{"id":18599,"date":"2013-09-12T09:39:09","date_gmt":"2013-09-12T07:39:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18599"},"modified":"2015-08-18T08:11:39","modified_gmt":"2015-08-18T06:11:39","slug":"uns-konnte-es-besser-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18599","title":{"rendered":"Uns k\u00f6nnte es besser gehen"},"content":{"rendered":"<p>Der Wahlkampf hat die Frage hochgesp&uuml;lt, ob es &bdquo;uns&ldquo; denn wirklich gut geht. Angela Merkel und ihre Spie&szlig;gesellen sind davon &uuml;berzeugt, w&auml;hrend die Opposition zu Recht darauf hinweist, dass es Millionen Deutschen, die erwerbslos sind, im Niedriglohnsektor arbeiten oder Minirenten beziehen, sicher nicht gut geht. Doch diese Diskussion l&auml;sst einen wichtigen Punkt au&szlig;en vor. Auch wenn es der Mehrheit der Deutschen wirtschaftlich sicher nicht schlecht geht, sind auch sie Opfer der Politik der letzten Jahre und Jahrzehnte. Man sollte sich daher auch nicht fragen, ob es &bdquo;uns&ldquo; gut geht, sondern ob es &bdquo;uns&ldquo; mit einer anderen Politik nicht viel besser gehen k&ouml;nnte. Es ist erstaunlich, warum Oppositionspolitiker diese Frage nicht stellen, geht es hierbei doch um die vielzitierte Mitte der Gesellschaft, die angeblich Wahlen entscheidet. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Frage, ob es den Deutschen wirtschaftlich gut geht, ist nicht nur eine Frage von Niedrigl&ouml;hnen und prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen. Auch Arbeitnehmer, deren Einkommen weit &uuml;ber der Niedriglohnschwelle liegen, sind von den politischen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts betroffen. Nach Berechnungen des WSI sind die Einkommen der deutschen Arbeitnehmer im letzten Jahrzehnt um 0,8 Prozent gesunken, w&auml;hrend sie im gleichen Gesamtzeitraum nicht nur im vermeintlich &bdquo;unsoliden&ldquo; Oliveng&uuml;rtel, sondern auch in L&auml;ndern, die durchaus mit Deutschland vergleichbar sind, deutlich gestiegen sind. So konnten beispielsweise im letzten Jahrzehnt die Arbeitnehmer in den als grundsolide geltenden Staaten Niederlande (12,4 Prozent), Schweden (17,9 Prozent), Finnland (18,9 Prozent) und D&auml;nemark (19 Prozent) deutlich h&ouml;here Reallohnsteigerungen erzielen. Auch Gro&szlig;britannien liegt mit 26,1 Prozent deutlich vor Deutschland. Fu&#776;r einen deutschen Arbeitnehmer mit einem monatlichen Nettogehalt von aktuell 2.000 Euro bedeuten diese Zahlen, dass er bei einer Lohnentwicklung wie in den Niederlanden jeden Monat 248 Euro mehr in der Tasche h&auml;tte &ndash; bei einer Lohnentwicklung wie in D&auml;nemark w&auml;ren es sogar stolze 380 Euro. Und diese Zahlen betreffen die Reall&ouml;hne, etwaige Kostensteigerungen sind also schon ber&uuml;cksichtigt.<\/p><p>Die Zahlen sind recht eindeutig. Dem unteren Viertel der Einkommensbezieher geht es heute deutlich schlechter als vor zehn Jahren, dem oberen Viertel geht es deutlich besser und die Einkommen der gro&szlig;en Mitte, die rund die H&auml;lfte der Arbeitnehmer umfasst, stagnieren seit Jahren. Diese Stagnation der deutschen Reall&ouml;hne bedeutet, dass die Arbeitnehmer seit mehr als einem Jahrzehnt vom volkswirtschaftlichen Wachstum abgekoppelt sind. Dem Durchschnittsverdiener geht es rein wirtschaflich summa summarum heute genau so gut oder schlecht wie vor zehn Jahren. Das ist sicher keine Botschaft, die man in einer &bdquo;Uns-geht-es-doch-gut-Kampagne&ldquo; transportieren sollte.<\/p><p>Diese Entwicklung ist freilich nicht vom Himmel gefallen. Das Trommelfeuer der arbeitgebernahen Lobbyorganisationen und ihrem politischen Arm in den Regierungsparteien war und ist ja nicht zu &uuml;berh&ouml;ren. H&ouml;here L&ouml;hne, so scheint es der politische Kanon im Lande zu sein, besch&auml;digen den Standort und w&uuml;rden damit gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Nachteile mit sich bringen. Fr&uuml;her sagte man &bdquo;Du bist nichts, Dein Volk ist alles&ldquo;, heute appelliert man an eine gesellschaftlich verantwortliche Lohnzur&uuml;ckhaltung, was sich netter anh&ouml;rt, jedoch bei n&auml;herer Betrachtung der gleiche Unfug ist. H&auml;tten die Lohnkostenapologeten Recht, m&uuml;ssten ja Staaten wie die Niederlande, Schweden, Finnland oder D&auml;nemark mittlerweile von der Karte der prosperierenden Volkswirtschaften verschwunden sein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.<\/p><p>Von den skandinavischen L&auml;ndern will unsere Politik jedoch nichts h&ouml;ren. Die &bdquo;Unions-Grandezza&ldquo; Ursula von der Leyen f&uuml;hrt stattdessen regelm&auml;&szlig;ig Bulgarien ins Feld, um zu belegen, dass selbst deutsche Niedrigl&ouml;hner relativ hohe Einkommen haben. Dieser Vergleich ist derart schr&auml;g, dass es sich gar nicht lohnt, darauf ernsthaft einzugehen. Warum nehmen wir nicht gleich Somalia als Ma&szlig;stab? Dann k&ouml;nnte man zumindest mit voller Inbrunst und &Uuml;berzeugung sagen, dass es selbst deutschen Obdachlosen verdammt gut geht. Aber welchen geistigen Mehrwert h&auml;tte diese Erkenntnis? Wer die Erfolge und Misserfolge der Politik bewerten will, muss schon einen etwas ambitionierteren Ma&szlig;stab anlegen. Und es gibt keinen Grund, warum die skandinavischen Staaten kein Vorbild f&uuml;r Deutschland sein sollten. Im Vergleich zu den skandinavischen Staaten schneidet Deutschland jedoch erb&auml;rmlich ab. Uns k&ouml;nnte es besser gehen, wenn wir das denn nur wollten.<\/p><p>Wenn man sich fragt, ob es uns gut geht, spielen nat&uuml;rlich auch andere Faktoren als das Gehalt eine Rolle. Aktuell leisten die deutschen Arbeitnehmer beispielweise jedes Jahr 1,4 Milliarden unbezahlte &Uuml;berstunden. Arbeitsverdichtung, Stress und Burnout sind Begriffe, die vor allem Arbeitnehmern ein Begriff, die als hochqualifiziert gelten und nicht eben schlecht verdienen. So mancher Facharbeiter oder Ingenieur kann zwar problemlos seine Rechnungen bezahlen, hat aber keine Zeit und Energie, um abseits der Arbeit ein zufriedenstellendes Privatleben zu f&uuml;hren. Geht es diesen Menschen gut, Frau Merkel? Auf der anderen Seite w&uuml;nschen sich &ndash; nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes &ndash; rund 6,7 Millionen Menschen in diesem Land mehr Arbeit. Auch diesen Menschen geht es nicht gut.<\/p><p>Es gibt zahlreiche Faktoren, die das Wohlbefinden bestimmen und politisch regulierbar sind. F&uuml;hlt sich beispielsweise der IT-Fachmann wirklich gut, der von einem befristeten Arbeitsvertrag in den n&auml;chsten springt und keine Planungssicherheit hat, um eine Familie zu gr&uuml;nden? Geht es dem jungen Ingenieur gut, von dem eine hohe Mobilit&auml;t erwartet wird, und der nicht wei&szlig;, an welchem Standort seiner Firma er in drei Jahren t&auml;tig sein wird? Geht es der alleinerziehende &Auml;rztin gut, die nicht wei&szlig;, wie sie ihren Schichtdienst mit dem Zeitfenster der Kitas vereinbaren soll? Geht es dem aufstrebenden Betriebswirt gut, dessen Konto sich Monat f&uuml;r Monat auch deshalb f&uuml;llt, weil von ihm erwartet wird, dass er so viel arbeitet, dass er weder Zeit noch Gelegenheit hat, ein Privatleben zu f&uuml;hren? All diese Menschen, denen es nicht gut geht, geh&ouml;ren nicht der Gruppe der Niedrigl&ouml;hner an. Und all diesen Menschen k&ouml;nnte es wom&ouml;glich besser gehen, wenn die deutsche Politik im letzten Jahrzehnt andere Priorit&auml;ten gesetzt h&auml;tte. Die Frage sollte daher nicht lauten &bdquo;geht es und gut?&ldquo;, sondern &bdquo;k&ouml;nnte es uns besser gehen?&ldquo;.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/62394dae3f9d4fb38de96f503c6770ab\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wahlkampf hat die Frage hochgesp&uuml;lt, ob es &bdquo;uns&ldquo; denn wirklich gut geht. Angela Merkel und ihre Spie&szlig;gesellen sind davon &uuml;berzeugt, w&auml;hrend die Opposition zu Recht darauf hinweist, dass es Millionen Deutschen, die erwerbslos sind, im Niedriglohnsektor arbeiten oder Minirenten beziehen, sicher nicht gut geht. Doch diese Diskussion l&auml;sst einen wichtigen Punkt au&szlig;en vor. 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