{"id":18679,"date":"2013-09-18T16:31:21","date_gmt":"2013-09-18T14:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18679"},"modified":"2015-08-18T08:31:31","modified_gmt":"2015-08-18T06:31:31","slug":"mussen-historiker-so-tendenzios-und-so-schlecht-arbeiten-wie-der-autor-wolfrum-mit-seinem-buch-uber-rot-grun-an-der-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18679","title":{"rendered":"M\u00fcssen Historiker so tendenzi\u00f6s und so schlecht arbeiten wie der Autor Wolfrum mit seinem Buch \u00fcber \u201eRot-Gr\u00fcn an der Macht\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Am 5.8.2013 erschien im Berliner Tagesspiegel <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/gerechtes-urteil\/v_print\/8592860.html?p=\">eine Art Rezension des Historikers Hans-Ulrich Wehler<\/a>. Wehler nannte Wolfrums &bdquo;Studie&ldquo; &bdquo;Rot-Gr&uuml;n an der Macht&ldquo;[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18679#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] ein &bdquo;Meisterwerk der deutschen Zeitgeschichte&ldquo;. Das Buch besteche durch eine &bdquo;&uuml;beraus sorgf&auml;ltige Interpretation&ldquo;. Anders als andere Werke, denen man vorwerfe, sie erl&auml;gen &bdquo;zu h&auml;ufig der &Uuml;bermacht ihrer politischen Gegenwart und deren Kategorien&ldquo;, praktiziere Wolfrum &bdquo;eine wesentliche Tugend des gestandenen Historikers: die F&auml;higkeit zum gerechten Urteil&ldquo;. &ndash; Davon kann keine Rede sein. Wolfrums Analysen und Beobachtungen sind &uuml;ber weite Strecken der Abklatsch eines Teils der ver&ouml;ffentlichten Meinung im Zeitraum des Geschehens. Es enth&auml;lt eine Menge von Fehlern und ma&szlig;lose &Uuml;bertreibungen. Wolfrum bedient sich parteiischer Quellen und sein Urteil ist alles andere als gerecht. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Werk dient trotz seines dick aufgetragenen wissenschaftlichen Anspruchs leicht erkennbar einem politischen Zweck: Im Disput um die Richtigkeit und die Wirksamkeit der Agenda 2010 und um Milit&auml;reins&auml;tze soll der neoliberal und konservativ gepr&auml;gten Position der wissenschaftliche Anstrich verliehen werden. Dazu passt, dass Hans-Ulrich Wehler, ein rechts-sozialdemokratischer Historiker, dem Sch&uuml;ler seines ebenfalls rechts-sozialdemokratischen Kollegen Heinrich August Winkler zu Hilfe eilt. Mit der Ver&ouml;ffentlichung im Berliner Tagesspiegel, der unter Berliner Medienleuten und Politikern eine meinungsf&uuml;hrende Funktion hat, soll der Tenor der Besprechungen zu beeinflussen versucht werden. Diese Art von PR-Arbeit ist v&ouml;llig legitim und wird von Verlagen gerne so eingef&auml;delt. Aber man muss es halt wissen. <\/p><p>Machen Sie bitte andere potentielle Leser in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis auf diesen Vorgang aufmerksam. Notwendig ist es. Siehe zum Beispiel die viel zu wohlwollende Rezension in der TAZ vom vergangenen Wochenende.<\/p><p>Lobend zu erw&auml;hnen ist zun&auml;chst einmal: Man kann dieses Buch benutzen, um &ndash; einigerma&szlig;en korrekt &ndash; daran erinnert zu werden, was sich in den Jahren von Rot-Gr&uuml;n zwischen 1998 und 2005 so alles zugetragen hat. Diesen Leitfaden zur eigenen Erinnerung zu schaffen ist auch eine Leistung, aber eben nicht die vom Historiker Wehler gepriesene.<\/p><p><strong>Stichwortnehmer Edgar Wolfrum<\/strong><\/p><p>Der Autor &uuml;bernimmt in berauschender Einseitigkeit die Parolen und Behauptungen, die im Vorfeld der so genannten Reformpolitik verbreitet worden sind, als bare M&uuml;nze: Reformstau, Globalisierung ist neu, zu hohe Lohnnebenkosten, Strukturreformen sind notwendig, zur Demographie, das Umlageverfahren gerate bei schrumpfender Bev&ouml;lkerung in die Krise, usw. &ndash; <\/p><p>Die westlichen Sozialstaaten, allen voran Deutschland, seien in die Krise geraten, behauptet der Autor. Wolfrum merkt nicht, dass er hier wie an vielen anderen Stellen das Ergebnis einer gut eingef&auml;delten Kampagne konservativer Agitation als Wirklichkeit darstellt. Seit dem Lambsdorff Papier vom September 1982, ja schon seit den siebziger Jahren, lief in Deutschland eine Kampagne gegen Sozialstaatlichkeit. In den neunziger Jahren hat sich der Soziologe Wolfgang Streeck in diese gut angelegte &Ouml;ffentlichkeitsarbeit einspannen lassen. Wie bei vielen anderen Fragen sieht Wolfrum nicht, dass er ein Opfer dieser Propaganda geworden ist.<\/p><p>Alles ist neu, Deutschland sei neuen Herausforderungen ausgesetzt &ndash; diese Grundmelodie spielt bei Wolfrum eine gro&szlig;e Rolle. Er gibt damit nur wieder, was im Vorfeld von Rot-Gr&uuml;n und dann w&auml;hrend der ersten Jahre an Parolen herumgereicht wurde. In meinem Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=23\">Die Reforml&uuml;ge<\/a>&ldquo; habe ich 2004 eine gr&ouml;&szlig;ere Zahl der von Wolfrum jetzt als g&uuml;ltige Weisheiten pr&auml;sentierten L&uuml;gen, Legenden und Denkfehler beschrieben und auseinander genommen. Der Autor Wolfrum ist von keinerlei Zweifel ber&uuml;hrt. Sein Buch ist &uuml;ber weite Strecken der Abklatsch der gezielt gemachten Meinung.<\/p><p><strong>Ma&szlig;lose &Uuml;bertreibungen und falsche Wahrnehmung der Abl&auml;ufe von Politik und Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Ein &bdquo;Gravierender Umbruch&ldquo; war die Wahl von Rot-Gr&uuml;n, ein &bdquo;Aufbruch ins 21. Jahrhundert&ldquo;, ein &bdquo;Epochenwechsel&ldquo;. &bdquo;W&auml;hrend sich Europa und die Welt politisch und sozial rasant wandelten und neue Menschheitsfragen aufgeworfen wurden &ndash; Klimawandel, Nord-S&uuml;d-Verh&auml;ltnis, Menschenrechte, Rolle der UNO &ndash;, war der Blick in Deutschland nach innen gerichtet.&ldquo; So kennzeichnet der Autor die Lage am Beginn von Rot-Gr&uuml;n. Den &bdquo;Schutz der Umwelt&ldquo; erkl&auml;rt der Autor wenige Seiten vorher zu einer &bdquo;neuen Menschheitsfrage&ldquo;. Kenner der Geschichte oder Politik wissen, dass nahezu nichts daran stimmt. Ein Deutscher, Willy Brandt, war 1977 zum Vorsitzenden einer Nord-S&uuml;d-Kommission der UNO berufen worden und legte 1980 dem UNO-Generalsekret&auml;r den Bericht dieser Kommission vor. Umweltschutz wird in Deutschland seit 1969 betrieben, usw. <\/p><p>Viele Menschen haben sich von Rot-Gr&uuml;n einen Epochenwechsel versprochen. Aber daraus geworden ist eben nichts. Daher auch die riesige Entt&auml;uschung hunderttausender Anh&auml;nger von Rot und Gr&uuml;n.<\/p><p><strong>Schon der erste Satz des ersten Kapitels enth&auml;lt eine falsche Behauptung und zeigt, dass der Autor sich einseitiger Quellen bedient und andere beliebig wegl&auml;sst.<\/strong><\/p><p>Es geht dabei zwar um eine vergleichsweise harmlose Angelegenheit, n&auml;mlich um die Frage, wie der Wahlsieg von Rot-Gr&uuml;n im Jahre 1998 zu Stande kam. Aber diese Anfangspassage ist typisch f&uuml;r die Arbeitsweise des Heidelberger Historikers. Ich zitiere: <\/p><p>&bdquo;Die &lt;&lt; Kampa 98&gt;&gt; &ndash; als Kurzform f&uuml;r Kampagne &ndash; war der modernste und effektivste Wahlkampf, den eine Partei in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bis dahin jemals gef&uuml;hrt hat.&ldquo; <\/p><p>Dann folgt die Fu&szlig;note 1. Und es geht weiter:<\/p><p>&bdquo;Mit ihr wurden neue stilbildende Wege der politischen Kommunikation und ein Niveau an Professionalit&auml;t erreicht, an dem sich k&uuml;nftig auch die anderen politischen Parteien orientierten.&ldquo;<\/p><p>Und dann folgt die Behauptung, dieser besonders professionelle Wahlkampf sei auf Blaupausen anglo-amerikanischer Wahlk&auml;mpfe aufgebaut gewesen, die F&auml;higkeit, schnell auf den politischen Gegner zu reagieren, wird zum Beispiel als etwas Neues dargestellt. &ndash; Alles kalter Kaffee, wenn man die davor liegenden Wahlk&auml;mpfe Revue passieren l&auml;sst. Der Autor selbst merkt, dass er nicht die Wahrheit sagt, wenn er einige Seiten sp&auml;ter unmotiviert nachliefert und sich selbst korrigiert: &bdquo;Entgegen dem Urteil, dass alles neu erfunden oder aus Amerika &uuml;bernommen wurde, muss betont werden, dass es ein deutsches Vorbild gab, den SPD-Wahlkampf von 1969.&ldquo; Es passt ins Bild, dass der Autor die Quelle dieser seiner Einsicht nicht nennt. Den Wahlkampf 1972 kennt er offensichtlich sowieso nicht.<\/p><p>Nach Wolfrum waren Franz M&uuml;ntefering und Matthias Machnig die Macher der Kampa und die Kampagne war erfolgreich. &ndash; Es stimmt nahezu nichts an den Behauptungen Wolfrums zur Kampagne und zum Verlauf des Wahlkampfes. Dazu ein paar Einzelheiten:<\/p><ul>\n<li>Im Haus der Kampa in der Bonner Friedrich Ebert Allee sa&szlig;en zwei s&auml;uberlich getrennte Kampa-Teile: Zum einen M&uuml;ntefering und Machnig, und zum andern Schr&ouml;ders Leute: Uwe-Carsten Heye, Schr&ouml;ders pers&ouml;nlicher Mitarbeiter Heinz Th&ouml;rmer, im Hintergrund Hombach. &ndash; Welche dieser beiden Gruppen den Wahlkampf mehr beeinflusste? Die Schr&ouml;der Leute sahen sich in dieser Rolle und haben damit vermutlich Recht.\n<p>Autor Wolfrum hat die Aufteilung wahrscheinlich nicht wahrgenommen. Seine &Uuml;bersch&auml;tzung der Rolle von M&uuml;ntefering und Machnig ist ein Ergebnis seiner einseitigen Quellenforschung. Die oben erw&auml;hnte Fu&szlig;note 1 verweist auf Wahlkampfauswertungen im AdsD, dem &bdquo;Archiv der sozialen Demokratie&ldquo; und dort auf die Akte des Franz M&uuml;ntefering. &ndash; Ein gro&szlig;artiges Quellenstudium, vor allem ein wahres Zeugnis f&uuml;r die F&auml;higkeit des Autors Wolfrum zum &bdquo;gerechten Urteil&ldquo; (Rezensent Wehler). Quellen, die Wolfrum nicht in den Kram passen, werden nicht erschlossen und nicht zitiert.<\/p><\/li>\n<li>Der Verlauf und die Bedeutung des Wahlkampfs f&uuml;r den Regierungswechsel wird vom Autor Wolfrum unbefriedigend dargestellt. Wichtiges hat er offenbar nicht wahrgenommen:\n<p>Auf dem SPD Parteitag in Hannover im Dezember 1997 wurde nicht entschieden, wer Spitzenkandidat der SPD werden sollte, Lafontaine oder Schr&ouml;der. Das wollte man vom Verlauf der am 1. M&auml;rz 1998 stattfindenden Landtagswahl in Niedersachsen abh&auml;ngig machen, wo Schr&ouml;der Ministerpr&auml;sident war. Damit begann ein unterhaltsames Rennen um die Spitzenkandidatur, das die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog und sowohl die Sympathiewerte f&uuml;r die SPD und f&uuml;r Schr&ouml;der als auch f&uuml;r Lafontaine steigen lie&szlig;. (Davon habe ich ausf&uuml;hrlich und mit Belegen in meiner Studie &bdquo;Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie&ldquo; vom Januar 99 berichtet.) Die SPD kam nach Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen zur politischen Stimmung auf Werte von 52 %, die CDU CSU sackte auf 30 % ab. Im Verlaufe des von Wolfrum ger&uuml;hmten Wahlkampfes verlor die SPD dann bis auf Werte um 41 % und die Union verbesserte sich auf 38 %.<\/p><\/li>\n<li>Richtig apart ist auch die Entstehungsgeschichte der Behauptung von der Amerikanisierung und Professionalisierung des Wahlkampfes. Das war nicht nach Augenschein und Analyse des laufenden bzw. gelaufenen Wahlkampfes festgestellt worden sondern vorher. M&uuml;ntefering und Machnig hatten die einschl&auml;gigen Parolen Anfang M&auml;rz 1998 ausgegeben. Das war die eigentlich gro&szlig;e Leistung der beiden Wahlkampfmacher f&uuml;r den Wahlkampf. Tonangebend f&uuml;r die Wahrnehmung und Charakterisierung des Wahlkampfes durch die Medien war dann ein Beitrag von Hajo Schumacher im Spiegel vom 9.3.1998. Dies schlug sich dann schon w&auml;hrend des Wahlkampfes in &bdquo;Analysen&ldquo; von so genannten Wissenschaftlern wieder &ndash; zum Beispiel in einem Artikel von Winfried Schulz in den &bdquo;Media Perspektiven&ldquo; 8\/98.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Historiker Wolfrum lebt offensichtlich in der Geisteswelt der neoliberalen Bewegung und nimmt kritische Fakten nicht wahr und schon nicht ernst.<\/strong><\/p><p>Dazu nur drei von vielen Beispielen:<\/p><ul>\n<li>Die Bedeutung des Schr&ouml;der-Blair Papiers wird weit &uuml;berzogen dargestellt. Es passt nicht in die Schablonen des Autors Wolfrum, wie kurzlebig dieses gedanklich d&uuml;nne Papier war und ist.<\/li>\n<li>Der Name von Carsten Maschmeyer und die Rolle, die dieser Finanzdienstleister mit seiner Firma AWD bei der Entscheidung &uuml;ber die Spitzenkandidatur der SPD im Jahre 1998 gespielt hat, kommen bei Wolfrum nicht vor. Maschmeyer hatte wie allgemein bekannt eine Kampagne in Niedersachsen in Gang gesetzt, deren Kernaussage war: Ein Niedersachse muss Bundeskanzler werden. Schr&ouml;der erreichte die absolute Mehrheit und wurde fast zwangsl&auml;ufig Spitzenkandidat. Schr&ouml;der bedankte sich f&uuml;r die Freundlichkeit mit der F&ouml;rderung der staatlichen Privatvorsorge &uuml;ber Riester-Rente, R&uuml;rup-Rente und Entgeltumwandlung. Maschmeyer schw&auml;rmte dann 2005, es sei, als s&auml;&szlig;en die Privatversicherer auf einer &Ouml;lquelle.<\/li>\n<li>Die Riester-Reform h&auml;lt Wolfrum f&uuml;r einen Fortschritt. Von der inzwischen weit verbreiteten kritischen Diskussion um diese Reform wie auch die anderen Privatvorsorgeprodukte hat Wolfrum nichts mitbekommen. <\/li>\n<\/ul><p>Es ist dann logisch, dass die  politische Korruption bei Wolfrum keine gro&szlig;e Rolle spielt. Sie wirft keinen Schatten auf seine Helden von Schr&ouml;der &uuml;ber Fischer bis zu Riester.<\/p><p><strong>Was zu erwarten war: Auch beim Blick auf Lafontaines Rolle, auf Regulierung und Deregulierung der Finanzm&auml;rkte, auf den Jugoslawien Krieg, auf Nachfragepolitik versus Angebotspolitik ist Wolfrums Werk vor allem ein Abklatsch der herrschenden Meinung. Brauchen wir daf&uuml;r Historiker?<\/strong><\/p><p>Der eingangs zitierte Historiker Wehler r&uuml;hmt die Tatsache, dass Wolfrum &bdquo;zahlreiche Interviews mit Figuren der damaligen Zeitgeschichte&ldquo; gef&uuml;hrt habe: &bdquo;Es ist imponierend, wie dieser Historiker (Wolfrum, d.Verf.) die wichtigsten Zeitzeugen zum Sprechen gebracht hat (mit der einzigen Ausnahme von Oskar Lafontaine)&ldquo;, schreibt Wehler. F&uuml;r dieses Nicht-zu-Stande-kommen eines Interviews mit dem Zeitzeugen Lafontaine muss dieser kr&auml;ftig b&uuml;&szlig;en. Seine Rolle zu Beginn der Regierungszeit von Rot-Gr&uuml;n wie auch die damit verbundenen Problem- und Themenbereiche Kosovo Krieg, Regulierung der Finanzm&auml;rkte, etc. werden nicht nur in Nuancen falsch und einseitig dargestellt. Ich habe dazu eingehender recherchiert und beschreibe diese Zusammenh&auml;nge etwas ausf&uuml;hrlicher:<\/p><p>In der Einleitung schreibt Wolfrum, seine Darstellung sei &bdquo;wissenschaftlichen Standards&ldquo; verpflichtet, und ihr Ziel sei es, eine &bdquo;eigenst&auml;ndige historische Perspektive auf die j&uuml;ngste Vergangenheit zu entwickeln.&ldquo; <\/p><p>Im folgenden soll an den vier gr&ouml;&szlig;eren Konflikten im rot-gr&uuml;nen Lager &ndash; Kriegsbeteiligung ja oder nein, Nachfragepolitik oder Angebotspolitik, Regulierung oder Deregulierung der Finanzm&auml;rkte, und Abbau oder Ausbau des Sozialstaates &ndash; untersucht werden, ob Edgar Wolfrum seinen eigenen Anspr&uuml;chen gen&uuml;gt. <\/p><p>Man stolpert schon &uuml;ber den Buchtitel: &bdquo;Rot-Gr&uuml;n an der Macht&ldquo;. &bdquo;Die Rot-Gr&uuml;ne Bundesregierung&ldquo; w&auml;re besser gewesen. Die Rot-Gr&uuml;nen waren schon deshalb nicht an der Macht, weil sie bei den oben genannten Konflikten nicht einer Politik folgten, die in den eigenen Parteien in einem demokratischen Prozess entwickelt worden w&auml;re. Vielmehr machten sie eine Politik, die ihnen mehr oder weniger stark von au&szlig;en vorgegeben wurde.  Schon 1906 hatte der US Pr&auml;sident Theodore Roosevelt erkannt: &bdquo;Hinter dem, was wir f&uuml;r die Regierung halten, thront im Verborgenen eine Regierung ohne jede Bindung an und ohne jede Verantwortung f&uuml;r das Volk. Die Vernichtung dieser unsichtbaren Regierung und Zerschlagung der unheiligen Allianz von korrupter Wirtschaft und korrupter Politik ist die entscheidende politische Herausforderung dieser Zeit.&ldquo; <\/p><p>Heute wissen auch weniger informierte Beobachter, dass diese Regierung ohne jede Bindung an und ohne jede Verantwortung f&uuml;r das Volk noch immer im Verborgenen &bdquo;thront&ldquo;. Und wir wissen auch, wer diese Regierung nachhaltig pr&auml;gt: die Finanzmafia, die Wall Street-irmen, Hedge Fonds, die &bdquo;systemrelevanten&ldquo; Banken und Versicherungen. <\/p><p>Und wenn der Historiker in der Einleitung die rot-gr&uuml;ne Regierung, die erste &bdquo;globale&ldquo; Regierung in Deutschland nennt, den US Kampfbegriff des internationalen Terrorismus unkritisch &uuml;bernimmt, als neue Erfahrung w&uuml;rdigt, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werde, und die westlichen Sozialstaaten in der Krise sieht, dann besteht die Gefahr, dass das Buch zu einer Rechtfertigungsschrift der Politik der Rot-Gr&uuml;nen Bundesregierung wird. <\/p><p><strong>Kriegseins&auml;tze &ndash; Jugoslawien Krieg<\/strong><\/p><p>Eine unverzeihliche Voreingenommenheit wird bei der Schilderung des Weges zur deutschen Beteiligung am Jugoslawienkrieg deutlich. Wolfrum unterlaufen dabei schwere Fehler. Er schreibt auf Seite 70: &bdquo;Die Entscheidungen zum Kosovo Konflikt waren zwar nach der Wahl von Rot-Gr&uuml;n, aber vor dem Regierungsantritt erfolgt. Am 7. Oktober 1998 erkl&auml;rte sich die NATO grunds&auml;tzlich zur Intervention bereit. Als zwei Tage sp&auml;ter der designierte Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der und Joschka Fischer in Washington US Pr&auml;sident Bill Clinton trafen, gaben sie auf sein Dr&auml;ngen hin ihre Zustimmung, einen eventuellen NATO-Einsatz mitzutragen, wollten aber die endg&uuml;ltige Entscheidung solange zur&uuml;ckstellen, bis sie vereidigt waren und der neue Bundestag sich konstituiert hatte.&ldquo; <\/p><p>Wolfrum vergisst darauf hinzuweisen, dass diese Zustimmung Schr&ouml;ders und Fischers bereits am 9. Oktober ohne die Information und ohne das Einverst&auml;ndnis des SPD-Vorsitzenden Lafontaine gegeben wurde. Lafontaine war auf allen SPD-Parteitagen, ausweislich der Protokolle, der Wortf&uuml;hrer der sozialdemokratischen Mehrheit, die jegliche Interventionskriege der Bundeswehr ablehnte. <\/p><p>Wie schlecht und einseitig informiert der Professor f&uuml;r Zeitgeschichte sein Urteil findet, zeigt sich auf Seite 71: &bdquo;An diesem 12. Oktober kamen Gerhard Schr&ouml;der, Joschka Fischer und G&uuml;nther Verheugen mit Helmut Kohl, Volker R&uuml;he und Klaus Kinkel, dem noch amtierenden Au&szlig;enminister, im Kanzleramt zusammen. Die Vertreter der abgew&auml;hlten und der k&uuml;nftigen Regierung waren sich einig: Deutschland muss und wird sich mit eigenen Kr&auml;ften an der L&ouml;sung des Kosovo Konfliktes beteiligen, wenn n&ouml;tig, mit 14 Tornado Flugzeugen und bis zu 500 Mann.&ldquo; <\/p><p><strong>An dieser Darstellung stimmt so gut wie nichts.<\/strong><\/p><p>In seinem Buch &bdquo;Das Herz schl&auml;gt links&ldquo;, Seite 241, schildert Oskar Lafontaine dieses Gespr&auml;ch wie folgt: &bdquo;Nach dem Wahlsieg der rot-gr&uuml;nen Koalition lud uns die Regierung Kohl ein, um unsere Zustimmung zu einer Entscheidung des alten Deutschen Bundestages zu erreichen: Sie wollte beschlie&szlig;en, f&uuml;r die Alarmbereitschaft von NATO-Verb&auml;nden auch deutsche Truppenteile zur Verf&uuml;gung zu stellen. Als Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei warf ich bei diesem Gespr&auml;ch die Frage auf, ob ein solcher Beschluss des Deutschen Bundestags und der Bundesregierung eine Automatik in Gang setze, die keine politische Konsultation mehr zulie&szlig;e, bevor es zu einem milit&auml;rischen Angriff komme. Die Antworten der beteiligten Minister, des Verteidigungsministers Volker R&uuml;he und des Au&szlig;enministers Klaus Kinkel, waren unterschiedlich. W&auml;hrend R&uuml;he sagte, es bestehe keine politische M&ouml;glichkeit mehr, nach dieser Entscheidung einen Angriff der NATO zu verhindern, erkl&auml;rte Kinkel das Gegenteil. Wolfgang Sch&auml;uble blickte peinlich ber&uuml;hrt in den Garten des Kanzleramts. Ich verlangte eine klare Antwort. Ich lie&szlig; mir am selben Tag vom Au&szlig;enminister schriftlich best&auml;tigten, dass eine solche Entscheidung des Deutschen Bundestags keine Automatik in Gang setze. &hellip; Nach dieser Zusicherung habe ich als Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei Deutschlands dem Bundestagsbeschluss zugestimmt.&ldquo; <\/p><p>Nun k&ouml;nnte man vermuten, dass Lafontaine ebenso wie die Kriegsbef&uuml;rworter der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung die Vergangenheit aus seiner Sicht sch&ouml;n redet. Aber Lafontaines Version wird durch die Spiegel Redakteure Geyer, Kurbjuweit und Schnibben gest&uuml;tzt, die in ihrem Buch &bdquo;Operation Rot-Gr&uuml;n&ldquo; (Seite 69) schreiben: <\/p><p>&bdquo;12. Oktober, Bonn <\/p><p>Im Kanzleramt erfahren Schr&ouml;der, Fischer, Lafontaine und Verheugen von Kanzler Helmut Kohl, dass sie f&uuml;r ihre Entscheidung &uuml;ber das Kosovo keinen Aufschub mehr haben. Clinton will nicht warten, bis sich der neue Bundestag konstituiert. Er brauche die Zusage der Deutschen sofort, dass sie sich &ndash; falls die NATO das beschlie&szlig;t &ndash; am Kosovo Krieg beteiligen. &hellip; Schr&ouml;der bittet um eine Unterbrechung, um sich mit seinen Leuten zu beraten. &bdquo;Wir m&uuml;ssen das machen&ldquo; sagt er, wir m&uuml;ssen da durch und wir kommen da durch, wenn wir zusammenhalten&ldquo;. Nach kurzer Pause erkl&auml;rt Oskar Lafontaine: &bdquo;Das wird wohl so sein.&ldquo; In Kohls Arbeitszimmer zur&uuml;ckgekehrt will Lafontaine wissen, ob die Deutschen automatisch am Krieg beteiligt sind, wenn die NATO ihn beschlie&szlig;t. Oder ob der Bundestag in jedem Fall noch einmal entscheiden muss. Kinkel versichert, es g&auml;be keinen Automatismus. Auf jeder Stufe des Verfahrens werde es eine Kontrolle geben. Das bekommt Lafontaine sogar schriftlich.&ldquo; <\/p><p>Zur Bewertung dieser Passage der Spiegel Redakteure muss man wissen, dass sie &uuml;ber diese Unterredung wohl von Schr&ouml;der und Fischer, nicht aber von Lafontaine, informiert wurden. Lafontaines Version wird auch durch die Rede G&uuml;nther Verheugens am 16. Oktober im Deutschen Bundestag best&auml;tigt. Er f&uuml;hrte unter anderem aus: <\/p><p>&bdquo;Ich m&ouml;chte deshalb f&uuml;r meine Fraktion sehr deutlich sagen, dass der Beschluss, den wir heute fassen, kein Vorratsbeschluss ist, der bedeutet, dass man in 4, 6, 8 oder 12 Wochen gegebenenfalls darauf zur&uuml;ckkommen kann, sondern dass nur f&uuml;r eine sehr &uuml;berschaubare Zeit der Bereitschaftsstatus, den die NATO mit unserer gemeinsamen Unterst&uuml;tzung eingenommen hat, aufrecht erhalten werden kann und, dass in absehbarer Zeit eine Entscheidung dar&uuml;ber fallen muss, ob dieser Zustand aufrechterhalten wird oder nicht. Wenn sich dann die Krise erneut versch&auml;rfen sollte, ist ein neuer Entscheidungsproze&szlig; innerhalb der NATO und auch innerhalb von Bundesregierung und Bundestag notwendig. Es ist auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Entscheidung, die heute getroffen wird, keinen milit&auml;rischen Automatismus ausl&ouml;st. Man hat die falsche Darstellung gelesen, als sei es folgenderma&szlig;en: Wenn wir dem, was heute vorliegt, zustimmen, hei&szlig;t das, dass der NATO-Oberbefehlshaber, wann immer er es f&uuml;r richtig h&auml;lt, auf den Knopf dr&uuml;cken kann, und dann geht es los. So ist die NATO nicht. Es ist sehr wichtig, festzuhalten, dass alle einzelnen Schritte, jede einzelne Entscheidung, die noch getroffen werden muss, bis zur allerletzten Einsatzentscheidung unter vollst&auml;ndiger politischer Kontrolle steht, dass jederzeit die politische M&ouml;glichkeit gegeben ist, einen Prozess anzuhalten oder ihm eine andere Richtung zu geben.&ldquo;<\/p><p>Verheugen gibt hier genau die Haltung Lafontaines wieder, die darauf hinauslief, der Regierung Kohl die Zustimmung zu geben, NATO-Verb&auml;nde einschlie&szlig;lich der Bundeswehr in Alarmbereitschaft zu versetzen, um die vor allem von den USA gew&uuml;nschte Drohkulisse gegen&uuml;ber Milosewitsch aufzubauen. Einem Milit&auml;rschlag konnte Lafontaine auf der Grundlage der SPD-Programmatik und des Koalitionsvertrages nicht zustimmen. <\/p><p>Es ist kaum zu erkl&auml;ren, wie Wolfrum zu der falschen Darstellung des Gespr&auml;ches kommt, das am 12. Oktober im Kanzleramt gef&uuml;hrt wurde. Die Teilnahme des SPD-Vorsitzenden Lafontaine und des CDU\/CSU-Fraktionsvorsitzenden Sch&auml;uble wird nicht erw&auml;hnt und das Ergebnis des Gespr&auml;ches wird v&ouml;llig falsch wiedergegeben. Das ist umso  bemerkenswerter, als Wolfrum auch die oben angef&uuml;hrten B&uuml;cher Lafontaines und der Spiegel Redakteure als Quelle angibt. Das Bundestagsprotokoll vom 16. Oktober kann jeder im Internet nachlesen. Wenn Wolfrum auf Seite 110 seines Buches lapidar feststellt: &bdquo;Dass Oskar Lafontaine wegen des drohenden Kosovo-Krieges, den er nicht habe mittragen k&ouml;nnen, von allen seinen &Auml;mtern zur&uuml;cktrat, wie er es im Nachhinein selbst gern glauben machen wollte, darf getrost ins Reich der Legenden verwiesen werden k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>Es ist offenkundig, dass der Autor den Erz&auml;hlungen der rot-gr&uuml;nen Politiker auf den Leim gegangen ist, die ihren abrupten Wechsel vom Nein zum Ja bei Interventionskriegen auch dadurch rechtfertigen wollen, dass ja auch der SPD-Vorsitzende Lafontaine keinen Widerstand geleistet habe. <\/p><p><strong>Nachfragepolitik versus Angebotspolitik und Regulierung versus De-Regulierung der internationalen Finanzm&auml;rkte<\/strong><\/p><p>Etwas weniger einseitig geht es bei der Behandlung der Konflikte Nachfragepolitik versus Angebotspolitik und Regulierung oder Deregulierung der internationalen Finanzm&auml;rkte zu. Aber eine Voreingenommenheit wird schon bei der &Uuml;berschrift des entsprechenden Kapitels deutlich:<\/p><p> &bdquo;&gt;&gt;Der gef&auml;hrlichste Mann Europas&lt; &ndash; Lafontaines Scheitern als Welt&ouml;konom&ldquo;\n\nAls Welt&ouml;konom wurde Lafontaine von all denjenigen bezeichnet, die seine nachfrageorientierte Wirtschafts- und Finanzpolitik und besonders seine Forderung nach Regulierung der internationalen Finanzm&auml;rkte ablehnten und ver&auml;chtlich machen wollten. Dass diese Kommentatoren zehn Jahre sp&auml;ter nach der Pleite von Lehman Brothers ihre eigenen Worte fressen mussten und einer Nachfragepolitik und einer Regulierung der Finanzm&auml;rkte das Wort redeten, ist eine sp&auml;te Best&auml;tigung von Lafontaines Politik. \n\nAuf den Seiten 114, 115 gibt Wolfrum diese Politik einigerma&szlig;en korrekt wider: &bdquo;Unter Lafontaine kam es, wie zu erwarten, zu einem deutlich sozialdemokratischen Politikwechsel gegen&uuml;ber der Vorg&auml;ngerregierung. Mit Hilfe seiner beiden Staatssekret&auml;re, Heiner Flassbeck &hellip; und Claus Noe &hellip; konzipierte der Bundesfinanzminister eine nachfrageorientierte Politik, die auf h&ouml;here L&ouml;hne, steigende Sozialleistungen und niedrige Zinsen setzte. Als eine der ersten Ma&szlig;nahmen &uuml;berhaupt machte Rot-Gr&uuml;n einige einschr&auml;nkende Sozialgesetze r&uuml;ckg&auml;ngig, die unter Helmut Kohl beschlossen worden waren, so etwa die Einf&uuml;hrung einer Frist zur Verk&uuml;rzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Beschr&auml;nkung des K&uuml;ndigungsschutzes in kleineren Betrieben sowie die Abschaffung des Schlechtwettergeldes; auch Rentenk&uuml;rzungen wurden  zur&uuml;ckgenommen und das Kindergeld wurde erh&ouml;ht. &hellip; \n\nBereits der erste Haushalt des neuen Finanzministers war expansiv ausgelegt und wartete mit einer Ausgabensteigerung von &uuml;ber sechs Prozent auf, was rund 30 Milliarden DM entsprach. &hellip; \n\nDurch eine Umverteilungspolitik sollten gezielt die Arbeitnehmer und Familien entlastet werden. In den beiden ersten Stufen der geplanten Steuerreform f&uuml;r 1999 und 2000 sollte der Eingangssteuersatz gesenkt und der Grundfreibetrag ausgeweitet werden. Davon profitierten vor allem niedrige und mittlere Einkommen bis 70.000 DM. In der letzten Stufe sollte der Eingangssteuersatz von 25,9 auf 19,9 Prozent und der Spitzensteuersatz von 53 auf 48,5 Prozent gesunken sein. Im Gegenzug strich das Ministerium 70 zum Teil durchaus bedeutende Steuerbeg&uuml;nstigungen, meist im Unternehmensbereich mit einem Gesamtvolumen von rund 40 Milliarden DM. Die Unternehmen wurden somit zus&auml;tzlich belastet. Diese nur wenige Monate w&auml;hrende Phase eines Politikwechsels war, so l&auml;sst es sich zusammenfassen, eine Zeit aktiver Konjunktursteuerung durch Finanzpolitik.&ldquo;\nIn der Tat, um diesen sozialdemokratischen Politikwechsel ging es Lafontaine und er kann heute zusehen, wie SPD und Gr&uuml;ne in der Sozial- und Steuerpolitik wieder zu den politischen Vorstellungen zur&uuml;ckrudern, die sie w&auml;hrend der Zeit Lafontaines als Finanzminister mehr und mehr bek&auml;mpft hatten und danach v&ouml;llig &uuml;ber Bord warfen. \n\nWeniger gn&auml;dig geht Wolfrum mit Lafontaines Forderung nach einer Steuerharmonisierung auf europ&auml;ischer Ebene und einer engeren Abstimmung der makro&ouml;konomischen Politik der EU-L&auml;nder um. Dabei st&ouml;rt ihn besonders, dass Lafontaines Pl&auml;ne &bdquo;in Gro&szlig;britannien einen &ouml;ffentlichen Aufschrei ausl&ouml;sten&ldquo;. Vielleicht w&auml;re auch hier im Jahre 2013 der Hinweis angebracht gewesen, dass heute quer durch alle politischen Lager und nationen&uuml;bergreifend nach einer Steuerharmonisierung und einer gemeinsamen europ&auml;ischen Wirtschaftsregierung gerufen wird. \n\nAuch das Verlangen Lafontaines, die Europ&auml;ische Zentralbank solle wie die Amerikanische Notenbank einen Beitrag zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit leisten, wird von Wolfrum eher kritisch gew&uuml;rdigt. Er referiert zustimmend die Kritik, die vor allen Dingen aus den Reihen der Europ&auml;ischen Zentralbank kam, die auf ihre Unabh&auml;ngigkeit pochte. Es versteht sich, dass auch der deutsche Mainstream-Journalismus in das gleiche Horn stie&szlig;. \n\nAuch bei der Schilderung des Projektes, das Lafontaine veranlasst hatte, allem Machtkalk&uuml;l zuwider, das Amt des Bundesfinanzministers in der Regierung Schr&ouml;der zu &uuml;bernehmen, n&auml;mlich der Regulierung der internationalen Finanzm&auml;rkte kann sich Wolfrum eine einseitige Beurteilung nicht verkneifen. Er schreibt auf Seite 117: &bdquo;Schlie&szlig;lich erlitt Lafontaine mit seinem Plan, die Architektur des Weltfinanzsystems zu erneuern, Schiffbruch. Ihm schwebten &gt;&gt; Wechselkurszielzonen &lt;&lt; der wichtigsten W&auml;hrungen, Dollar, Euro und Yen vor, denn er erkannte in der Deregulierung der internationalen Finanzm&auml;rkte, die Ursache tiefgreifender globaler Schwierigkeiten. Mit einer neuen Weltfinanzarchitektur wollte er dem weltweiten Spielcasino entgegentreten. &hellip; Best&auml;rkt durch &auml;hnliche Ansichten des Wirtschaftsnobelpreistr&auml;gers Robert Mundell machten sich Lafontaine und seine Berater auf, die Welt von Wechselkurszielzonen zu &uuml;berzeugen. Allerdings wurde Lafontaine selbst vom amerikanischen Notenbankpr&auml;sidenten Alan Greenspan &hellip; entt&auml;uscht. In einer Satellitenkonferenz &hellip; bezeichnete er die Idee von Wechselkurszielzonen als &gt;&gt; Illusion &lt;&lt;, die &gt;&gt; unerw&uuml;nscht, altmodisch und nicht umsetzbar &lt;&lt; sei.&ldquo;\n\nEinen ungeeigneteren Zeugen konnte Wolfrum im Jahre 2013 nicht erw&auml;hnen, hat doch der ehemalige amerikanische Notenbankpr&auml;sident l&auml;ngst einger&auml;umt, dass sein Vertrauen in die Wohlstand schaffende Kraft deregulierter Finanzm&auml;rkte ein schwerer Fehler war. Wichtig w&auml;re es an dieser Stelle gewesen darauf hinzuweisen, dass Lafontaine und seine Staatssekret&auml;re f&uuml;r Kapitalverkehrskontrollen pl&auml;dierten, um die Finanzspekulationen einzud&auml;mmen. In den letzten Wochen h&auml;ufen sich Medienberichte, in denen darauf hingewiesen wird, dass die chinesische Volkswirtschaft durch Kapitalverkehrskontrollen davor gesch&uuml;tzt ist, durch die weltweiten spekulativen Kapitalbewegungen besch&auml;digt zu werden. \n\nWenn Wolfrum urteilt: &bdquo;Lafontaine wollte jedoch nicht erkennen, dass eine Industrienation wie die Bundesrepublik Deutschland nicht gegen den Rest der Welt eine Politik der Nachfrageorientierung betreiben konnte, sondern rannte v&ouml;llig undiplomatisch gegen W&auml;nde, von denen er glaubte, dass sie da gar nicht stehen d&uuml;rften, und geriet so in den internationalen Gremien in die Rolle eines Michael Kohlhaas hinein. &hellip;&ldquo;, dann hat er die diffamierende Erz&auml;hlung derer &uuml;bernommen, die zum damaligen Zeitpunkt Lafontaines Politik national und international bek&auml;mpften. Immerhin schreibt er etwas weiter unten: &bdquo;Der Geist der Zeit war gegen Lafontaine. Er sah nicht vor, der Politik irgendwelche Interventionsm&ouml;glichkeiten gegen&uuml;ber den Finanzm&auml;rkten einzur&auml;umen. &hellip; Deutliche Rufe nach Regeln und staatlicher Steuerung sind viel j&uuml;ngeren Datums; so gesehen kann sich Oskar Lafontaine durchaus als Vordenker bezeichnen.&ldquo; Aber diese Einsicht stellt er wieder durch seine Bewertung des R&uuml;cktritts des ehemaligen Bundesfinanzministers in Frage: &bdquo;Oskar Lafontaine erscheint in den Akten als einer auf s&auml;mtlichen Ebenen gescheiterter Politiker. Als das internationale Finanzgenie, f&uuml;r das er sich selbst hielt, kam er nicht gut an und als deutscher Finanzminister auch nicht.&ldquo; \n\nEine solche Polemik w&uuml;rde man allenfalls von Lafontaines Gegnern im Rot-Gr&uuml;nen Lager erwarten, nicht aber von einem Wissenschaftler, der eine &bdquo;eigenst&auml;ndige historische Perspektive auf die j&uuml;ngste Vergangenheit&ldquo; entwickeln will. Und es wundert auch nicht, dass Wolfrum zum Beleg seines Urteils von einem Gespr&auml;ch mit Joschka Fischer berichtet, in dem dieser Lafontaines Position als &bdquo;nicht regierungsf&auml;hig&ldquo; bezeichnete. Schlie&szlig;lich war der Rot-Gr&uuml;ne Au&szlig;enminister immer wieder mit der Bemerkung zitiert worden man k&ouml;nne &bdquo;keine Politik gegen die internationalen Finanzm&auml;rkte machen&ldquo;. \nWie bei der Behandlung des Kosovo-Krieges, so wird man auch bei der Darstellung der Kontroverse innerhalb der Rot-Gr&uuml;nen Regierung zur Regulierung oder Nichtregulierung der internationalen Finanzm&auml;rkte an das Napoleon zugeschriebene Zitat erinnert: &bdquo;Geschichte ist eine L&uuml;ge, auf die man sich geeinigt hat&ldquo;. \n\n<strong>Agenda 2010<\/strong><\/p><p>Auch wenn es um die Schilderung der Agenda 2010 und ihrer verheerenden Folgen geht, kann Wolfrum seinen diese Politik unterst&uuml;tzenden Standpunkt nicht verheimlichen. Schon in der Einleitung schreibt er: &bdquo;Doch pl&ouml;tzlich brachte diese Regierung, obwohl sie mit dem R&uuml;cken zur Wand stand, mit der Agenda 2010 eine der gr&ouml;&szlig;ten Strukturreformen der bundesdeutschen Geschichte auf den Weg und widerlegte damit all jene, die von einer strukturellen Reformunf&auml;higkeit Deutschlands ausgingen oder gar nationale Reformen im Angesicht der Globalisierung f&uuml;r ausgeschlossen hielten.&ldquo; Und auf Seite 581 lesen wir: &bdquo;Erstmals seit der bismarckschen Sozialgesetzgebung wurde ein R&uuml;ckbau des Sozialstaates durchgesetzt. Im gr&ouml;&szlig;eren Zusammenhang war vor allem der Paradigmenwechsel in der sozialstaatlichen Logik gravierend: War der klassische Sozialstaat eher passiv ausgerichtet, und hatte er die Bed&uuml;rftigen nur mehr &gt;&gt; verwaltet &gt;&gt; so stellte sich das neue Sozialstaatsdenken als ein aktives und pr&auml;ventives dar. Der aktivierende Sozialstaat wollte nicht mehr nur materiell unterst&uuml;tzen, sondern ein F&ouml;rderangebot bereitstellen, von ihm sollten Ermutigungssignale ausgehen.&ldquo; <\/p><p>Abgesehen davon, dass die Regierung Kohl schon einen R&uuml;ckbau des Sozialstaates durchgesetzt hatte, wiederholt Wolfrum hier das neoliberale Geschwafel, das man schon fast nicht mehr h&ouml;ren kann. Die Rentnerinnen und Rentner sind nicht Bed&uuml;rftige, die nur mehr verwaltet wurden und Kranke werden sich bei der Lekt&uuml;re solcher S&auml;tze fragen, welche &bdquo;Ermutigungssignale&ldquo; ausgesandt werden, wenn sie f&uuml;r ihre Arzneimittel mehr zahlen m&uuml;ssen. Und was die Arbeitslosenversicherung angeht, so hat die Hartz Gesetzgebung eine einmalige Lohnsenkung in Deutschland eingeleitet. Der von Wolfrum im Gro&szlig;en und Ganzen positiv gew&uuml;rdigte Kanzler Schr&ouml;der ist stolz darauf, dass Deutschland den gr&ouml;&szlig;ten Niedriglohnsektor in Europa hat. <\/p><p>Wenn das Buch auch in einigen anderen Kapiteln eine objektive W&uuml;rdigung der Rot-Gr&uuml;nen Regierungsarbeit enth&auml;lt, so ist es dem Autor bei der Schilderung der zentralen Konflikte im Rot-Gr&uuml;nen Regierungslager nicht gelungen, eine nicht akzeptable Einseitigkeit zu vermeiden. Dabei ist es sicherlich nicht unangemessen darauf hinzuweisen, dass sowohl die Kriegsbeteiligung als auch die Angebotspolitik, die Deregulierung der Finanzm&auml;rkte und der Abbau des Sozialstaates keine eigenst&auml;ndigen Beitr&auml;ge der Rot-Gr&uuml;nen Akteure waren. Die Beteiligung der Bundeswehr an Interventionskriegen ist eine Folge der von den USA betriebenen Neuausrichtung der NATO und des Drucks der von der US-Administration regelm&auml;&szlig;ig auf die Verb&uuml;ndeten ausge&uuml;bt wurde. Auch die &bdquo;Nichtbeteiligung am Irak-Krieg&ldquo; ist zu relativieren. Wie heute bei Obamas Drohnenkrieg, so wurden auch im Irak-Krieg die Milit&auml;raktionen der USA von US-Einrichtungen in Deutschland gesteuert. Die Angebotspolitik war eine Forderung der deutschen Wirtschaft und die Deregulierung des Finanzsektors war ein Herzensanliegen von Banken und Versicherungen und die &bdquo;Reformen&ldquo; der Agenda 2010 konnte man schon lange in den Forderungskatalogen der deutschen Wirtschaftsverb&auml;nde finden. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Edgar Wolfrum: Rot-Gr&uuml;n an der Macht. Deutschland 1998&ndash; 2005. C. H. Beck Verlag, M&uuml;nchen 2013. 848 Seiten, 24,95 Euro.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5.8.2013 erschien im Berliner Tagesspiegel <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/gerechtes-urteil\/v_print\/8592860.html?p=\">eine Art Rezension des Historikers Hans-Ulrich Wehler<\/a>. Wehler nannte Wolfrums &bdquo;Studie&ldquo; &bdquo;Rot-Gr&uuml;n an der Macht&ldquo;[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18679#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] ein &bdquo;Meisterwerk der deutschen Zeitgeschichte&ldquo;. Das Buch besteche durch eine &bdquo;&uuml;beraus sorgf&auml;ltige Interpretation&ldquo;. Anders als andere Werke, denen man vorwerfe, sie erl&auml;gen &bdquo;zu h&auml;ufig der &Uuml;bermacht ihrer politischen Gegenwart und deren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18679\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,171,208,11,190],"tags":[312,410,239,1115,1521],"class_list":["post-18679","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-militaereinsaetzekriege","category-rezensionen","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-reformpolitik","tag-reformstau","tag-tagesspiegel","tag-wehler-hans-ulrich","tag-wolfrum-edgar"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18679","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18679"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18687,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18679\/revisions\/18687"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}