{"id":18585,"date":"2013-09-11T17:12:30","date_gmt":"2013-09-11T15:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18585"},"modified":"2015-08-18T08:10:10","modified_gmt":"2015-08-18T06:10:10","slug":"es-gibt-fuhrende-sozialdemokraten-die-wollen-die-kanzlermacht-im-staat-nicht-wenn-sie-furchten-ein-bisschen-fortschrittliche-politik-machen-zu-mussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18585","title":{"rendered":"Es gibt f\u00fchrende Sozialdemokraten, die wollen die Kanzlermacht im Staat nicht, wenn sie f\u00fcrchten, ein bisschen fortschrittliche Politik machen zu m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Dieses bl&ouml;de Spielchen haben wir zumindest schon zweimal &ndash; 1969 und 2005 &ndash; erlebt und Sozialdemokraten m&uuml;ssen es jetzt neu erleben. Steinmeier, Steinbr&uuml;ck, M&uuml;ntefering, Scholz &amp; Hannelore Kraft bekunden ihre Ablehnung der vermutlich einzigen Chance, den Kanzler zu stellen: in einem B&uuml;ndnis mit Gr&uuml;nen und der Linken, oder m&ouml;glicherweise mit einer Minderheitsregierung mit Duldung der Linkspartei. Sie haben offensichtlich Angst, dann eine wenigstens in Nuancen fortschrittlichere und sozialere Politik machen zu m&uuml;ssen, und akzeptieren deshalb, dass Angela Merkel im Amt bleibt. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><em>Nachtrag vom 12.9. ist unten angef&uuml;gt<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<strong>2005<\/strong><br>\nhat die SPD auf Betreiben von M&uuml;ntefering und mit Zustimmung des amtierenden Kanzlers Schr&ouml;der die Wahlperiode nach drei Jahren abgebrochen, Neuwahlen m&ouml;glich gemacht und prompt und erwartungsgem&auml;&szlig; verloren. Eigentlicher Hintergrund: Sie wollten die mit der Agenda 2010 inthronisierte neoliberale Linie fortsetzen, innerhalb der SPD gab es aber eine Unruhe. Dann lieber zur&uuml;ck mit der Macht an die Union &ndash; so ihre Einstellung.<\/p><p>&Uuml;ber die Ungeheuerlichkeit des Abbruchs der eigenen von der SPD getragenen Kanzlerschaft ist innerhalb der Partei nie offen und mit den angesichts der Ungeheuerlichkeit notwendigen kritischen Fragen diskutiert worden. SPD-Mitglieder und SPD Gliederungen und Funktion&auml;re haben dies nahezu klaglos hingenommen. Der Vorgang wurde nicht einmal als das bezeichnet, was er war: abstrus, ungeheuerlich, zynisch im Umgang mit den Mitgliedern und Anh&auml;ngern, die sich bei Wahlk&auml;mpfen krumm legen, um die Macht im Staat zu erringen. &ndash; Der Vorgang wurde tief geh&auml;ngt. Dabei haben wichtige Medien mitgespielt, die immer schon jede Bewegung nach links mit Grauen verfolgen und die Machenschaften der Rechten totschweigen<\/p><p><strong>1969<\/strong><br>\nist die Ungeheuerlichkeit des damaligen Vorgangs auch nicht offen diskutiert worden. Was war damals geschehen? Die SPD war im Dezember 1966 mit der CDU\/CSU in eine gro&szlig;e Koalition eingetreten, nachdem kurz zuvor die kleine Koalition aus Union und FDP unter Bundeskanzler Ludwig Erhard gescheitert war. Die gro&szlig;e Koalition hat einiges Vern&uuml;nftiges vorangebracht : sie hat unter F&uuml;hrung der Sozialdemokraten die Rezession &uuml;berwunden, sie hat die Lohnfortzahlung f&uuml;r Arbeiter eingef&uuml;hrt und die Umsatzsteuer von der Allphasenumsatzsteuer auf die Mehrwertsteuer umgestellt. Beachtliche Taten. Aber die nach 20 Jahren CDU Kanzlerschaft notwendige Wende im inneren Klima, die &bdquo;&Ouml;ffnung der Fenster&ldquo; und der Beginn der lebenswichtigen Ost- und Friedenspolitik war mit Bundeskanzler Kiesinger nicht m&ouml;glich.<\/p><p>Deshalb wollten nicht nur die &uuml;berwiegende Mehrheit der Sympathisanten und Mitglieder der SPD sondern auch der SPD-Vorsitzende und Bundesau&szlig;enminister Willy Brandt eine neue Koalition: die sozialliberale Koalition mit der FDP. Die beiden starken M&auml;nner der SPD, Herbert Wehner und Helmut Schmidt, waren jedoch f&uuml;r die Fortsetzung der Gro&szlig;en Koalition. Nur dem cleveren Schachzug Willy Brandts, den rechtspolitisch fortschrittlichen und aufm&uuml;pfigen Demokraten und Zeugen einer neuen Zeit Gustav Heinemann zum Bundespr&auml;sidenten vorzuschlagen, ist die erste Ann&auml;herung zwischen SPD und der damaligen FDP zu verdanken. Gustav Heinemann wurde mithilfe der FDP sieben Monate vor der Bundestagswahl zum ersten sozialdemokratischen Bundespr&auml;sidenten gew&auml;hlt. <\/p><p>Das war ein Signal. Aber Herbert Wehner und Helmut Schmidt hatten ihre Pr&auml;ferenz f&uuml;r die gro&szlig;e Koalition noch nicht aufgegeben. In der Wahlnacht im September nutzte Willy Brandt &ndash; der angebliche Zauderer &ndash; eine hauchd&uuml;nne Mehrheit, die das vorl&auml;ufige Wahlergebnis signalisierte, zu einer schnellen Verabredung mit dem FDP-Vorsitzenden Walter Scheel.<\/p><p>W&auml;re das nicht gelungen, dann h&auml;tte die SPD mit dem CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger weiter regiert und die Welt der Bundesrepublik Deutschland h&auml;tte ziemlich anders ausgesehen als dann mit Willy Brandt, der in seiner kurzen Kanzlerschaft von gerade einmal viereinhalb Jahren enorm viel bewegt hat.<\/p><p>Die Ungeheuerlichkeit des damaligen Versuchs einiger f&uuml;hrender Sozialdemokraten, die zwanzigj&auml;hrige CDU Herrschaft fortzusetzen und auf die eigene Kanzlerschaft zu verzichten, wurde damals und wird bis heute von vielen Sozialdemokraten nicht erkannt &ndash; so wie viele heute nicht erkennen, was ihnen von ihren Verzichtspolitikern in Berlin, Hamburg und D&uuml;sseldorf zugemutet wird.<\/p><p>Wenn die f&uuml;hrenden Sozialdemokraten nicht endlich zu erkennen geben, dass sie die Kanzlermacht und die Abl&ouml;sung der Bundeskanzlerin Merkel mit allen demokratischen Mitteln erreichen wollen, wenn sie den Anh&auml;ngern und Sympathisanten der SPD nicht endlich eine Machtoption bieten, dann werden viele am 22. September nach Alternativen suchen und sich f&uuml;r die Linkspartei entscheiden. Was bleibt ihnen anderes &uuml;brig.<\/p><p><strong>Nachtrag 12. September 2013:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Dass die Rechte und heute f&uuml;hrende Gruppierung in der SPD die Macht im Staat nur will, wenn sie die Linie voll bestimmt, war auch beim Versuch der Regierungsbildung durch die damalige hessische Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti sichtbar geworden. Roland Koch als Ministerpr&auml;sident war ihnen lieber als die vergleichsweise linke SPD-Frau, zumal sie im Gep&auml;ck noch den beiden wirtschaftsnahen Sozialdemokraten verhassten Hermann Scheer hatte.<\/li>\n<li>Zur Zeit erleben wir, wie zur Absicherung der Rechtsentwicklung in der SPD &ndash; das meint die Verankerung im neoliberalen Gedankengut &ndash; die Schuldzuweisung f&uuml;r die Wahlniederlage am 22. September betrieben wird. Nicht der Spitzenkandidat Steinbr&uuml;ck mit seiner unendlichen Pannenserie und jene, die ihn ausgew&auml;hlt und ohne demokratische Willensbildung in der SPD aufs Schild gehoben und durchgesetzt haben, sind schuld; nein, der SPD-Vorsitzende Gabriel, keinesfalls ein ausgewiesener Linker, im Gegenteil, aber immerhin ausgestattet mit der Einsicht, dass die Agenda 2010 nicht rundum gut war, ist schuld. Und damit diese Schuldzuweisung auch scheinbar einleuchtet, wird gestreut, er m&uuml;sse nach der Wahl weg. Diese Spielchen sind allerdings nur m&ouml;glich, weil sie von dem gleichen Gedankengut zugeneigten Medien und von den Regierungsparteien gest&uuml;tzt werden. &ndash; Der Vorgang ist ein weiteres Beispiel daf&uuml;r, dass man die &ouml;ffentliche Meinung nahezu v&ouml;llig unabh&auml;ngig von den Fakten bestimmen kann, wenn man die entsprechenden publizistischen Mittel hinter sich hat.<\/li>\n<li>Nachtrag zur Neuwahl von 2005: Eine NDS-Leserin schrieb nach Lekt&uuml;re des Eintrags von gestern, sie habe das Neuwahlbegehren von M&uuml;ntefering und Schr&ouml;der im Mai 2005 als Versuch gesehen, die Wiederwahl abzusichern.<br>\nAus meiner Sicht ist das eine T&auml;uschung. Es geht um die Absicherung der Agenda 2010, egal unter welcher F&uuml;hrung. Daf&uuml;r spricht einiges: die SPD hatte unmittelbar vor der Entscheidung f&uuml;r Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen mit ihrem Ministerpr&auml;sidenten Peer Steinbr&uuml;ck eine krachende Wahlniederlage eingesteckt &ndash; -5,7 %. Steinbr&uuml;ck war abgew&auml;hlt. Es rumorte in der SPD. Die Umfragen waren schlecht. Siehe <a href=\"http:\/\/www.infratest-dimap.de\/umfragen-analysen\/bundesweit\/ard-deutschlandtrend\/2005\/juni\/\">hier der Link<\/a> zu einer Umfrage von Infratest dimap im Juni 2005. Es gab eindeutig eine Wechselstimmung zu Gunsten der Union und Angela Merkels. 72 % waren f&uuml;r einen Regierungswechsel. In einer solchen Situation strebt man keine Neuwahlen an, wenn man gewinnen will. Schr&ouml;der h&auml;tte noch ein Jahr warten m&uuml;ssen. Dann w&auml;re die wahlstrategische Lage jedenfalls nicht schlechter gewesen. Er h&auml;tte zudem hoffen k&ouml;nnen, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessert.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses bl&ouml;de Spielchen haben wir zumindest schon zweimal &ndash; 1969 und 2005 &ndash; erlebt und Sozialdemokraten m&uuml;ssen es jetzt neu erleben. 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