{"id":18638,"date":"2013-09-16T09:45:21","date_gmt":"2013-09-16T07:45:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18638"},"modified":"2019-03-02T11:31:20","modified_gmt":"2019-03-02T10:31:20","slug":"unkonventionelle-oder-dogmatische-geldpolitik-in-der-europaischen-wahrungsunion-kommt-es-daruber-zu-einer-zerreisprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18638","title":{"rendered":"Unkonventionelle oder dogmatische Geldpolitik \u2013 In der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion kommt es dar\u00fcber zu einer Zerrei\u00dfprobe"},"content":{"rendered":"<p>Die einen bem&uuml;hen sich, die ge&auml;nderte Welt zu verstehen, die anderen beharren auf alten Rezepten, von denen sie glauben, sie seien f&uuml;r immer und ewig g&uuml;ltig. Die Rede ist von Notenbankern, die allgemein als konservativ gelten, sich aber doch unter den derzeitigen Umst&auml;nden deutlich unterscheiden.<br>\nIn der ganzen industrialisierten Welt erleben wir dieser Tage eine Zeitenwende in der Geldpolitik. Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBen Bernanke, der eigentlich als konservativ eingestufte und von den Republikanern berufene Vorsitzende der Fed (des Federal Reserve Systems) hat schon in den vergangenen Jahren Geldpolitik weit jenseits der normalen geldpolitischen Horizonte betrieben, indem er &bdquo;forward guidance&ldquo; gab, also eine gewisse Stabilit&auml;t der niedrigen Zinsen auch f&uuml;r die Zukunft versprach. Die Bank von Japan hat ein &auml;hnliches Versprechen abgegeben und in England haben sie in diesem Sommer einen Mann zum Notenbankpr&auml;sidenten gemacht (obwohl der gar kein Engl&auml;nder ist), der als einer der Pioniere der forward guidance gilt: Mark Carney, der vorher die Bank of Canada geleitet hatte. <\/p><p>Nun sagen manche in Kontinentaleuropa, die auf legalistischen Positionen bestehen, das sei ja auch kein Wunder, weil diese Notenbanken ein anderes Mandat haben als die Deutsche Bundesbank fr&uuml;her und die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) jetzt. Das ist aber von vorneherein ein unsinniges Argument, denn wenn die Welt sich wirklich ge&auml;ndert hat, n&uuml;tzt es ja nichts, auf &uuml;berkommenen Regeln zu beharren. Die k&ouml;nnen n&auml;mlich nicht mehr funktionieren. Stattdessen muss man die Regeln anpassen oder zumindest flexibel auslegen.<\/p><p>Letzteres hat sogar die EZB getan, die sich ebenfalls j&uuml;ngst (<a href=\"http:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/key\/date\/2013\/html\/sp130718.de.html\">wie in dem verlinkten Interview von Peter Praet, dem Chefvolkswirt<\/a>) entschlossen hat, solche &bdquo;forward guidance&ldquo; zu geben, wohl weil man dort &ndash; trotz eines engen Mandats &ndash; begonnen hat zu verstehen, dass mit den alten, von der Deutschen Bundesbank geerbten Rezepten in der neuen Welt nach der Finanzkrise kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Vielleicht hat man in der EZB auch verstanden, dass die Eurozone eine gro&szlig;e geschlossene Volkswirtschaft ist, in der die in der alten Bundesrepublik angewandten Regeln ohnehin obsolet sind, weil die eine relativ kleine und relativ offene Volkswirtschaft war.<\/p><p>Die alte Schule der deutschen Notenbanker (die aber, wie man an Jens Weidmann sieht, nichts mit dem Alter zu tun hat) h&auml;lt jedoch tapfer dagegen. So sagte <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/otmar-issing-ehemaliger-chefoekonom-haelt-zinsversprechen-der-ezb-fuer-falsch-12556875.html\">Otmar Issing<\/a> der forward guidance ebenso den Kampf an wie J&uuml;rgen Stark, der schon immer versuchte, der h&auml;rteste aller harten Falken zu sein. Wenn man sich allerdings die Argumente der Falken anschaut, dann sind die mehr als d&uuml;nn. (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/abo-preview-unkonventionelle-oder-dogmatische-geldpolitik-in-der-europaeischen-waehrungsunion-kommt-es-darueber-zu-einer-zerreissprobe\/\">Flassbeck-Economics<\/a>) <\/p><p>Worum geht es ganz konkret? Nun, dass die alten Regeln der Geldpolitik nicht mehr gelten, kann man unschwer daran erkennen, dass die ganze Welt es auch im Jahre f&uuml;nf nach der gro&szlig;en Krise nicht geschafft hat, einen Aufschwung in Gang zu setzen, der den Namen verdient. In fast allen Industriel&auml;ndern verharrt die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau und eine Konsum- und Investitionst&auml;tigkeit, die sich selbst tr&auml;gt, also ohne weitere Anregungen durch die Zentralbank auskommt, ist weit und breit nicht in Sicht. Ausdruck dieser Schw&auml;che ist ein deflation&auml;rer Bias in der Weltwirtschaft, den die anderen Notenbanken mit gro&szlig;er Besorgnis zur Kenntnis nehmen, weil sie aus der japanischen Erfahrung gelernt haben, wie schwer es ist, eine einmal ins System eingedrungene Deflation zu bek&auml;mpfen. Warum es diesen deflation&auml;ren Bias gibt, haben wir <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/es-braucht-eine-neue-wende-nicht-weniger-als-das-ist-unser-programm\/2\/\">hier<\/a> <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/japan-why-paul-krugman-doesnt-get-it-right-and-martin-wolf-has-to-move-on\/\">mehrfach<\/a> im Detail erkl&auml;rt. Es ist das Paradox, dass die Arbeitslosigkeit im Zuge der Finanzkrise bei der niedrigsten Lohnquote, die die Welt seit vielen Jahrzehnten gesehen hat, deutlich angestiegen ist. Die Notenbanken, die den neuen Weg gehen, ahnen wohl, dass am Arbeitsmarkt etwas nicht stimmt, sie sagen es aber nicht klar und deutlich, sondern beschr&auml;nken sich auf den Hinweis, wie die Financial Times es ausdr&uuml;ckte (ist allerdings kostenpflichtig), dass man das, was am Arbeitsmarkt vor sich gehe, noch nicht vollst&auml;ndig verstehe. <\/p><p>Die modernen Notenbanker haben aber immerhin verstanden, dass die Geldpolitik weit mehr tun muss als in der Vergangenheit, um die Wirtschaft anzukurbeln. Mit der forward guidance verlassen auch sie nicht prinzipiell das Dogma, dass die Notenbank prim&auml;r f&uuml;r die Inflationsbek&auml;mpfung zust&auml;ndig ist. Sie kn&uuml;pfen den Fortbestand niedriger Zinsen an klare Bedingungen, wie die, dass im Verlauf des Prozesses die Inflationsrate nicht ansteigt und verk&uuml;nden Schwellen der Unterbesch&auml;ftigung (im Falle Englands eine Arbeitslosenrate von 7 Prozent), ab der sie ihre Politik &uuml;berpr&uuml;fen wollen. Wichtig bei dieser Politik ist auch, dass die Notenbanken die extrem nerv&ouml;sen Finanzm&auml;rkte im Blick haben und hoffen, &uuml;ber ihre Ank&uuml;ndigung positive Verm&ouml;genseffekte (also h&ouml;here Aktienkurse oder steigende Immobilienpreise) auszul&ouml;sen, die in den Augen der Anleger so nachhaltig sind, dass sie dann zu einem Anstieg der Ausgaben und einer Belebung der Konjunktur f&uuml;hren. Auch sinkende Devisenkurse der eigenen W&auml;hrungen k&ouml;nnten zum Zielkatalog geh&ouml;ren, obwohl das niemand so offen sagt. <\/p><p>Das schafft aber, wie wir <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/bernanke-der-beginn-vom-ende-ist-immer-schwer-diesmal-aber-besonders\/\">hier<\/a> vor einigen Monaten schon gesagt haben, ein neues Problem. In einer Welt, in der die Mehrzahl der Akteure nur daran denkt, wie die anderen Akteure an den Asset-M&auml;rkten die Politik der Zentralbank aufnehmen, ger&auml;t die Geldpolitik schnell in ein Dilemma. Will sie vorsichtig sein und die M&auml;rkte nicht &uuml;ber Nacht mit einer brutalen Wende &uuml;berraschen, muss sie sehr fr&uuml;hzeitig ank&uuml;ndigen, dass ein Ende der Expansionsstrategie in Sicht ist. Das ist wom&ouml;glich viel zu fr&uuml;h f&uuml;r die reale Wirtschaft. Ganz gleich wie vorsichtig sie n&auml;mlich ihre Ank&uuml;ndigung formuliert, der erste Hauch der K&auml;lte l&auml;sst alle &bdquo;Investoren&ldquo; an den Finanzm&auml;rkten zusammenzucken und kann gewaltige negative Kettenreaktionen ausl&ouml;sen, also Reaktionen, bei denen genau das &bdquo;Verm&ouml;gen&ldquo; in kurzer Zeit wieder vernichtet wird, das die Zentralbanken schaffen wollten, um die Wirtschaft &uuml;ber die Aufschwungsschwelle zu heben. Weil es viele Aktienm&auml;rkte zugleich trifft, die wichtigsten Rohstoffm&auml;rkte, die Devisenm&auml;rkte und die Bondm&auml;rkte (also die M&auml;rkte, an denen sich die Staaten refinanzieren), k&ouml;nnen die Zentralbanken nicht einfach die Augen vor den Wirkungen verschlie&szlig;en, die sie auf all diesen M&auml;rkten zugleich ausl&ouml;sen. <\/p><p>Die Schw&auml;che auch dieses Ansatzes ist nicht zu &uuml;bersehen. Positive Verm&ouml;genseffekte am bestehenden Verm&ouml;gen ausl&ouml;sen zu wollen wird in der Regel nicht ausreichend sein, um eine Investitionsdynamik in Gang zu setzen, die neues Verm&ouml;gen, Einkommen und Arbeitspl&auml;tze schafft. Die Menschen, deren Verm&ouml;gen bei Assetblasen aufgewertet wird, sind nicht entscheidend als K&auml;ufer neuer Produkte, die Unternehmen in gro&szlig;er Menge erzeugen m&uuml;ssen, um die Konjunktur anzuregen. Wenn die Masse der B&uuml;rger wegen der hohen Arbeitslosigkeit und einer allgemeinen G&uuml;rtel-enger-Schnallen-Ideologie negative Einkommenserwartungen hat, kann sich die Geldpolitik auf den Kopf stellen und es wird ihr trotzdem nur in Ausnahmef&auml;llen gelingen, den Durchbruch zu einer neuen Investitionsdynamik zu erreichen. Dennoch ist es richtig, auch diese unkonventionellen Wege zu gehen.<\/p><p>Das Versagen des Arbeitsmarktes k&ouml;nnen und wollen die altmodischen geldpolitischen Dogmatiker vom Schlage Weidmann, Issing und Stark nat&uuml;rlich erst recht nicht zur Kenntnis nehmen. Sie glauben aber sogar, dass der moderne Ansatz der Geldpolitik unmittelbar Inflationsgefahren mit sich bringt. Issing wird in dem oben verlinkten Artikel mit der Frage zitiert, &bdquo;wie man geldpolitisch reagiere, wenn es auf den M&auml;rkten zu Schocks kommt oder sich die Arbeitslosigkeit &uuml;berraschend stark ver&auml;ndert&ldquo;. Das ist die typische Art und Weise, wie man scheinbar wichtige Bedenken in die Debatte wirft, ohne zu sagen, was man wirklich meint. Welcher Art sollten die Schocks sein? Um gef&auml;hrlich f&uuml;r die Preisstabilit&auml;t zu sein, m&uuml;sste es sich ja um positive Nachfrageschocks oder negative Angebotsschocks handeln. Erstere aber gibt es au&szlig;erhalb massiver staatlicher Anregung f&uuml;r die Konjunktur praktisch nicht und, selbst wenn der Staat das planen sollte, w&uuml;sste es die Notenbank. Was aber ist, wenn der &Ouml;lpreis pl&ouml;tzlich um 50 Prozent steigt? Ist dann die Preisstabilit&auml;t gef&auml;hrdet? Nein, weil jeder vern&uuml;nftige Mensch wei&szlig;, dass das nur ein Einmaleffekt ist, der nur dann gef&auml;hrlich f&uuml;r die Preisstabilit&auml;t wird, wenn er zu dauerhaft steigenden L&ouml;hnen f&uuml;hrt, was man aber ausschlie&szlig;en kann, so lange die Arbeitslosigkeit hoch ist.<\/p><p>Noch absurder ist das Beispiel der Arbeitslosigkeit. Kann die Arbeitslosigkeit in kurzer Zeit so stark zur&uuml;ckgehen, dass die Notenbank unf&auml;hig ist zu reagieren?  Jede Erfahrung, die es auf dieser Welt gibt, zeigt, dass es ungemein schwer ist, eine einmal entstandene Arbeitslosigkeit wieder abzubauen, und dass die Zeitr&auml;ume, um die es beim Abbau hoher Arbeitslosigkeit geht, eher in Jahrzehnten als in Jahren zu messen sind. Zu sagen, die Arbeitslosigkeit k&ouml;nne sich so stark &bdquo;ver&auml;ndern&ldquo;, dass eine geldpolitische Reaktion schwierig w&uuml;rde, ist vollkommen absurd.<\/p><p>Doch machen wir uns nichts vor. Hier bildet sich ein schwerer Konflikt in der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion heraus. Je mehr die EZB den Weg unkonventioneller moderner Geldpolitik geht, umso m&auml;chtiger wird das F&auml;usteballen bei den deutschen (und einigen anderen nordischen) Dogmatikern und in ihrem politischen Umfeld. Bleiben in Deutschland CDU und FDP an der Macht, finden die Dogmatiker unter den deutschen &Ouml;konomen innerhalb und au&szlig;erhalb der Bundesbank ein fruchtbares politisches Feld f&uuml;r das Sch&uuml;ren von Zweifeln &uuml;ber die Solidit&auml;t und Verl&auml;sslichkeit der EZB. Solche Zweifel werden die deutsche Politik veranlassen, in den &uuml;brigen Politikbereichen (Fiskal- und Arbeitsmarktpolitik) noch dogmatischer zu werden als sie ohnehin schon sind. Das wiederum erschwert das Gesch&auml;ft der EZB, weil es auch bei unkonventioneller Geldpolitik einen Aufschwung unwahrscheinlicher macht. Dann kann man leicht argumentieren, die ganze Experimentiererei mit neuen Methoden der Geldpolitik habe nichts gebracht und man m&uuml;sse zur&uuml;ck zum Dogmatismus. Das Ergebnis wird eine Beschleunigung der Zerfallserscheinungen in der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion sein.<\/p><p><em>&bdquo;Im Zuge einer vertieften Kooperation mit den Nachdenkseiten stellt uns flassbeck-economics von nun an in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden einzelne Artikel zur Verf&uuml;gung, die dort im Abonnement erscheinen, also kostenpflichtig sind. Wir weisen auf diese Artikel hin und auf alle anderen, die auf flassbeck-economics im Abonnement in den vergangenen zwei Wochen erschienen sind.<\/em><\/p><p><em>Wichtig ist uns auch der Hinweis, dass flassbeck-economics dank eines neu gegr&uuml;ndeten Unterst&uuml;tzerkreises nun die M&ouml;glichkeit hat, kostenlose Abonnements an Personen zu vergeben, die finanziell nicht ohne weiteres in der Lage sind, sich ein Abonnement zu leisten. Bewerbungen um ein solches Unterst&uuml;tzer-Abo richten sie bitte direkt &uuml;ber die Seite <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\">flassbeck-economics<\/a> an die Herausgeber.<\/em><\/p><p><em>Erschienen sind auf flassbeck-economics seit dem 1.9. au&szlig;erdem im Abonnement:<\/em><\/p><ul>\n<li><em>&bdquo;Die Weltwirtschaft bekommt einen neuen obersten Zentralbanker&ldquo;. Der Artikel fragt, was der Chef der amerikanischen Zentralbank k&ouml;nnen muss und welche Bedeutung seine Wahl f&uuml;r uns hat.<\/em><\/li>\n<li><em>&bdquo;Indien, Brasilien und andere Schwellenl&auml;nder im Fadenkreuz der &bdquo;Investoren&ldquo; und der Medien &ndash; Warum, was einmal falsch war, auch durch eine Radikalkur nicht richtig wird, und warum das so schwer zu verstehen ist.&ldquo; Es wird untersucht, warum die Schwellenl&auml;nder nun wieder mir Krisenerscheinungen zu k&auml;mpfen haben und welche Rolle das Versagen des Nordens in Sachen Weltw&auml;hrungssystem dabei spielt. Teil I und Teil II.<\/em><\/li>\n<li><em>&bdquo;Deutsche Bundesbank in der Zwickm&uuml;hle.&ldquo; Eine Kritik an einer Untersuchung der Deutschen Bundesbank zur Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands und Chinas.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die einen bem&uuml;hen sich, die ge&auml;nderte Welt zu verstehen, die anderen beharren auf alten Rezepten, von denen sie glauben, sie seien f&uuml;r immer und ewig g&uuml;ltig. 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