{"id":187,"date":"2005-05-06T11:21:05","date_gmt":"2005-05-06T10:21:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=187"},"modified":"2016-03-14T16:57:32","modified_gmt":"2016-03-14T15:57:32","slug":"ohne-politisch-gewollte-korrekturen-lasst-man-den-wolf-in-den-schafstall-die-tieferen-grunde-der-nein-sager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=187","title":{"rendered":"Ohne politisch gewollte Korrekturen l\u00e4sst man den Wolf in den Schafstall &#8211; die tieferen Gr\u00fcnde der Nein-Sager"},"content":{"rendered":"<p>Bericht &uuml;ber einen Artikel von Daniel Cohen, Wirtschaftsprofessor an den beiden Pariser Universit&auml;ten &Eacute;cole Normale Sup&eacute;rieure und Paris-I-Panth&eacute;on, in der franz&ouml;sischen Tageszeitung Le Monde vom 03.05.2005.<br>\n<!--more--><br>\nAlte Debatten &uuml;ber die europ&auml;ische Verfassung wiederholen sich zurzeit. Diejenigen, die die vorgeschlagene Verfassung in ihrer aktuellen Form ablehnen, halten insbesondere deren Teil III f&uuml;r eine zu neoliberale Festlegung Europas f&uuml;r die Zukunft, die nicht so schnell oder &uuml;berhaupt nicht wieder korrigiert werden kann. Die Bef&uuml;rworter der Verfassung argumentieren dagegen, dieser Teil III wiederhole lediglich Teile des alten EU-Vertrags, die bei Vertragsablehnung sowieso fortbestehen werden.<br>\nDaniel Cohn-Bendit fasst dieses Ja-Argument wie folgt zusammen:<br>\n&bdquo;In Wahrheit bedeutet die Ablehnung der vorgeschlagenen Verfassung gleichzeitig die Billigung des Vertrages von Nizza, durch den uneingeschr&auml;nkter Freihandel garantiert ist&ldquo;. Obwohl diese Antwort rein technisch nicht zu beanstanden ist, k&ouml;nnen sich die Nein-Sager damit nicht zufrieden geben. Sind etwa in der Vergangenheit EU-Regelungen beschlossen worden, die sich als schlimmes Ergebnis herausgestellt haben, das selbst die Ja-Sager heute so sehen?<\/p><p>Warum kann heute in Frankreich kein Politiker mehr diesen Teil III offensiv vertreten, der doch ein Erbst&uuml;ck aller bisherigen EU-Vertr&auml;ge von Rom bis Amsterdam ist? Eine Antwort muss an den urspr&uuml;nglichen Wurzeln der europ&auml;ischen Einigung ansetzen. In der Epoche der Teilung der Welt in zwei Machtbl&ouml;cke war der Bezug auf den Markt noch ein allgemein als positiv anerkanntes Element der europ&auml;ischen Einigung. Guy Debord meinte damals, das neue Europa muss sich negativ so definieren, wie es nicht sein will.<\/p><p>Mit dem Fall der Berliner Mauer &auml;nderte sich die Welt grundlegend, die Angst vor einem Sozialismus sowjetischer Spielart war verschwunden. Es begann eine zweite Phase der europ&auml;ischen Einigung mit der Integration der osteurop&auml;ischen L&auml;nder in die EU. Doch schon w&auml;hrend der Debatte &uuml;ber die EU-Ost-Erweiterung sch&uuml;rte die forcierte Globalisierung gleichzeitig neue &Auml;ngste. Unabh&auml;ngig von diesen &Auml;ngsten, verst&auml;rkt durch die ersten innereurop&auml;ischen Delokalisierungen, muss heute klar festgestellt werden, dass die EU-Ost-Erweiterung der bisher nicht hinterfragten Marktdynamik eine neue Qualit&auml;t gegeben hat. Die &bdquo;Direktive Bolkestein&ldquo; zeigt anschaulich, wie eine Ma&szlig;nahme, die im Europa der 15 vielleicht noch ohne gr&ouml;&szlig;ere Begleitsch&auml;den h&auml;tte &bdquo;verdaut&ldquo; werden k&ouml;nnen, im Europa der 25 oder 27 zu einem problematischen Sprengsatz werden kann. Mit einer Erweiterung in diesem Umfang bekommt die EU insgesamt ein neues Gesicht und eine ganz neue innere Qualit&auml;t, die allerdings erst langsam wahrgenommen wird. An Stelle des alten Hauses Europa, das Schutz bot und f&uuml;r das noch mit der Einf&uuml;hrung des Euro &uuml;berzeugend geworben werden konnte, tritt jetzt eine wesentlich vergr&ouml;&szlig;erte europ&auml;ische Gemeinschaft, die offensichtlich dabei ist, dem Wolf Eintritt in den Schafstall zu gew&auml;hren! Man kann nat&uuml;rlich immer noch die alten Argumente daf&uuml;r vorbringen, dass die Erweiterungsstrategie am Ende doch allen n&uuml;tzen wird.<\/p><p>Aber: dann muss diese Erweiterung von Problem entsch&auml;rfenden, politischen Ma&szlig;nahmen und von entsprechendem Verhalten der politischen Akteure der Kommission begleitet werden, die dieser neuen Qualit&auml;t des Erweiterungsprozesses gerecht werden und ihn f&uuml;r alle akzeptabel machen! Der Fall der Berliner Mauer belebte auch die alten Debatten &uuml;ber Segen und M&auml;ngel des Kapitalismus wieder. Der v&ouml;llig deregulierte Markt als angebliches &ouml;konomisches Allheilmittel aller gesellschaftlichen Probleme wird nicht nur vom Durchschnitts-Franzosen oder der Linken in Frage gestellt. Trotz Lionel Jospins Spruch vom &bdquo;Ja zur Marktwirtschaft, aber nein zur Marktgesellschaft&ldquo;, sind heute nur noch wenige Franzosen davon &uuml;berzeugt, dass mit freien M&auml;rkten auch eine freiheitliche Gesellschaft m&ouml;glich ist, die den Namen &bdquo;human&ldquo; wirklich verdient. In der Nachfolge von Marc Bloch unterscheidet der Soziologe Philippe d&rsquo;Iribane drei unterschiedliche Konzeptionen &bdquo;gesellschaftlicher Freiheit&ldquo; in Europa:<\/p><ol>\n<li>Die englische, auf John Locke zur&uuml;ck gehende Konzeption, nach der der Mensch gesellschaftlich frei lebt, wenn er in keinem unbezahlten Diener- oder Sklavenverh&auml;ltnis steht. Im Zentrum dieses &bdquo;Freiheits&ldquo;-Konzepts steht die &Ouml;konomie der freien M&auml;rkte, inklusive dem sogenannten &bdquo;Arbeitsmarkt&ldquo; (weil in Gro&szlig;britannien seit der &bdquo;glorious revolution&ldquo; schon Grundrechte wie der habeas-corpus-act, Rechtsgleichheit und die Unabh&auml;ngigkeit der Justiz realisiert waren).<\/li>\n<li>Die zweite, die franz&ouml;sische Konzeption sieht Freiheit dann als gegeben an, wenn die Menschen niemandem untertan sind und in W&uuml;rde miteinander umgehen k&ouml;nnen. Diese W&uuml;rde hat etwa der Arbeiter, der im Bewusstsein erk&auml;mpfter Menschen- und Staatsb&uuml;rgerrechte und gelebter Klassensolidarit&auml;t dem Unternehmer auf gleicher Augenh&ouml;he gegen&uuml;bertreten kann.<\/li>\n<li>Das dritte, nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte deutsche Konzept verbindet mit Freiheit, dass der Mensch ohne Einschr&auml;nkungen am gesellschaftlichen Gemeinschaftsleben teilnehmen, sich dort einbringen kann und als gleichwertig akzeptiert wird (Habermas). Die Logik dieser drei Konzepte schlie&szlig;t sich nicht gegenseitig aus, sondern erg&auml;nzt sich, weil jedes der drei Konzepte einer der drei republikanischen Tugenden zugeordnet werden kann: das englische Konzept steht f&uuml;r die gesellschaftlich-wirtschaftliche Freiheit, das franz&ouml;sische Konzept verk&ouml;rpert schwerpunktm&auml;&szlig;ig das Ziel nicht nur rechtlicher, auch gesellschaftlicher Gleichheit\/Gleichwertigkeit\/Gleichberechtigung und das deutsche Konzept betont den Br&uuml;derlichkeitsaspekt. Alle drei europ&auml;ischen Nationen haben unter Bezug auf ihre eigene Konzeption ihre spezifische Politik und als deren Ergebnis ihre gesellschaftlichen Traditionen und Rechtssysteme entwickelt. Daher gibt es auch sehr unterschiedliche Blickwinkel, von denen aus die Arbeit der EU-Kommission gesehen wird:<br>\nEngl&auml;nder etwa sehen in der Br&uuml;sseler Kommission haupts&auml;chlich B&uuml;rokraten am Werk, Franzosen eher radikale Liberale. Franzosen wollen daher in Br&uuml;ssel eher regulierende Ma&szlig;nahmen durchsetzen, Engl&auml;nder solche Ma&szlig;nahmen erst dann, wenn sich tats&auml;chlich offensichtliche M&auml;ngel ergeben, die abgestellt geh&ouml;ren &ndash; allerdings erst im Nachhinein. Die Kommission versucht in ihrer praktischen Arbeit beide Modelle miteinander zu verbinden. So verhindert die EU-Wettbewerbspolitik schon pr&auml;ventiv Monopolbildungen (allerdings auch ad-hoc-Staatshilfen an Unternehmen). Die von Iribarne beschriebenen Unterschiede der europ&auml;ischen Konzeptionen machen verst&auml;ndlich, warum sich die Franzosen mit den Fortschritten im europ&auml;ischen Einigungsprozess schwerer tun als Deutsche oder Engl&auml;nder &ndash; weil n&auml;mlich der Kampf f&uuml;r mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen eine weitere Versch&auml;rfung der Ungleichheiten nicht auf europ&auml;ischer Ebene gef&uuml;hrt wird, sondern Aufgabe der jeweils nationalen Politik geblieben ist.<br>\nAn diesem Punkt kann zur Debatte &uuml;ber die europ&auml;ische Verfassung zur&uuml;ckgekehrt werden. Solange die Verfechter eines &bdquo;Ja&ldquo; zur Verfassung ihre Argumentation darauf beschr&auml;nken, den Leuten klar machen zu wollen, dass mit dem &bdquo;Ja&ldquo; das franz&ouml;sische Gleichheits-Modell auf europ&auml;ische Ebene &uuml;bertragen wird, werden sie in Frankreich niemand &uuml;berzeugen k&ouml;nnen. Wenn die Ja-Sager glaubw&uuml;rdig bleiben wollen, m&uuml;ssen sie den Leuten auch sagen, unter welchen Bedingungen die Erweiterung der EU und die Ausgestaltung des erweiterten, gemeinsamen Marktes vonstatten gehen soll. Nur wenn verbindlich er- und gekl&auml;rt wird, wie ein politisch gewolltes Gleichgewicht unterschiedlicher Werte konkret aussehen soll, kann auch &uuml;berzeugend dargelegt werden, dass die geplante EU-Verfassung nicht einfach einen Ist-Zustand festschreibt. Nur mit diesen politischen Klarstellungen kann einigerma&szlig;en glaubw&uuml;rdig erkl&auml;rt werden, dass diese EU-Verfassung nicht per se die Zukunft verbaut, sondern auch M&ouml;glichkeiten bietet, die Zukunft kreativ zu gestalten &ndash; weil, wie Habermas meint, &bdquo;ein jeder wei&szlig;, dass politische Verfassungen die Geburtshelfer von Nationen sind&ldquo;.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht &uuml;ber einen Artikel von Daniel Cohen, Wirtschaftsprofessor an den beiden Pariser Universit&auml;ten &Eacute;cole Normale Sup&eacute;rieure und Paris-I-Panth&eacute;on, in der franz&ouml;sischen Tageszeitung Le Monde vom 03.05.2005.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,180,37],"tags":[530,1043,895,233],"class_list":["post-187","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-europaeische-vertraege","category-globalisierung","tag-buergerentscheid","tag-frankreich","tag-freihandel","tag-marktliberalismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/187","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=187"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/187\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32127,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/187\/revisions\/32127"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}