{"id":188,"date":"2005-05-18T11:23:54","date_gmt":"2005-05-18T10:23:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=188"},"modified":"2019-03-02T13:53:11","modified_gmt":"2019-03-02T12:53:11","slug":"flache-steuer-oder-platte-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=188","title":{"rendered":"Flache Steuer oder platte Ideologie?"},"content":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundmarkt.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.wirtschaftundmarkt.de\/\">Wirtschaft &amp; Markt<\/a>, Juni 2005.<br>\n<!--more--><br>\nManche Sachen sind so einleuchtend, dass sich kaum noch jemand traut, dar&uuml;ber nachzudenken. Das gilt wohl auch f&uuml;r den in vielen Varianten seit vielen Jahren diskutierten Vorschlag, das Steuerrecht radikal zu vereinfachen. Am radikalsten, weil scheinbar am einfachsten ist dabei das Konzept, das man neudeutsch &bdquo;flat tax&ldquo; nennt, also eine Einkommensteuer, die nur auf einem einzigen sehr niedrigen Satz beruht. Dagegen ist sogar das in Deutschland als revolution&auml;r angesehene Drei-Stufen-Konzept, das sich die CDU zu Eigen gemacht hat, noch richtig kompliziert. <\/p><p>Vorbilder in Sachen flat tax sind so erfolgreiche L&auml;nder wie die Slowakei (19 %) oder Irland (12 %) und sogleich wird nat&uuml;rlich in Deutschland haarscharf gefolgert, dass es nur an diesem Steuerkonzept liegen kann, wenn solche L&auml;nder seit Jahren kr&auml;ftig wachsen. Warum, so die Apologeten der radikalen Steuervereinfachung, soll nicht auch Deutschland seine Schw&auml;chephase &uuml;berwinden k&ouml;nnen, wenn wir nur bereit sind, einmal einen wirklich gro&szlig;en Schritt zu tun. <\/p><p>Die Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die verbl&uuml;ffende Wirkung einer solchen Wunderdroge sind allerdings an Schlichtheit kaum zu &uuml;bertreffen. Die Leistungsanreize w&uuml;rden steigen, sagen die einen, wenn die Steuern nur niedrig w&auml;ren und der Staat sich einfach aus vielen T&auml;tigkeiten heraushielte. Klar, das leuchtet unmittelbar ein. Wenn der Staat die Polizei ausd&uuml;nnt, m&uuml;ssen die Wohlhabenden sich durch extrem teure eigene Sicherheitsdienste sch&uuml;tzen, was ihre Leistungsbereitschaft ungeheuer erh&ouml;ht. Wenn der Staat kein Geld mehr f&uuml;r die Schulen und Universit&auml;ten hat, dann m&uuml;ssen die besser Verdienenden die Ausbildung ihrer Kinder selbst bezahlen und ihr Leistungsanreiz steigt ungemein, wenn sie einen erheblichen Teil ihres Einkommens jeden Monat an die Erziehungsanstalt ihrer Kinder &uuml;berweisen statt an das Finanzamt. Die weniger gut Verdienenden m&uuml;ssen vielleicht auf eine vern&uuml;nftige Ausbildung ihrer Kinder ganz verzichten, weil die unbezahlbar wird, aber ihre Leistungsanreize steigen sicher auch, weil sie ja ein paar Euro mehr in der Tasche haben, mit denen sie sich einen Big Mac mehr oder ein neues Computerspiel leisten k&ouml;nnen. <\/p><p>Noch abstruser ist die Behauptung, die Steuergesetze w&uuml;rden mit einer flat tax massiv vereinfacht und jeder k&ouml;nnte in Zukunft seine Steuererkl&auml;rung auf einem Bierdeckel machen. Da wird man aber gro&szlig;e Bierdeckel brauchen. Es ist ja nicht der Steuertarif als solcher, der das Abgabensystem einer modernen Industriegesellschaft verkompliziert, sondern es ist die bei jedem Steuersatz &auml;u&szlig;erst komplexe Frage, was denn das wirklich verdiente Einkommen eines Menschen ist. Welche Kosten darf er geltend machen, bevor sein Gewinn ermittelt ist, welche Einkommen werden &uuml;berhaupt zur Besteuerung herangezogen, wo und wie werden Einkommen besteuert, deren Herkunft in verschiedenen L&auml;ndern oder verschiedenen Zeitphasen zu suchen ist? Diese und die meisten andere der zentralen Fragen, um die es geht, haben mit dem Steuertarif als solchem &uuml;berhaupt nichts zu tun. <\/p><p>Wozu brauchen wir eigentlich Heerscharen von Buchhaltern, Wirtschaftspr&uuml;fern und Finanzbeamten, wenn das verdiente und steuerbare Einkommen bei fast allen Wirtschaftssubjekten ohne weiteres vorliegt und nur ein wie auch immer gearteter Einkommenssteuertarif darauf gelegt werden muss? Selbst den kompliziertesten Steuertarif auf ein vorhandenes zu versteuerndes Einkommen zu legen, sollte im Zeitalter hoch leistungsf&auml;higer Computer wirklich kein Problem sein. <\/p><p>So erweist sich die flache Steuer als platte Ideologie. Worum es geht, ist nicht die Vereinfachung und sind auch nicht die Leistungsanreize. Es geht einzig und allein um das Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates und um die Weigerung der Bezieher h&ouml;herer Einkommen, mehr als proportional zur Finanzierung des Gemeinwesens beizutragen. Doch machen wir uns nichts vor: Selbst zu diesem proportionalen Beitrag wird es nicht kommen, weil diejenigen, die am meisten verdienen auch in einem radikal reformierten Steuerrecht die meisten M&ouml;glichkeiten haben, durch geschickte Einkommensdefinition die Reststeuer zu vermeiden oder zumindest deutlich zu vermindern. Und das gilt auch dann, wenn, wie die Advokaten der flachen Steuer gro&szlig;spurig verk&uuml;nden, die Bemessungsgrundlage f&uuml;r die Steuer durch die Abschaffung von &bdquo;Ausnahmetatbest&auml;nden&ldquo; und &bdquo;Steuersubventionen&ldquo; verbreitert wird. <\/p><p>Die Regel f&uuml;r die wirkliche Erfassung von steuerbarem Einkommen ist einfach und unmittelbar einleuchtend und doch wird sie von den aufgeregten Steuersenkern und &bdquo;B&uuml;rgerkonventen&ldquo; nicht einmal erw&auml;hnt: Wer ein durchschnittliches Lohneinkommen bezieht und mehr als 90 % dieses Einkommens konsumiert, hat kaum M&ouml;glichkeiten, Steuerumgehung zu betreiben. Wer ein hohes Einkommen aus selbst&auml;ndiger T&auml;tigkeit oder mehrere Einkommen ganz unterschiedlicher Herkunft sein eigen nennen darf und weniger als 70 % seines Einkommens unmittelbar konsumiert, dem wachsen ungeahnte M&ouml;glichkeiten zu, sein wahres Einkommen zu verschleiern oder es der Steuer zu entziehen. <\/p><p>Schon deshalb ist ein progressiver Tarif angemessen. Man kann dann wenigstens erwarten, dass de facto eine proportionale Belastung heraus kommt. Die flache-Steuer-Anh&auml;nger wollen selbst die proportionale, die prozentual gleichartige Belastung hoher und niedriger Einkommen nicht. Sie wollen eine Gesellschaft, in der jeder auch gegen den Staat seine spezifische &Uuml;berlegenheit ausspielen oder seine Schw&auml;che erleiden muss. Der demokratische Staat als Korrektiv ist ihnen zuwider, weil er ihre &Uuml;berlegenheit wenigstens in einigen Teilbereichen in Frage stellt. Von einer solchen Position bis zur Abschaffung der Demokratie ist es &uuml;brigens nicht weit. Wer sagt denn, dass alle Menschen den gleichen Anteil am politischen Leben haben k&ouml;nnen und sollen, wenn man ihnen eine halbwegs menschenw&uuml;rdige Teilnahme am wirtschaftlichen Leben via &bdquo;modernisiertes&ldquo; Steuersystem zu verweigern versucht?\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundmarkt.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.wirtschaftundmarkt.de\/\">Wirtschaft &amp; Markt<\/a>, Juni 2005. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,137,132],"tags":[427,413,291],"class_list":["post-188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-einkommensteuer","tag-schlanker-staat","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=188"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49761,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions\/49761"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}