{"id":1862,"date":"2006-11-13T14:21:37","date_gmt":"2006-11-13T13:21:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1862"},"modified":"2020-02-20T10:52:13","modified_gmt":"2020-02-20T09:52:13","slug":"prof-sinn-halt-den-skandinavischen-weg-fur-einen-schwindel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1862","title":{"rendered":"Prof. Sinn h\u00e4lt den skandinavischen Weg f\u00fcr einen \u201eSchwindel\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im Norden regelt nicht der Markt die Nachfrage, sondern der Staat h&auml;lt die Bev&ouml;lkerung in Lohn und Brot. Kein Modell f&uuml;r Deutschland, meint Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Dazu schreibt uns Karl Mai.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Skandinavischer Schwindel&ldquo; &ndash; entdeckt von Prof. Sinn<\/strong><\/p><p>Von Karl Mai<\/p><p>Dem abgrundtiefen Misstrauen der Marktfundamentalisten gegen&uuml;ber der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der L&auml;nder des &bdquo;Skandinavischen Modells&ldquo; entsprang jetzt die neueste Bekundung von Prof. Sinn in der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2006\/11\/08\/1102795.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.welt.de\/data\/2006\/11\/08\/1102795.html\">&bdquo;Welt&ldquo; vom 8. November<\/a> unter der ausgesprochen verketzernden &Uuml;berschrift &bdquo;Skandinavischer Schwindel&ldquo; &ndash; den nat&uuml;rlich der &bdquo;hoch geehrte &Ouml;konom Deutschlands&ldquo; nun schwungvoll entlarven muss.<br>\nProf. Sinn bemerkt emp&ouml;rt:<\/p><p>&bdquo;In Deutschland, Europas gr&ouml;&szlig;ter Volkswirtschaft, betr&auml;gt der Anteil des Staates an der abh&auml;ngigen Besch&auml;ftigung gerade einmal 12,2 %&ldquo;. &ldquo;Im Durchschnitt aller vier skandinavischen L&auml;nder betr&auml;gt der Anteil 32,7 %&hellip;&ldquo;, liegt also 2,7mal h&ouml;her als in Deutschland.<\/p><p>Dieser Fakt basiert auf einem &ndash; wie Prof. Sinn meint &ndash; &bdquo;skandinavischen Buchhaltungstrick&ldquo;, der Arbeitslose einfach dadurch wegzaubert, dass er sie in den Staatsdienst &uuml;bernimmt. Das sieht nach seiner Meinung praktisch so aus, dass die &bdquo;Skandinavier ihren Arbeitslosen zus&auml;tzlich einen Schreibtisch&ldquo;(!) geben. Nur deshalb sei dort eine niedrigere Arbeitslosigkeit zu verzeichnen.<\/p><p>Aber schlimmer noch, ein wahres Sakrileg begehen die Skandinavier an der &Ouml;konomie, indem die Arbeitsverg&uuml;tungen der zus&auml;tzlichen Staatsdiener ganz regul&auml;r als &bdquo;Wertsch&ouml;pfung des Staates&ldquo; in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ausgewiesen werden, und somit das dortige BIP kr&auml;ftig erh&ouml;hen und einen entsprechend h&ouml;heren Wohlstand ihrer L&auml;nder eben nur durch einen &bdquo;Taschenspielertrick&ldquo; (Prof. Sinn) vorgaukeln. Aus einer derart h&ouml;heren Wertsch&ouml;pfung resultieren nat&uuml;rlich auch h&ouml;here Steuern und Sozialabgaben &ndash; die also aus keinem ehrlich erzeugten Wohlstand entspringen k&ouml;nnen, sondern eben nur herbeigezaubert w&uuml;rden.<br>\nL&auml;nder, die derart mit &bdquo;Buchhaltungstricks&ldquo; und &bdquo;Taschenspielertricks&ldquo; der &uuml;brigen Welt ihre Erfolge nur vorgaukelten, seien deshalb zweitklassig, ja sogar  verabscheuungsw&uuml;rdig und jedenfalls nicht geeignet, f&uuml;r Deutschland als Modellfall zu dienen.<\/p><p>Weil es so gar nicht ins Weltbild von Prof. Sinn passt, wird dann auch unterschlagen, dass in der EU ganz allgemein die Staatsangestellten gem&auml;&szlig; ihrer Arbeitseinkommen in die &bdquo;Wertsch&ouml;pfung nach VGR&ldquo; einbezogen werden. Nein, die Skandinavier h&auml;tten niemals f&uuml;r Arbeitnehmer oder gar f&uuml;r Arbeitslose &bdquo;einen zus&auml;tzlichen Schreibtisch&ldquo; bereitstellen d&uuml;rfen, denn dies verf&auml;lscht ja die an neoliberalen Kriterien gemessenen Vergleiche zwischen den L&auml;ndern. Das muss einem Vork&auml;mpfer der reinen Marktgesellschaft ganz sauer aufsto&szlig;en, ja so sehr reizen, dass er sogar seine intellektuelle Redlichkeit aufgibt.<\/p><p>Prof. Sinns Seitenhiebe auf die demgem&auml;&szlig; hohen Anteile des Staates an der Besch&auml;ftigung in Skandinavien bleiben deshalb ohne jegliche differenzierte Analyse der konkreten &ouml;ffentlichen Aufgaben und Leistungen des dort staatlich besch&auml;ftigten Personals. Eine solche Analyse h&auml;tte n&auml;mlich erhebliche Unterschiede in der Struktur der &ouml;ffentlichen Dienstleistungen zwischen den Skandinaviern und Deutschland aufgedeckt, nicht zuletzt auch im Bereich medizinischer und sozialer Dienstleistungen und im gesamten Bildungs- und Wissensbereich. Gerade weil solche Leistungen der Daseinsvorsorge dort in erheblichem Ma&szlig;e staatlich erbracht werden, sind die dortigen Staatsausgabenquoten ca. 7,5 %-Punkte h&ouml;her als in Deutschland.<br>\nDass die Skandinavier  ihren Leuten mittels Steuerfinanzierung tats&auml;chlich etwas f&uuml;rs Geld der Steuerzahler bieten, wonach sich Deutsche die Finger lecken w&uuml;rden, ist Prof. Sinn keiner Erw&auml;hnung wert.<\/p><p>Der Vorwurf Sinns an die skandinavischen H&uuml;ter des Sozialstaats lautet: &bdquo;Doch z&ouml;gern die L&auml;nder den Preis der menschlichen Arbeit entsprechend absinken zu lassen.&ldquo;<br>\nDies gelte vor allem f&uuml;r &bdquo;den Gleichgewichtspreis ungelernter Arbeit in der gesamten westlichen Welt&ldquo;. Es sei eben besser, &bdquo;dem Markt die Entscheidung zu &uuml;berlassen, welche Leistungen der geringer qualifizierte und weniger motivierte Teil der Erwerbsbev&ouml;lkerung erbringen sollte&ldquo;, urteilt Sinn &ndash; ohne das weiter zu begr&uuml;nden.<br>\nJa, wie kann man sich blo&szlig; &ndash; so wie in Skandinavien &ndash; gegen die globalen Marktgesetze stemmen und dem &bdquo;berechtigten&ldquo; Fall der L&ouml;hne entgegenwirken, wo dann nur noch  &bdquo;der Staat die Bev&ouml;lkerung in Lohn und Brot&ldquo; h&auml;lt?<br>\nDa muss doch etwas faul sein in den &ouml;konomisch &bdquo;fehlgesteuerten&ldquo; skandinavischen L&auml;ndern!<br>\n&bdquo;Mit einem durchschnittlichen j&auml;hrlichen BIP-Wachstum von 2,3 % in den Jahren 1995 bis 2005 lagen die skandinavischen L&auml;nder unter den anderen L&auml;ndern  der alten EU, die im Schnitt um 2,8 % wuchsen&ldquo;, versucht Prof. Sinn seinen Standpunkt zu erh&auml;rten. Nach dem Motto &bdquo;Was nicht sein kann, das nicht sein darf&ldquo;, st&ouml;rt sich Sinn nicht daran, dass etwa der Sachverst&auml;ndigenrat (SVR) in seinem j&uuml;ngsten Jahresgutachten f&uuml;r die drei in der EU befindlichen skandinavischen Staaten von 1999 bis 2006 mit Wachstumsraten von immerhin 2,5 % ausweist, w&auml;hrend die deutschen Wachstumsraten dagegen  bei 1,2 % und die der &uuml;brigen deutschen EU-Nachbarn bei 1,9 % (Punkt 468, Tabelle 39) lagen. <\/p><p>Wie beim SVR gleichfalls nachzulesen, liegen auch die Bildungsausgaben der drei skandinavischen L&auml;nder f&uuml;r 2002 mit 6,5 % des nominellen BIP weit &uuml;ber den deutschen (mit 4,4 %). Dasselbe gilt auch f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Investitionen, wo die Skandinavier im Jahre 2006 mit 2,5 % ebenfalls fast doppelt so hoch liegen, wie die Deutschen (mit 1,3 %). <\/p><p>Vielleicht sind das ja gerade Gr&uuml;nde, warum die Skandinavier sich &bdquo;zus&auml;tzliche Schreibtische f&uuml;r Arbeitslose&ldquo; im Staatsapparat leisten k&ouml;nnen, Herr Prof. Sinn!<\/p><p>Aber nein f&uuml;r ihn ist &bdquo;der skandinavische Weg &hellip; mehr als ein Taschenspielertrick&ldquo; und jedenfalls f&uuml;r Deutschlands Weg in der Globalisierung nicht zu empfehlen, res&uuml;miert Prof. Sinn abf&auml;llig.<br>\nWarum eigentlich nicht?<br>\nWeil nach Sinns reiner Lehre, der Weg nur sein kann: Erh&ouml;hung des Niedriglohnanteils, prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse bei Teilzeit, Druck auf die Effektivl&ouml;hne, Sozialabbau als Mittel zur Senkung von Lohnnebenkosten und der Staatsquote.<\/p><p>Und wer diese Spirale nach unten nicht mitmacht und gegen dieses Dogma verst&ouml;&szlig;t, der kann nach Prof. Sinn eben nur mit  &bdquo;Taschenspielertricks&ldquo; arbeiten.<\/p><p>Und wenn es dabei den Menschen gut geht und sie ganz zufrieden sind, dann steht es nach Prof. Sinn eben umso schlimmer um diese Wirklichkeit, je weniger sie seiner Theorie entspricht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Norden regelt nicht der Markt die Nachfrage, sondern der Staat h&auml;lt die Bev&ouml;lkerung in Lohn und Brot. 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