{"id":1875,"date":"2006-11-20T10:03:04","date_gmt":"2006-11-20T09:03:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1875"},"modified":"2019-02-15T13:17:21","modified_gmt":"2019-02-15T12:17:21","slug":"christoph-butterwegge-zieht-eine-traurige-zwischenbilanz-nach-einem-jahr-grose-koalition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1875","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge zieht eine traurige Zwischenbilanz nach einem Jahr Gro\u00dfe Koalition."},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Ungen&uuml;tzte Chancen&ldquo; (Sachverst&auml;ndigenrat), &bdquo;weder im Guten noch im Schlechten Entscheidendes bewegt&ldquo; (FTD), &bdquo;Erwartungen entt&auml;uscht&ldquo;(Volksstimme), &bdquo;Trippelschritte und Kompromisse&ldquo; (Berliner Zeitung), so oder so &auml;hnlich lauten die meisten Schlagzeilen zur Jahresbilanz der Gro&szlig;en Koalition. Nahezu alle diese negativen oder Entt&auml;uschung ausdr&uuml;ckende Urteile legen die Mainstream-Me&szlig;latte an, dass &bdquo;die Reformen&ldquo; schneller und weiter vorangetrieben werden m&uuml;ssten.<br>\nDass aber Stagnation keineswegs das Kennzeichen des ersten Jahres von Schwarz-Rot  waren, belegt der Beitrag den Christoph Butterwegge uns zur Verf&uuml;gung gestellt hat: Im Bereich der Renten, des Arbeitsmarktes und des Gesundheitswesens wurde die rot-gr&uuml;ne &bdquo;Reformpolitik&ldquo; erheblich versch&auml;rft.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein Jahr gro&szlig;e Koalition &ndash; kein Grund zum Feiern!<\/strong><br>\n<em>Triste Zwischenbilanz der schwarz-roten Sozialpolitik<\/em><br>\nVon Christoph Butterwegge<\/p><p>Nach dem Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates durch die rot-gr&uuml;ne Koalition, f&uuml;r den die beiden Kunstworte &bdquo;Agenda 2010&ldquo; und &bdquo;Hartz IV&ldquo; stehen, h&auml;tte sich eine sozialpolitische Besinnungspause oder eine Kurskorrektur angeboten. Stattdessen bildeten CDU, CSU und SPD im November 2005 eine gro&szlig;e Koalition. Die schwarz-rote Sozialpolitik erscheint weniger spektakul&auml;r und hat st&auml;rker St&uuml;ckwerkcharakter, verfolgt aber dieselben Ziele und stellt keine Alternative zu den Reformprojekten ihrer Vorg&auml;ngerin dar.<\/p><p>Am 30. November 2005 gab Angela Merkel im Bundestag ihre Regierungserkl&auml;rung ab. Ein ber&uuml;hmtes Wort von Willy Brandt abwandelnd sagte Merkel: &bdquo;Lasst uns mehr Freiheit wagen!&ldquo; und f&uuml;gte erl&auml;uternd hinzu: &bdquo;Lassen Sie uns die Wachstumsbremsen l&ouml;sen! Lassen Sie uns selbst befreien von B&uuml;rokratie und altbackenen Verordnungen.&ldquo; Merkel erkl&auml;rte, sowohl ein Herz f&uuml;r die Schwachen (Kranke, Kinder, Alte) wie f&uuml;r Leistung zu haben, und versprach, bei der &Uuml;berarbeitung von Hartz IV f&uuml;r &bdquo;mehr Gerechtigkeit und weniger Missbrauch&ldquo; zu sorgen.<\/p><p>Die von der Gro&szlig;en Koalition vorgenommenen &bdquo;Korrekturen&ldquo; an der rot-gr&uuml;nen Arbeitsmarktreform liefen trotz einzelner Verbesserungen f&uuml;r die Langzeitarbeitslosen (Anhebung des Regelsatzes in Ostdeutschland von 331 auf 345 EUR wie in Westdeutschland) gr&ouml;&szlig;tenteils auf eine K&uuml;rzung des Leistungsumfangs sowie eine Versch&auml;rfung der Kontrollma&szlig;nahmen hinaus. Die beschlossenen Regelungen, mit denen j&auml;hrlich mehrere Mrd. EUR eingespart werden sollen, kann man durchaus als &bdquo;Hartz V&ldquo; bezeichnen, stellen sie doch eine Fortsetzung und massive Versch&auml;rfung des Drucks auf Arbeitsuchende dar. Betroffen waren vor allem Heranwachsende und junge Erwachsene, die von zu Hause auszogen und als Arbeitsuchende mittels der Grundsicherung nach dem SGB II lieber eine eigene Bedarfsgemeinschaft gr&uuml;ndeten, als im Haushalt ihrer Eltern zu verbleiben.<\/p><p>Auch die &Auml;lteren geh&ouml;ren zu den Verlierern der schwarz-roten Sozialpolitik. Gleich zu Beginn machte die Gro&szlig;e Koalition deutlich, dass mit Rentenerh&ouml;hungen vorl&auml;ufig nicht zu rechnen sei, sondern in den n&auml;chsten Jahren mehrere &bdquo;Nullrunden&ldquo; anst&uuml;nden. Rentenk&uuml;rzungen schlie&szlig;t der Koalitionsvertrag zwar f&uuml;r die ganze Legislaturperiode aus, der &bdquo;Nachholfaktor&ldquo; erm&ouml;glicht aber, dass K&uuml;rzungen, auf die zun&auml;chst verzichtet wurde, in Erh&ouml;hungsphasen letztlich doch noch &ndash; weniger spektakul&auml;r &ndash; wirksam werden. Auch die Verl&auml;ngerung der Lebensarbeitszeit (Anhebung der Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre) bedeutet letztlich eine Rentenk&uuml;rzung, zwingt sie doch noch mehr Besch&auml;ftigte, vor Erreichen der Regelaltersgrenze &ndash; und das hei&szlig;t: mit entsprechenden Abschl&auml;gen &ndash; in den Ruhestand zu gehen.<\/p><p>Stagnation auf allen Gebieten gilt vielen Beobachtern zu Unrecht als Kennzeichen der Gro&szlig;en Koalition. Denn diese hat etwa im Bereich der Renten, des Arbeitsmarktes und des Gesundheitswesens die rot-gr&uuml;ne Reformpolitik zum Teil sogar noch versch&auml;rft. Dass die Vorschusslorbeeren, mit denen man Angela Merkel bei ihrem Amtsantritt als Bundeskanzlerin und nach ihren ersten &ouml;ffentlichen Auftritten vor allem auf diplomatischem Parkett bedachte, schnell welkten und die Gro&szlig;e Koalition ihren Kredit bei einer &uuml;berwiegenden Bev&ouml;lkerungsmehrheit geradezu im Rekordtempo verspielt hat, d&uuml;rfte nicht zuletzt mit den Br&uuml;chen und Widerspr&uuml;chen der schwarz-roten Sozialpolitik zu tun haben.<\/p><p>Da sucht man mit den Sozialversicherungsbeitr&auml;gen die Lohnnebenkosten zu senken, kompensiert aber die Senkung der Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung zum 1. Januar 2007 durch eine nur unwesentlich geringere Erh&ouml;hung der Rentenversicherungs- und Krankenkassenbeitr&auml;ge. Man will &bdquo;versicherungsfremde Leistungen&ldquo; wie die beitragsfreie Mitversicherung der Kinder st&auml;rker &uuml;ber Steuern finanzieren, streicht den Krankenkassen aber gleichzeitig bisher gew&auml;hrte Zusch&uuml;sse aus der Tabaksteuer und erh&ouml;ht ihre laufenden Kosten durch die Anhebung der Mehrwertsteuer. Um die gro&szlig;e Zahl der aufstockenden Geringverdiener\/innen einzud&auml;mmen, sollen die Zuverdienstgrenzen beim Arbeitslosengeld II sinken. Die entsprechenden Freibetr&auml;ge waren jedoch erst zum 1. Oktober 2005 angehoben worden, um Langzeitarbeitslosen gr&ouml;&szlig;ere finanzielle Anreize zur Arbeitsaufnahme zu geben.<\/p><p>Angela Merkel ist nicht fehlende F&uuml;hrungskraft, sondern eine falsche Politik vorzuwerfen, die ihrer pers&ouml;nlichen Beliebtheit, aber auch der ihrer Regierung geschadet hat. Symptomatisch daf&uuml;r, wie gro&szlig;z&uuml;gig und kleinkariert die Bundesregierung ist, erscheint die Steuerpolitik: Die geplante Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent am 1. Januar 2007 ist nicht nur Gift f&uuml;r die Konjunktur, sondern auch f&uuml;r Familien, besonders solche, die einen Gro&szlig;teil ihres Einkommens in den Alltagskonsum stecken (m&uuml;ssen). Deshalb trifft sie die Mehrwertsteuererh&ouml;hung viel st&auml;rker als Besserverdienende (ohne Kinder). Au&szlig;erdem haben sich CDU, CSU und darauf verst&auml;ndigt, dass Kinder von Familienunternehmern unter bestimmten Voraussetzungen (Fortf&uuml;hrung des Betriebes &uuml;ber zehn Jahre und Erhalt der Firmensubstanz) ab 1. Januar 2007 keine betriebliche Erbschaftsteuer mehr zahlen m&uuml;ssen. W&auml;hrend die Gro&szlig;e Koalition Geringverdiener samt ihrem Nachwuchs st&auml;rker zur Kasse bittet, macht sie den Kindern von Million&auml;ren, Multimillion&auml;ren und Milliard&auml;ren weitere Steuergeschenke. Deutlicher k&ouml;nnte nicht werden, dass man den unsozialen Kurs der rot-gr&uuml;nen Koalition fortsetzt und noch zuspitzt.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge  leitet die Abteilung f&uuml;r Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Soeben ist im VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften die 3., um ein Kapitel zur Gro&szlig;en Koalition erweiterte Auflage seines Buches &bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo; erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Ungen&uuml;tzte Chancen&ldquo; (Sachverst&auml;ndigenrat), &bdquo;weder im Guten noch im Schlechten Entscheidendes bewegt&ldquo; (FTD), &bdquo;Erwartungen entt&auml;uscht&ldquo;(Volksstimme), &bdquo;Trippelschritte und Kompromisse&ldquo; (Berliner Zeitung), so oder so &auml;hnlich lauten die meisten Schlagzeilen zur Jahresbilanz der Gro&szlig;en Koalition. Nahezu alle diese negativen oder Entt&auml;uschung ausdr&uuml;ckende Urteile legen die Mainstream-Me&szlig;latte an, dass &bdquo;die Reformen&ldquo; schneller und weiter vorangetrieben werden m&uuml;ssten.<br \/> Dass aber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1875\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,188,39,137],"tags":[535,312,449],"class_list":["post-1875","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-bundesregierung","category-rente","category-steuern-und-abgaben","tag-erbschaftsteuer","tag-reformpolitik","tag-umsatzsteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1875","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1875"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1875\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49389,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1875\/revisions\/49389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1875"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1875"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1875"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}