{"id":18722,"date":"2013-09-20T13:06:29","date_gmt":"2013-09-20T11:06:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18722"},"modified":"2015-08-18T09:00:37","modified_gmt":"2015-08-18T07:00:37","slug":"afd-ante-portas-rechtsruck-mit-der-deutschen-tea-party","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18722","title":{"rendered":"AfD ante portas \u2013 Rechtsruck mit der deutschen Tea Party"},"content":{"rendered":"<p>Bei einer Umfrage des Insa-Instituts f&uuml;r die BILD-Zeitung kommt die neu gegr&uuml;ndete  Anti-Euro-Partei &bdquo;Alternative f&uuml;r Deutschland&ldquo; (AfD) bei der Sonntagsfrage &uuml;ber die magische F&uuml;nf-Prozent-Marke. Nach den Republikanern, dem Bund freier B&uuml;rger und der Schill-Partei ist die AfD der nunmehr vierte Versuch, eine Partei mit marktliberaler Wirtschafts- und Sozialpolitik und erzkonservativer Gesellschaftspolitik zu etablieren. Wer die AfD auf ihren &ndash; zweifelsohne vorhandenen &ndash; Rechtspopulismus reduziert, l&auml;uft Gefahr, die eigentliche ideologische Gefahr nicht zu erkennen, die von dieser Partei ausgeht. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die deutsche Tea Party<\/strong><\/p><p>Wer glaubt, die FDP st&uuml;nde in Sachen Marktradikalit&auml;t am &auml;u&szlig;ersten Ende des Fl&uuml;gels, t&auml;uscht sich gewaltig. Basierend auf den theoretischen Werken von Ludwig von Mises und August von Hayek und den philosophischen Schriften von Ayn Rand hat sich im Umfeld der sogenannten &bdquo;&Ouml;sterreichischen Schule&ldquo; eine Ideologie ausgebreitet, die man wohl am ehesten als marktfundamentalistisch bezeichnen k&ouml;nnte. In den USA feiern die Vertreter dieser Richtung momentan ihren Siegeszug innerhalb der ansonsten erzkonservativen Tea-Party-Bewegung. Da sich Anh&auml;nger dieser Denkschule mit Vorliebe als &bdquo;Liberale&ldquo; ausgeben, ist es nicht so einfach, diese Schule begrifflich zu fassen. Zur&uuml;ckgreifend auf den Theoretiker Lew Rockwell bietet sich hier wohl am ehesten der Begriff &bdquo;Pal&auml;olibertarismus&ldquo; an. In seiner letzten Konsequenz stellt der Pal&auml;olibertarismus den freien Markt und das private Eigentum &uuml;ber alles andere, lehnt damit auch den Staat und vor allem den Sozialstaat im Kern ab und fordert stattdessen die Unterwerfung aller Lebensbereiche unter die Marktideologie. Soziale Autorit&auml;ten wie die Familie und die Kirche sollen dabei das Individuum vor dem Staat sch&uuml;tzen, der f&uuml;r Pal&auml;olibert&auml;re das Feindbild ist.<\/p><p>Die AfD passt nahtlos in dieses Schema. Sie definiert die Familie als &bdquo;Keimzelle&ldquo; der Gesellschaft. Das ist ziemlich schwammig. Konkreter wird die AfD bei ihren bildungspolitischen Positionen. Bildung soll nach den Vorstellungen der AfD als &bdquo;Kernaufgabe der Familie&ldquo; gef&ouml;rdert werden, Kitas und Schulen sollen dies lediglich &bdquo;sinnvoll erg&auml;nzen&ldquo;. Christliche Fundamentalisten, die sich der Schulpflicht widersetzten, werden dies gerne h&ouml;ren. Wie die Tea-Party-Bewegung will auch die AfD den Staat am liebsten auf einige wenige Kernkompetenzen reduzieren und sieht zwischen den Zeilen in staatlichen Systemen, wie dem Rentensystem oder der gesetzlichen Krankenversicherung bereits eine Vorstufe zum Sozialismus. <\/p><p><strong>Nein zum Staat, ja zum Markt<\/strong><\/p><p>Die EU-Gegnerschaft der AfD reiht sich nahtlos in das weltanschauliche Gedankengeb&auml;ude der Marktfundamentalisten ein. Wer den Staat auf ein Minimum reduzieren will, lehnt nat&uuml;rlich auch jede Form einer starken Zentralregierung ab. Die Tea Party hetzt mit Vorliebe gegen die Zentralregierung in Washington. Das Washington der AfD ist Br&uuml;ssel. Obama wird von der Tea Party gerne als kommunistischer Diktator im Stil von Stalin dargestellt. F&uuml;r die AfD stellt ein gemeinsames Europa eine &bdquo;EUdSSR&ldquo; dar. <\/p><p>Wenn man die R&uuml;ckkehr zur D-Mark einmal beiseite l&auml;sst, st&ouml;&szlig;t man bei den Programmentw&uuml;rfen der AfD sehr schnell auf zahlreiche Forderungen aus der pal&auml;olibert&auml;ren Ecke. Dies trifft beispielsweise auf die Forderung nach einer drastischen Senkung des Spitzensteuersatzes auf 25% und der Liberalisierung des Arbeitsmarktes zu. Da das offizielle Programm der AfD bis dato kaum mehr als ein d&uuml;nner Thesenzettel ist, d&uuml;rfen wir uns diesbez&uuml;glich noch auf einige &Uuml;berraschungen gefasst machen. Der AfD-Vordenker Peter Oberender pl&auml;diert beispielsweise daf&uuml;r, dass Hartz-IV-Empf&auml;nger zur Verbesserung ihrer Finanzen ihr Organe verkaufen d&uuml;rften sollten, w&auml;hrend der AfD-Vordenker Roland Vaubel den &bdquo;untersten Klassen&ldquo; das passive Wahlrecht entziehen will. Und dies ist nur die Spitze des Eisbergs einer langen Liste von Unglaublichkeiten aus dem Umfeld der AfD.<\/p><p>In Deutschland f&uuml;hrte diese Form des Extremismus zumindest in der &Ouml;ffentlichkeit lange ein Schattendasein. In akademischen Kreisen ist der Pal&auml;olibertarismus jedoch vor allem bei &Ouml;konomen durchaus verbreitet. &Uuml;ber Think Tanks wie dem August-von-Hayek-Institut und der Mont Pelerin Society versuchen die Vertreter dieser Ideologie seit l&auml;ngeren, ihren Einfluss auf die Politik, die Medien und die Gesellschaft geltend zu machen. Die Liste der Gr&uuml;ndungsmitglieder und Unterst&uuml;tzer der AfD umfasst das who is who dieser Think Tanks. <\/p><p><strong>Sch&ouml;nhuber-Fans und Protestw&auml;hler<\/strong><\/p><p>Es ist erstaunlich, dass eine Partei mit einer derartigen Ideologie auch jenseits der traditionell marktradikalen Kreise ihr Potential entfalten kann. Eine Auswertung der Forsa-Daten hat <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article120160405\/AfD-Anhaenger-aus-dem-Milieu-der-Schoenhuber-Waehler.html\">ergeben<\/a>, dass die AfD-Anh&auml;ngerschaft zu 70% aus M&auml;nnern besteht, von denen die meisten &uuml;ber 60 Jahre alt sind, vom rechten Fl&uuml;gel der FDP kommen und in der Vergangenheit schon einmal rechte Parteien gew&auml;hlt haben. Forsa-Chef G&uuml;llner vergleicht dieses Milieu mit den Anh&auml;ngern der &bdquo;Sch&ouml;nhuber-Republikaner&ldquo;. Das ist zwar stimmig, erkl&auml;rt aber nicht den durchaus vorhandenen Erfolg der AfD im rechten Internet. Vor allem Blogs vom rechtsextremen und rechtspopulistischen Rand haben sich zu einer festen Bastion der AfD entwickelt. Offiziell distanziert sich die AfD von Rechtsextremisten, spielt jedoch gleichzeitig mit dem Feuer, indem sie sich durch rechtspopulistische Aussagen (so <a href=\"http:\/\/andreaskemper.wordpress.com\/2013\/09\/14\/bodensatz-und-weitere-vertikalismen-der-afd\/\">bezeichnet<\/a> AfD-Chef Lucke Migranten gerne als &bdquo;Bodensatz&ldquo;) genau bei dieser Klientel anbiedert.<\/p><p>Erstaunlicher ist, dass die AfD auch bei W&auml;hlern der Linken durchaus punkten kann. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov f&uuml;r die ZEIT ergab, dass neben der W&auml;hlerschaft der FDP, sich offenbar ausgerechnet die W&auml;hlerschaft der Linken am ehesten vorstellen kann, ihr Kreuz bei der AfD zum machen. Es ist zu vermuten, dass einem Gro&szlig;teil dieser W&auml;hler die Ideologie hinter der AfD fremd ist. <\/p><p>Wer sich erhofft hat, dass &bdquo;linke Politik&ldquo; durch das offensichtliche Versagen neoliberaler Politik gest&auml;rkt wird, das sich nun schon seit Jahren mitten vor unseren Augen abspielt, k&ouml;nnte sich get&auml;uscht haben. Der &bdquo;Shootingstar&ldquo; der politischen Landschaft ist stattdessen eine &ndash; im schlimmsten Sinne &ndash; marktradikale Partei, die den Ausweg aus der Krise &uuml;ber eine Schw&auml;chung des Sozialstaates und eine St&auml;rkung der Marktkr&auml;fte erreichen will. Eine neue &bdquo;Ultra-FDP&ldquo; ist jedoch das Letzte, was unsere Gesellschaft in der jetzigen Situation braucht.<\/p><p><strong>Rechtsruck<\/strong><\/p><p>Sollte die AfD am Sonntag die 5%-H&uuml;rde knacken, w&auml;re sie seit 1961 die erste Partei rechts der Union, die in den Bundestag einzieht. So etwas wurde lange f&uuml;r unm&ouml;glich gehalten. Das Erfolgsrezept der AfD ist es wohl, dass sie sich als Wolf im Schafspelz pr&auml;sentiert, als &bdquo;Professorenpartei&ldquo;, die Merkels Eurokrisenpolitik kritisiert. Wer sagt eigentlich, dass &bdquo;Professoren&ldquo; keine Rechtspopulisten sein k&ouml;nnen? Die &bdquo;Professoren&ldquo; der AfD sind &ndash; bei <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16524\">n&auml;herer Betrachtung<\/a> &ndash; eine ziemlich krude Mischung aus Marktradikalen und dem Stamminventar der &bdquo;Jungen Freiheit&ldquo;, dem Sprachrohr der &bdquo;Neuen Rechten&ldquo;. Hoffen wir, dass die &ndash; ohnehin nicht sonderlich seri&ouml;sen &ndash; Ergebnisse der INSA-Umfrage falsch liegen und mehr als 95% der W&auml;hler dem Lockruf vom rechten Rand widerstehen k&ouml;nnen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/aa8da3fcdd8749c69166d7effb71a72e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer Umfrage des Insa-Instituts f&uuml;r die BILD-Zeitung kommt die neu gegr&uuml;ndete Anti-Euro-Partei &bdquo;Alternative f&uuml;r Deutschland&ldquo; (AfD) bei der Sonntagsfrage &uuml;ber die magische F&uuml;nf-Prozent-Marke. Nach den Republikanern, dem Bund freier B&uuml;rger und der Schill-Partei ist die AfD der nunmehr vierte Versuch, eine Partei mit marktliberaler Wirtschafts- und Sozialpolitik und erzkonservativer Gesellschaftspolitik zu etablieren. 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