{"id":1876,"date":"2006-11-20T10:43:42","date_gmt":"2006-11-20T09:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1876"},"modified":"2016-01-21T12:06:30","modified_gmt":"2016-01-21T11:06:30","slug":"kann-es-uberhaupt-sozialvertragliche-studiengebuhren-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1876","title":{"rendered":"Kann es \u00fcberhaupt sozialvertr\u00e4gliche Studiengeb\u00fchren geben?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Referat von Wolfgang Lieb an der TU-Darmstadt im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.verfassungsklage-bildung.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.verfassungsklage-bildung.de\/\">Kampagne f&uuml;r eine Verfassungsklage<\/a> gegen das im Oktober vom Hessischen Landtag verabschiedete Studienbeitragsgesetz. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kann es &uuml;berhaupt sozialvertr&auml;gliche Studiengeb&uuml;hren geben?<\/strong><\/p><p><strong>Referat  an der TU-Darmstadt<br>\nAm 16. November 2006<\/strong><\/p><p><strong>Von Wolfgang Lieb<\/strong><\/p><p>Das Referat, zu dem Sie mich heute eingeladen haben, kommt eigentlich zu sp&auml;t, denn der Hessische Landtag hat im Oktober sog. Studienbeitr&auml;ge ab dem Wintersemester 2007\/2008 beschlossen.<\/p><p>Die Proteste gehen allerdings im laufenden Semester weiter. Die hessischen ASTEN streben zusammen mit dem DGB eine Klage vor dem Staatsgerichtshof zum Thema Studiengeb&uuml;hren an.<br>\nVielleicht kann ich mit meinem Referat ein wenig dazu beitragen, f&uuml;r die studentische Kritik an diesem Gesetz einige Argumente zu liefern.<\/p><p>Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, Christean Wagner, sagte nach der Verabschiedung des Gesetzes: &bdquo;Das Ergebnis ist ein Studienbeitragsgesetz, das sozial vertr&auml;glich ist.&ldquo;<br>\nZur Frage, ob es &uuml;berhaupt sozial vertr&auml;gliche Studiengeb&uuml;hren geben kann, haben Sie mich um meine Meinung gebeten.<\/p><p><strong>Ich kann meine Antwort in drei S&auml;tzen zusammenfassen:<\/strong><\/p><p><strong>Erster Satz:<\/strong> &bdquo;Sozialvertr&auml;gliche&ldquo; Geb&uuml;hren  sind meines Erachtens eine besch&ouml;nigende Umschreibung einer sozial belastenden staatlichen Ma&szlig;nahme. Notwendig w&auml;ren aus meiner Sicht aber eher sozial f&ouml;rderliche Ma&szlig;nahmen, um mehr Chancengleichheit bei der Aufnahme eines Studiums und damit ein h&ouml;heres allgemeines Qualifikationsniveau zu erreichen. Kurz: Die Rede von &bdquo;sozialvertr&auml;glichen Studiengeb&uuml;hren&ldquo; ist reine &bdquo;Vertr&auml;glichkeitsrhetorik&ldquo;.<\/p><p><strong>Zweiter Satz:<\/strong> &bdquo;Sozialvertr&auml;glichkeit&ldquo; wird eindimensional verengt auf die Frage, was finanziell noch zumutbar ist, um keinen Abschreckungseffekt bei der Entscheidung f&uuml;r die Aufnahme eines Studiums zu bewirken.<\/p><p><strong>Dritter Satz:<\/strong> Der Begriff &bdquo;sozialvertr&auml;glich&ldquo; &ndash; in seiner urspr&uuml;nglichen Bedeutung, wie er vor Jahren in die sozialwissenschaftliche Debatte eingef&uuml;hrt worden ist, n&auml;mlich in Form einer Sozialvertr&auml;glichkeitspr&uuml;fung, w&uuml;rde eine viel breitere, differenziertere Diskussion und einen komplexeren Abw&auml;gungsprozess verlangen, wie die Einf&uuml;hrung einer &bdquo;Sozialtechnik&ldquo; &ndash; und Studiengeb&uuml;hren sind eine Sozialtechnik &ndash; negativ oder positiv auf definierte, allgemein anerkannte Oberziele wirkt.<\/p><p>Der Begriff &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; kam auf als es in den 70er Jahren im Ruhrgebiet durch die Schlie&szlig;ung von Zechen und Stahlwerken zu Massenentlassungen gekommen ist. Damals wurde nach L&ouml;sungen gesucht, wie der Strukturwandel &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; gestaltet werden k&ouml;nnte. Es ging vor allem darum, wie verhindert werden kann, dass die Kumpel im P&uuml;tt und an den Stahl&ouml;fen ins &bdquo;Bergfreie&ldquo; fallen.<br>\nMitte der siebziger Jahre habe ich in einer Forschergruppe an der Universit&auml;t Essen gearbeitet, wir haben damals im Zusammenhang mit den damals aufkommenden politischen Auseinandersetzungen um die friedliche Nutzung der Kernenergie den Begriff der Sozialvertr&auml;glichkeit in die gesellschaftswissenschaftliche Diskussion eingef&uuml;hrt. Analog zur Umweltvertr&auml;glichkeitspr&uuml;fung sollte die damals eher technisch verengte Technologiefolgenabsch&auml;tzung um soziale Dimensionen, also etwa der gesellschaftlichen Akzeptanz einer neuen Technik, der Vermeidung von gesellschaftlichen Konflikten oder sonstiger unerw&uuml;nschter gesellschaftlicher Auswirkungen bei der Einf&uuml;hrung neuer Technologien erweitert werden.<\/p><p>Der Begriff &bdquo;Sozialvertr&auml;glichkeit&ldquo; hat zwischenzeitlich auf vielen gesellschaftspolitischen Konfliktfeldern Eingang gefunden.<\/p><p>Heute geh&ouml;rt dieser Begriff zur Alltagssprache der Politiker. Meistens in politischen Zusammenh&auml;ngen, bei denen es um belastende Ma&szlig;nahmen oder um soziale und finanzielle Einschnitte f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Bev&ouml;lkerungsgruppen geht.<\/p><p>Van den Daele sprach daher (schon 1993) warnend davon, dass es bei der Benutzung der Wortverbindung &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; zunehmend eher um &bdquo;Vertr&auml;glichkeitsrhetorik&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] als um eine aussagekr&auml;ftige Begriffsbildung gehe.<\/p><p>Die Forderung nach &bdquo;sozialer Vertr&auml;glichkeit&ldquo; wurde nun auch regelm&auml;&szlig;ig im Zusammenhang mit der Debatte um die Einf&uuml;hrung der Studiengeb&uuml;hren erhoben. Kaum einer der Bef&uuml;rworter von Studiengeb&uuml;hren vergisst darauf hinzuweisen, dass die Geb&uuml;hr selbstverst&auml;ndlich &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; sein m&uuml;sse. Fragt man genauer nach, was darunter zu verstehen ist, so findet man eine Vielzahl von beliebigen Argumenten und Vorschl&auml;gen, die &ndash; wie auch immer &ndash; begr&uuml;nden sollen, dass die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren keine sozial selektive Abschreckungswirkungen auf individuelle Entscheidungen f&uuml;r die Aufnahme eines Studiums haben d&uuml;rfe.<br>\nVergleicht man aber einmal den Stand der Konkretisierung der Pl&auml;ne zur Einf&uuml;hrung von Geb&uuml;hren mit den Angeboten, wie eine &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; praktisch gew&auml;hrleistet werden k&ouml;nnte, so wird offenkundig, dass es sich dabei bei den meisten, die diesen Begriff im Munde f&uuml;hren, tats&auml;chlich eher um &bdquo;Vertr&auml;glichkeitsrhetorik&ldquo; handelt.<\/p><p>&Auml;hnlich wie beim &bdquo;Unwort des Jahres 1998&ldquo; &ndash; n&auml;mlich dem &bdquo;sozialvertr&auml;glichen Fr&uuml;hableben&ldquo; &ndash; handelt es sich beim Gebrauch der Wortverbindung &bdquo;sozialvertr&auml;gliche Studiengeb&uuml;hr&ldquo; meist um eine besch&ouml;nigende, man k&ouml;nnte sogar sagen manipulative Umschreibung einer politisch unangenehmen und konflikttr&auml;chtigen politischen Entscheidung.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich l&auml;sst sich n&auml;mlich feststellen, dass mit dem Euphemismus &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; die faktisch vorhandene soziale Benachteiligung bei der Wahrnehmung der Chancen auf eine Hochschulausbildung keinesfalls &uuml;berwunden werden soll oder kann. Es geht in aller Regel umgekehrt bestenfalls darum, dass die Benachteiligung nicht noch gr&ouml;&szlig;er wird, oder aber die Debatte bewegt sich darum, was als noch &bdquo;zumutbar&ldquo; angesehen werden kann, damit nicht ein noch gr&ouml;&szlig;erer Abschreckungseffekt eintritt.<\/p><p>Das Aktionsb&uuml;ndnis gegen Studiengeb&uuml;hren (ABS) begr&uuml;ndet die Unm&ouml;glichkeit &bdquo;sozial vertr&auml;glicher&ldquo; Studiengeb&uuml;hren &ouml;konomisch. Ausgangspunkt der Betrachtung m&uuml;sse die ungleiche Prim&auml;rverteilung der Einkommen und Verm&ouml;gen sein.<br>\nBildungsdiskriminierenden Effekten der vorgefundenen sozio&ouml;konomischen Ungleichheitsverh&auml;ltnisse lie&szlig;e sich nur durch ein System der sekund&auml;ren Umverteilung des Sozialprodukts etwa &uuml;ber sozial gestaffelte Steuern bis zu einem gewissen Grad entgegen wirken.<br>\nRichtig ist, dass die Geb&uuml;hr eine Art &bdquo;Kopfpauschale&ldquo; ist, eine Abgabe, die alle gleich trifft, unabh&auml;ngig von den jeweiligen Einkommens- oder Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen, ein sozialer Ausgleich wie bei der Steuer etwa &uuml;ber die Progression der Belastung nach der Einkommensh&ouml;he findet im &bdquo;Geb&uuml;hrenstaat&ldquo; nicht statt. Jeder bezahlt dasselbe und jeder bezahlt f&uuml;r das Angebot einer Leistung &ndash; sofern er sich dieses leisten kann.<br>\nSoziale Gesichtspunkte bleiben somit au&szlig;en vor, schon allein deshalb ist die Einf&uuml;hrung von gleich hohen &bdquo;Studienbeitr&auml;gen&ldquo; f&uuml;r alle unsozial.<\/p><p>Die Argumentation des Aktionsb&uuml;ndnisses ist zwar richtig, der Bezug auf die gegebene Ungleichheit der Prim&auml;rverteilung ist aber so grunds&auml;tzlicher Art, dass er f&uuml;r die politische Debatte nicht viel getaugt hat.<\/p><p>Richtig an dem Hinweis auf die vorhandene Ungleichheit ist aber: Wer f&uuml;r Chancengleichheit oder soziale Chancengerechtigkeit eintritt, d&uuml;rfte nicht &uuml;ber &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; fabulieren, sondern er m&uuml;sste vielmehr &uuml;ber &bdquo;sozial f&ouml;rderliche&ldquo; Ma&szlig;nahmen nachdenken, mit denen der Anteil von jungen Menschen aus sozial schw&auml;cheren und bildungsferneren Bev&ouml;lkerungsgruppen an den Hochschulen auf ein sozial vertr&auml;glicheres Ma&szlig; angehoben werden k&ouml;nnte. <\/p><p>Nach meiner Meinung ist die derzeitige Verteilung von Bildungschancen, bei der fast 90 von Hundert aller Studierenden aus Elternh&auml;usern mit mittlerem und h&ouml;herem Einkommen kommen, schon heute weder volkswirtschaftlich vertretbar noch sozial vertr&auml;glich, sondern ein &bdquo;sozial unertr&auml;glicher&ldquo; bildungspolitischer Skandal. <\/p><p>Eine bildungspolitische Ma&szlig;nahme, die nicht dazu beitr&auml;gt, diesen skandal&ouml;sen Zustand zu &uuml;berwinden, sondern ihn bestenfalls nicht verschlimmert, kann deshalb m.E. von vorne herein nicht mit dem Begriff der &bdquo;sozialen Vertr&auml;glichkeit&ldquo; verkn&uuml;pft werden. Denn dass die Studiengeb&uuml;hr ein gr&ouml;&szlig;eres Ma&szlig; an sozialer Gerechtigkeit bei der Hochschulbildung br&auml;chte, das wagt kaum einer ihrer Bef&uuml;rworter zu behaupten.<\/p><p>Solange die existierende soziale Benachteiligung nicht durch &bdquo;soziale F&ouml;rderung&ldquo; wenigstens gelindert wird, kann es &ndash; um die mir als Thema gestellte Frage zu beantworten &ndash; &uuml;berhaupt keine &bdquo;sozialvertr&auml;gliche&ldquo; Studiengeb&uuml;hren geben.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte ich mein Referat beenden, denn ich habe ihnen meine pers&ouml;nliche Antwort auf die mir gestellte Frage gegeben.<\/p><p>Aber so leicht will ich es Ihnen und mir nicht machen. Sie k&ouml;nnten mir ja sonst vorhalten, dass ich einfach meine normative politische Bewertung gegen die gro&szlig;e Zahl anderer politischer Bewertungen gestellt h&auml;tte.<br>\nDamit h&auml;tte ich zwar bewiesen, dass der Begriff &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; der politischen Disponibilit&auml;t ausgeliefert ist, den besch&ouml;nigenden und manipulativen  Gebrauch dieses Vorbehalts durch die Geb&uuml;hrenbef&uuml;rworter h&auml;tte ich aber damit noch keiner rationalen oder kritischen W&uuml;rdigung unterzogen.<\/p><p>Um das leisten zu k&ouml;nnen, besinne ich mich darauf zur&uuml;ck, was unter dem Begriff &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo;, bevor er zu beliebig nutzbaren Politrhetorik verkommen ist, verstanden wurde.<\/p><p>Wie schon erw&auml;hnt, wurde das Kriterium der &bdquo;sozialen Vertr&auml;glichkeit&ldquo; als eine sozialwissenschaftliche Methode zur pr&auml;ventiven gesellschaftlichen Konfliktvermeidung bei der Einf&uuml;hrung einer neuen Technologie entwickelt. An Hand eines B&uuml;ndels von relevanten Vergleichs- und Entscheidungsma&szlig;st&auml;ben sollten technische Entwicklungen pr&auml;ventiv im Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen gegeneinander abgewogen werden, um damit zu einer rationaleren politischen Urteilsbildung &uuml;ber die Gestaltung der Zukunft kommen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Schauen wir uns einmal genauer an, was die Bef&uuml;rworter der Studiengeb&uuml;hr f&uuml;r &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; halten, so werden folgende Argumente vorgetragen:<\/p><ul>\n<li>Eine &bdquo;Einstiegsgeb&uuml;hr&ldquo; von 1.200 &euro; pro Jahr wird etwa vom bayerischen Wissenschaftsminister Thomas Goppel von vorneherein f&uuml;r sozial vertr&auml;glich angesehen. Er meint, die Studierenden k&ouml;nnten ja &bdquo;genauso gut f&uuml;r hundert Euro auf etwas verzichten oder zwei Nachhilfestunden geben&ldquo;.<\/li>\n<li>Das Bundesverfassungsgericht spricht in seiner Entscheidung vom 26. Januar 2005 davon, &bdquo;dass Studiengeb&uuml;hren in der bislang diskutierten Gr&ouml;&szlig;enordnung von 500 &euro; je Semester im Vergleich zu den &ndash; von Ort zu Ort unterschiedlichen &ndash; Lebenshaltungskosten von nachrangiger Bedeutung sind&ldquo;.<\/li>\n<li>Der Sachverst&auml;ndigenrat sagt in seinem Jahresgutachten 2005 &ndash; und &auml;hnlich argumentiert eine Vielzahl von Politikern -, &bdquo;dass Abschreckungseffekte im Wesentlichen von der sozialen Abfederung von Studiengeb&uuml;hren zum Beispiel durch Darlehen oder Stipendien bestimmt werden, und dass insbesondere eine Kombination aus allgemeinen Studiengeb&uuml;hren, Zusch&uuml;ssen und Darlehen auch Bed&uuml;rftige nicht davon abschrecken muss, ein Studium zu beginnen&ldquo;.<\/li>\n<li>In der Begr&uuml;ndung zum Hessischen Gesetzentwurf zur Einf&uuml;hrung von Studienbeitr&auml;gen hei&szlig;t es, &bdquo;durch das Darlehen, die Begrenzung der R&uuml;ckzahlungspflicht&hellip;auf 17.000 Euro (im verabschiedeten Gesetz 15.000 Euro), die Deckelung des Zinssatzes auf maximal 7,5% und durch den Beginn der R&uuml;ckzahlungspflicht erst ab einer bestimmten Einkommensgrenze, seien &bdquo;soziale Erw&auml;gungen&ldquo; ber&uuml;cksichtigt.<\/li>\n<li>Einig Finanzwissenschaftler argumentieren: Studiengeb&uuml;hren seien schon deshalb &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo;, weil sie eine angeblich sozial ungerechte Steuerfinanzierung der Hochschulen ausgleichen w&uuml;rden.<\/li>\n<li>Vielfach h&ouml;rt man auch, Studiengeb&uuml;hren seien sozial gerecht, weil selbst f&uuml;r den Besuch von Kinderg&auml;rten Beitr&auml;ge erhoben w&uuml;rden.<\/li>\n<li>In Hessen wird auch noch darauf hingewiesen, dass auch akademische Ausbildungsberufe an privaten Ausbildungsst&auml;tten und die Erlangung eines handwerklichen Meisterabschlusses erhebliche Aufwendungen verlangten und deshalb eine &bdquo;Gerechtigkeitsl&uuml;cke&ldquo; geschlossen werde.<\/li>\n<\/ul><p>Man k&ouml;nnte noch eine Vielzahl von Varianten der Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; von Studiengeb&uuml;hren anf&uuml;hren. Es sind letztlich immer nur Begr&uuml;ndungsversuche daf&uuml;r, dass die privaten Mehraufwendungen entweder von vorneherein sozial gerecht seien, dass sie durch Kredite in eine Zukunft verlagert w&uuml;rden, in der eine &bdquo;Bildungsrendite&ldquo; anfiele. Von einer Kompensation etwa &uuml;ber Stipendien, die fr&uuml;her einmal als Voraussetzung zur Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren genannt wurden, spricht schon gar niemand mehr.<\/p><p>Allen diesen Apologien ist gemeinsam, dass es dabei ausschlie&szlig;lich darum geht, wie die zus&auml;tzlichen Kosten der isoliert betrachteten &bdquo;Sozialtechnik&ldquo; Studiengeb&uuml;hr als sozial vertr&auml;glich legitimiert werden k&ouml;nnen. Die Begeisterung f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hr ist so zu sagen der im zweiten Buch Moses beschriebene &bdquo;Tanz um das goldene Kalb&ldquo; einer neuen privaten Finanzierungsquelle f&uuml;r die Hochschule.<\/p><p>Eine solche finanztechnische Verengung und Eindimensionalit&auml;t der Betrachtung hat mit dem, was urspr&uuml;nglich unter einer &Uuml;berpr&uuml;fung der &bdquo;Sozialvertr&auml;glichkeit&ldquo; gemeint und gedacht war, kaum noch etwas gemein. Ja, diese selektive Betrachtung ist sogar das Gegenteil oder zumindest ein Missbrauch dessen, was eine Sozialvertr&auml;glichkeitspr&uuml;fung gerade leisten sollte. <\/p><p>Eine solche Pr&uuml;fung will und soll gerade eindimensionale oder isolierte Betrachtungsweisen vermeiden, indem sie komplexe Techniksysteme an Hand eines B&uuml;ndels relevanter Vergleichsma&szlig;st&auml;be auf ihre jeweiligen Vor- und Nachteile oder ihre gesellschaftlichen Risken untersucht. Bei einer wirklichen Pr&uuml;fung der &bdquo;sozialen Vertr&auml;glichkeit&ldquo; werden die einzelnen Beurteilungskriterien nicht nur miteinander verglichen sondern es wird weiter untersucht, wie sie positiv oder negativ aufeinander einwirken und welchen Beitrag sie zur Erreichung von allgemein anerkannten Oberzielen zu leisten verm&ouml;gen.<br>\nMit einer solchen Methode sollten letztlich bessere politische Entscheidungsparameter gefunden werden.<\/p><p>Die politische Alternative f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hrenfreiheit oder f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren ist eine Entscheidung &uuml;ber eine Sozialtechnik, bei der es kein objektiv richtig oder objektiv falsch gibt. <\/p><p>Dass das Pro und das Contra zu Studiengeb&uuml;hren letztlich eine komplexe gesellschaftspolitische Wertentscheidung ist, zeigt ein geschichtlicher R&uuml;ckblick:<br>\nSeit dem Sputnik-Schock oder sp&auml;testens seit der 1964 von Georg Picht konstatierten &bdquo;Bildungskatastrophe&ldquo; entwickelte sich ein Konsens in der Politik, bei den Gerichten, an den Hochschulen, dass ein Studium ein &ouml;ffentliches, gemeinn&uuml;tziges Gut sei, dass es ein &bdquo;B&uuml;rgerrecht&ldquo; auf Bildung gebe &ndash; so der liberale Ralf Dahrendorf -, dessen F&ouml;rderung eine &ouml;ffentliche Aufgabe sei, weil ein Studium im &ouml;ffentlichen Interesse liege, im wirtschaftlichen Interesse und im Interesse der Wissenschaft an der Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses.<br>\nDieser Konsens hat ab 1970 zur Abschaffung aller Studiengelder gef&uuml;hrt.<\/p><p>Noch im Jahre 2000 verst&auml;ndigten sich die Kultusminister der L&auml;nder im th&uuml;ringischen Meiningen einstimmig darauf, dass ein Erststudium (konsekutiv bis zum Master) geb&uuml;hrenfrei sein soll. Und noch 2002 gab es eine Mehrheit im Deutschen Bundestag f&uuml;r eine gesetzliche Regelung der Studiengeb&uuml;hrenfreiheit im Hochschulrahmengesetz.<\/p><p>Seit Mitte der neunziger Jahre gibt es allerdings eine gegenl&auml;ufige Bewegung, angesto&szlig;en etwa vom Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung und dem Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft und danach unterst&uuml;tzt von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bis hin zum  Jahresgutachten des &bdquo;Sachverst&auml;ndigenrats&ldquo; aus dem Jahre 2005.<br>\nIn nahezu allen Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Geb&uuml;hren wird der Blick auf den sog. &bdquo;&ouml;konomischen Gehalt&ldquo; eines Hochschulstudium verengt. Zunehmend wird eine wissenschaftliche Ausbildung als eine private &bdquo;Investition&ldquo; mit einer &bdquo;privaten Bildungsrendite&ldquo; betrachtet und so gelangt man &bdquo;ordnungspolitisch&ldquo; zu der Schlussfolgerung, dass f&uuml;r eine privatn&uuml;tzige Ausbildung ein Preis zu verlangen ist.<\/p><p>Dieser &bdquo;Paradigmenwechsel&ldquo; &ndash; wie der baden-w&uuml;rttembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg das zu Recht nennt &ndash; von einem Hochschulstudium als einem gemeinn&uuml;tzigen &bdquo;Allgemeingut&ldquo; zu einem privaten und damit marktf&auml;higen Gut hat inzwischen in der Mehrheit der K&ouml;pfe der gesellschaftlichen Machteliten stattgefunden. Der Wechsel findet in der Politik darin seinen Ausdruck , dass die Mehrheit der L&auml;nderregierungen &ndash; anders als noch beim Meininger Kompromiss der KMK im Fr&uuml;hjahr 2000 &ndash; nunmehr entschlossen ist oder schon beschlossen hat, Studiengeb&uuml;hren einzuf&uuml;hren und andere L&auml;nder d&uuml;rften sich anschlie&szlig;en oder sie ziehen &ndash; wie in Hessen &ndash; eine wettbewerbliche Zwangslage als Begr&uuml;ndung heran, um nicht von &bdquo;Studiengeb&uuml;hrenfl&uuml;chtlingen&ldquo; &uuml;berrollt zu werden und um gegen&uuml;ber den L&auml;ndern mit Studiengeb&uuml;hren wettbewerbsf&auml;hig bei der Ausbildungsqualit&auml;t zu bleiben.<\/p><p>Um eine richtig verstandene soziale Vertr&auml;glichkeitspr&uuml;fung der Studiengeb&uuml;hr durchzuf&uuml;hren, m&uuml;sste als Erstes und Oberstes eine Verst&auml;ndigung &uuml;ber allgemein anerkannte gesellschaftliche Ziele der Hochschulpolitik herbeigef&uuml;hrt und dann danach gefragt werden, was und wie die geltende Studiengeb&uuml;hrenfreiheit einerseits oder die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren andererseits zur Erreichung der Oberziele beitragen bzw. die Zielerreichung beeintr&auml;chtigen k&ouml;nnen.<\/p><p>Bei allem (auch ideologischen) Streit in der Bildungspolitik ist es &uuml;berraschend, dass &uuml;ber folgende Ziele ein weitgehender Konsens besteht. Vom Institut der Deutschen Wirtschaft &uuml;ber die OECD bis hin zur HRK oder den Studierendenverb&auml;nden fordern alle:<\/p><p>Deutschland braucht <\/p><ul>\n<li>mehr Finanzmittel f&uuml;r die Hochschule,<\/li>\n<li>mehr wissenschaftlich Qualifizierte, <\/li>\n<li>eine h&ouml;here Aussch&ouml;pfung des Bildungspotentials, d.h. mehr Studierende aus bildungsfernen Schichten, <\/li>\n<li>k&uuml;rzere bzw. effektivere Studienzeiten und h&ouml;here Erfolgsquoten bei den Absolventinnen und Absolventen,<\/li>\n<li>eine (noch) bessere wissenschaftliche Ausbildung. <\/li>\n<\/ul><p>(Was &bdquo;besser&ldquo; inhaltlich bedeutet wird allerdings unterschiedlich gesehen, eine bessere Betreuung und eine bessere Ausstattung sind allerdings unumstritten).<\/p><p>Wer also wirklich ernsthaft &uuml;ber die &bdquo;soziale Vertr&auml;glichkeit&ldquo; von Studiengeb&uuml;hren sprechen m&ouml;chte, der m&uuml;sste sich schon der M&uuml;he unterziehen und &uuml;berpr&uuml;fen, welche positiven oder negativen Beitr&auml;ge die &bdquo;Sozialtechnik&ldquo; Studiengeb&uuml;hr zur Erreichung dieser allgemein anerkannten Ziele leisten kann.<\/p><p>Wenn ich eine solche Vertr&auml;glichkeitspr&uuml;fung jetzt demonstrieren wollte, w&uuml;rde das den zeitlichen Rahmen meines Referates bei weitem sprengen.  Zumal ich &uuml;ber die schon genannten Oberziele noch viele andere Gesichtspunkte bei einer solche Pr&uuml;fung hinzuf&uuml;gen m&uuml;sste. So sind beispielsweise die sozialen oder kulturellen &bdquo;Ertr&auml;ge&ldquo; &ndash; um in der Sprache der &Ouml;konomen zu sprechen &ndash; oder die &bdquo;externen Effekte&ldquo; einer Hochschulbildung f&uuml;r das demokratische Funktionieren und die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft noch nicht ber&uuml;cksichtigt.<\/p><p>Ich gehe die Auswirkungen der Studiengeb&uuml;hren also nur auf die weitgehend anerkannten Ziele der Hochschulpolitik einmal stichwortartig der Reihe nach durch. Auf eine differenzierte Abw&auml;gung muss ich in meinem Referat weitgehend verzichten, aber mein knappes und zugespitztes Fazit m&ouml;chte ich Ihnen nicht vorenthalten:<\/p><p><strong>I. Oberziel: Mehr Finanzmittel f&uuml;r die Hochschule:<\/strong><\/p><ol>\n<li>Studiengeb&uuml;hren k&ouml;nnen nur einen bescheidenen Beitrag zur Finanzierung der Hochschulen leisten, jedenfalls gemessen an den staatlichen Zusch&uuml;ssen. (Man rechnet mit 7 bis maximal 10 Prozent.)<\/li>\n<li>Bei einer Fortsetzung der Spar-, K&uuml;rzungs- und Steuersenkungspolitik d&uuml;rften sie auf Dauer gar nicht oder nur in geringem Umfang bei den Hochschulen ankommen oder verbleiben. Oder sie werden von staatlichen Mittelk&uuml;rzungen &uuml;berholt. Garantiezusagen der Regierungen sind mit Vorsicht zu genie&szlig;en, denn sie binden den Haushaltsgesetzgeber nicht.<br>\nSelbst wenn der in Hessen der vereinbarte &bdquo;Hochschulpakt&ldquo; eingehalten w&uuml;rde, bedeutet dies inflationsbereinigt, also real eine K&uuml;rzung der staatlichen Zusch&uuml;sse von 10% bis zum Jahre 2010. Die zus&auml;tzlichen Einnahmen aus Studiengeb&uuml;hren in H&ouml;he von 10% &ndash; wie das in der Begr&uuml;ndung zum Studiengeb&uuml;hrengesetz erwartet wird &ndash; sind also binnen kurzer Zeit &bdquo;aufgefressen&ldquo;.<\/li>\n<li> In England, &Ouml;sterreich, Schweiz und anderswo, wo Studiengeb&uuml;hren neu eingef&uuml;hrt wurden, haben sie nicht zu einer sp&uuml;rbaren Verbesserung der Finanz- und schon gar nicht der Studiensituation gef&uuml;hrt.<\/li>\n<li>Studiengeb&uuml;hren wirken wie ein &bdquo;schleichendes Gift&ldquo; <\/li>\n<\/ol><p>(So  auch schon bei uns in Deutschland: Zun&auml;chst kam die Erh&ouml;hung der Verwaltungs-, dann die Langzeit- und jetzt stehen allgemeine Studiengeb&uuml;hren an.)Sie haben die kurzfristige Wirkung einer Droge, die nach einer Erh&ouml;hung der Dosis verlangt. (Dreifache Erh&ouml;hung in GB, viermal erh&ouml;ht etwa in Z&uuml;rich, verdoppelt in Australien (dort m&uuml;ssen ausl&auml;ndische Studierende inzwischen f&uuml;r ein Studium inklusive Krankenversicherung &uuml;ber 100.000 Euro bezahlen), selbst im klassischen Geb&uuml;hrenland USA gab es in den letzten Jahren einen Zuwachs von 50% (FAZ v. 28.1.05)).<br>\nDas Land Hessen selbst er&ouml;ffnet  im &Uuml;brigen schon die n&auml;chste Runde des Geb&uuml;hrenwettlaufs, indem es als bisher einziges Bundesland f&uuml;r nicht &bdquo;konsekutive Masterstudieng&auml;nge&ldquo; die M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnet, ab dem Wintersemester 2010 h&ouml;here Beitr&auml;ge bis zu 1.500 Euro pro Semester zu erheben. Man muss also kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es nicht lange dauern wird, bis mit derselben Begr&uuml;ndung, wie sie im Gesetzentwurf der CDU-Fraktion angef&uuml;hrt wurde, sich auch die anderen L&auml;nder erneut &bdquo;gezwungen&ldquo; sehen, nachzuziehen. <\/p><p>Spar- und Steuersenkungspolitiken sind politische Wertentscheidungen &ndash; genauso wie die Erhebung einer Geb&uuml;hr f&uuml;r eine bestimmte Bev&ouml;lkerungsgruppe. <\/p><p>Statt einer weiteren F&ouml;rderung des &bdquo;Investitionskapitals&ldquo; durch weitere Senkungen der Unternehmenssteuern brauchten wir eher eine F&ouml;rderung des &bdquo;Humankapitals&ldquo; durch eine Verbesserung und Verbreiterung von Qualifikation.<br>\nGegen&uuml;ber einer Steuerfinanzierung der Hochschulausbildung (ggf. sogar mit einer Akademikersteuer) bedeuten Studiengeb&uuml;hren einen teueren und komplizierten zus&auml;tzlichen dezentralen Verwaltungsaufwand, vom Einzug der Geb&uuml;hr bis hin zu ihrer Absetzung in der Steuererkl&auml;rung. Man denke nur einmal an den Aufwand Baf&ouml;G-Empf&auml;nger von Zinszahlungen auszunehmen. Sollte es dereinst zu &ouml;ffentlichen Stipendien kommen, die die Geb&uuml;hr kompensierten, w&uuml;rden nur in unsinniger Weise Gelder hin- und her geschoben. <\/p><p><strong>II. Oberziel: Mehr wissenschaftlich Qualifizierte:<\/strong><\/p><p>Studiengeb&uuml;hren erh&ouml;hen, neben den derzeit schon hohen direkten Kosten (Lebensunterhalt) und Opportunit&auml;tskosten (entgangener Verdienst) den &bdquo;Preis&ldquo; f&uuml;r ein Studium und senken damit die Nachfrage nach einer wissenschaftlichen Ausbildung.<\/p><p>Dass dies nicht nur eine &ouml;konomische Modellannahme sondern durchaus der Wirklichkeit entspricht, zeigte sich etwa ganz real darin, dass in NRW, das im Wintersemester 2006\/07 Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt hat, die Zahl der Studienanf&auml;nger um 5,3% zur&uuml;ckgegangen ist.<\/p><p>Auch wenn f&uuml;r die Bezahlung des &bdquo;Preises&ldquo; ein Kredit aufgenommen werden muss, bleibt es bei einer &bdquo;Preiserh&ouml;hung&ldquo;, die wegen der Zinskosten sogar noch deutlich h&ouml;her liegt.<\/p><p>Studiengeb&uuml;hren belasten den Aufbau des in Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin ungen&uuml;gend entwickelten &bdquo;Humankapitals&ldquo; (so die OECD) und sind insoweit ein Produktivit&auml;tshemmnis und eine Innovations- und Wachstumsbremse.<br>\nSie sind eine weitere Barriere dagegen, dass die BRD bei der Rate der Studierenden pro Altersjahrgang zu ihren &ouml;konomischen Wettbewerbern aufschlie&szlig;en kann. Deutschland liegt beim Anteil der Bev&ouml;lkerung zwischen 24 &ndash; 35 Jahren, der einen terti&auml;ren Abschluss erreicht hat, auf Platz 20 unter den von der OECD verglichenen 29 Staaten. Angesichts zur&uuml;ckgehender Jahrgangsst&auml;rken, kann schon in absehbarer Zeit vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich nicht einmal mehr der Ersatzbedarf an wissenschaftlich Qualifizierten befriedigt werden.<\/p><p>Alle volkswirtschaftlichen Analysen vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bis zur internationalen OECD sind sich einig: Wir brauchen mehr Studierende.<br>\nWer es ernst meint mit dieser Forderung, darf den Zugang zum Studium nicht noch erschweren.<\/p><p><strong>III. Oberziel: Eine h&ouml;here Aussch&ouml;pfung des Bildungspotentials, d.h. mehr Studierende aus bildungsfernen Schichten und eine weitere Erh&ouml;hung des Frauenanteils vor allem bei den Absolventen:<\/strong><\/p><p>Studiengeb&uuml;hren verfestigen eher die soziale Ungleichheit bei der Wahrnehmung der Bildungschancen. Dadurch geht der Volkswirtschaft ein erhebliches Leistungspotential verloren.<br>\nSie bringen eine weitere Belastung der Familien mit Kindern, gegen&uuml;ber Familien ohne Kinder. Sie haben nicht nur f&uuml;r die Kinder der Bezieher von niedrigeren sondern auch schon von mittleren Einkommen (oberhalb der Grenze staatl. Transferleistungen) eine zunehmend prohibitive Wirkung, ein Studium aufzunehmen.<br>\nSie benachteiligen unter gegebenen Geschlechterrollen junge Frauen, weil f&uuml;r sie die Abw&auml;gung des Aufwandes f&uuml;r ein Studium vor dem Hintergrund einer nach wie vor bestehenden Benachteiligung in der Erwerbsbiographie noch negativer ausf&auml;llt als f&uuml;r M&auml;nner.<br>\nSie verst&auml;rken die Abh&auml;ngigkeit der Studierenden von ihren Eltern und behindern ihre Selbstst&auml;ndigkeit als junge Erwachsene noch mehr. <\/p><p>&bdquo;Der Elternanteil an der Studienfinanzierung macht bei Studierenden aus einer hohen gesellschaftlichen Gruppe rund 64 Prozent aus, bei Studierenden aus niedrigeren Schichten betr&auml;gt dieser Anteil lediglich 27 Prozent.&ldquo; (KfW-Studie). Das hei&szlig;t, dass Studierende aus unteren Einkommensschichten einen erheblich h&ouml;heren &bdquo;Preis&ldquo; f&uuml;r ihr Studium bezahlen m&uuml;ssen, als die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Studierenden aus einkommensst&auml;rkeren Gesellschaftsschichten. <\/p><p>(Das gilt auch bei einem Studienkreditsystem, denn nach wie vor ist der Unterhalt f&uuml;r die Kinder nicht nur ein Rechtsanspruch sondern wird &uuml;berwiegend (von 80 % der Eltern) als moralische Pflicht betrachtet.)<\/p><p><strong>IV. Oberziel: K&uuml;rzere Studienzeiten und h&ouml;here Absolventenquoten:<\/strong><\/p><p>Studiengeb&uuml;hren d&uuml;rften kaum zu effektiverem Studieren f&uuml;hren sondern zwingen noch mehr Studierende zu noch l&auml;ngerer Erwerbsarbeit neben dem Studium. Nach einer KfW-Studie (2006) gaben 21 Prozent der Studierenden Geldprobleme als Grund f&uuml;r eine Unterbrechung des Erststudiums an.<br>\nStudiengeb&uuml;hren d&uuml;rften daher kaum zu effektiverem Studieren f&uuml;hren, sondern zwingen noch mehr Studierende (derzeit schon zwei Drittel)  zu noch l&auml;ngerer Erwerbsarbeit neben dem Studium und wirken dadurch studienzeitverl&auml;ngernd (16.Sozialerhebung des DSW).<br>\n Die gro&szlig;e Zahl der Exmatrikulationen nach Einf&uuml;hrung der Langzeitgeb&uuml;hr, l&auml;sst darauf schlie&szlig;en, dass eher weniger Studierende ihr Studium mit einem Examen abschlie&szlig;en.<\/p><p><strong>V. Oberziel: Eine bessere wissenschaftliche Ausbildung:<\/strong><\/p><p>Es entspricht der zunehmenden &Ouml;konomisierung, genauer der &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung&ldquo; (Heribert Prantl) des allgemeinen politischen Denkens, dass die Bef&uuml;rworter von Studiengeb&uuml;hren diese vor allem mit den positiven &ouml;konomischen Effekten auf die Hochschulen und auf das Studierverhalten begr&uuml;nden.<br>\nLassen Sie mich diese Argumente deshalb etwas detaillierter auf ihre Konsistenz pr&uuml;fen:<\/p><p>Kommt es wirklich zu einem nachfrage- und preisorientierten Steuerungseffekt auf die Hochschulen? [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<br>\nWird der Kunde wirklich K&ouml;nig? <\/p><p>Bevor die Studiengeb&uuml;hr auf das Angebot der Hochschule wirken kann, hat sie einen ganz anderen Steuerungseffekt. Es gilt n&auml;mlich &ndash; wie schon erw&auml;hnt &ndash; das grundlegende &ouml;konomische Gesetz, dass ein h&ouml;herer Preis die Nachfrage senkt. <\/p><p>Wer es also ernst damit meint, dass wir mehr Studierende brauchen, darf also nicht als Erstes den Preis erh&ouml;hen.<\/p><p>Wie eng die Studiennachfrage mit den Kosten f&uuml;r ein Studium korreliert, kann man schon daran ablesen, dass mit der Verbesserung des Baf&ouml;G innerhalb weniger Jahre der Anteil der Studierenden pro Altersjahrgang von 27,7% auf jetzt 35,7% angestiegen ist. (BMBF)<\/p><p>Au&szlig;erdem besagt eine elementare Funktion der &ouml;konomischen Lehre, n&auml;mlich die Konsumfunktion, dass die H&ouml;he der Konsumausgaben in Beziehung zur H&ouml;he des verf&uuml;gbaren Einkommens steht.<br>\nDass Studiengeb&uuml;hren in H&ouml;he von 500 Euro bis zum Bachelor (des &bdquo;ersten berufsqualifizierenden Abschlusses&ldquo;) und in H&ouml;he von bis zu 1.500 Euro f&uuml;r den Master sozialvertr&auml;glich w&auml;ren, das entspricht reinem &bdquo;Oberschichtendenken&ldquo;.<br>\nMan halte doch nur einmal dagegen, dass das Durchschnittseinkommen einer Arbeiterfamilie bei netto 2.200 Euro liegt, selbst, wenn man einen Baf&ouml;G-Satz von 439 Euro f&uuml;r das studierende Kind unterstellt, sind 1.000 Euro (bzw. 3.000 Euro f&uuml;r einen Master) zus&auml;tzliche Ausbildungskosten f&uuml;r die betreffende Familie ein sehr hoher Anteil am Jahreseinkommen. Das gilt auch noch f&uuml;r die das Durchschnittseinkommen einer Angestelltenfamilie mit netto 2.700 Euro (Baf&ouml;G dann 214 Euro).<\/p><p>Wer also den Preis f&uuml;r ein Studium, der ja ohnehin durch die Kosten f&uuml;r den Lebensunterhalt und die Opportunit&auml;tskosten f&uuml;r entgangenes Einkommen ziemlich hoch ist, noch weiter erh&ouml;ht, nimmt in Kauf, dass die Bezieher von geringerem oder mittleren Einkommen weniger Bildung &bdquo;konsumieren&ldquo;.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus w&uuml;rde eine weitere Grundannahme des Marktgesetzes greifen: <\/p><p>Der Kunde sucht ein solches Angebot, mit dem er einen m&ouml;glichst hohen Nutzen zu einem m&ouml;glichst geringen Aufwand erzielt. <\/p><p>Meint man es wirklich ernst, wenn k&uuml;nftig der Nutzen eines &bdquo;akademischer Abschlusses&ldquo; zum geringst m&ouml;glichen Aufwand erzielt werden soll? Dann aber nichts wie her mit &bdquo;Billigstudien&ldquo; &ndash; denn &bdquo;Geiz ist geil&ldquo;.<\/p><p>(Umgekehrt werden die Hochschulen m&ouml;glichst viele &bdquo;billige&ldquo; Studieng&auml;nge anbieten. Die Tendenz zeigt sich in der Realit&auml;t der privaten Hochschulen in Deutschland. Bis auf Witten-Herdecke mit einer medizinischen Fakult&auml;t bieten sie im Wesentlichen die Buchwissenschaften aus dem &ouml;konomischen F&auml;cherspektrum an.)<\/p><p>Von einer wirklichen Preissteuerung kann man schon deshalb nicht sprechen, weil die Kosten des &bdquo;Produkts&ldquo;(n&auml;mlich der Studienabschluss) nach den bisherigen Geb&uuml;hrenmodellen nicht in den &bdquo;Preis&ldquo; eingehen. (Ein Mediziner kostet ein Vielfaches mehr als ein Betriebswirt.)<\/p><p>Gerade wenn man den &ouml;konomischen Steuerungseffekt einer Studiengeb&uuml;hr so stark in den Vordergrund r&uuml;ckt, m&uuml;sste man auch der &ouml;konomischen Logik folgen, die verlangt, dass eine wissenschaftliche Ausbildung dem Ziel einer h&ouml;chstm&ouml;glichen Verzinsung der individuellen Ausbildungskosten dienen, also einen hohen &bdquo;return on investment&ldquo; erbringen m&uuml;sste.<\/p><p>Darin sehe ich aber eher eine Fehlsteuerung der Hochschulausbildung hin zu individuellem Verwertungsdenken, weg vom gemeinn&uuml;tzigen Ziel der Vermittlung von Verfahren zur selbst&auml;ndigen Produktion von Wissen f&uuml;r den allgemeinen Fortschritt von Wirtschaft und Gesellschaft.<br>\nGewinnt die &bdquo;Preis&ldquo;-Steuerung bei der Studiermotivation ein entscheidendes Gewicht, dann f&uuml;hrt das zu einer Studienwahl vor allem nach individuellen Verwertungsgesichtspunkten und nicht mehr nach pers&ouml;nlicher Eignung und Leistungsf&auml;higkeit.<\/p><p>Wie wenig die Anh&auml;nger eines nachfrageorientierten Steuerungseffekts ihren Annahmen wirklich trauen, zeigt sich am deutlichsten darin, dass die allermeisten unter ihnen, die Forderung nach einer Studiengeb&uuml;hr mit einem Auswahlrecht der Hochschule verkn&uuml;pfen. Das Grundprinzip der Nachfrage-Angebotssteuerung, n&auml;mlich der freie Marktzugang, wird also gleich wieder au&szlig;er Kraft gesetzt.<\/p><p>Da zittert also offenbar die &bdquo;invisible hand&ldquo;: Nichts ist`s mit dem freien Marktzugang, nichts ist`s mit dem &bdquo;K&ouml;nig Kunden&ldquo;. Der Anbieter sucht sich seine ihm passenden Kunden aus.<br>\nWer steuert da wen, der Kunde den Anbieter oder der Anbieter den Kunden?<\/p><p>Es g&auml;be viel naheliegendere und wirkungsvollere Steuerungsinstrumente als die Geb&uuml;hr:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Mehr Mitsprache und Mitbestimmung der Studierenden in der Lehre<\/li>\n<li>Die erheblich gr&ouml;&szlig;ere Nachfragemacht des Staates<\/li>\n<\/ol><p><strong>(a)<\/strong> Wenn man wirklich den Studierenden einen Steuerungseffekt auf das Studienangebot einr&auml;umen m&ouml;chte, warum gibt man ihnen dann nicht mehr Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte gerade in der Lehre. Mehr Mitsprache bei den Studienordnungen, mehr Auswahlrechte bei den Lehrveranstaltungen, mehr Nachdruck auf Lehrqualit&auml;t bei Berufungen, Vorlesungskritiken, die wirklich ernst genommen w&uuml;rden, Beschwerderecht beim Dekan etc. h&auml;tten eine viel unmittelbarere Wirkung auf das Studienangebot als die abstrakte Tauschbeziehung &uuml;ber das Geld.<\/p><p><strong>(b)<\/strong> Der Anteil der Studiengeb&uuml;hren am Hochschulhaushalt h&auml;lt sich &ndash; wie dargestellt &ndash; in engen Grenzen, die Nachfragemacht des Staates &uuml;ber das Geld w&auml;re um ein Vielfaches gr&ouml;&szlig;er.<br>\nWenn man wirklich einen Steuerungseffekt auf die Hochschulen erzielen wollte, ihre Lehrangebote zu verbessern, warum f&uuml;hrt man dann nicht mit dem gleichen Engagement, wie bei der Einf&uuml;hrung von Geb&uuml;hren, eine Debatte &uuml;ber eine vern&uuml;nftige leistungsbezogene Mittelverteilung.<\/p><p>Jedenfalls: Wer wirklich eine Steuerung &uuml;ber Geld will, sollte seine Kraft und seine intellektuellen Bem&uuml;hungen dort ansetzen, wo wirklich Geld flie&szlig;t und keine Nebenkriegsschaupl&auml;tze mit der Einf&uuml;hrung einer allenfalls marginalen Geldquelle wie der Studiengeb&uuml;hr er&ouml;ffnen.<\/p><p>Nun aber zum n&auml;chsten &ouml;konomischen Argument:<\/p><p><strong>Mehr Wettbewerb f&ouml;rdere die Qualit&auml;t der Hochschulausbildung:<\/strong><\/p><p>Auch das ist nur ein vorgeschobenes und ja sogar falsches Argument.<\/p><p>Qualit&auml;tswettbewerb verlangt Marktransparenz. Beim Studium ist man aber erst nachher schlau.<\/p><p>Aber lassen wir uns dennoch weiter auf die &ouml;konomische Argumentation ein:<\/p><ol>\n<li>Unter den Bedingungen der &bdquo;&Uuml;berlast&ldquo;, also eines Nachfrage&uuml;berhangs nach Studienpl&auml;tzen, gibt es allenfalls einen h&ouml;heren Marktpreis, aber noch lange keinen Qualit&auml;tswettbewerb.<br>\nWill man vielleicht in Wahrheit nur den Preis f&uuml;r das Studieren erh&ouml;hen, um die Nachfrage zu senken, um die &bdquo;&Uuml;berlast&ldquo; abzubauen?<\/li>\n<li>Hochschulen sind Oligopolisten, d.h. es besteht keine vollst&auml;ndige Konkurrenz. Oligopolisten teilen den Markt strategisch auf. Das mag Marktsegmente f&uuml;r &bdquo;Edelprodukte&ldquo; schaffen, f&uuml;hrt aber nicht zu einer generellen Veredelung oder Qualit&auml;tssteigerung des gesamten Angebots. Im Gegenteil, es k&auml;me &ndash; wie etwa beim Automarkt &ndash; zu Premiummarken f&uuml;r die Wohlhabenderen, zu Mittelklassen und zu Kleinwagen. Will man wirklich nur ein paar Eliteunis und nicht etwa eine generelle Verbesserung der wissenschaftlichen Ausbildung? Oder will man gar, dass sich der Ausbildungsmarkt Hochschule in viele Segmente unterschiedlicher Qualit&auml;t aufspaltet?                                                                                                        Wir n&auml;hmen uns damit die international anerkannt gr&ouml;&szlig;te St&auml;rke unseres Hochschulangebotes, n&auml;mlich eine sehr hohe Qualit&auml;t in der Breite.<\/li>\n<li>Im &Uuml;brigen g&auml;be es einige h&ouml;chst unerw&uuml;nschte Wettbewerbsverzerrungen\n<ol type=\"a\">\n<li>Hochschulen mit gr&ouml;&szlig;eren &bdquo;Produktionskapazit&auml;ten&ldquo; h&auml;tten einen Vorteil gegen&uuml;ber kleineren Hochschulen. Die &bdquo;Gro&szlig;en&ldquo; w&uuml;rden schlicht mehr Geb&uuml;hren einnehmen als die &bdquo;Kleinen&ldquo;; deren Wettbewerbsbedingungen w&uuml;rden sich zunehmend verschlechtern, vielleicht w&uuml;rden sie sogar ganz vom Markt gedr&auml;ngt.<\/li>\n<li>Die Auswahl des Studienorts durch die Studierenden erfolgt prim&auml;r nach Kostengesichtspunkten, also werden m&ouml;glichst heimatnahe Hochschulen (zu &uuml;ber 60%) gew&auml;hlt. Hochschulen in Ballungsr&auml;umen h&auml;tten also einen Vorteil gegen&uuml;ber Hochschulen auf dem &bdquo;flachen Land&ldquo;.<\/li>\n<li>Wichtiger als das Studienangebot ist f&uuml;r die meisten ausw&auml;rts Studierenden die Attraktivit&auml;t der Hochschulstadt. M&uuml;nchen, K&ouml;ln oder Berlin h&auml;tten also einen riesigen Startvorteil gegen&uuml;ber Siegen oder eben auch Darmstadt. Von manchen ostdeutschen Hochschulstandorten will ich gar nicht erst reden.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>VI. Studiengeb&uuml;hren schafften mehr Generationen- und Verteilungsgerechtigkeit:<\/strong><\/p><p>Studiengeb&uuml;hren bedeuten:<\/p><ol>\n<li>Der Generationenvertrag wird an einer weiteren Stelle aufgek&uuml;ndigt. (Merkw&uuml;rdig, dass gerade die Gewinner der Bildungsexpansion bei der Nachfolgegeneration abkassieren wollen. Warum sind sie nicht bereit etwa &uuml;ber eine Akademikersteuer ihr &bdquo;kostenfreies&ldquo; Studium nachzufinanzieren?)<\/li>\n<li>Sie sind ein weiterer Schritt in den Geb&uuml;hrenstaat, bei dem die soziale Ausgleichsfunktion des einkommensbezogenen Steuersystems umgangen w&uuml;rde.<\/li>\n<li>Sie bringen auch keine verteilungsgerechtere Finanzierung der Hochschulbildung. Dass kleinere Einkommensbezieher mit ihrer Steuer &ouml;ffentliche Leistungen finanzieren, die sie nicht in Anspruch nehmen ist trivial. Das gilt f&uuml;r die Opernh&auml;user genauso, wie f&uuml;r die Forschungssubventionen f&uuml;r Gro&szlig;unternehmen oder das Justizwesen.<br>\nSollte die Krankenschwester das Studium des Chefarztes mitfinanzieren, dann ist das allenfalls Ausdruck einer Ungerechtigkeit des vorhandenen Steuersystems. Ginge es um Verteilungsungerechtigkeit, dann w&auml;re es im Sinne der Chancengleichheit effektiver der Krankenschwester eine &bdquo;sozial f&ouml;rderliche&ldquo; Ausbildungsverg&uuml;tung f&uuml;r ihre studierwilligen Kinder anzubieten . [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/li>\n<li>Das im Hessischen Gesetz angef&uuml;hrte Argument, dass durch die Studiengeb&uuml;hr eine Gerechtigkeitsl&uuml;cke gegen&uuml;ber kostenpflichtigen nicht akademischen Ausbildungsberufen geschlossen werde, verkennt das Wesen einer Hochschule als einer allgemeinen Bildungseinrichtung, die eben gerade nicht nur der Berufsvorbereitung &ndash; der Berufsfertigkeit &ndash; dienen soll, sondern ein allgemeinbildendes Ziel der Berufsbef&auml;higung, d.h. der selbst&auml;ndigen Anwendung wissenschaftlicher Methoden in ganz unterschiedlichen Berufsfeldern haben sollte. Zwischen einer beruflichen Weiterqualifikation und einem Studium besteht ein grundlegender Unterschied.  Im &Uuml;brigen ist etwa der Hinweis auf das Handwerk willk&uuml;rlich: Auszubildende bekommen im Gegensatz zu den Studierenden eine Ausbildungsbeihilfe.<\/li>\n<\/ol><p>Es trifft zu, dass Akademiker im Durchschnitt ein h&ouml;heres Einkommen erzielen als der Durchschnitt. Wenn besser verdienende Akademiker jedoch ihre &bdquo;Studienkosten&ldquo; nicht durch eine entsprechend h&ouml;here Steuerbelastung refinanzieren, so ist das allenfalls ein Anhaltspunkt f&uuml;r ein ungerechtes Einkommenssteuersystem, aber kein Grund Menschen in einer Lebensphase zu belasten, wo sie in der Regel ohnehin an der Armutsgrenze leben.<\/p><p><strong>Argumente gegen sog. &bdquo;nachgelagerte&ldquo; Geb&uuml;hren:<\/strong><\/p><p>Selbst wenn man einmal unterstellte, dass Studiendarlehen nicht wie beim M&uuml;nchner &bdquo;ExzellenTUM&ldquo;-Modell mit einer Pr&uuml;fung der &bdquo;Kreditw&uuml;rdigkeit&ldquo; &ndash; sprich einer zu erwartenden Bildungsrendite &ndash; vergeben werden, gelten f&uuml;r alle &bdquo;nachgelagerten&ldquo; Geb&uuml;hrenmodelle prinzipiell die gleichen Einw&auml;nde: <\/p><ol>\n<li>Was soll daran eigentlich &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; sein, wenn keinerlei soziale Abfederung erfolgt, als dass man zu einer Bank geht und sich mit einem individuellen Darlehen zu bank&uuml;blichen Zinsen verschuldet? Was ist daran &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; dass man als Darlehensnehmer dar&uuml;ber hinaus noch zu &uuml;ber einem F&uuml;nftel der Darlehenssumme einen Ausfallfonds finanzieren muss? Mit diesem Ausfallfonds als einer Zwangsabgabe finanzieren die Geb&uuml;hrenzahler das angeblich sozialvertr&auml;gliche Studiendarlehen. Die Studiengeb&uuml;hrenzahler und nicht etwa die Abnehmer der Studierenden, also die Wirtschaft oder die Gesellschaft allgemein, finanzieren also die angebliche Sozialvertr&auml;glichkeit selbst.<br>\nDiese Sonderabgabe zur Absicherung des Kreditausfallrisikos h&auml;lt der Pr&auml;sident des Bundesfinanzhofs f&uuml;r verfassungswidrig. Im Hessischen Gesetz hat man das deshalb in letzter Minute korrigiert.<\/li>\n<li>Nachgelagerte Geb&uuml;hren oder Studienkredite schreiben die Benachteiligung der Studierenden aus niedrigen Einkommensverh&auml;ltnissen als Start- und Einkommensnachteil in die Berufsphase fort.\n<p>Wer reiche Eltern hat, startet ohne Hypothek.<br>\nAuch das ist keineswegs nur eine plausible Annahme, sondern wird empirisch fundiert:<br>\nObwohl die Verschuldungsh&ouml;he auf 10.000 Euro gedeckelt wurde, sank nach der Umstellung des Baf&ouml;G auf Darlehensmodelle im Jahre 1982 der Anteil der Studierenden aus sog. &bdquo;bildungsfernen&ldquo; Schichten bis 2000 von 23% auf 13%.<\/p><\/li>\n<li>Dass nachgelagerte Geb&uuml;hren &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; seien, entspricht &bdquo;Oberschichtdenken&ldquo;. (Vgl. die Untersuchung an der TU Dresden zur schichtenspezifischen Kosten- und Risikoeinsch&auml;tzung von Rolf Becker [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>],  danach sch&auml;tzen Eltern aus bildungsfernen eher sozial niedrigen Familien das finanzielle Risiko f&uuml;r ein Studium weit h&ouml;her ein als h&ouml;here Einkommensbezieher.)<\/li>\n<li>Sie benachteiligt Frauen, weil die R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen vor dem Hintergrund nach wie vor schlechterer Einkommenserwartungen oder der Unterbrechung der Erwerbst&auml;tigkeit w&auml;hrend der Kinder-Erziehungsphase einen h&ouml;heren Abschreckungseffekt haben (bzw. eine schlechtere Bildungsrendite erwarten lassen) als bei M&auml;nnern. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/li>\n<li>Der &bdquo;return on investment&rdquo; aus einer Hochschulausbildung wird in Zukunft eher unsicherer, daher werden sich die Nachfrager nach einem Studium in solche aufteilen, die (weil wohlhabend) kein Risiko einzugehen brauchen, weil sie keine &bdquo;Hypothek&ldquo; daf&uuml;r aufnehmen m&uuml;ssen und in solche, f&uuml;r die sich eine wirkliche Risikoabw&auml;gung stellt, weil sie sich mit einer Hypothek belasten m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Ein Letztes: Selbst dem neuen Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrats Bernd R&uuml;rup bem&uuml;ht das Argument, dass es ungerecht sei, wenn Eltern Beitr&auml;ge f&uuml;r den Kindergarten bezahlen m&uuml;ssen, das Studium hingegen &bdquo;kostenlos&ldquo; sei. Es ist gar nicht zu bestreiten, dass das deutsche Bildungssystem von der Vorschule bis zur Hochschule zu einem der sozial selektivsten in der Welt geh&ouml;rt.<br>\nEin Fehler der schon f&uuml;r die Vorschule gemacht wurde, kann aber nicht dadurch korrigiert oder kompensiert werden, dass man ihn beim &Uuml;bergang in die Hochschule wiederholt.<\/li>\n<\/ol><p>Dass auch noch der &Uuml;bergang in die Hochschule sozial diskriminierend ist belegt eine Studie der KfW-Bankengruppe aus diesem Jahr erreichen von 100 Kindern aus der &bdquo;hohen&ldquo; sozialen Herkunftsgruppe 85 einen Schulabschluss mit der Berechtigung zum Studieren und 81 gehen zur Hochschule.<br>\nVon 100 Kindern aus der &bdquo;niedrigen&ldquo; sozialen Herkunftsgruppe schaffen 36 einen solchen Abschluss und  von diesen 36 &uuml;berwinden nur noch 11 die Schwelle zur Hochschule.<\/p><p><strong>Res&uuml;mee:<\/strong><\/p><p>Nach meinem Ergebnis einer &bdquo;Sozialvertr&auml;glichkeitspr&uuml;fung&ldquo;, die diesen Namen verdiente, komme ich zu dem Ergebnis, dass Studiengeb&uuml;hren entgegen der st&auml;ndig wiederholten besch&ouml;nigenden Behauptungen eben gerade nicht &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; sind, sondern dass im Gegenteil &bdquo;sozial f&ouml;rderliche&ldquo; Ma&szlig;nahmen ergriffen werden m&uuml;ssten um die vorhandenen sozialen Benachteiligungen unterschiedlicher Art bei der Wahrnehmung der Chancen auf eine Hochschulausbildung zu &uuml;berwinden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]  Van den Daele, Sozialvertr&auml;glichkeit und Umweltvertr&auml;glichkeit, Politische Vierteljahreschrift Nr. 34, S.219ff., 1993<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>]  Vgl. zur Kritik an der Preisbildung und einer nachfrageorientierten Steuerung auch <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/forum\/fw3-02-42.htm\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bdwi.de\/forum\/fw3-02-42.htm\">Klemens Himpele, 2002<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>]  Zu den Verteilungseffekten der &ouml;ffentlichen Hochschulfinanzierung vgl. Karl-Dieter Gr&uuml;ske, in Reinar L&uuml;deke (Hg.) Bildung, Bildungsfinanzierung und Einkommensverteilung II. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik NF Bd. 221\/II Berlin 1994 S. 71-147. Dagegen jedoch Richard Sturn und Gerhard Wohlfahrt, Umverteilungswirkungen der &ouml;ffentlichen Hochschulfinanzierung in Deutschland, Zusammenfassung eines Gutachtens im Auftrag des DSW, Graz 2000; siehe auch Bernhard Nagel und Roman Jaich, Bildungsfinanzierung in Deutschland, Analyse und Gestaltungsvorschl&auml;ge, Kassel 2002.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>]  Rolf Becker, Soziale Ungleichheit beim Hochschulzugang, Eine empirische Studie aus humankapital- und werterwartungstheoretischer Sicht, Sommer 2001, Technische Universit&auml;t Dresden, Institut f&uuml;r Soziologie<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>]   Eine australische Hochrechnung kommt zu dem Schluss, dass bei einer angenommenen Verschuldng von 20.000 AUS$ M&auml;nner im Durchschnitt 17 Jahre, Frauen hingegen 51 Jahre lang an ihren &bdquo;HECS&ldquo;-Schulen zur&uuml;ckzahlen. Vgl. Jackson, N.O., 2002, The Higher Education Contribution System Scheme: A HECS on The Family? In G. Carmichael with D. Dharmalingham (eds) The Ne Zealand and Australian Populations at the Millennium, Special Issue or the Journal of Population Research, Canberra and Wellington, pp. 105-120<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Referat von Wolfgang Lieb an der TU-Darmstadt im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.verfassungsklage-bildung.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.verfassungsklage-bildung.de\/\">Kampagne f&uuml;r eine Verfassungsklage<\/a> gegen das im Oktober vom Hessischen Landtag verabschiedete Studienbeitragsgesetz. 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