeigt sich etwa bei Debatten &uuml;ber die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes oder die Aufweichung des Fl&auml;chentarifvertrages. Da fast alle Gesellschaftsbereiche im Zuge einer &Ouml;konomisierung, Privatisierung und Liberalisierung nach dem Vorbild des Marktes umstrukturiert werden, h&auml;lt die Konkurrenz auch Einzug im Sozialstaat. <\/p><p>2. Aus dem Sozialstaat wird ein Minimalstaat. Der &bdquo;schlanke Staat&ldquo;, wie er dem Neoliberalismus vorschwebt, ist im Hinblick auf die Sozialpolitik eher magers&uuml;chtig, aber keineswegs frei von b&uuml;rokratischen Ausw&uuml;chsen &ndash; ganz im Gegenteil! Leistungsk&uuml;rzungen und die Versch&auml;rfung von Anspruchsvoraussetzungen gehen mit Strukturver&auml;nderungen einher, die nicht nur mehr Markt, sondern teilweise auch mehr staatliche Administration bedeuten. Beispielsweise werden f&uuml;r Zertifizierungsagenturen, Evaluationsb&uuml;rokratien und Leistungskontrollen aller Art wom&ouml;glich mehr Sach- und Personalmittel ben&ouml;tigt als vorher.<\/p><p>3. Der neoliberale Residualstaat ist eher Kriminal- als Sozialstaat, weil ihn die drastische Reduktion der Wohlfahrt zur Repression gegen&uuml;ber jenen Personengruppen zwingt, die als Modernisierungs- bzw. Globalisierungsverlierer\/innen zu Opfern seiner r&uuml;ckw&auml;rts gerichteten &bdquo;Reformpolitik&ldquo; werden. Je weniger gro&szlig;z&uuml;gig die Sozialleistungen einer reichen Gesellschaft ausfallen, umso schlagkr&auml;ftiger muss ihr Sicherheits- bzw. Gewaltapparat sein. Was sie an der Wohlfahrt spart, geht f&uuml;r Ma&szlig;nahmen gegen den Drogenmissbrauch, Kriminalit&auml;t und Gewalt drauf.<\/p><p>4. An die Stelle des aktiven Sozialstaates, wie man ihn bei uns bisher kannte, tritt &ndash; sehr stark vom Kommunitarismus, einer US-amerikanischen Denkrichtung, beeinflusst &ndash; ein &bdquo;aktivierender&ldquo;, Hilfebed&uuml;rftige nicht mehr ohne entsprechende Gegenleistung alimentierender Sozialstaat. Der &bdquo;welfare state&ldquo; wandelt sich zum &bdquo;workfare state&ldquo;, wenn man den Arbeitszwang ins Zentrum der Besch&auml;ftigungs- und Sozialpolitik r&uuml;ckt. Ausgerechnet in einer schweren Besch&auml;ftigungskrise, wo Millionen Arbeitspl&auml;tze &ndash; nicht: Arbeitswillige &ndash; fehlen, wird so getan, als seien die von Erwerbslosigkeit unmittelbar Betroffenen an ihrem Schicksal selbst schuld. Trotz des wohlklingenden Mottos &bdquo;F&ouml;rdern und fordern!&ldquo;, das Leistungszusagen von Gegenleistungen der Beg&uuml;nstigten abh&auml;ngig macht, bem&uuml;ht man sich gar nicht mehr ernsthaft darum, die Chancen von sozial Benachteiligten zu verbessern, wie die Tatsache zeigt, dass im Weiterbildungsbereich immer st&auml;rker kurze Trainingsma&szlig;nahmen dominieren.<\/p><p>5. Der deutsche Sozial(versicherungs)staat, seit seiner Begr&uuml;ndung durch Otto von Bismarck im Kern darauf gerichtet, die m&auml;nnlichen Industriearbeiter mit ihren Familien vor Standardrisiken wie dem Tod des Ern&auml;hrers, der Invalidit&auml;t und der Armut im Alter zu sch&uuml;tzen, wird zu einem F&uuml;rsorge-, Almosen- und Suppenk&uuml;chenstaat gemacht, der nicht mehr den Lebensstandard seiner Klientel erh&auml;lt, sondern ihr nur noch eine Basisversorgung angedeihen l&auml;sst. Hartz IV war mit seiner Abschaffung der Arbeitslosenhilfe, als &bdquo;Zusammenlegung mit der Sozialhilfe&ldquo; sehr unzureichend charakterisiert, ein wichtiger Zwischenschritt auf diesem Weg und eine historische Z&auml;sur in der Entwicklung des Arbeits- und Sozialrechts. Man spricht von &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo;, &bdquo;Selbstvorsorge&ldquo; und &bdquo;Privatinitiative&ldquo;, meint aber die &ouml;ffentliche Verantwortungslosigkeit sowie eine Mehrbelastung von Arbeitnehmer(inne)n und Rentner(inne)n.<\/p><p>6. Gleichzeitig wird das Gemeinwesen in einen Wohlfahrtsmarkt und einen Wohlt&auml;tigkeitsstaat gespalten. Auf dem Wohlfahrtsmarkt kaufen sich jene B&uuml;rger\/innen, die es sich finanziell leisten k&ouml;nnen, das f&uuml;r sie erschwingliche Ma&szlig; an sozialer Sicherheit (z.B. Altersvorsorge durch Versicherungspolicen der Assekuranz). Erg&auml;nzend stellt der postmoderne F&uuml;rsorgestaat als &bdquo;Grundsicherung&ldquo; bezeichnete Minimalleistungen bereit, die Menschen vor dem Verhungern und Erfrieren bewahren, sie jedoch der Privatwohlt&auml;tigkeit &uuml;berantworten. Folgerichtig haben karitatives Engagement, ehrenamtliche T&auml;tigkeit im Sozial- und Gesundheitsbereich, pers&ouml;nliche Spendenfreudigkeit und die Gr&uuml;ndung gemeinn&uuml;tziger Stiftungen (wieder) Hochkonjunktur.<\/p><p>7. Die sozialpolitische Postmoderne tr&auml;gt beinahe mittelalterliche Z&uuml;ge und l&auml;sst einen R&uuml;ckfall in den Feudalismus bef&uuml;rchten. Durch die schrittweise Reindividualisierung, Reprivatisierung und R&uuml;ckverlagerung sozialer Risiken auf die Familien, wie sie CDU-Generalsekret&auml;r Pofalla im August 2006 mit seiner Idee untermauerte, im Falle der Arbeitslosigkeit nicht nur &ndash; wie im Zweiten SGB-II-&Auml;nderungsgesetz geschehen &ndash; die Eltern f&uuml;r ihre erwachsenen Kinder, sondern auch die vollj&auml;hrigen Kinder f&uuml;r ihre Eltern zahlen zu lassen, l&auml;sst man Errungenschaften des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses hinter sich.<\/p><p>Stattdessen m&uuml;sste der Sozialstaat an die j&uuml;ngsten Entwicklungen in der Arbeitswelt (Tendenz zur Prekarit&auml;t von Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen) und im famili&auml;ren Zusammenleben der Menschen (verst&auml;rkter Hang zur Individualit&auml;t) angepasst werden. N&ouml;tig w&auml;re eine Kurskorrektur, die wieder f&uuml;r mehr Gerechtigkeit sorgen und eine gleichm&auml;&szlig;igere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zum Ziel haben m&uuml;sste. Wenn die Regierung Merkel\/M&uuml;ntefering scheitert und die Massenarbeitslosigkeit nicht dauerhaft sinkt, wird der Ruf nach dem &bdquo;starken Mann&ldquo; lauter als bisher erschallen, vor allem mit der Begr&uuml;ndung, dass die erste Frau im Kanzleramt der Probleme nicht Herr geworden sei, aber vermutlich auch mit der Konnotation, dass nunmehr die Z&uuml;gel straffer angezogen und autorit&auml;re Herrschaftsmethoden praktiziert werden m&uuml;ssten, um die Lage in den Griff zu bekommen. Mit der schwarz-gelben, der rot-gr&uuml;nen und der schwarz-roten Koalition sind fast alle Farbkombinationen im Regierungsalltag &bdquo;erprobt&ldquo; worden, was die Gefahr erh&ouml;ht, dass sich rechtsextreme bzw. -populistische Tendenzen verst&auml;rken. Demagogen k&ouml;nnten auch hierzulande vermehrt als &bdquo;Retter des Sozialstaates&ldquo; in Erscheinung treten und Gewinner wie Verlierer\/innen seines Um- bzw. Abbaus gleicherma&szlig;en bei ihnen Zuflucht suchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thesen zur Sozialpolitik der Gro&szlig;en Koalition.<br \/> &ldquo;Sozialpolitik paradox &ndash; gro&szlig;z&uuml;gig und kleinkariert&rdquo; &ndash; so betitelt Christoph Butterwegge seine Bilanz der Gro&szlig;en Koalition nach einem Jahr. Der K&ouml;lner Politikwissenschaftler und Armutsforscher legt die dritte Auflage seines Erfolgsbuches <a href=\"http:\/\/www.vs-verlag.de\/index.php;do=show\/site=w\/book_id=10317\/sid=12f7d6f65d36b20d07e62c85ba9fcd62%20\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.vs-verlag.de\/index.php;do=show\/site=w\/book_id=10317\/sid=12f7d6f65d36b20d07e62c85ba9fcd62 \">&bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo;<\/a> vor, in dem er eine umfassende, aktuelle, kritische<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1855\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,145,132],"tags":[442,312,309,479,413],"class_list":["post-1855","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-eigenverantwortung","tag-reformpolitik","tag-repressionen","tag-reservearmee","tag-schlanker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1855","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1855"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1855\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49390,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1855\/revisions\/49390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}