{"id":18581,"date":"2013-09-11T12:23:29","date_gmt":"2013-09-11T10:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18581"},"modified":"2015-08-18T08:08:36","modified_gmt":"2015-08-18T06:08:36","slug":"faz-okonomenranking-ein-armutszeugnis-fur-die-massenmedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18581","title":{"rendered":"FAZ-\u00d6konomenranking \u2013 ein Armutszeugnis f\u00fcr die Massenmedien"},"content":{"rendered":"<p>Nun haben wir schwarz auf wei&szlig;, was wir eigentlich schon immer wussten. In den deutschen Medien kommen nahezu ausschlie&szlig;lich neoliberale &Ouml;konomen zu Wort, wobei ein be&auml;ngstigend gro&szlig;er Teil von ihnen direkt in Diensten der Finanzinstitute steht. So kann &ndash; und muss &ndash; man ein Teilergebnis des in der letzten Woche <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/f-a-z-oekonomenranking-auf-diese-wirtschaftsforscher-hoert-das-land-12559556.html\">ver&ouml;ffentlichten FAZ-&Ouml;konomenrankings<\/a> interpretieren. Wenig &uuml;berraschend ist auch das Ergebnis, dass Hans-Werner Sinn, das Enfant terrible der Talkshow-&Ouml;konomen, sowohl f&uuml;r die Medien auch als auch f&uuml;r die Politik der einflussreichste &Ouml;konom des Landes ist. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nRankings sind, das ist bekannt, nicht nur bei den klassischen Medien, sondern auch bei wirtschaftsliberalen Lobbyorganisationen sehr beliebt. Egal ob es um Standortfaktoren, das Bildungssystem oder die Steuergesetzgebung geht &ndash; Rankings liefern stets eine klare Reihenfolge, mit der komplexe Zusammenh&auml;nge abstrahiert werden. Und da die Faktoren und Gewichtungen, mit denen diese Reihenfolge aufgestellt wird, dem Betrachter meist unbekannt ist, eignen sich Rankings auch ganz hervorragend zur Meinungsmache. Wer nur lange genug an den Faktoren und Gewichtungen herumdreht, bekommt stets genau das Ranking, das er sich w&uuml;nscht. <\/p><p>Nach diesem Prinzip wurde auch das FAZ-&Ouml;konomenranking aufgestellt, bei dem vor allem in der Kategorie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/f-a-z-oekonomenranking-die-einflussreichsten-oekonomen-in-der-forschung-12560435.html\">Forschung<\/a>&ldquo; ein &ndash; f&uuml;r Au&szlig;enstehende &ndash; kaum zu durchschauender Schl&uuml;ssel angelegt wurde. Da dieses Teilergebnis massiv in das <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/f-a-z-oekonomenranking-die-einflussreichsten-oekonomen-im-gesamt-ranking-12560426.html\">Endergebnis<\/a> mit eingeht, macht es auch keinen Sinn, sich ernsthaft mit diesen beiden Rankings auseinanderzusetzen. Interessanter und transparenter sind hingegen die beiden Teildisziplinen &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/f-a-z-oekonomenranking-die-einflussreichsten-oekonomen-in-den-medien-12560431.html\">Medien<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/f-a-z-oekonomenranking-die-einflussreichsten-oekonomen-in-der-politik-12560434.html\">Politik<\/a>&ldquo;. <\/p><p><strong>Medien-Ranking &ndash; nun haben wir es schwarz auf wei&szlig;<\/strong><\/p><p>F&uuml;r das Medien-Ranking hat die FAZ das Schweizer Institut Media Tenor beauftragt, die einschl&auml;gigen Zeitschriften (u.a. SPIEGEL, Capital), Zeitungen (u.a. FAZ, SZ), Fernsehsendungen (u.a. Tagesschau, Heute) und die Radionachrichten des Deutschlandfunks auszuwerten. Betrachtet wurden die letzten zw&ouml;lf Monate und in die Wertung flossen nur &bdquo;fachliche Einsch&auml;tzungen&ldquo; mit einem Umfang von mehr als f&uuml;nf Zeilen ein. Das Ergebnis &uuml;berrascht nicht:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130911_faz1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Unter den Top 10 findet man altbekannte Namen wieder, die (nicht nur) regelm&auml;&szlig;igen NachDenkSeiten-Lesern sicher ein Begriff sind. Hans-Werner Sinn, Michael H&uuml;ther und Wolfgang Franz beherrschen beispielsweise schon seit Jahren den medialen &Ouml;konomenstammtisch (und das ist sogar <a href=\"http:\/\/neuewirtschaftswunder.de\/2012\/07\/05\/schlimmste-stammtischokonomie\/\">w&ouml;rtlich zu nehmen<\/a>) mit ihrem ewigen Gerede von den zu hohen Lohnkosten in Deutschland. Da spielt es offenbar auch keine Rolle, dass ein Mann wie Hans-Werner Sinn zwar f&uuml;r die BILD-Zeitung &bdquo;Deutschlands kl&uuml;gster Professor&ldquo; sein mag, international jedoch bestenfalls <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14175\">bel&auml;chelt wird<\/a>. <\/p><p>Unter den 45 &Ouml;konomen, deren Statements in den Massenmedien im letzten Jahr am h&auml;ufigsten zitiert wurden, befinden sich mit Gustav Horn (Platz 13), Peter Bofinger (Platz 24) und Rudolf Hickel (Platz 32) gerade einmal drei Vertreter der nachfragetheoretischen Seite. Zusammengenommen kommen sie auf 79 von 1674 erfassten Zitate. Oder um es anders zu sagen: Im letzten Jahr kamen nur 4,7% der Expertenaussagen in dem Massenmedien von &Ouml;konomen, die nicht dem neoklassischen und neoliberalen Mainstream angeh&ouml;ren. Es ist schon erstaunlich und &uuml;beraus &auml;rgerlich, dass hier der durchaus vorhandene Meinungspluralismus in den Massenmedien &uuml;berhaupt nicht wahrgenommen wird. Stattdessen gilt die einfache Formel &bdquo;&Ouml;konomie = Neoklassik und Neoliberalismus&ldquo;. Muss man sich dann noch wundern, dass auch die FDP als wirtschaftskompetente Partei dargestellt wird? <\/p><p>Die verantwortlichen Redakteure haben ganz offensichtlich Scheuklappen und nehmen noch nicht einmal wahr, was abseits des deutschen Mainstreams gedacht und gesagt wird. In diesem Punkt k&ouml;nnten die deutschen Medien viel von ihren Kollegen in Gro&szlig;britannien und den USA lernen. Vergleich man einmal den Wirtschaftsteil der FAZ mit dem der New York Times, der Washington Post, dem Guardian oder dem Telegraph, wirkt die FAZ schon fast wie ein Kampfblatt, bei dem nur Personen zu Wort kommen, die das &bdquo;richtige&ldquo; Weltbild haben. Selbst das wirtschaftsliberale Wall Street Journal l&auml;sst da bedeutend mehr Vielfalt zu. Und auch in unseren deutschsprachigen Nachbarl&auml;ndern &Ouml;sterreich und der Schweiz ist die Berichterstattung zu &ouml;konomischen Themen wesentlich vielf&auml;ltiger. Auch hier sind die Medien jedoch nur ein Spiegel der Gesellschaft. W&auml;hrend der Disput zwischen den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13570\">Salzwasser- und den S&uuml;&szlig;wasser&ouml;konomen<\/a> in den USA eine lange Tradition hat, haben die Vertreter der nachfrageorientierten, keynesianischen oder heterodoxen &Ouml;konomie es im &bdquo;arbeitgeberfreundlichen&ldquo; Deutschland traditionell schwer. Massenmedien, die die Welt ausschlie&szlig;lich mit der neoliberalen Brille betrachten, verfestigen diese grobe Schieflage noch mehr.<\/p><p><strong>Die Banken sind auch im Kampf um die Deutungshoheit ganz vorne mit dabei<\/strong><\/p><p>Ferner ist es bemerkenswert, dass 19 der 45 medial pr&auml;sentesten &Ouml;konomen direkt bei Finanzinstituten angestellt sind. Die sogenannten &bdquo;Chefvolkswirte&ldquo; der Banken und Versicherungen stehen f&uuml;r 678 der 1674 protokollierten Zitate in den Massenmedien, also f&uuml;r mehr als 40%. Dabei gilt nat&uuml;rlich auch hier der alte Spruch &bdquo;Wes&acute; Brot ich ess, des&acute; Lied ich sing&ldquo;. Es darf niemanden wundern, dass Angestellte einer Bank zuallererst die Interessen ihres Br&ouml;tchengebers vertreten. Es w&auml;re auch sehr erstaunlich, wenn beispielsweise ein J&ouml;rg Kr&auml;mer von der Commerzbank, der im Medien-Ranking der FAZ Platz Nummer Zwei belegt, ernsthaft vorschlagen w&uuml;rde, die Gl&auml;ubiger der Banken an deren &bdquo;Rettungskosten&ldquo; zu beteiligen oder eine wirksame Bankenregulierung durchzusetzen.<\/p><p>Auch bei tagesaktuellen Themen sind Angestellte von Banken die denkbar schlechtesten Zitatlieferanten f&uuml;r die Medien. Wer wei&szlig; denn schon, welche Positionen der Br&ouml;tchengeber dieser &bdquo;&Ouml;konomen&ldquo; im Moment an den internationalen Finanzm&auml;rkten h&auml;lt? So manches negative Zitat zur Zukunft des Euro d&uuml;rfte auch darin begr&uuml;ndet sein, dass die betreffende Bank gerade eben am Derivatemarkt mit hohem Einsatz gegen den Euro wettet &ndash; und umgekehrt. Offensichtlich werden diese Zusammenh&auml;nge, wenn man sich beispielsweise einmal die Zitate von Thorsten Polleit (Platz 19) zu Gem&uuml;te f&uuml;hrt. Polleits Arbeitgeber ist Deutschland gr&ouml;&szlig;ter Goldh&auml;ndler, der f&uuml;rstlich daran verdient, wenn Kleinsparer Angst vor der Zukunft des Euro haben und sich Goldbarren ins Depot legen. Wen kann es da ernsthaft wundern, dass Polleit bei jeder Gelegenheit den Untergang des Abendlandes beschw&ouml;rt und vor der &bdquo;ganz sicher kommenden&ldquo; Hyperinflation warnt? Wes&acute; Brot ich ess, des&acute; Lied ich sing. Eigentlich haben Personen wie Polleit in seri&ouml;sen Medien &uuml;berhaupt nichts verloren. Da k&ouml;nnte man auch einen Vertreter der chinesischen Wettmafia als Fu&szlig;ballexperten interviewen. <\/p><p>Bevor ein &bdquo;Chefvolkswirt&ldquo; eines Finanzinstituts irgendetwas zu einem Thema sagen darf, m&uuml;sste dem Leser\/Zuschauer\/H&ouml;rer eigentlich transparent dargelegt werden, welche gesch&auml;ftlichen Interessen das betreffende Institut verfolgt. Da dies wohl nicht m&ouml;glich ist, sollten die Medien eigentlich so konsequent sein, interessengesteuerte Sprachrohre &uuml;berhaupt nicht zu zitieren. Das FAZ-Ranking belegt schwarz auf wei&szlig;, dass hier das exakte Gegenteil die Regel ist.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/3284b104dbdf438c914bd3f2cb9b1fd1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun haben wir schwarz auf wei&szlig;, was wir eigentlich schon immer wussten. In den deutschen Medien kommen nahezu ausschlie&szlig;lich neoliberale &Ouml;konomen zu Wort, wobei ein be&auml;ngstigend gro&szlig;er Teil von ihnen direkt in Diensten der Finanzinstitute steht. So kann &ndash; und muss &ndash; man ein Teilergebnis des in der letzten Woche <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/f-a-z-oekonomenranking-auf-diese-wirtschaftsforscher-hoert-das-land-12559556.html\">ver&ouml;ffentlichten FAZ-&Ouml;konomenrankings<\/a> interpretieren. Wenig<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18581\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,41,11],"tags":[1542,551,424],"class_list":["post-18581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","tag-faz","tag-huether-michael","tag-sinn-hans-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18581"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27240,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18581\/revisions\/27240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}