{"id":1858,"date":"2006-11-13T07:32:43","date_gmt":"2006-11-13T06:32:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1858"},"modified":"2016-01-22T10:41:29","modified_gmt":"2016-01-22T09:41:29","slug":"privatisierung-und-deregulierung-kommen-uns-teuer-zu-stehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1858","title":{"rendered":"Privatisierung und Deregulierung  kommen uns teuer zu stehen"},"content":{"rendered":"<p>Aus Anlass der Aktualit&auml;t und der Skandaltr&auml;chtigkeit der laufenden Privatisierungsvorg&auml;nge hier ein Auszug aus &bdquo;Machtwahn. Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet&ldquo;, Seiten 115 bis 124. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDas Wort &raquo;konservativ&laquo; leitet sich aus dem lateinischen T&auml;tigkeitswort &raquo;conservare&laquo; ab, was so viel wie &raquo;erhalten, bewahren&laquo; hei&szlig;t. Unsere konservativen Spitzenpolitiker, ob sie Christian Wulff hei&szlig;en, Roland Koch, G&uuml;nther Oettinger oder wie auch immer: Sie wollen von uns wahrgenommen werden als verantwortungsbewusste Hausv&auml;ter, die mit den G&uuml;tern, die wir ihnen durch die Wahl anvertraut haben, behutsam umgehen und das Ererbte und Erworbene sorgsam erhalten und bewahren wollen. So versichern sie es uns jedenfalls immer wieder.<\/p><p>Warum aber haben es die Konservativen wie auch ehedem Linke so eilig, die Bahn, die gemeinn&uuml;tzigen Wohnungen, die Stra&szlig;en, das Wasser oder die &ouml;ffentlichen Geb&auml;ude, um nur einige Privatisierungsobjekte zu nennen, an mehr oder weniger bekannte &raquo;Investorengruppen&laquo; zu ver&auml;u&szlig;ern? Bewahrende Hausv&auml;ter w&uuml;rden doch alles nur Erdenkliche tun, um zu vermeiden, dass das eigene H&auml;uschen an irgendwelche undurchschaubaren Herrschaften geht, w&auml;hrend sie selber und ihre Nachgeborenen in der ehedem eigenen Behausung zur Miete wohnen m&uuml;ssen. Selbst einfache Gem&uuml;ter w&uuml;rden doch schnell durchschauen, dass man sp&auml;testens nach einer Generation den Kaufpreis des Hauses durch Mietzahlungen an den K&auml;ufer zur&uuml;ckerstattet h&auml;tte.<\/p><p>Was im Kleinen gilt, gilt auch im Gro&szlig;en. Zweifellos lassen sich durch den Verkauf des &ouml;ffentlichen Tafelsilbers kurzfristige Engp&auml;sse in den &ouml;ffentlichen Haushalten &uuml;berwinden. Das verbessert vielleicht die Chancen, wiedergew&auml;hlt zu werden. Am Ende aber bleiben einem nur noch die laufenden Kosten f&uuml;r die Miete der einstmals staatseigenen Verm&ouml;genswerte.<\/p><p>Zudem verliert man mit der Eigent&uuml;merschaft &uuml;ber ein Objekt auch die Verf&uuml;gungsgewalt. Das bedeutet: Eigentum, das der Gemeinschaft der Bundesb&uuml;rger geh&ouml;rt, kann durch demokratische Mehrheitsentscheidung im Interesse der Allgemeinheit genutzt werden. Geh&ouml;rt solch ein Objekt jedoch einer Investorengruppe, bestimmen letztlich diese Investoren, was damit geschieht.<br>\nDass trotzdem soviel &ouml;ffentliches Eigentum verkauft wird, ist nur vor dem Hintergrund gewisser Glaubenss&auml;tze zu verstehen wie zum Beispiel: Der Abbau von Schulden hat Vorrang, ganz gleich, was das an Verm&ouml;gen kostet. Wahr ist: Wenn der Staat ein &ouml;ffentliches Unternehmen verkauft, dann vermindert sich das Verm&ouml;gen parallel zu den Schulden. Ob unter dem Strich etwas &uuml;brigbleibt, h&auml;ngt wesentlich vom erzielten Verkaufspreis ab.<\/p><p>Im privaten Bereich w&uuml;rde keiner der besonders engagierten F&uuml;rsprecher dieser Art von Privatisierung ein solches Verhalten, wie es dem Staat st&auml;ndig empfohlen wird, als vern&uuml;nftig bezeichnen. Die Eigent&uuml;mer eines Einfamilienhauses, die &ndash; um ihre Schulden etwas abzubauen &ndash; ihr Anwesen in einer schlechten Marktsituation zu einem schlechten Preis verkaufen, um es dann vom K&auml;ufer zur&uuml;ckzumieten oder sich anderweitig eine Mietwohnung zu suchen, w&uuml;rden wir zumindest der Kurzsichtigkeit bezichtigen.<br>\nFast alle Bedenken aus dem privaten Bereich gelten auch f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Bereich: &Ouml;ffentliche Einrichtungen, Stadtwerke zum Beispiel, sind vielerorts zu schlechten Preisen verkauft worden; die Kunden dieser Einrichtungen m&uuml;ssen &uuml;ber die Geb&uuml;hren mindestens das an die neuen privaten Eigent&uuml;mer zur&uuml;ckzahlen, was der &ouml;ffentliche Tr&auml;ger durch Verkauf gewonnen hat; die k&uuml;nftige Generation d&uuml;rfte in den meisten F&auml;llen mehr belastet sein, als wenn man sowohl Verm&ouml;gen als auch Schulden behalten h&auml;tte. Die Bilanz w&auml;re l&auml;nger &ndash; auf der einen Seite mehr Verm&ouml;gen, auf der anderen h&ouml;here Schulden &ndash;, was noch kein Vorteil ist, vermutlich w&auml;re aber in vielen F&auml;llen auch das Nettoverm&ouml;gen noch gr&ouml;&szlig;er, wenn der &ouml;ffentliche Tr&auml;ger sein Eigentum nicht &raquo;unter Preis&laquo; verkauft h&auml;tte.<\/p><p>Diese Erw&auml;gungen sind sehr aktuell: Immer wieder wird ins Gespr&auml;ch gebracht, man m&ouml;ge doch die Autobahnen privatisieren und sie dann praktisch wieder zur&uuml;ckleasen. Auch so ver&shy;ringert der Staat seine Schulden. Aber gleichzeitig verringert er auch sein Sachverm&ouml;gen; die jetzige und k&uuml;nftige Generationen m&uuml;ssen dann &uuml;ber Steuern die Leasinggeb&uuml;hren bezahlen. Da die K&auml;ufer der Autobahnen einen Gewinn machen wollen und da auch das Privatisierungsverfahren Geld kostet, werden die daf&uuml;r aufgewandten Steuern wahrscheinlich h&ouml;her sein, als es die Zinsen f&uuml;r die Schulden gewesen w&auml;ren.<\/p><p>In vielen St&auml;dten sind &ouml;ffentliche Einrichtungen schon pri&shy;vatisiert worden, entweder direkt oder in Form der sogenannten &Ouml;ffentlich-Privaten Partnerschaft (&Ouml;PP), in vielen anderen steht die Privatisierung noch an. Der Bundesfinanzminister hat in seiner Grundsatzrede vom Januar 2006 zu weiteren Privatisierungen ermuntert. Allein im Land Berlin kann man sich Schauer&shy;geschichten von diesen Vorg&auml;ngen erz&auml;hlen. Ich zitiere aus dem Dokument einer kritischen SPD-Gruppe in Berlin, dem Donnerstagskreis: &raquo;Alle &Ouml;PP-Projekte und Gro&szlig;privatisierungen in Berlin haben den Berlinerinnen und Berlinern nur geschadet: der Verkauf der Bewag an Southern Energy (USA), der Verkauf der Gasag an Gaz de France, die Bankgesellschaft Berlin, das &Ouml;PP-Modell &rsaquo;Teilprivatisierung der Wasserbetriebe&lsaquo; an die Konzerne Vivendi und RWE. Und au&szlig;er Landowsky und Diepgen tummeln sich noch alle Verantwortlichen in Politik oder Beraterbranche.&laquo;33<\/p><p>Unsere Eliten haben eine gro&szlig;e Sympathie f&uuml;r die von der neoliberalen Bewegung gepriesenen Privatisierungen. Viele Po&shy;litiker m&ouml;gen sie, weil man mit der teilweisen Haushaltskonsolidierung, dem Erfolg der Privatisierung, heute gl&auml;nzen kann und die Folgen f&uuml;r Geb&uuml;hrenzahler und Steuerzahler und Mieter erst in f&uuml;nf, zehn oder zwanzig Jahren eintreten, wenn die Verantwortlichen nicht mehr zur Wahl stehen oder im Zuge des Pri&shy;vatisierungsgesch&auml;fts zum K&auml;ufer gewechselt sind und ausgesorgt haben.<\/p><p>Die Lastentr&auml;ger dieser Privatisierung sind die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, vor allem als Geb&uuml;hren- und Steuerzahler. Den Berlinern zum Beispiel wurde von ihren teilprivatisierten Wasserwerken innerhalb von nur drei Jahren eine Erh&ouml;hung des Preises f&uuml;r Wasser und Abwasser um zirka 25 Prozent zugemutet, so die Auskunft der Berliner Wasserwerke; von sogar 28 Prozent schreibt die taz.34<br>\nIn anderen L&auml;ndern ist das nicht anders. Auch Schweden ist teilweise dem Glaubensbekenntnis der Modernisierer gefolgt und hat in den neunziger Jahren privatisiert und dereguliert. Das Ergebnis nach einer Dekade: Bahntickets kosten 125 Prozent mehr, die Strompreise stiegen um 86 Prozent.35<\/p><p>Unsere Eliten m&ouml;gen und begehren Privatisierungen auch deshalb, weil die Privatisierungsverfahren Geld kosten und ihnen Geld bringen. An Privatisierungsvorg&auml;ngen kann ein ganzer Rattenschwanz von Berufen verdienen: der Generalunternehmer, die Beraterfirmen, die Rechtsanw&auml;lte, die Steuerberater, die Wirtschaftspr&uuml;fer, die Architekten, die Versicherungen, die Vergabeverfahrensexperten f&uuml;r gemischtwirtschaftliche Gesellschaften und die Immobilienberater. Bei dieser gro&szlig;en Zahl von Beteiligten ist es kein Wunder, dass die sogenannten Transaktionskosten sehr hoch sind.<\/p><p>Das f&ouml;rdert die Neigung, &ouml;ffentliches Eigentum zu verscherbeln. Denn die eifrigsten Bef&uuml;rworter der Privatisierung sind in der Regel auch die Profiteure dieser Entwicklung.<\/p><blockquote class=\"blockquote_with_border\"><p><strong>Merke:<\/strong> Die Privatisierung von Staatsverm&ouml;gen kann man nicht begreifen, wenn man nur fragt, was sie an Geld zur Konsolidierung der &ouml;ffentlichen Haushalte bringt und was sie f&uuml;r die betroffenen B&uuml;rger bedeutet. Der Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis liegt im Privatisierungsvorgang selbst. Daran verdienen einflussreiche Eliten: Rechtsanw&auml;lte, internationale Beratungsunternehmen, Wirtschaftspr&uuml;fer, Berater, die ehemals Politiker waren.<\/p><\/blockquote><p>Ein anderes, in der &Ouml;ffentlichkeit mit unbegreiflichem Gleichmut hingenommenes Ph&auml;nomen ist die massenhafte Privatisierung genossenschaftlichen und kommunalen Wohnraums.<\/p><p>Viele Menschen wohnen vergleichsweise g&uuml;nstig in Mietwohnungen, die von nicht profitorientierten gemeinn&uuml;tzigen Wohnungsbaugesellschaften betrieben werden. Es handelt sich entweder um genossenschaftlich entstandene Arbeiterselbsthilfe&shy;vereine, um Betriebswohnungen von &ouml;ffentlichen Unternehmen oder um kommunal betriebene Wohnungen. Diese Vermieter wollen eine erschwingliche Grundversorgung mit Wohnraum gew&auml;hrleisten &ndash; das ist ihr gemeinsames Interesse. Jahrzehntelang hat die Sozialdemokratie die &ouml;ffentlichen Wohnungseinheiten wie ein Wachhund verteidigt. Seit einigen Jahren haben die &shy;gemeinn&uuml;tzigen Institutionen jedoch keinen starken politischen Flankenschutz mehr.<\/p><p>Wir stehen gerade am Anfang einer gigantischen Verramschung dieser gemeinn&uuml;tzigen Wohneinheiten an dubiose Geldanlagekonsortien, vornehmlich aus den USA und Gro&szlig;britannien. Die St&auml;dte sind klamm und verkaufen ihr Hab und Gut. Priva&shy;tisierte Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG wollen durch Verkauf ihrer Betriebswohnungen an liquide Mittel kommen. &shy;Internationale Fonds und Kapitalgesellschaften mit martialisch klingenden Namen wie Cerberus, Blackstone, Fortress (= Fe&shy;stung), Lone Star und Annington kaufen massenweise deutsche &raquo;Wohnungspakete&laquo;. Diese Firmen vertreten allein die Gewinninteressen ihrer diversen Geldanleger.<\/p><p>Die sozial schwachen Mieter sind jetzt sogenannten REITs (Real Estate Investment Trusts) ausgeliefert. Das bedeutet: Diese Gesellschaften sind an der B&ouml;rse notiert. &raquo;Dass es hierbei in erster Linie um Renditen und Gewinnmaximierung geht, liegt auf der Hand&laquo;, meint der Direktor des Deutschen Mieterbunds, Franz-Georg Rips.<\/p><p>Das sieht der Bundesfinanzminister ganz anders. Am 10. Januar 2005 versprach er vor dem Auditorium der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, er wolle den Finanzstandort Deutschland auch durch &raquo;Produktinnovationen&laquo; wie REITs st&auml;rken &ndash; ein gutes Beispiel daf&uuml;r, wie unsere Eliten losgel&ouml;st von den Interessen der von ihren Ma&szlig;nahmen betroffenen &raquo;kleinen Leute&laquo; handeln.<br>\nDer kurzfristige Liquidit&auml;tsgewinn der Kommunen durch Wohnungsverk&auml;ufe wird sie langfristig teuer zu stehen kommen: denn die durch Mieterh&ouml;hungen geschaffenen Wohnungslosen m&uuml;ssen irgendwo wieder untergebracht werden. Letztlich darf die Solidargemeinschaft der Steuerzahler daf&uuml;r aufkommen.<\/p><p>In der &ouml;ffentlichen Debatte zu diesem Thema wird auch meist verschwiegen, dass keinem Staat unendlich Material zur Privatisierung zur Verf&uuml;gung steht. Irgendwann ist das Tafelsilber weg. Dann geht es ans Eingemachte. Und dann ist irgendwann Ende der Fahnenstange.<\/p><p>Man kann den Eindruck gewinnen, dass &Ouml;PP ein besonderes Arbeitsfeld in der SPD ist. Schon am 8. M&auml;rz 2005 meldete sich der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Brandner, mit einem engagierten Papier zu Wort, das den Titel trug: &raquo;Mehr &Ouml;ffentlich Private Partnerschaften!&laquo;. Und Bundes&shy;finanzminister Steinbr&uuml;ck k&uuml;ndigte in seiner Frankfurter Grundsatzrede an, er wolle die PPPs (Public-Private Partnership) &ndash; ein Synonym f&uuml;r &Ouml;PPs &ndash; ausweiten. Unser Ziel m&uuml;sse es sein, den Anteil von PPPs an den &ouml;ffentlichen Investitionen von heute 4 Prozent auf das Niveau anderer Industriel&auml;nder zu bringen, das bei bis zu 15 Prozent liegt. Dazu wolle er auch die weitergehende &Ouml;ffnung des Investmentgesetzes zugunsten der PPP vorantreiben.<\/p><p><strong>Der Nutznie&szlig;er als Gesetzgeber<\/strong><\/p><p>Der Journalist Marcus Rohwetter hat in einem <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-preis.de\/dokumentation\/2005\/preistraeger\/marcus-rohwetter\/praemierter-text.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.otto-brenner-preis.de\/dokumentation\/2005\/preistraeger\/marcus-rohwetter\/praemierter-text.html\">Artikel in der Zeit<\/a> nachgezeichnet, wie schnell und entschlossen Politiker aller Parteien im Windschatten des letzten Bundestagswahlkampfs ein Gesetz verabschiedeten, mit dessen Hilfe &ouml;ffentliche Liegenschaften an private Interessenten verkauft werden k&ouml;nnen.36 Er ist f&uuml;r diesen Artikel mit dem Otto-Brenner-Preis f&uuml;r kritischen Journalismus ausgezeichnet worden.<\/p><p>Bislang gab es Verfahrensschwierigkeiten bei der Ver&auml;u&szlig;erung &ouml;ffentlicher Immobilien an Privatleute. Das &raquo;Gesetz &uuml;ber &Ouml;ffentlich-Rechtliche Partnerschaften&laquo;, in Kraft seit dem 1. September 2005, hebt diese Hemmnisse auf. Grundgedanke des Gesetzes ist, dass der Staat als Mieter seiner Liegenschaften Geld f&uuml;r Unterhaltungskosten sparen w&uuml;rde. Als zus&auml;tzlicher Kaufanreiz lockt die potentiellen Privatbesitzer von Schulen oder Beh&ouml;rden die Befreiung von der kommunalen Grundsteuer.<\/p><p>Nicht nur der gesetzliche Freibrief zum beschleunigten Verkauf des &ouml;ffentlichen Tafelsilbers ist ein Novum. Auch die Art, wie das Gesetz zustande gekommen ist, offenbart einen, sagen wir: neuen Politikstil. War es n&auml;mlich bislang &uuml;blich, dass Ministerialbeamte einen Gesetzentwurf formulieren und ihn dann an Experten und Parlamentarier zur weiteren Bearbeitung &uuml;bergeben, so ist dieses &Ouml;PP-Gesetz von der amerikanischen Anwaltssoziet&auml;t Hogan &amp; Hartson Raue ausgearbeitet worden. Eine Arbeitsgruppe aus vierzig Ministerialen und sechzig Privatjuristen hat diese Vorlage dann in Gesetzesform gegossen. Exponierte Partner bei diesem Handstreich waren der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael B&uuml;rsch und der Hogan-&amp;-Hartson-Anwalt Kornelius Kleinlein.<\/p><p>Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Immer h&auml;ufiger werden die internationalen Anwaltssoziet&auml;ten als neue Mitspieler beim Gesetzentwicklungsprozess in Berlin eingebunden. Vielmehr: Sie haben sich selber diskret eingebunden. Oftmals formulieren sie kostenlos neue Gesetze. &raquo;Ihre Handschrift findet sich im Gesundheits- ebenso wie im Energie-, Telekommunikations- oder Arbeitsrecht&laquo;, schreibt Marcus Rohwetter. Da von diesen privat formulierten Gesetzen h&auml;ufig die Gro&szlig;kunden ebendieser Anwaltskanzleien nicht unerheblich profitieren, lohnt sich diese Selbstlosigkeit der Privatjuristen.<\/p><p>Verfassungsrechtlich ist der Vorgang mehr als bedenklich, denn die Gesetzentwicklung wird aus dem Gef&uuml;ge der Gewaltenteilung herausgenommen und entzieht sich der &ouml;ffentlichen Kontrolle. Die Komplexit&auml;t der neuen Gesetzeswerke wird zudem nur noch von privaten Spezialjuristen verstanden &ndash; von eben&shy;jenen Juristen, die diese Gesetze entworfen haben.<\/p><p>Die Privatisierung hat unser Land ver&auml;ndert. Sie hat in manchen Bereichen daf&uuml;r gesorgt, dass wir wahrscheinlich preiswerter mit Leistungen versorgt werden. Zumindest f&uuml;r die Telekommuni&shy;kation wird das behauptet. Ich will das gar nicht grunds&auml;tzlich bestreiten, doch in vielen F&auml;llen werden die Kosten solcher Vorg&auml;nge nicht voll berechnet, und deshalb halten die hochgejubelten Bilanzen der Privatisierung einer genauen Pr&uuml;fung oft nicht stand.<\/p><p><strong>So arbeiten und denken unsere Eliten:<\/strong> Sie fragen nicht, ob eine Entscheidung, eine Ma&szlig;nahme, eine Gesetzes&auml;nderung Sinn macht. Sie sagen: Andere Industriel&auml;nder haben 15 Prozent, wir haben nur 4, also machen wir 15. Man braucht sich nicht zu wundern, dass die Politik so d&uuml;rftig ist, wenn die Begr&uuml;ndungen so d&uuml;rftig sind. An der Spitze unserer Republik stehen gedankenlose Nachahmer.<\/p><p>Unsere Eliten haben h&auml;ufig Scheuklappen auf und sehen bei den Privatisierungen nur die betriebswirtschaftlichen Rechnungen. Das sind aber nur Teilanalysen, deren Ergebnisse f&uuml;r eine &ouml;konomische Bewertung des gesamten Vorgangs nicht ausreichen. Trotzdem machen wir immer wieder dieselbe Beobachtung: Es werden politische, das hei&szlig;t das Ganze betreffende Aussagen auf der Basis von sehr begrenzten Analysen gemacht.<\/p><p>So hat zum Beispiel der Bund bei der Privatisierung von Post, Telekom und Bahn auf Vorschlag der Berater den &uuml;berwiegenden Teil der Pensionslasten &uuml;bernommen. Nach einem Bericht der Stuttgarter Zeitung m&uuml;ssen die privatisierten Unternehmen bis zum Jahr 2090 nur etwa 18 Milliarden Euro an Pensionslasten tragen, w&auml;hrend der Bund mit 555 Milliarden Euro belastet wird.37 Diese Lasten m&uuml;sste man dazurechnen, wenn man eine Bilanz der Privatisierungsvorg&auml;nge zieht.<\/p><p>Au&szlig;erdem erscheinen die Privatisierungen in vielen F&auml;llen nur deshalb als n&uuml;tzlich, weil im Zuge dieses Prozesses Mitarbeiter aus festen Arbeitsverh&auml;ltnissen entlassen und in Minijobs geschoben wurden. In vielen F&auml;llen muss dann die &Ouml;ffentlichkeit auf andere Weise f&uuml;r diese Menschen aufkommen: durch Sozialhilfe, Entlastung der Minijobs von Steuern und Abgaben, m&ouml;g&shy;licherweise sp&auml;ter durch Zusch&uuml;sse des Staates zur Vermeidung von Altersarmut. Viele dieser Folgen werden heute nur unzu&shy;reichend oder gar nicht berechnet. Beachtet werden sie sowieso nicht.<\/p><p>Die Gewinne werden heute gemacht, die Lasten werden auf k&uuml;nftige Generationen verschoben. Sie, die man doch angeblich entlasten will, m&uuml;ssen &uuml;ber Geb&uuml;hren, Steuern und weniger &ouml;ffentliche Leistungen die Zeche zahlen.<\/p><p>Hand in Hand mit der Privatisierung geht die Deregulierung. Das Gros der konservativen Eliten in Deutschland hat sich zu Bef&uuml;rwortern der Deregulierung gemacht oder machen lassen. Auch das widerspricht eigentlich dem guten Sinn des Wortes &raquo;konservativ&laquo;. Wirklich konservative Kr&auml;fte m&uuml;ssten vom Staat verlangen, dass er vern&uuml;nftig gestaltet &ndash; dass er optimale Regeln findet:<\/p><ul>\n<li>Es m&uuml;sste bessere und nicht weniger Regeln geben gegen den Ausverkauf deutscher Unternehmen.<\/li>\n<li>Es m&uuml;sste bessere Regeln geben f&uuml;r die Erhaltung sch&ouml;ner Landschaften und gegen unreguliertes Bauen.<\/li>\n<li>Es m&uuml;sste Regeln geben f&uuml;r den Erhalt unserer Innenst&auml;dte als Zentren des Einkaufs und der st&auml;dtischen Kommunikation.<\/li>\n<li>Es m&uuml;sste Regeln und bessere Kontrolle bei Lebensmitteln geben, wie die immer wiederkehrenden Skandale zeigen. Wir wollen uns gesund ern&auml;hren und brauchen deshalb einen sorgf&auml;ltig regulierenden und auch kontrollierenden Staat.<\/li>\n<\/ul><p>In vielen F&auml;llen zeigt sich: Die Deregulierung hat volkswirtschaftlich keinerlei Gewinn, sondern Nachteile gebracht. Zugegeben, das ist ein subjektiver Eindruck. Ich kann die Gesamt&shy;bilanz nicht quantifizieren. Aber wenn ich mir die Folgen der Deregulierung beim Baurecht f&uuml;r unsere Landschaft anschaue, dann kann das Ergebnis nicht positiv sein. Und wenn die D&auml;cher von Sporthallen gleich reihenweise einsturzgef&auml;hrdet sind, dann kann bei der Regelsetzung etwas nicht stimmen. Und wenn ich an einem Vormittag die Lieferwagen von vier verschiedenen Paketzustellern durch unsere Stra&szlig;e fahren sehe, dann glaube ich nicht, dass diese Deregulierung volkswirtschaftlich sinnvoll ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Anlass der Aktualit&auml;t und der Skandaltr&auml;chtigkeit der laufenden Privatisierungsvorg&auml;nge hier ein Auszug aus &bdquo;Machtwahn. Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet&ldquo;, Seiten 115 bis 124. Albrecht M&uuml;ller.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[28,14],"tags":[1695,300],"class_list":["post-1858","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-privatisierung","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-machtwahn","tag-mueller-albrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1858"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30470,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1858\/revisions\/30470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}