{"id":18658,"date":"2013-09-17T09:35:51","date_gmt":"2013-09-17T07:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18658"},"modified":"2019-07-05T10:55:58","modified_gmt":"2019-07-05T08:55:58","slug":"wie-die-griechische-linke-die-krise-uberwinden-will-ein-interview-mit-dem-linksparteichef-alexis-tsipras","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18658","title":{"rendered":"Wie die griechische Linke die Krise \u00fcberwinden will \u2013 Ein Interview mit dem Linksparteichef Alexis Tsipras"},"content":{"rendered":"<p>Die Athener Zeitung &bdquo;Kyriakatiki Elevtherotypia&ldquo; hat am 8. September ein langes Interview mit dem Vorsitzenden der griechischen Linkspartei Syriza, Alexis Tsipras, ver&ouml;ffentlicht. Die beiden KE-Redakteure Spyros Karalis und Kostas Kalloniatis legten dem Oppositionsf&uuml;hrer pr&auml;zise und kritische Fragen vor, die sich auch die meisten griechischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger stellen m&uuml;ssten, w&uuml;rde man sie in n&auml;chster Zeit zu einer Wahlentscheidung aufrufen. Aus den ausf&uuml;hrlichen Antworten von Tsipras l&auml;sst sich deutlicher als je zuvor erkennen, wie der Vorsitzende der Syriza &ndash; den die internationale Presse bereits als Symbolfigur und als &bdquo;das Gesicht&ldquo; der europ&auml;ischen Linken darstellt &ndash; die politische Zukunft seiner Partei, seines Landes und der Europ&auml;ischen Union beurteilt und vor allem selbst gestalten will. Das Interview ist auch deshalb f&uuml;r unsere Leserinnen und Leser interessant, weil es auf viele Fragen eingeht, die Niels Kadritzke in seinem Beitrag &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18096\">Geht die alte Kumpanei geht weiter oder gibt es eine Chance f&uuml;r eine politische Alternative?<\/a>&ldquo; gegen&uuml;ber der &bdquo;neugeborenen&ldquo; griechischen Linkspartei Syriza aufgeworfen hat.<\/p><p><strong>Niels Kadritzke<\/strong> hat f&uuml;r uns das Interview &uuml;bersetzt und einige Anmerkung zur derzeitigen politischen Situation vorweggestellt.<br>\n<!--more--><\/p><p>Meine &Uuml;bersetzung h&auml;lt sich, jenseits stilistischer Bedenken, eng an den griechischen Interview-Text, um die Ausdrucksweise, also auch die Denkweise des Sprechers der nicht-kommunistischen griechischen Linken m&ouml;glichst authentisch vorzustellen. Im &Uuml;brigen wurde der Text in dem &uuml;bersetzten Teil nur ganz unwesentlich gek&uuml;rzt. Dabei handelt es sich um kurze Passagen, die f&uuml;r den deutschen Leser ohne gr&ouml;&szlig;ere Erl&auml;uterungen unverst&auml;ndlich sind. Alle eingeklammerten S&auml;tze oder Hinweise stammen von mir und sollen nur der Kl&auml;rung oder Pr&auml;zisierung dienen. Ganz verzichtet habe ich auf einen Schlussteil, in dem Tsipras auf Fragen der klassischen Au&szlig;enpolitik eingeht. <\/p><p>Zur Einf&uuml;hrung will ich einige Punkte benennen, die verst&auml;ndlich machen sollen, woraus sich die erstaunliche Siegesgewissheit n&auml;hrt, die Tsipras in seinen Antworten erkennen l&auml;sst.  <\/p><ol>\n<li><strong>Demoskopische Zahlen<\/strong>\n<p>Die neuesten Umfragen zeigen vor allem, dass die Entt&auml;uschung &uuml;ber die Politik der Regierung Samaras\/Venizelos (einer Allianz der verbrauchten Parteien ND und Pasok) nicht nur anh&auml;lt, sondern &uuml;ber die letzten Monate noch st&auml;rker geworden ist. Nach der September-Umfrage des Instituts Public Issue glauben in der Tat drei Viertel der Bev&ouml;lkerung, dass die Entwicklung ihres Landes in die falsche Richtung geht. Ablehnend zur Sparpolitik der Regierung (im Tsipras-Interview als &bdquo;Memorandum&ldquo;-Politik bezeichnet) &auml;u&szlig;ern sich 76 Prozent der Befragten (8 Prozent mehr als noch vor einem Jahr); und genau so wichtig:  72 Prozent beschreiben ihre pers&ouml;nliche Lage als zumindest &bdquo;schwierig&ldquo; (3 Prozent mehr als noch im Juli). <\/p>\n<p>Ein weiterer Indikator f&uuml;r die Stimmung ist, dass 81 Prozent der Befragten im Herbst mit anhaltenden Streiks und Demonstrationen rechnen (die auch die Syriza ank&uuml;ndigt und in den meisten F&auml;llen mittragen will). Dieser Prozentsatz ist besonders bemerkenswert, weil er seit dem Juli um 25 Punkte gestiegen ist. <\/p>\n<p>Die zunehmend regierungskritische Stimmung schl&auml;gt sich auch in der &bdquo;Sonntagsfrage&ldquo; nieder. Nach der (gewichteten) Hochrechnung der Demoskopen w&uuml;rde die Syriza bei Wahlen auf 30,5 Prozent der Stimmen kommen und damit um einen Prozentpunkt vor der ND liegen. Die Wahlprognose f&uuml;r die anderen Parteien lautet: 15 Prozent f&uuml;r die Neonazi-Partei Chrysi Avgi, 8 Prozent f&uuml;r die Pasok, 7,5 Prozent f&uuml;r die KKE (orthodoxe Kommunisten), 7 Prozent f&uuml;r die rechtspopulistische ANEL und nur 3,5 Prozent f&uuml;r die linkssozialdemokratische Dimar, die durch ihr Ausscheiden aus der Regierung im Gefolge des ERT-Skandals viele Anh&auml;nger verloren hat. <\/p>\n<p>Damit sind die Syriza und die Neonazis die einzigen Parteien, die im Vergleich mit den Juli-Umfragen zulegen konnten, w&auml;hrend beide Regierungsparteien leicht verloren haben. Insbesondere die sozialdemokratische Pasok geht schweren Zeiten entgegen, was sich darin ausdr&uuml;ckt, dass 80 Prozent der Griechen eine explizit negative Meinung &uuml;ber sie haben (noch negativer werden nur die Neonazis gesehen).<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist allerdings, dass im Falle vorzeitiger Neuwahlen immer noch mehr Befragte die konservativen ND als st&auml;rkste Partei erwarten (46 Prozent), w&auml;hrend 40 Prozent die Syriza vorn sehen. Aber: Nach wie vor ist aber eine klare Mehrheit von 60 Prozent gegen vorgezogene Wahlen, die von der Syriza angestrebt werden. In einer &auml;hnlicher Gr&ouml;&szlig;enordnung liegt die negative Meinung &uuml;ber alle politischen F&uuml;hrungsfiguren, die f&uuml;r Samaras wie f&uuml;r Tsipras bei 61 Prozent liegt; alle &uuml;brigen Politiker sind jedoch noch  weit unbeliebter; so wird etwa der Pasok-Vorsitzende und Vizeministerpr&auml;sident Venizelos von 76 Prozent negativ gesehen.Das Misstrauen gegen &bdquo;die Politiker&ldquo; schlechthin zeigt sich auch in der wichtigen Frage, welche Regierung die W&auml;hler bevorzugen:  28 Prozent votieren f&uuml;r die aktuelle Regierung Samaras, 23 Prozent f&uuml;r eine Syriza-Regierung unter Tsipras. Aber 45 Prozent geben die Antwort: keine von beiden!<\/p>\n<p>Diese Umfrageresultate spiegeln zwar die tiefgehende Vertrauenskrise zwischen Regierung und W&auml;hlervolk, sind aber auch f&uuml;r die Syriza h&ouml;chst ambivalent. Es ist deshalb interessant, wie Tsipras in dem dokumentierten Interview auf diese demoskopischen Befunde reagiert.<\/p><\/li>\n<li><strong>&Ouml;konomische Daten<\/strong>\n<p>Dass die Regierung Samaras\/Venizelos weiter an Zustimmung einb&uuml;&szlig;t, liegt vor allem an den anhaltend negativen Wirtschaftsdaten. Ganz offensichtlich hat die &bdquo;Optimismus&ldquo;-Kampagne, die insbesondere Samaras selbst in den letzten Monaten fast bis zur Farce forciert hat (siehe dazu meine Berichte auf den Nachdenkseiten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942\">vom 11. Juli<\/a>  und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18096\">vom 25. Juli<\/a>), keinerlei Wirkung erzielt. Im Gegenteil: Nach der Verk&uuml;ndung des nunmehr seit einem Jahr beschworenen &bdquo;Wirtschaftsaufschwungs&ldquo; wird die &ouml;konomische und soziale Misere, die fast jeder Einzelne am eigenen Leibe sp&uuml;rt, als noch schmerzhafter empfunden. Und auch der prognostizierte &Uuml;berschuss im &bdquo;Prim&auml;rhaushalt&ldquo; (also ohne die Zinsbelastung), den Finanzminister Stournaras f&uuml;r das Haushaltsjahr 2013 ank&uuml;ndigt, musste nicht nur heruntergerechnet werden (von 2,6 Milliarden auf neuerdings 1,1 Milliarden Euro). Der &bdquo;Prim&auml;rhaushalt&ldquo; erweist sich auch zunehmend als eine Gr&ouml;&szlig;e, die fast nichts &uuml;ber die &ouml;konomische Perspektive des Landes aussagt. In einem Gutachten des griechischen Unternehmerverbandes wurde mit Recht festgestellt, der &bdquo;Prim&auml;r&uuml;berschuss&ldquo; sei im Grunde nur eine &bdquo;symbolische Ziffer&ldquo;: Sie k&ouml;nne als solche keine ausl&auml;ndische Investitionen anziehen und sei f&uuml;r die einheimischen Investoren irrelevant; ebensowenig werde sie den Konsum ankurbeln oder Arbeitspl&auml;tze schaffen. Kurzum: Ein &bdquo;Prim&auml;r&uuml;berschuss&ldquo; bringt noch kein Wirtschaftswachstum. Daraus folgt eine scharfe Kritik an der Regierung: &bdquo;Indem man einen Krieg der Zahlen in Sachen Staatsdefizit gef&uuml;hrt hat, ist das Wachstumsziel auf der Strecke geblieben.&ldquo; Und dann stellt der Unternehmerverband die entscheidende Frage, auf die Samaras und Stournaras die Antwort schuldig bleiben: &bdquo;Welche Position soll Griechenland innerhalb der internationalen Arbeitsteilung haben?&ldquo;(Zitate nach Kathimerini vom 9. September). <\/p>\n<p>Mit Hinweis auf den &bdquo;drohenden&ldquo; Prim&auml;r&uuml;berschuss verleugnet die Regierung auch eine Entwicklung, die au&szlig;er ihr inzwischen fast die gesamte Wirtschaftswelt als unvermeidlich ansieht: einen neuen Schuldenschnitt im kommenden Jahr, und zwar bei den &bdquo;offiziellen&ldquo; Gl&auml;ubigern (wie der EZB und nationalen Zentralbanken der Eurol&auml;nder, inklusive der deutschen Bundesbank). Unklar ist derzeit nur noch, wie viele Schulden dem Land durch diesen zweiten &bdquo;haircut&ldquo; erlassen werden sollen\/m&uuml;ssen. Diese Unklarheit wird erst dann beseitigt sein, wenn die Griechen Ende des Jahres Kassensturz machen. Die inl&auml;ndischen Experten gehen schon heute von einer erneuten &bdquo;Deckungsl&uuml;cke&ldquo; in H&ouml;he von mindestens 10 Milliarden Euro aus.<\/p>\n<p>Bei diesen Prognosen ist allerdings noch v&ouml;llig offen, wie viel Geld aus dem Staatshaushalt in die Rentenkassen nachgeschossen werden muss, die wieder einmal riesige Defizite akkumuliert haben. Das liegt vor allem an der Tatsache, dass die Unternehmen ihre Pflichtbeitr&auml;ge in das Rentensystem nicht mehr abf&uuml;hren (k&ouml;nnen), und dass auch viele Freiberufler nichts mehr in ihre eigenen Kassen einzahlen. <\/p>\n<p>Das Problem ist h&ouml;chst akut. Die gr&ouml;&szlig;te Sozial- und Krankenkasse IKA musste bereits einen f&uuml;nf Tage laufenden Notkredit von 150 Millionen Euro bei der Staatskasse aufnehmen, damit sie die Renten im Oktober auszahlen kann. Im Grunde ist die IKA illiquide, und kein Mensch wei&szlig;, wie man die L&ouml;cher im Lauf dieses Jahres noch stopfen soll. Jedenfalls hat die Kampagne, mit der bei mehreren zehntausend Firmen die r&uuml;ckst&auml;ndigen IKA-Beitr&auml;ge eingetrieben werden sollten, bei weitem nicht die erwarteten Resultate erbracht. (Bericht in der Kathimerini vom 13. September)<\/p>\n<p>Angesichts der L&ouml;cher in den Sozialkassen klingt die Zusicherung der Regierung Samaras ausgesprochen hohl, man werde selbst f&uuml;r den Fall, dass ein neues &bdquo;Memorandum&ldquo; n&ouml;tig werden sollte, auf keinen Fall neue Sparprogramme akzeptieren, die weitere soziale Belastungen oder Einschnitte bringen w&uuml;rden. Denn viele Beobachter rechnen &ndash; jenseits formeller Sparbeschl&uuml;sse &ndash; inzwischen fest damit, dass die Rentenkassen schlicht gezwungen sein werden, die Rentenbez&uuml;ge noch weiter zu k&uuml;rzen. Ob sich das dann einem neuen &bdquo;Memorandum&ldquo; zurechnen l&auml;sst oder nicht, wird den griechischen Rentnern ziemlich egal sein.<\/p><\/li>\n<li><strong>Politische Kalk&uuml;le<\/strong>\n<p>Angesichts der &ouml;konomischen Lage und der pessimistischen bis verbitterten Volksstimmung machen sich auch in der zwangsoptimischen Koalition inzwischen ernste Sorgen um das eigene &Uuml;berleben breit. Offiziell wird das niemand zugeben, aber es mehren sich die Anzeichen, dass Samaras und seine Pasok-Partner immer nerv&ouml;ser werden. Zumal sich im Herbst zeigen wird, dass der sommerliche Tourismus-Boom keinen nachhaltigen Aufschwung und vor allem keine langfristige Besch&auml;ftigung gebacht hat. Im &uuml;bigen bleibt dieser viel gefeierte Boom auf das Wachstum der Einnahmen von ausl&auml;ndischen Besuchern beschr&auml;nkt,  w&auml;hrend der Binnentourismus v&ouml;llig eingebrochen ist, weil sich sieben von zehn griechischen Familien keine Ferien mehr leisten k&ouml;nnen. Entsprechend hat die Besch&auml;ftigtenzahl im Sommer nur sehr bescheiden zugenommen; mit der Folge, dass die Arbeitslosenrate auch Ende dieses Jahres noch bei 27 Pozent liegen wird. <\/p>\n<p>Ernstzunehmende Anzeichen f&uuml;r die politischen Bef&uuml;rchtungen, die sich im Regierungslager breit machen und die sich mit dem zu erwartenden &bdquo;hei&szlig;en Herbst&ldquo; noch verst&auml;rken d&uuml;rften, werden in der griechischen Presse aufmerksam registriert. Allerdings werden sie auch &ndash; je nach Orientierung der betreffenden Medien &ndash; entweder heruntergespielt oder zu einer akuten Regierungskrise aufgeblasen. In den letzten drei Jahren sind schon zu viele dieser Ger&uuml;chteblasen geplatzt, als dass man jede ernst nehmen k&ouml;nnte. <\/p>\n<p>Ich m&ouml;chte mich deshalb auf ein Anzeichen beschr&auml;nken, das allerdings von erheblicher Aussagekraft ist. In der Tageszeitung Kathimerini hat der gut vernetzte &ndash; und eher regierungsfreundlich kommentierende &ndash; Chefredakteur Alexis Papachelas am 9. September glaubhaft beschrieben, wie stark in den letzten Wochen die Angst vor einem Regierungswechsel im Lager der ND und der Pasok angewachsen ist. Es gebe ernsthafte Diskussionen &uuml;ber die Frage, wie man eine Syriza-Regierung verhindern k&ouml;nne. F&uuml;r die ND stelle sich dabei vor allem die Frage, wie man die Regierung erhalten kann, wenn nach den n&auml;chsten Wahlen kein Koalitionspartner mehr zur Verf&uuml;gung stehe (etwa weil die Pasok weiter zerf&auml;llt oder an der 3-Prozent-H&uuml;rde scheitert). Eine Koalition mit den Neonazis (die manche Linke in Griechenland fast herbeischreiben wollen) sei im Hinblick auf &bdquo;Europa&ldquo; v&ouml;llig ausgeschlossen. Wenn die ND aber Stimmen an die Xhrysi Avgi verlieren sollte, k&ouml;nnte die Stunde der Syriza so oder so gekommen sein. Als Gegenstrategie, berichtet Papachelas, denke man in der Umgebung Samaras ernsthaft &uuml;ber die Gr&uuml;ndung einer echten &bdquo;Partei der Mitte&ldquo; nach, die als Koalitionspartner f&uuml;r die Rechtspartei ND dienen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Das klingt alles sehr spekulativ, und Papachelas wei&szlig; auch keine Antwort auf die Frage, wer eine solche Partei mit welchem Programm gr&uuml;nden sollte. Er vermutet im Gegenteil, dass auf der politischen B&uuml;hne Griechenland so viele Egozentriker und Primadonnen posieren, dass man sich &bdquo;eine gem&auml;&szlig;igte, rationale Partei ohne &uuml;berzogene Ambitionen&ldquo; nur schwer vorstellen k&ouml;nne. Aber allein der Traum von einer solchen neuen &bdquo;Partei der Mitte&ldquo; zeigt an, welch schwere Zeiten der heutigen Athener Regierung bevorstehen. Vor allem angesichts des politischen Potentials, das die Syriza entfalten k&ouml;nnte, wenn sie eine kluge Strategie entwickelt. <\/p>\n<p>Die Frage, ob die die linke Opposition dazu in der Lage ist, kann und sollte sich jeder Leser bei der Lekt&uuml;re des folgenden Interview mit dem Vorsitzenden Alexis Tsipras selbst stellen.<\/p><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Interview mit dem Vorsitzenden der griechischen Linkspartei Syriza, Alexis Tsipras,  aus: Elevtherotypia vom 8. September 2013<\/strong><\/p><p>Die Fragen wurden gestellt von Spyros Karalis und Kostas Kalloniatis<\/p><p><strong>Syriza eine &bdquo;neue Pasok&ldquo;?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Die Menschen sind offensichtlich ersch&ouml;pft &ndash; und misstrauisch gegen&uuml;ber der Politik und den Parteien. Man hat es satt, immer nur Ank&uuml;ndigungen zu h&ouml;ren. Auch Sie d&uuml;rften mitbekommen haben, dass ziemlich viele Leute heute die Syriza mit der Pasok gleichsetzen, die einmal sehr viel Versprechungen gemacht hat, um dann genau das Gegenteil zu tun. Was w&uuml;rdet ihr zu den Leuten sagen, die der Syriza skeptisch gegen&uuml;ber stehen und sie als &bdquo;neue Pasok&ldquo; betrachten?<\/em><\/p><p>Tsipras: Die Leute tun sehr gut daran, misstrauisch zu sein; schlie&szlig;lich haben sie ja schon einiges erlebt. Aber die Syrizia ist weder eine neue noch eine &bdquo;andere&ldquo; Pasok. Die Syriza bringt die Wut der Menschen zum  Ausdruck: ihre Wut &uuml;ber das Scheitern des verfaulten und maroden politischen Systems der &bdquo;metapolitevsi&ldquo; (gemeint ist die Zeit nach der Obristendiktatur 1967-1974); aber auch das Bed&uuml;rfnis nach einem radikalen Kurswechsel und nach gesellschaftlichen Umw&auml;lzungen.<\/p><p>Daraus folgt, dass ein Vergleich mit anderen Verh&auml;ltnissen zumindest ungl&uuml;cklich ist. Im &Uuml;brigen haben wir deutlich gesagt, dass wir weder &uuml;ber ein Zaubermittel noch &uuml;ber automatische L&ouml;sungen f&uuml;r jedes Problem verf&uuml;gen. Und wir haben bereits sehr fr&uuml;hzeitig dargelegt, dass es an dem Punkt, den wir jetzt erreicht haben, weder leichte noch schmerzlose L&ouml;sungen gibt. <\/p><p>Und doch muss es ja L&ouml;sungen geben. Deshalb m&uuml;ssen wir mutige Entscheidungen treffen. Der jetzige Zustand kann nur durch K&auml;mpfe, durch Konflikte und eine ver&auml;nderte Mentalit&auml;t &uuml;berwunden werden. Was aber vor allem nottut, ist die Beteiligung der Menschen selbst. Wo immer die Gesellschaft ihre Passivit&auml;t &uuml;berwunden und eine aktive Rolle gespielt hat, da ist es vorangegangen, und zwar in ziemlich schnellem Tempo. <\/p><p><strong>Warum sollte die Troika Neuverhandlungen &uuml;ber Kreditvereinbarunen akzeptieren?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Das erkl&auml;rte Ziel der Syriza ist es, die Kreditvereinbarungen (mit der Troika) neu zu verhandeln, den gr&ouml;&szlig;eren Teil der Staatsschuld abzuschreiben und (den Rest) erst nach einer gewissen Gnadenfrist zur&uuml;ckzuzahlen, die wiederum vom Entwicklungstempo der Wirtschaft abh&auml;ngen soll. Warum aber sollten die Deutschen und die anderen ausl&auml;ndischen Gl&auml;ubiger Ihre Vorschl&auml;ge akzeptieren?<\/em><\/p><p>Tsipras: Weil es der einzige realistische und gangbare Ausweg aus der Krise ist. Alle Rezepte, die bis heute angewandt wurden, sind doch j&auml;mmerlich gescheitert. Die Gl&auml;ubiger selbst haben die urspr&uuml;ngliche Vereinbarung von 2010 bereits drei Mal korrigiert. Zuerst mit dem PSI (private investors involvement), also dem haircut f&uuml;r die privaten Anleger in griechische Bonds, sodann mit der Fristenverl&auml;ngerung f&uuml;r die Abzahlung der &ouml;ffentlichen Schulden von 300 Milliarden: vom (urspr&uuml;nglichen) Jahr 2020 auf den Zeitraum 2040 bis 2050; und schlie&szlig;lich mit der Reduzierung der Zinsen f&uuml;r die Schulden, die bis 2020 abgezahlt werden m&uuml;ssen. <\/p><p>Trotz dieser drei Korrekturen ist die Staatsschuld heute nicht bedienbar. Das belegt auch die Tatsache, dass der IWF selbst einen Schuldenschnitt in H&ouml;he von 40 Prozent fordert.  Folglich handelt es sich um ein existierendes, ein anerkanntes Problem &ndash; was damit zu tun hat, dass die Sparpolitik und die wirtschaftliche Depression die &ouml;ffentliche Verschuldung nicht vermindern, sondern im Gegenteil erh&ouml;hen, womit die Ausweglosigkeit nur verewigt wird. Der einzige Ausweg ist die Entscheidung f&uuml;r eine machbare L&ouml;sung (des Schuldenproblems), und die kommt erst dann, wenn eine neue Regierung mit Unterst&uuml;tzung des Volkes sich weigert, die falsche L&ouml;sung weiter zu betreiben. <\/p><p>Unser Vorschlag tut genau dieses. Er stellt eine L&ouml;sung dar, die der griechischen Wirtschaft die Zeit geben wird, um sich zu erholen, sie zugleich aber f&auml;hig macht, in der Zukunft eine tragbare Staatsschuld zu bedienen. <\/p><p><strong>Ein Schuldenschnitt um 40 bis 50 Prozent als Ausweg?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Was verstehen sie unter &bdquo;bedienbare Staatsschuld&ldquo; (W&ouml;rtlich: lebensf&auml;hige Schuld)? Welcher Schuldenschnitt ist n&ouml;tig, damit die Schuld bedienbar wird?<\/em><\/p><p>Tsipras: Zun&auml;chst einmal will ich, dass wir alle eines erkennen: Die Strategie der Regierung, die Staatsschuld als bedienbar darzustellen, und das dann wieder zu dementieren, wenn sie neue Sparma&szlig;nahmen beschlie&szlig;en und ein neues &bdquo;Memorandum&ldquo; (Vereinbarung mit der Troika) unterschreiben muss, ist eine verderbliche Politik. Sie schadet der Glaubw&uuml;rdigkeit des Landes &ndash; und im &Uuml;brigen schreckt sie auch die Investitionen ab, um die man sich angeblich bem&uuml;ht.<\/p><p>Aber nat&uuml;rlich sind die Gr&ouml;&szlig;enordnungen in der politischen &Ouml;konomie, wie Sie wissen, ziemlich relativ. Auch wenn die Verschuldung bei Null liegen w&uuml;rde, w&auml;re sie nicht &bdquo;lebensf&auml;hig&ldquo;, wenn es kein Wirtschaftswachstum gibt. Die Schulden sind bedienbar, wenn sie &ndash; als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts ausgedr&uuml;ckt &ndash; schrumpfen oder zumindest nicht st&auml;ndig weiter steigen, wie es bei der griechischen Staatsschuld der Fall ist. Entscheidend ist also vor allem, dass die st&auml;ndige &ouml;konomische Depression aufh&ouml;rt &ndash; und das hei&szlig;t, dass wir ein f&uuml;r alle Mal die Politik der &bdquo;Memoranden&ldquo; los werden m&uuml;ssen. Im &uuml;brigen sch&auml;tze ich, dass ein Schuldenschnitt um 40 bis 50 Prozent, der die Staatsschuld auf 85 bis 90 Prozent des BIP und damit auf den europ&auml;ischen Durchschnitt herunterbringen w&uuml;rde, den Ausweg aus der Krise er&ouml;ffnen und eine rasche wirtschaftliche Erholung bringen wird &ndash; und zwar in Verbindung mit einer Beendigung der Austerit&auml;tspolitik und einem Sofortplan f&uuml;r &ouml;ffentliche Entwicklungsinvestitionen.<\/p><p><strong>Was folgte nach einem Zahlungsstopp?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Sie haben folgendes angek&uuml;ndigt: Wenn ein vierj&auml;hriges Zinsenmoratorium nicht akzeptiert wird (von der Troika),  werden wir einseitig beschlie&szlig;en, unsere Zahlungen einzustellen. Damit w&uuml;rden Sie sofort vor dem Schreckensszenario stehen, dass keine Gelder mehr flie&szlig;en und der Austritt aus dem Euro droht. Das w&auml;re doch der &bdquo;schlimmste Ausgang&ldquo;, von dem die Syriza in ihren programmatischen Thesen spricht.  Werden Sie angesichts eines solchen m&ouml;glichen Ausgangs wirklich einen einseitigen Zahlungsstopp beschlie&szlig;en?<\/em><\/p><p>Tsipras: Wenn das Zinsmoratorium nicht akzeptiert w&uuml;rde, hie&szlig;e das doch, dass sie selber (die Mitglieder der Troika) jeden Ausweg verstellen wollen. Das aber halte ich f&uuml;r irrational. Und zwar nicht, weil sie Mitleid mit uns haben, sondern weil eine solche Perspektive schlichtweg nicht in ihrem Interesse liegt, denn damit w&auml;re ja die ganze Eurozone in ihrem Zusammenhalt gef&auml;hrdet.<\/p><p>Aber selbst wenn es im Rahmen harter Verhandlungen zun&auml;chst so kommen sollte (wie die Frage unterstellt), dann w&uuml;rden auch wir auf geb&uuml;hrende Weise reagieren. Es ist ja keineswegs unser Wunsch, einseitige Schritte in Bezug auf die Bedienung unserer Schulden zu unternehmen, aber wenn man uns in diese Situation hineintreibt, werden wir nicht z&ouml;gern, das Leben und die W&uuml;rde unseres Volkes wie auch die Souver&auml;nit&auml;t unseres Landes zu verteidigen.<\/p><p>Wissen Sie, wir sind ja nicht die Pasok oder die ND &ndash; die nur so tun, als w&uuml;rden sie verhandeln, w&auml;hrend sie im Grunde schon von Anfang an zu allem &bdquo;Ja&ldquo; gesagt haben. Und das Allerwichtigste: Gegen uns haben sie keine schwarzen Listen in der Hand, mit denen sie uns erpressen k&ouml;nnen, wie die Lagarde-oder die Siemens-Liste (gemeint sind die Listen von Auslandsguthaben bzw. von bestochenen Amtstr&auml;gern). Aber unabh&auml;ngig davon ist es simplifizierend und unsinnig, zu behaupten, dass unsere Haltung automatisch zum Ausscheiden aus dem Euro f&uuml;hren w&uuml;rde. <\/p><p>Niemand kann uns aus der Eurozone &bdquo;ausschlie&szlig;en&ldquo;. Und in dem Fall, auf den Sie Bezug nehmen, werden wir richtig harte Verhandlungen f&uuml;hren, um tats&auml;chlich eine tragf&auml;hige L&ouml;sung f&uuml;r alle zu finden. Und ich glaube, dass wir das am Ende schaffen werden. Da bin ich mir sicher.<\/p><p><strong>Es gibt nach wie vor eine gigantische Finanzierungsl&uuml;cke<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Woher beziehen Sie diese Sicherheit, woraus n&auml;hrt die sich? Sie reden &uuml;ber eine rationale und tragf&auml;hige L&ouml;sung. Halten Sie es f&uuml;r ausgeschlossen, dass es auch ohne Schuldenschnitt und Zahlungsaufschub gehen k&ouml;nnte?<\/em><\/p><p>Tsipras: Wenn sie rational und tragf&auml;hig sein soll, ist das v&ouml;llig ausgeschlossen. Und ich will Ihnen erkl&auml;ren warum. Unsere Zinsverpflichtungen belaufen sich nach dem heutigen Programm der Troika bis 2020 auf 83 Milliarden Euro. Davon sollen 61 Milliarden aus Haushalts&uuml;bersch&uuml;ssen abgezahlt werden, von denen man annimmt, dass sie ab 2014 bei 4,5 Prozent des BIP liegen werden.Die restlichen 22 Milliarden Euro sollen akkumulierend aus Privatisierungen gewonnen werden. Diese Berechnungen beruhen allerdings auf der Annahme, dass die griechische Wirtschaft ab 2014 wieder wachsen und bis 2020 ein stabiles j&auml;hrliches Wachstum von 3 bis 3,5 Prozent aufweisen wird.<\/p><p>Gibt es irgendwo auf der Welt einen ernstzunehmenden Menschen, der nicht merken w&uuml;rde, dass dies v&ouml;llig phantastische Szenarien sind? Noch nie in der Geschichte hat ein Land es aus einer wirtschaftlichen Depression heraus geschafft, zugleich Haushalts&uuml;bersch&uuml;sse und ein hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen. Und was die Privatisierungen betrifft, so sei daran erinnert, dass die 50 Milliarden Erl&ouml;se, die im ersten Memorandum vorgesehen waren, inzwischen auf 22 Milliarden Euro reduziert wurden. Und die TAIPED (die griechische Privatisierungsbeh&ouml;rde) rechnet nach ihren ehrgeizigsten Sch&auml;tzungen nur noch mit 15 Milliarden.<\/p><p>In Wahrheit wissen Alle, dass angesichts des aktuellen Verfalls der Werte (v.a. der Immobilien) nicht einmal 7 oder 8 Milliarden an Erl&ouml;sen leicht zu erzielen sein werden, selbst wenn ein Totalausverkauf stattfinden und man Griechenland zum einzigen Land der Welt machen w&uuml;rde, das keinerlei &ouml;ffentliches Eigentum mehr hat. <\/p><p>Das hei&szlig;t, dass es eine gigantische Finanzierungsl&uuml;cke gibt, die allein f&uuml;r die Jahre 2014 und 2015 bei 10 Milliarden Euro liegen d&uuml;rfte. Und die sich bis 2010 auf 77 Milliarden erh&ouml;hen w&uuml;rde, wie die deutschen Sozialdemokraten vor kurzem festgestellt haben.<\/p><p>Auf der anderen Seite l&auml;uft die Finanzierung durch die europ&auml;ischen Gl&auml;ubiger im Mai 2014 aus. Der IWF finanziert noch bis 2016 weiter, aber nur die Zinsen f&uuml;r ihre eigenen Kredite. Und jetzt frage ich Sie: Wie sollen wir die Zinsen von 83 Milliarden Euro in der Zeitspanne  2014 bis 2020 bezahlen?  Aus unseren eigenen Mitteln? V&ouml;llig unm&ouml;glich, es sei denn wir schlie&szlig;en unsere Krankenh&auml;user, unsere Schulen, zahlen keine Renten mehr und eliminieren auch noch Tausende von Arbeitslosen.<\/p><p>Aus neuen Krediten? Die m&uuml;ssten wir erst mal kriegen, aber auch hier stellt sich die Frage: Bis wann werden die europ&auml;ischen Steuerzahler und ihre Parteien noch weiteren Ausgaben zustimmen, die nur einem einzigen Zweck dienen, n&auml;mlich die Banken zu retten und die Ausweglosigkeit nur noch weiter zu verl&auml;ngern. Und warum sollten sie davon ausgehen, dass dieselbe Rezeptur, die bereits gescheitert ist, das n&auml;chste Mal erfolgreich sein wird?<\/p><p>Deshalb ist die von uns vorgeschlagene L&ouml;sung die einzig realistische: eine Konferenz im Format der Londoner Konferenz von 1953 &uuml;ber Deutschland (gemeint sind die deutschen Kriegsschulden), auf der eine tragf&auml;hige (griechische) Staatsschuld beschlossen wird: mit einem Aufschub der Zinszahlungen gem&auml;&szlig; der wirtschaftlichen Entwicklung, das hei&szlig;t bis die Wirtschaft wieder zu Wachstum zur&uuml;ckfindet. Es ist die einzig realistische L&ouml;sung auch f&uuml;r Europa, wo heute die endlose Verl&auml;ngerung und der erneute Ausbruch der Krise im ganzen S&uuml;den drohen.<\/p><p>Ich glaube auch, dass wir, wenn wir (die Wahlen in Griechenland) gewinnen, keineswegs allein gegen die Merkel dastehen werden. Diese L&ouml;sung werden breitere Kr&auml;fte begr&uuml;&szlig;en und unterst&uuml;tzen. Und das nicht nur im S&uuml;den, sondern sogar in Deutschland selbst.<\/p><p><strong>Ein Ausscheiden Griechenlands w&auml;re der Anfang vom Ende der EU<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Aber bislang lassen die internationalen Machtzentren offenbar nicht mit sich spa&szlig;en. Das zeigt sich ganz klar am Beispiel Zypern, als das anf&auml;ngliche &bdquo;Nein&ldquo; der Zyprioten mit einer vollst&auml;ndigen Unterwerfung unter die Forderungen (der Troika) endete. Werden Sie also auf Ihrer Position beharren, selbst angesichts der unliebsamen Alternative eines Ausscheidens aus der Eurozone?<\/em><\/p><p>Tsipras: Griechenland ist nicht Zypern. Wer behauptet, das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone sei eine Gleichung mit lediglich &ouml;konomischen und w&auml;hrungstechnischen Parametern, ist entweder naiv oder dumm. Eine Eurozone, der man ihre s&uuml;d&ouml;stliche Extremit&auml;ten amputiert hat, eine Europ&auml;ische Union mit einer tiefen Wunde in der sensiblen Mittelmeerregion, das wird eine verkr&uuml;ppelte und unstabile Eurozone bzw. EU sein. Das wird der Anfang vom Ende (der EU) sein. <\/p><p>Aber selbst wenn die beiden F&auml;lle (Griechenland und Zypern) &auml;hnlich liegen w&uuml;rden, k&ouml;nnen Sie eine Syriza-Regierung, die vom Volk den klaren Mandat eines Aussstiegs aus dem Memorandum (also der Sparpolitik) erhalten hat, nicht mit der neu gew&auml;hlten Regierung Anastassiadis in Zypern vergleichen, die mit Unterst&uuml;tzung der Frau Merkel gew&auml;hlt wurde und sich schon vor den Wahlen auf eine rasche Einbindung in die Memorandums-Politik verpflichtet hat.<\/p><p>Eine Syriza-Regierung wird einen klaren Auftrag des Volkes haben, ihre Politik umzusetzen, das Land von dem Memorandum zu befreien, in neue Verhandlungen &uuml;ber eine tragbare Staatschuld einzutreten und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wiederaufbau des Landes voranzutreiben. Und das wird sie auch tun, ungeachtet m&ouml;glicher Erpressungsman&ouml;ver. Und die Gl&auml;ubiger wissen das. Sie wissen, dass die Syriza nicht das Gleiche ist wie der Papandreou, wie der Samaras oder wie der Anastassiadis.<\/p><p>Auf der anderen Seite m&uuml;ssen wir allerdings zugeben, dass der Fall Zypern etwas klar gemacht, was wir schon wussten &ndash; und deshalb arbeiten wir in diese Richtung: Hier hat sich gezeigt, dass viele V&ouml;lker und viele Regierungen gemeinsam &bdquo;Nein&ldquo; sagen m&uuml;ssen, das hei&szlig;t nicht mehr dem Selbstbetrug des &bdquo;Mustersch&uuml;lers&ldquo; (im Sinne der Deutschen) aufsitzen.<\/p><p>Die politische Wende in Griechenland wird Teil eines umfassenderen historischen Einschnitts sein. Deshalb arbeiten wir an m&ouml;glichst breiten europ&auml;ischen B&uuml;ndnissen, sowohl im S&uuml;den als auch in den L&auml;ndern des Nordens. <\/p><p><strong>Eine &bdquo;Allianz des S&uuml;dens&ldquo; f&uuml;r die Aufk&uuml;ndigung der Sparprogramme?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Die Neuverhandlung der Kreditvereinbarungen bedeutet doch, dass wir die Fortsetzung des Kreditprogramms mit g&uuml;nstigeren Konditionen fordern, damit Gelder, die f&uuml;r die Zinszahlungen draufgehen, f&uuml;r die Gesellschaft und die wirtschaftliche Entwicklung verf&uuml;gbar sind. Wie sieht die Agenda aus, mit der eine Allianz des S&uuml;dens zustande kommen soll, damit die Beziehungen (zwischen den S&uuml;dl&auml;ndern) sich ver&auml;ndern und die Neuverhandlungen von Erfolg gekr&ouml;nt sein werden?<\/em><\/p><p>Tsipras: Frau Merkel behauptet, dass man die Probleme der Staatsschulden nicht mit noch mehr Schulden l&ouml;st. Deshalb besteht sie auf der harten Sparpolitik, obwohl diese Politik st&auml;ndig den Bedarf an neuen Krediten, also einen Teufelskreis erzeugt. Andererseits spricht jedoch Herr Streinbr&uuml;ck ganz offen von der Notwendigkeit eines neuen Marshall-Plans f&uuml;r den S&uuml;den. <\/p><p>Wir sollten also begreifen, dass das Problem ein europ&auml;isches ist, und dass seine grundlegenden Dimensionen l&auml;ngst benannt wurden: das gemeinsame Angehen der &ouml;ffentlichen Verschuldung, die Krise des Bankensystems, die &ouml;konomische Entwicklung und nat&uuml;rlich das gigantische Problem der Arbeitslosigkeit.<\/p><p>Die L&auml;nder des (europ&auml;ischen) S&uuml;dens k&ouml;nnen bei diesen Themen einen Konsens finden, wobei sie sich immer auch an die Arbeiter des Nordens wenden m&uuml;ssen. Damit formulieren sie zugleich den Anspruch auf substantielle Demokratie, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliches Wachstum auf der Basis der gesellschaftlichen Bed&uuml;rfnisse. Der erste Schritt zur Umsetzung dieser Agenda ist die Aufk&uuml;ndigung der Politik der oktoryierten Sparprogramme, die den europ&auml;ischen S&uuml;den &bdquo;verbrennen&ldquo;. Dieses Feuer ist heute schon in Frankreich angekommen und wird morgen auch Deutschland selbst erfassen.<\/p><p><strong>Woher soll das Geld f&uuml;r eine Wachstumspolitik kommen?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Wenn es aber zu keiner Vereinbarung &uuml;ber neue g&uuml;nstigere Kredite kommt, wo wollen Sie dann das Geld f&uuml;r diese angestrebte Sozial- und Wachstumspolitik finden?<\/em><\/p><p>Tsipras: Die Notwendigkeit, die humanit&auml;re Krise in Griechenland mit besonderen sozialen Schutz- und Hilfsma&szlig;nahmen zu bek&auml;mpfen, ist eine h&ouml;chst akute und kann nicht bis zum Ende der Verhandlungen aufgeschoben werden. Das gilt im gro&szlig;en Ganzen auch f&uuml;r die wirtschaftliche Wachstumspolitik. Die Mittel daf&uuml;r kommen normalerweise aus drei Quellen, und auf die werden wir uns konzentrieren: Europ&auml;ische Gelder (gemeint sind die EU-Finanzhilfen), Investitionen der &ouml;ffentlichen Hand und Bankkredite. Bei jeder dieser drei Quellen ist nat&uuml;rlich eine konkrete Strategie erforderlich.<\/p><p>Was die europ&auml;ischen Gelder betrifft, so d&uuml;rfen sie nicht mehr vergeudet und m&uuml;ssen stattdessen richtig genutzt werden, und zwar f&uuml;r den Schutz der Schwachen. Die &ouml;ffentlichen Investitionen sind wieder auf das Niveau anzuheben, auf dem sie vor der Sparpolitik waren, und sie m&uuml;ssen als Hebel f&uuml;r ein tats&auml;chliches Wachstum eingesetzt werden. Und die Stabilisierung des Bankensektors erfordert eine radikal andere Herangehensweise als die, mit der die Troika das Problem angegangen ist.<\/p><p>Die Syriza bem&uuml;ht sich an allen drei Fronten um konkrete Vorstellungen &uuml;ber die notwendigen Ver&auml;nderungen. Zur Stabilisierung der Wirtschaft wird im &Uuml;brigen bereits die Abschaffung des Memorandums als solche beitragen. Zum Beispiel wird die Anhebung der Mindestl&ouml;hne den Konsum beleben und damit die Wirtschaft ankurbeln helfen. Der gr&ouml;&szlig;te Impuls muss also von der Wiederbelebung der Wirtschaft kommen. Denn nur dann werden ausreichende private Investitionen flie&szlig;en, die n&ouml;tig sind, damit die Wirtschaft sich wieder in Richtung einer Erneuerung ihrer produktiven Basis entwickelt. <\/p><p><strong>Finanzmittel in der Dimension eines Marschall-Plans sind n&ouml;tig<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Haben sie die sozialpolitischen Ma&szlig;nahmen, die Sie etwa zur Bek&auml;mpfung der Armut und der Arbeitslosigkeit vorschlagen, auch durchgerechnet? Wie sollen die finanziert werden? Und reicht das Geld f&uuml;r die Erh&ouml;hung der &ouml;ffentlichen Investitionen, oder braucht man einen neuen Marshall-Plan (also Geld von au&szlig;en)? <\/em><\/p><p>Tsipras: Wie bereits gesagt, haben die Ma&szlig;nahmen gegen die Armut f&uuml;r die Syriza die allerh&ouml;chste Priorit&auml;t und sie werden kommen, was immer es uns kostet. Und was die Finanzierung betrifft, so wird ein Teil durch die Umschichtung der &ouml;ffentlichen Ausgaben gedeckt, ein weiterer Teil durch die Aktivierung der EU-Mittel. Und ein dritterTeil wird durch die Umverteilung der Steuerlasten gewonnen, die steuerliche Entlastungen f&uuml;r die &auml;rmeren Schichten bringen wird. Damit werden deren verf&uuml;gbare Einkommen erh&ouml;ht, was hei&szlig;t, dass ein Teil der besonders hart getroffenen Haushalte wieder aus der Armutszone herausfinden kann. <\/p><p>Jenseits dessen sind aber in der Tat Finanzmittel von der Dimension eines Marshall-Plans n&ouml;tig, und zwar nicht nur, um die humanit&auml;re Krise in Griechenland zu bek&auml;mpfen, sondern auch zugunsten der gesellschaftlichen Entwicklung in ganz Europa.<\/p><p><strong>Ein radikaler Umbau des Steuersystems ist notwendig<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Sie setzen bei der Beschaffung &ouml;ffentlicher Gelder auf die Besteuerung des Reichtums. Da es nun aber noch Jahre dauern wird, bis die Verm&ouml;gens- und Besitzverh&auml;ltnisse staatlich erfasst sind, stellt sich die Frage, welche anderen steuerpolitischen Ma&szlig;nahmen Sie vorschlagen.<\/em><\/p><p>Tsipras: Ein radikaler Umbau des Steuersystems ist absolut notwendig, dasselbe gilt im &Uuml;brigen f&uuml;r die Methoden und Mechanismen der Steuereintreibung. Es geht einfach nicht, dass wir &uuml;ber so viele Jahre die Armut besteuern und den Reichtum unangetastet lassen. Aber es stimmt schon, dass es einige  Zeit dauern wird, bis das gerechte Steuersystem, das wir vorschlagen, die erw&uuml;nschten Einnahmen erzielen wird. <\/p><p>Andererseits gibt es eine Vielfalt steuerlicher Instrumente, mit denen man eine gerechtere Verteilung der Steuerlasten erreichen kann. Ich denke dabei etwa an die &bdquo;tekmiria&ldquo; (w&ouml;rtlich: Indizien; gemeint ist die Erfassung von Verm&ouml;genswerten wie H&auml;user, Autos als Indizes f&uuml;r das &ndash; verschleierte &ndash; Einkommen), an die Pflicht zur Offenlegung der finanziellen Verh&auml;ltnisse (bei Politikern und &ouml;ffentlichen Bediensteten), an die Kontrolle der offshore-Firmen (die h&auml;ufig der Verschleierung von Immobilien- und anderen Verm&ouml;gen dienen), an den Kampf gegen Geldw&auml;sche, an Ma&szlig;nahmen gegen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug, an die Eind&auml;mmung von Benzin- und Zigarettenschmuggel, an die Kontrolle der elenden Plage gef&auml;lschter Rechnungen. All das ist eine Frage des politischen Willens, die richtigen Instrumente einzusetzen, um f&uuml;r eine gerechtere Besteuerung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu  sorgen.<\/p><p><strong>Den Klientilismus zerschlagen<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Als Rezept gegen die Krise fordert die Linke traditionellerweise immer eine St&auml;rkung des &ouml;ffentlichen Sektors. Aber in Griechenland ist der &ouml;ffentliche Sektor durch Intransparenz, Korruption, Bestechung und Verschwendung gekennzeichnet. Wie wollen Sie den &ouml;ffensichtlichen Sektor sanieren, damit er aufh&ouml;rt, eine Quelle der Bereicherung f&uuml;r den Privatsektor zu sein? Werden sie jede Privatisierung stoppen? Haben Sie vor, alle privatisierten Unternehmen wieder in die &ouml;ffentliche Hand zu bringen, also auch nicht gemeinn&uuml;tzige Unternehmen wie OPAP (das privatisierte Wett- und Lotterieunternehmen)? Und wie werden Sie es mit den Entlassungen halten, die derzeit laufen?<\/em><\/p><p>Tsipras: In Griechenland haben die Verflechtungen (gemeint ist: Gef&auml;lligkeiten aufgrund pers&ouml;nlicher Beziehungen) und das politische System ungeheuerliche Pathologien im &ouml;ffentlichen Sektor entstehen lassen. Wir haben den Ehrgeiz,  dieses System der Verflechtungen zu zerschlagen, deshalb sind wir bereit, tiefgreifende Reformen im &ouml;ffentlichen Bereich durchzusetzen. Vor allem wollen wir Gesetzes&auml;nderungen in vielen Bereichen, mit der Herausbildung allgemeiner Regeln f&uuml;r Bereiche wie Raumordnung, Umwelt und Besteuerung, wir wollen eine selbst&auml;ndige &ouml;ffentliche Verwaltung ohne politische Kontrolle, mehr Transparenz und einfachere b&uuml;rokratische Abl&auml;ufe, und wir wollen die Regeln im Inneren der Verwaltung (etwa bei Bef&ouml;rderungen) auf das Leistungsprinzip ausrichten. Bei diesen Ver&auml;nderungen wollen wir die &ouml;ffentlichen Bediensteten als Mitstreiter haben und nicht als Feinde.<\/p><p>Bei den Entlassungen, und zumal wenn sie horizontal erfolgen (gemeint sind pauschale Einschnitte ohne qualitative Kriterien), handelt es sich nicht um eine Reform, sondern um die Aufl&ouml;sung des &ouml;ffentlichen Dienstes. Wir streben danach, alle B&uuml;rger zu &uuml;berzeugen, ihren Beitrag zur Neubegr&uuml;ndung des Staates zu leisten, damit die Beziehung zwischen dem Staat und den B&uuml;rgern eine andere wird. Damit wir einen &ouml;ffentliche Verwaltung bekommen, die dem B&uuml;rger und der Gesellschaft als Ganzes Nutzen bringt. In diesem Rahmen werden wir pr&uuml;fen, wie und mit welchen Priorit&auml;ten wir uns als &ouml;ffentlicher Sektor diejenigen Bereiche wieder aneignen, die f&uuml;r die Befriedigung der gesellschaftlichen Bed&uuml;rfnisse wichtig sind.<\/p><p>Was nun aber die OPAP betrifft, so muss ich folgendes sagen: Ein Wettunternehmen mag zwar keine gemeinn&uuml;tzige Organisation im engeren Sinne sein, und dennoch ist es unsinnig, in Zeiten einer &ouml;ffentlichen Finanzklemme gewinnbringende (&ouml;ffentliche) Unternehmen zu privatisieren. Ganz abgesehen von dem bedeutenden gesellschaftlichen Nutzen, der entsteht, wenn &uuml;ber die Verteilung der Gewinne der Staat befindet, und nicht irgendwelche privaten Eigent&uuml;mer. Wir jedenfalls werden Mittel und Wege finden, das &ouml;ffentliche Interesse zu verteidigen. Und wir sagen: Wer jetzt in die Verschleuderung des &ouml;ffentlichen Reichtums investiert, soll nicht meinen, er k&ouml;nnte in Zukunft ruhig schlafen. <\/p><p><strong>Wie soll Wachstum gef&ouml;rdert werden?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Eine Studie des INE\/GSEE (des Arbeitsforschungsinstituts des griechischen Gewerkschaftsverbands) kommt zu der Einsch&auml;tzung, dass die Arbeitslosenrate selbst bei wirtschaftlichem Wachstum noch weitere 20 Jahre lang &uuml;ber 20 Prozent liegen wird. Mit welchen wachstumsf&ouml;rdernen Ma&szlig;nahmen wollen Sie die Arbeitslosigkeit senken? Hoffen sie auf einen Zustrom privater Investitionen? In welchen Bereichen soll neue Besch&auml;ftigung entstehen, und mit welchen Anreizen? <\/em><\/p><p>Tsipras: Die INE\/GSEE-Studie besagt doch: Je gr&ouml;&szlig;er die Zerst&ouml;rung des produktiven Potentials, desto schwrer wird es, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit umzukehren. Deshalb planen wir einen unverz&uuml;glichen Strategiewandel. Wir wollen die Nachfrage st&auml;rken und damit den Markt f&uuml;r die Klein- und Mittelunternehmen, die vor allem auf dem Binnenmarkt aktiv sind. Das ist ein erster Schritt zur Eind&auml;mmung der Arbeitslosigkeit. <\/p><p>Des weiteren brauchen wir ein Programm kr&auml;ftiger &ouml;ffentlicher Investitionen, wir brauchen politische Ma&szlig;nahmen f&uuml;r eine rasche Entwicklung des gesellschaftlichen und genossenschaftlichen Wirtschaftssektors, einen Plan f&uuml;r die St&auml;rkung der Kleinunternehmen und der Genossenschaften durch Bankkredite, die gesetzliche Absicherung f&uuml;r Besch&auml;ftigte, die ihr Unternehmen in Selbstverwaltung weiterf&uuml;hren wollen, aber auch umfangreiche Privatinvestitionen. <\/p><p>Der grundlegende Anreiz, den wir den Investoren bieten, ist eine Reihe von Prinzipien: die Glaubw&uuml;rdigkeit, die Stabilit&auml;t des Steuersystems, die Abschaffung des labyrinthischen Gestr&uuml;pps gesetzlicher Bestimmungen, das wir heute haben und das die Korruption beg&uuml;nstigt; und schlie&szlig;lich die positive Psychologie, die sich entwickeln wird, wenn die falsche Sparpolitik ein Ende findet &ndash; das hei&szlig;t die Psychologie des Auswegs aus der Krise. Dabei werden wir (von den Investoren) fordern, die Umwelt zu respektieren und die Arbeitsgesetze einzuhalten.<\/p><p><strong>Verstaatlichung der Banken?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Haben Sie vor, alle gro&szlig;en Banken zu verstaatlichen, und wenn nicht alle, dann welche? Und wie werden Sie das hinbekommen, wenn der Hauptanteilseigner (der Banken) eine vom Staat nicht kontrollierte Institution ist, n&auml;mlich der Finanzstabilit&auml;tsfonds? (englisch: HFSF oder Hellenic Financial Stability Fund, N&auml;heres unter: <a href=\"http:\/\/www.hfsf.gr\/\">hfsf.gr<\/a> ) <\/em><\/p><p>Tsipras: Dieser Stabilit&auml;tsfond ist ein Unternehmen des griechischen &ouml;ffentlichen Sektors, wobei die Regierung allerdings zugelassen hat, dass die Gl&auml;ubiger das letzte Wort haben. Daraus folgt, dass die Banken schon staatlicher Kontrolle unterliegen, auch wenn die Regierung auf ihre Aus&uuml;bung verzichtet hat. Wir aber werden diese Kontrolle aus&uuml;ben. Reden wir also nicht darum herum: Die vier systemrelevanten Banken, die sich praktisch das gesamte Bankensystem einverleibt haben, sind bereits &bdquo;verstaatlicht&ldquo;, denn der HFSF h&auml;lt die &uuml;berwiegende Mehrheit der Aktien, und die &ouml;ffentliche Hand, sprich der griechische Steuerzahler, wird durch die Rekapitalisierung mit den Milliardenschulden belastet. <\/p><p>Das widerspr&uuml;chliche Resultat ist freilich, dass diese &bdquo;verstaatlichten&ldquo; Banken unter dem Kommando der Banker stehen, die ihren Zusammenbruch zu verantworten haben. Das hei&szlig;t: Die einen gewinnen, die anderen zahlen. Aber diese Party werden wir beeenden.  <\/p><p>Jenseits dessen haben wir aber das Problem, wie das Bankensystem stabilisiert und wieder zu einem Finanzinstrument werden kann, das zur St&auml;rkung der Real&ouml;konomie beitr&auml;gt. In diesem Sinne arbeiten wir an Pl&auml;nen, etwa zur Gr&uuml;ndung neuer Banken und Finanzinstitutionen mit besonderen Aufgaben (nach dem Vorbild etwa der deutschen Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau, KfW), die das Wachstum und der gesellschaftliche Zusammenhalt gezielter und erfolgreicher st&auml;rken sollen.  <\/p><p><strong>&bdquo;Krieg&ldquo; gegen das vernetzte Trio aus Banken, Medien und Memorandums-Politikern<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Nun ist es aber doch so, dass die Syriza nicht der Wunschpartner des griechischen und des europ&auml;ischen Establishments ist, geschweige denn der einheimischen Oligarchie.  Deshalb ist es fast sicher, dass Ihnen ein Klima des Misstrauens und starke Feindseligkeit, entgegenschlagen wird, was bis zur offenen Sabotage gehen k&ouml;nnte. Wie wollen sie einer solchen Situation begegnen, die mit dem erneuten Abfluss von Bankeinlagen und einer Kapitalflucht ins Ausland enden k&ouml;nnte? Wie werden Sie also ein solches chaotisches Gemisch von Steuerflucht und Fluchtgeldern kontrollieren?<\/em><\/p><p>Tsipras: Auf den Krieg, den das untereinander vernetzte Trio aus (griechischen) Banken, Medien und Memorandums-Politikern f&uuml;hren wird, m&uuml;ssen wir nat&uuml;rlich vorbereitet sein. Aber wir werden die st&auml;rkste Waffe haben, die es &uuml;berhaupt gibt: die Menschen, die Mehrheit der Gesellschaft, die an unserer Seite steht. Denn die Leute werden sehen, werden beurteilen k&ouml;nnen, in wessen Interesse unsere Politik ist, und sie wird uns mit allen Mitteln unterst&uuml;tzen. Wir sind uns sicher, dass die entschlossene Unterst&uuml;tzung der Bev&ouml;lkerung sogar die Oligarchie von willk&uuml;rlichen Reaktionen abhalten wird. Vor diesem Hintergrund bin ich mir sicher, dass unser bereits ausgearbeiteter Plan zur Verhinderung eines pl&ouml;tzlichen koordinierten Geldabflusses volle Wirkung entfalten wird. <\/p><p><strong>Wahlkampfbotschaft: Erl&ouml;sung vom Memorandum<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Nach der Schlie&szlig;ung von ERT (der staatlichen Rundfunk-und Fernsehanstalt) hat die Syriza einen entschlossenen Kampf ausgerufen, mit dem Ziel, die Regierung zu st&uuml;rzen. Mit welcher inhaltlichen Botschaft wollen Sie diesen Kampf f&uuml;hren?<\/em><\/p><p>Tsipras: Wir m&uuml;ssen Griechenland von dem Memorandum erl&ouml;sen, und vor einer schrecklichen Zukunft bewahren, die f&uuml;r das Land geplant ist. Wir m&uuml;ssen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie verteidigen. Dies m&uuml;ssen die Ziele unseres Kampfes sein. Es handelt sich um einen Kampf, an dem sich alle beteiligen m&uuml;ssen, jenseits politischer Spielchen und kleinlicher Parteipolitik. Und wir werden an allen Fronten k&auml;mpfen: in den Wohnvierteln, in den St&auml;dten, bei der Arbeit, in den Schulen und in den von Schlie&szlig;ung bedrohten Krankenh&auml;usern. Es handelt sich um einen Kampf zur Verteidigung der Gesellschaft, und er wird erst zu Ende sein, wenn die heutige Regierung am Ende ist, mitsamt dem sch&auml;ndlichen Memorandum.<\/p><p><strong>Woher soll die Unterst&uuml;tzung kommen?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Aber zu den Kundgebungen kommen nicht viel Leute, die Pl&auml;tze sind leer. Schafft es die Syriza vielleicht nicht, die B&uuml;rger zu &uuml;berzeugen?<\/em><\/p><p>Tsipras: Im Lauf der gro&szlig;en Mobilisierungskampagnen gibt es ein Auf und Ab. Das bedeutet nicht, dass die Leute aufgeh&ouml;rt haben zu leiden, und auch nicht, dass sie angesichts des Memorandums resignieren. Die Gesellschaft ist am Kochen, und sie wird ihre Emp&ouml;rung erneut zum Ausbruch bringen, sei es auf die alte, sei es auf eine neue Weise. Und das wird sie noch selbstgewisser und noch st&auml;rker in dem Moment tun, in dem sie &uuml;berzeugt ist, dass sich das politisch auszahlt. Und bei alledem ist es die spezifische Aufgabe der Linken, die Bewegung der Emp&ouml;rten in eine Bewegung umzuwandeln, die die f&auml;lligen politischen und gesellschaflichen Ver&auml;nderungen anstrebt. <\/p><p><strong>Das Volk an den Entscheidungsprozessen beteiligen<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Sie haben gesagt, dass die Syrizia nicht regieren kann, ohne das Volk st&auml;ndig und direkt an den politischen Entscheidungen zu beteiligen. Wie wollen Sie dieses Prinzip umsetzen?<\/em><\/p><p>Tsipras: Es gibt sehr bedeutsame Reformen, die eine substantiellere Beteiligung der Gesellschaft gew&auml;hrleisten k&ouml;nnen. Zum einen die Volksabstimmungen auf nationaler und lokaler Ebene, neue konkrete Beteiligungsstrukturen, neue Formen der gesellschaftlichen Organisation, genossenschaftliche Wirtschaftsformen und nat&uuml;rlich die radikale Umorganisierung im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung und der Gewerkschaften. Das Alles muss man nur wollen. Denn mit jedem Schritt, der das Volk n&auml;her an die Entscheidungsprozesse heranr&uuml;ckt, werden zugleich jene starken Interessengruppen zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, die derzeit die Politik und die Wirtschaft auf allen Ebenen manipulieren. <\/p><p><strong>Fr&uuml;her oder sp&auml;ter wird das Volk die Regierung zum R&uuml;cktritt zwingen<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Neulich haben Sie als Ihr Ziel benannt, die Regierung m&ouml;glichst schnell zu st&uuml;rzen. Auf welche Weise wollen Sie das schaffen?<\/em><\/p><p>Tsipras: Mit der t&auml;glichen k&auml;mpferischen Anklage gegen die verbrecherische und ausweglose Memorandum-Politik, die auf allen Gebieten durchgesetzt wird. Diesen Kampf f&uuml;hren wir im Parlament wie au&szlig;erhalb, auf den Stra&szlig;en und Pl&auml;tzen, am Arbeitsplatz, in den St&auml;dten und D&ouml;rfern, innerhalb wie au&szlig;erhalb Griechenlands. Das ist unsere Pflicht: Die Besch&auml;ftigten, die Arbeitslosen und die kleinen Gewerbetreibenden zu ermutigen und zu mobilisieren, und damit die Angst zu besiegen.  <\/p><p>Und wissen Sie was? Ich glaube, dass wir das schaffen werden. Fr&uuml;her oder sp&auml;ter wird die Mobilisierung unseres Volkes sie (die jetzige Regierung) zum R&uuml;cktritt zwingen, unter der Last des totalen Scheiterns des Memorandums und aufgrund der allgemeinen Emp&ouml;rung. Die Regierung hat gegen&uuml;ber der Troika die Politik des &bdquo;Mustersch&uuml;lers&ldquo; praktiziert. Diese Politik hat sich als verheerend erwiesen, und einen Fluchtplan gibt es nicht. Die heutige Regierung wird auf genau dieselbe Weise abtreten wie die beiden vorherigen Memorandums-Regierungen. Aber sie wird die letzte sein, die sich dem Memorandum unterworfen hat. Das griechische Volk wird den Schritt zum Umsturz machen, und jeder weitere Versuch, es zu betr&uuml;gen und einzusch&uuml;chtern, wird erfolglos bleiben. <\/p><p><strong>Die Suche nach einer &bdquo;gesellschaftlichen Mehrheit&ldquo;<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Mit welchen politischen Kr&auml;ften werden Sie regieren? Denken Sie an eine Regierung mit Kr&auml;ften aus dem Bereich der Linken &ndash; was derzeit nicht sehr erfolgversprechend scheint, da sich die KKE (die orthodoxe Kommunistische Partei Griechenlands) verweigert &ndash; oder an eine Regierung der nationalen Rettung, zusammen mit anderen Parteien?<\/em><\/p><p>Tsipras: Wie die Dinge heute stehen, gibt es einen Ausweg: je st&auml;rker n&auml;mlich die Syriza ist, desto erfolgreicher wird der Kampf des Volkes f&uuml;r die Befreiung vom Memorandum sein.Bei den letzten Wahlen war der Erfolg der Syriza die gro&szlig;e &Uuml;berraschung; heute jedoch kann und muss die Partei zum Magnetpol werden, an dem sich eine sehr breite politische und gesellschaftliche Mehrheit kristallisiert. Das bedeutet nicht, dass wir aufh&ouml;ren, f&uuml;r die Einheit und die m&ouml;glichst breite Sammlung auf Basis eines fortschrittlichen alternativen Programms zu k&auml;mpfen. Und Sie k&ouml;nnen ganz sicher davon ausgehen, dass die politische Szene nach den (kommenden) Wahlen von einer ganz anderen Dynamik gepr&auml;gt sein wird.<\/p><p><em>Elevtherotypia: Falls die Syriza zwar st&auml;rkste Partei wird, aber nicht die notwendige Mehrheit im Parlament hat, halten Sie es dann f&uuml;r m&ouml;glich, dass sie die Bildung einer Regierung versucht, die sich (von anderen Parteien oder einigen Abgeordneten) tolerieren l&auml;sst?<\/em><\/p><p>Tsipras: Die Antwort lautet klar und einfach: Je st&auml;rker die Syriza ist, umso st&auml;rker wird auch das Volk gegen&uuml;ber dem Memorandum sein. Es wird also nicht die Syriza sein, die das Memorandum abschafft, sondern das Volk selbst mit seinem Wahlverhalten. Und je deutlicher am Wahlabend der Auftrag des Volkes ausf&auml;llt, desto gr&ouml;&szlig;er die Chance, das unser Volk den harten Kampf der Verhandlungen mit den Partnern (in der EU) und den Gl&auml;ubigern gewinnt.<\/p><p><strong>Wie will Syriza die Wahl gewinnen?<\/strong><\/p><p><em>Elevtherotypia: Der Ministerpr&auml;sident (Samaras) meinte k&uuml;rzlich in einem Interview, die Syriza sei au&szlig;erstande, st&auml;rkste Partei zu werden. Seine Begr&uuml;ndung: selbst in den letzten Monaten, in denen harte Ma&szlig;nahmen (vom Regierungsb&uuml;ndnis ND-Pasok) beschlossen wurden, habe es die Syriza nicht geschafft, bei den Umfragen die F&uuml;hrung zu &uuml;bernehmen. Was sagen Sie dazu?<\/em><\/p><p>Tsipras: Wenn er (Samaras) das Verhalten und die Unzufriedenheit der Gesellschaft ermessen will, w&auml;hrend er sich in seinem Regierungssitz verschanzt und nur die Resultate der Umfragen anstarrt, dann kann er nur total verfehlte Schl&uuml;sse ziehen. Meine Einsch&auml;tzung ist dagegen, dass es wieder so kommen wird wie (bei den Wahlen) im Mai 2012: Da sagten die Umfragen ein v&ouml;llig anderes Ergebnis voraus als das, was wir dann am Wahltag erzielt haben. Genau so wird es auch dieses Mal beim tats&auml;chlichen Wahlergebnis eine &uuml;berw&auml;ltigende &Uuml;berraschung geben.<\/p><p>Und was die Umfragen betrifft &ndash; schreiben Sie das auf &ndash; , so werden die von dem Tag an, an dem die Wahlen ausgeschrieben werden, radikal anders ausfallen; denn dann werden dem griechischen Volks die tats&auml;chlichen Dilemmata vor Augen gestellt. <\/p><p>Bei den heutigen Umfragen dagegen wird ein entt&auml;uschtes, ersch&ouml;pftes, w&uuml;tendes Wahlvolk mit Fragen konfrontiert, die sich nicht auf die Entscheidung beziehen, vor der sie am Wahltag stehen werden &ndash; n&auml;mlich, wer am folgenden Tag regieren wird.  Bei den heutigen Umfragen lautet die Frage, wen man bevorzugt, wen man f&uuml;r besser oder f&auml;higer h&auml;lt. Mir erscheint es v&ouml;llig plausibel, wenn derzeit bei dieser Frage eine Mehrheit f&uuml;r die Antwort &bdquo;keiner&ldquo; oder &bdquo;wei&szlig; ich nicht&ldquo; herauskommt, weil der gr&ouml;&szlig;ere Teil des Wahlvolks, und besonders der schwer gebeutelten Mittelklassen, sich derzeit in einer Phase der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung befindet. <\/p><p>An dem Tag aber, an dem die Neuwahlen feststehen, ist jedem W&auml;hler und jeder W&auml;hlerin klar, um was es tats&auml;chlich geht: Werden wir mit einer Regierung der Jasager weitermachen, die nur so tut, als werde sie (mit der Troika) verhandeln? Oder stimmen wir daf&uuml;r, auf andere Weise aus dieser Krise herauszukommen? Angesichts dieser realistischen Alternative wird die Syriza mehr politische Kr&auml;fte f&uuml;r sich gewinnen als diejenigen, die sie (normalerweise) unterst&uuml;tzen. Deshalb habe ich keinerlei Zweifel, dass der n&auml;chste Wahlsieger die Syriza sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Athener Zeitung &bdquo;Kyriakatiki Elevtherotypia&ldquo; hat am 8. September ein langes Interview mit dem Vorsitzenden der griechischen Linkspartei Syriza, Alexis Tsipras, ver&ouml;ffentlicht. Die beiden KE-Redakteure Spyros Karalis und Kostas Kalloniatis legten dem Oppositionsf&uuml;hrer pr&auml;zise und kritische Fragen vor, die sich auch die meisten griechischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger stellen m&uuml;ssten, w&uuml;rde man sie in n&auml;chster Zeit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18658\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,173,156],"tags":[423,479,851,1224,654,1230],"class_list":["post-18658","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-griechenland","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-reservearmee","tag-schuldenschnitt","tag-syriza","tag-troika","tag-tsipras-alexis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18658","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18658"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18658\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53085,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18658\/revisions\/53085"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18658"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18658"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18658"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}