{"id":18612,"date":"2013-09-12T16:01:39","date_gmt":"2013-09-12T14:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18612"},"modified":"2015-08-18T08:14:33","modified_gmt":"2015-08-18T06:14:33","slug":"big-money-big-data-big-media-die-politik-lauft-der-digitalisierung-aller-lebensbereiche-hoffnungslos-hinterher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18612","title":{"rendered":"Big Money, Big Data, Big Media \u2013 Die Politik l\u00e4uft der Digitalisierung aller Lebensbereiche hoffnungslos hinterher"},"content":{"rendered":"<p>In einem Gastbeitrag f&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/ueberwachung\/gastbeitrag-von-christian-lindner-ordnung-fuer-den-datenmarkt-eine-erste-agenda-12530451.html\">FAZ<\/a> macht sich der Landeschef der NRW-FDP und Vorsitzende der D&uuml;sseldorfer Landtagsfraktion seiner Partei, Christian Lindner, Gedanken &uuml;ber eine &bdquo;Ordnung f&uuml;r den Datenmarkt&ldquo;. Der Vorsitzende der Piratenfraktion im Landtag von NRW, <strong>Joachim Paul<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18612#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], setzt sich mit der reichlich oberfl&auml;chlichen Spr&uuml;chen des &bdquo;Liberalen&ldquo; &uuml;ber den angeblichen &bdquo;Strukturwandel von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in Zeiten der Digitalisierung aller Lebensbereiche&ldquo; auseinander. Schon die &Uuml;bernahme des merkelschen Begriffs vom &bdquo;Neuland&ldquo; des Internets belege das versteckte Eingest&auml;ndnis der Politik, dass die politische Sph&auml;re der technisch-&ouml;konomischen Entwicklung hoffnungslos hinterherlaufe.<br>\n<!--more--><br>\nZeitlich eingerahmt von Gr&uuml;nen, die uns dieser Tage mit nervigem &Ouml;kocalvinismus und vegetarischem Genuss per Dekret das Real-Life freudloser gestalten wollen, und von britischen Geheimdienstmitarbeitern, die in einem schlecht inszenierten post-dadaistischen Pseudo-Kunstevent im Keller der Redaktionsr&auml;ume des Guardian Journalisten dazu n&ouml;tigen, irgendwelche Festplatten zu zerst&ouml;ren &ndash; und flankiert durch den eigentlichen Skandal, n&auml;mlich den des Nicht-Aufschreis der freien Journalisten dieser Welt &ndash; macht sich Christian Lindner (FDP) Gedanken &uuml;ber eine &bdquo;Ordnung f&uuml;r den Datenmarkt&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/ueberwachung\/gastbeitrag-von-christian-lindner-ordnung-fuer-den-datenmarkt-eine-erste-agenda-12530451.html\">FAZ, 14.08.2013, S. 25<\/a>).<\/p><p>Mit den ihm eigenen flotten Spr&uuml;chen bedient er stramm auf der Oberfl&auml;che surfend das latente gesellschaftliche Unbehagen &uuml;ber Datensammlung, Datenschn&uuml;ffelei und Datenmissbrauch staatlicher und kommerzieller Stellen, um seine Partei in das Image einer Pole-Position beim Kampf um B&uuml;rgerrechte und Netzpolitik zu hieven. Dabei verharrt er jedoch analytisch in den Positionen eines Liberalismus, der sich kognitiv immun gegen&uuml;ber den letzten 150 Jahren moderner Gesellschaftsanalyse und -kritik gezeigt hat.<\/p><p>Er nimmt zun&auml;chst Bezug auf das Zitat der Bundeskanzlerin vom Internet als &bdquo;Neuland&ldquo; und unterschl&auml;gt oder &uuml;bersieht jedoch die tiefere Implikation dieses Eingest&auml;ndnisses, n&auml;mlich den Nachweis, dass die politische Sph&auml;re der technisch-&ouml;konomischen hoffnungslos hinterher l&auml;uft &ndash; und das bereits seit Jahrzehnten. Passend dazu bleibt das neoliberale Freiheits- und Wettbewerbs-Credo in der Verdinglichung einer standortgebundenen Borniertheit stecken.<\/p><p>Indem Lindner den Strukturwandel der Gesellschaft an der &bdquo;Digitalisierung aller Lebensbereiche&ldquo; festmacht, legt er eben nicht den Fokus der Betrachtung auf die wesentlichen &Auml;nderungen, n&auml;mlich den Trend von einer Real-Wirtschaft zu einer virtuellen &Ouml;konomie des sog. Finanzmarktkapitalismus, der durch seine Anlagestrategien und Profitraten-Erwartungen die Aush&ouml;hlung des realwirtschaftlichen Bereichs verursacht und befeuert. Wertsch&ouml;pfung findet nach wie vor in der (realen) Wirtschaft statt, diese hat die Anlagenerwartungen gef&auml;lligst zu erf&uuml;llen, die Absch&ouml;pfung jedoch erfolgt im Bankenbereich.<\/p><p>Dieser Trend beginnt in den USA nicht etwa mit dem wirtschaftlichen Durchbruch des Internet, sondern bereits ein Jahrzehnt zuvor mit der aggressiven Steuersenkungspolitik der &bdquo;Reaganomics&ldquo; 1981. Der erste gro&szlig;e sog. Netscape-Aktienpeak folgte erst Jahre sp&auml;ter, 1994.<\/p><p>Bevor Lindner in den betriebswirtschaftlichen Bez&uuml;gen seines Denkens die &Ouml;konomisierung aller Lebensbereiche mit &bdquo;Digitalisierung&ldquo; meint beschreiben zu m&uuml;ssen, sollte er besser der Frage nachgehen, wie bei einer umgekippten Pyramide globaler Liquidit&auml;t, in der der Derivatemarkt 855% des Weltsozialproduktes ausmacht, auch nur ein Prozent Rendite auf das reale Weltsozialprodukt durchschl&auml;gt.<\/p><p>Die &bdquo;digitale Unordnung&ldquo; und ihr Wildwuchs k&ouml;nnen &ndash; mindestens ebenso schl&uuml;ssig &ndash; auch als sekund&auml;r und dem &bdquo;Terror der &Ouml;konomie&ldquo;, der anarchischen Produktionsweise folgend interpretiert werden. Unter Ber&uuml;cksichtigung historischer Kenntnisse kann die gegenw&auml;rtige sog. Finanzmarktkrise auch als dritte gro&szlig;e Depression eingeordnet werden. Wenn Regierungen in einer Mischung von Dilettantismus und Komplizenschaft sich von Banken haben erpressen lassen (&bdquo;too big to fail&ldquo;), ist das nur die eine Seite einer perversen Situation, in der inzwischen &bdquo;die kleinen Leute&ldquo; im Verbund mit der Realwirtschaft f&uuml;r die Casino-Spekulationen von &bdquo;denen da oben&ldquo; zahlen. Auch die amerikanische Immobilienpolitik der Nuller-Jahre, &bdquo;Eigenheim ohne Eigenkapital&ldquo;, war auch nur der Versuch, die<br>\nvorgelagerte unbefriedigende Verteilungsfrage zu kaschieren.<\/p><p>Lindner h&auml;tte lieber aufh&ouml;ren sollen, zu googeln, und stattdessen lieber die richtigen Fragen stellen m&uuml;ssen. Doch dies setzt noch etwas mehr als die Absolvierung eines liberalen &ouml;konomischen Alphabetisierungsprogrammes und als die Beherrschung der Grundrechenarten voraus. Es ist vielmehr Ausdruck eines politischen Totalversagens, den Blick genau dann abzuwenden und ebenso wie sein Parteifreund, Wirtschaftsminister R&ouml;sler, &ouml;konomisch-marktautistisch auf die fiktionale technologische &Uuml;berlegenheit innovativer Start-Ups und den Wettbewerb zu richten. Zugegeben, es ist richtig, dass die kleinen Schnellen den gro&szlig;en Langsamen etwas voraus haben, gar etwas abringen k&ouml;nnen. Nur sind die Gro&szlig;en im Digital Business, Google, Amazon, Facebook &amp; Co, eben &bdquo;schnelle Gro&szlig;e&ldquo; mit zudem wohl gef&uuml;llten Kriegskassen. Der vollzogene Kauf von Youtube durch Google ist<br>\nhier nur ein Beispiel unter vielen. Dar&uuml;ber hinaus steht es den &bdquo;schnellen Gro&szlig;en&ldquo; praktisch frei, jederzeit und je nach Gusto die nationalstaatlichen Grenzen politischer Regelungen zu &uuml;berschreiten.<\/p><p>Und es ist auch ein Ausdruck einer demokratischen Blindheit, nicht zu sehen, was eigentlich durch die aktuellen Ereignisse um PRISM und TEMPORA und den Selbstverrat der westlichen Demokratien deutlich wird, n&auml;mlich dass wirkliche und lebendige demokratische Gesellschaften das Moment der Sicherheit als Organisationsstruktur und -inhalt in sich selbst tragen m&uuml;ssten. Die Lekt&uuml;re von Frantz Fanon, der im letzten Jahrhundert vor den gesellschaftlichen Ursachen des Terrors warnte, oder auch etwa von Gandhi, der darauf hinwies, dass diese Gesellschaft reich genug ist, um die Bed&uuml;rfnisse aller, aber nicht die Gier vieler zu befriedigen, w&auml;re hier sicher hilfreicher gewesen. Wer den Menschen<br>\nidentit&auml;tsstiftende Lebensverh&auml;ltnisse verwehrt, muss sich nicht &uuml;ber unerw&uuml;nschte Reaktionen wundern.<\/p><p>Bei Richard Sennett in &bdquo;Verfall und Ende des &ouml;ffentlichen Lebens&ldquo; und &bdquo;Der flexible Mensch&ldquo; finden sich kluge &Uuml;berlegungen &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von &Ouml;ffentlichkeit und Privatheit. Lindner und mit ihm die gesamte FDP, die im Bund in Regierungsverantwortung steht, weichen der grundlegenden zentralen Frage aus: &ldquo;Welche menschlichen Folgen hat die politische &Ouml;konomie, in der wir leben?&ldquo;<\/p><p>Hier nur die oberfl&auml;chliche Ver&auml;nderung im Bereich von Informations-, Transport- und<br>\nProduktionstechnologien zu sehen, geht am Kern der Sache vorbei: Die tats&auml;chlichen psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen zeigen sich vielmehr daran, wie Institutionen organisiert sind und wie die Menschen in ihnen leben. Und wenn Arbeitsplatz, Sozialstaat und Gemeinschaftsleben als Bezugsrahmen einem immer rascheren Wandel unterworfen sind, Ursachen sich kaum noch Wirkungen zuordnen lassen, Absichten und Vorhaben sich in einem Netz von Unw&auml;gbarkeiten und Zuf&auml;lligkeiten verlieren, &uuml;ber die Einzelne und Gruppen immer weniger Kontrolle haben, m&uuml;ssen andere Fragen aufgeworfen werden, n&auml;mlich &bdquo;Wie sozial sind eigentlich soziale Netzwerke, wie demokratisch ist unsere Demokratie?&ldquo;<\/p><p>Jeder, der den Durchmarsch der Geheimdienste nicht sieht und auch blind ist f&uuml;r neue Gefahren, wie etwa die Schieds- und Geheimgerichte des geplanten Freihandelsabkommens zwischen den USA und Europa (&bdquo;Transatlantic Trade and Investment Partnership&ldquo; \/ TTIP), muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein naiver Lobbyist der Marktgesellschaft zu sein. In einem taz-Interview hat Ulrich Beck j&uuml;ngst die sich nationalstaatlicher Regelung entziehende globale Bedrohung benannt: &bdquo;Wir haben eine laufende Revolution der IT-Branche und der Kommunikationsmedien in Kooperation mit dem milit&auml;risch-industriellen Komplex, die permanent die Grund- und Freiheitsrechte relativiert, aush&ouml;hlt oder aufhebt.&ldquo; Politiker, die die zugrundeliegende Macht- und Interessenstruktur dieser Entwicklungen nicht erkennen, die stattdessen stillschweigend zusehen, wie die EU verwanzt und ihre B&uuml;rger ausgeforscht werden, k&ouml;nnen die &uuml;berhaupt noch aufwachen?<\/p><p>Wir haben uns, seit die Statistik in unseren Alltag quasi fl&auml;chendeckend eingef&uuml;hrt worden ist, daran gew&ouml;hnt, unser kausales Denken durch die Interpretation von Korrelationen zu ersetzen. Die Ursachen f&uuml;r die statistisch ermittelten Zusammenh&auml;nge sind dabei von sekund&auml;rem Interesse. Dieser Korrelations-&bdquo;Logik&ldquo; haben sich auch Geheimdienste mit ihrer Rasterfahndung und Datensammelwut verschrieben. Peter Moeschl hat in einem Beitrag &bdquo;Die sch&ouml;ne, neue Verschw&ouml;rungswelt der NSA&ldquo; auf die Folgen einer von Kausalit&auml;tsvorstellungen &bdquo;entlasteten&ldquo;, statistischen Weltsicht aufmerksam gemacht, n&auml;mlich<br>\n&bdquo;die computergest&uuml;tzte Projektion eines Weltbildes, in der es nur gute Konformisten und b&ouml;se (konspirative) Nonkonformisten gibt &hellip; ein neues, ein institutionalisiertes Verschw&ouml;rungsdenken der h&ouml;heren Art, das vorauseilend die Welt beurteilt und bewertet.&ldquo;<\/p><p>In der aktuellen Auseinandersetzung um informationelle Selbstbestimmung und eine demokratische und eben nicht marktgesteuerte Datenpolitik erweist sich der Parteiliberalismus der Bundesrepublik gerade nicht als Lobby f&uuml;r Aufkl&auml;rung und M&uuml;ndigkeit. Der von Herrn Lindner als L&ouml;sung angebotene Neoliberalismus kann daher nicht die Antwort auf Big Money und Big Data sein, er ist vielmehr Teil des Problems, eines Problems, das nicht mehr auf nationalstaatlicher Ebene gel&ouml;st werden kann und wird.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. Joachim Paul ist Fraktionsvorsitzender der Piratenfraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Gastbeitrag f&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/ueberwachung\/gastbeitrag-von-christian-lindner-ordnung-fuer-den-datenmarkt-eine-erste-agenda-12530451.html\">FAZ<\/a> macht sich der Landeschef der NRW-FDP und Vorsitzende der D&uuml;sseldorfer Landtagsfraktion seiner Partei, Christian Lindner, Gedanken &uuml;ber eine &bdquo;Ordnung f&uuml;r den Datenmarkt&ldquo;. 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