{"id":18825,"date":"2013-10-04T08:22:28","date_gmt":"2013-10-04T06:22:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18825"},"modified":"2019-03-02T11:30:40","modified_gmt":"2019-03-02T10:30:40","slug":"koalitionsverhandlungen-fuer-die-wirtschaft-oder-fuer-eine-wirtschaftliche-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18825","title":{"rendered":"Koalitionsverhandlungen f\u00fcr die Wirtschaft oder f\u00fcr eine wirtschaftliche Wende?"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Koalition&auml;re oder solche, die es noch werden wollen: Haltet ein! Fangt nicht sofort an zu verhandeln, sondern denkt erst einmal nach. Zieht euch f&uuml;r eine Woche in ein sch&ouml;nes Hotel zur&uuml;ck und tut nichts anderes als die Frage zu diskutieren, wie Deutschland wieder ein normaler Handelspartner in dieser Welt werden kann, ohne &Uuml;bersch&uuml;sse in der Leistungsbilanz, ja sogar mit Defiziten, weil die Schuldner ja ihre Schulden zur&uuml;ckzahlen sollen und wollen. Dann kommt die Frage, wie die deutschen Unternehmen wieder zu Schuldnern und Investoren gemacht werden k&ouml;nnen, und schlie&szlig;lich, welche Rolle der Staat bei der notwendigen Verschuldung spielen soll &hellip; Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUns geht es ja gut. Das k&ouml;nnte das &uuml;bergreifende Motto der Koalitionsverhandlungen sein, die sicher in wenigen Tagen beginnen werden. Dementsprechend bringen sich auch schon die ersten verdienten Funktion&auml;re der SPD in Stellung, um Ministerposten zu ergattern. Welche das sein m&uuml;ssen, wissen sie auch schon. Karsten Schneider oder Thomas Oppermann m&uuml;ssen Finanzminister werden, weil das der wichtigste Posten ist. Klaus Wieseh&uuml;gel will Arbeitsminister werden, weil er das als Gewerkschafter besonders gut kann. Sicher will Frank-Steinmeier Au&szlig;enminister werden und Sigmar Gabriel Superminister f&uuml;r Wirtschaft, Energie und Umwelt.<\/p><p>Jetzt kommt wieder zusammen, was zusammengeh&ouml;rt, k&ouml;nnte man sagen. Denn es ist abzusehen, dass sich in einer gro&szlig;en Koalition die vielen Agenda-2010-Anh&auml;nger in der SPD mit den Agenda-2010-Anh&auml;ngern in der CDU zusammenschlie&szlig;en und man sich gemeinsam eine Agenda 2020 ausdenkt, damit es Deutschland weiterhin gut geht. Angesichts der geistigen Ausgangslage in beiden Parteien kann das nur auf eine St&auml;rkung des Standorts Deutschland hinauslaufen, die angesichts stagnierender Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse aus Sicht der f&uuml;hrenden K&ouml;pfe dieser Parteien dringend geboten ist. Im ersten Halbjahr 2013 hat Deutschland einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von &ldquo;nur&rdquo; 91 Milliarden Euro zustande gebracht, was zwar eine kleine Steigerung gegen&uuml;ber den 87 Milliarden im gleichen Zeitraum des Vorjahres ist, aber doch nicht ausreicht, der deutschen Konjunktur die richtige Zugkraft zu gegeben und neue Arbeitspl&auml;tze zu schaffen.<\/p><p>Die Tonlage, auf die man sich zwischen SPD und CDU vermutlich einigen kann, hat dieser Tage schon Dennis Snower vom Institut f&uuml;r Weltwirtschaft in Kiel vorgegeben. In der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/gastbeitrag-hausaufgaben-fuer-deutschland-12596103.html\">FAZ schrieb er<\/a>: &bdquo;Intern muss sich Deutschland durch eine umfassende Reform des Wohlfahrtsstaates wettbewerbsf&auml;higer machen. Der Aufstieg Deutschlands vom &bdquo;kranken Mann&ldquo; zur &bdquo;Lokomotive Europas&ldquo; geht nicht allein auf die Reformen der Agenda 2010 zur&uuml;ck, sondern vor allem auf die moderate Lohnentwicklung. Diese Phase ist nun vorbei. Nur durch Flexibilit&auml;t und hohe Besch&auml;ftigungsraten kann Deutschland im weltweiten Wettbewerb bestehen&ldquo;. Da ist sie wieder, die ber&uuml;hmte Flexibilit&auml;t auf den Arbeitsm&auml;rkten, die wie nichts anderes das Mantra der Neoliberalen in den vergangenen Jahrzehnten war. Bevor nicht der letzte Schutz f&uuml;r die Arbeitnehmer im Arbeitsprozess gefallen ist, gibt es einfach keine ausreichende &bdquo;Flexibilit&auml;t&ldquo;, und genau so lange kann die deutsche Industrie keine Ruhe geben.<\/p><p>Das muss man sich vorstellen: Ein Land, das durch Lohnmoderation in einer W&auml;hrungsunion seine Nachbarn schon fast bis zum politischen Zusammenbruch in die Enge getrieben hat, wird jetzt aufgefordert, eine zweite Stufe der Reformen zu z&uuml;nden, um noch wettbewerbsf&auml;higer zu werden, statt seinen Handelspartnern eine Chance zu geben. Das ist eine Botschaft, ausgerechnet vom &bdquo;Institut f&uuml;r Weltwirtschaft&ldquo;, die an Zynismus und Chauvinismus kaum noch zu &uuml;berbieten ist. Das Gebr&auml;u, das der fr&uuml;here Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) unter dem Namen <a href=\"http:\/\/insm.de\/insm\/kampagne\/chance2020\/reformpapier-chance2020.html\">&bdquo;Chance 2020&ldquo;<\/a> zusammengemixt hat, geht genau in die gleiche Richtung.<\/p><p>Auf keinen Fall wird aus den Koalitionsverhandlungen der gro&szlig;en CDU und der kleinen SPD etwas herauskommen, was auch nur im Entferntesten nach einer &Auml;nderung des &bdquo;Erfolgskonzeptes&ldquo; der letzten Jahre aussieht. Der Garant daf&uuml;r ist die deutsche Wirtschaft mit ihren unz&auml;hligen Verb&auml;nden und Unterverb&auml;nden, die jeden Buchstaben zu Atomen zerhacken w&uuml;rden, der sich kritisch mit der deutschen Rolle in der Welt auseinandersetzte.<\/p><p>Damit kann man heute schon sagen, dass das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen zu dem wichtigsten aller Themen schweigen wird, n&auml;mlich zu der Frage, wie die neuen Ersparnisse der Deutschen, die auch in diesem Jahr wieder in ihrer vollen H&ouml;he von 180 Milliarden, also zu einhundert Prozent, dem Ausland als Kredit zum Kauf deutscher G&uuml;ter gegeben werden, in Zukunft verwendet werden sollen.<\/p><p>Dieses Thema entscheidet &uuml;ber viele andere: &Uuml;ber das Schicksal des Euro und Europas, &uuml;ber Deutschlands Rolle in der Welt, &uuml;ber die Ungleichheit und die Gerechtigkeit in der Gesellschaft, &uuml;ber die Steuern f&uuml;r Unternehmen und Beg&uuml;terte, &uuml;ber die Rente, &uuml;ber die Investitionen f&uuml;r die Zukunft, &uuml;ber die Arbeitslosigkeit und &uuml;ber die Frage, ob man eine &ouml;kologische Wende bei ertr&auml;glichen wirtschaftlichen Bedingungen hinbekommt. Ja, es ist keine &Uuml;bertreibung zu sagen, dass ohne eine vern&uuml;nftige Behandlung dieses Themas fast alles andere, was man im Bereich Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik diskutiert, nicht zu einer sinnvollen L&ouml;sung gebracht werden kann &ndash; das ber&uuml;hmte Betreuungsgeld vielleicht ausgenommen.<\/p><p>Es geht also um die Ersparnisse und damit anders herum gesehen um die Schulden. Und genau genommen um die Frage, wer diese Schulden machen soll. Das muss und will ich hier nicht im Einzelnen erl&auml;utern, weil das unser ceterum censeo von Anfang an ist. Es l&auml;uft auf die Frage hinaus, wie man die Unternehmen dazu bekommt, ihre Rolle als Investor und Schuldner wieder so zu spielen, wie sie sie zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders gespielt haben. Das ist politisch eine extrem schwierige Frage, weil in den vergangenen Jahrzehnten fast alle Parteien f&uuml;r richtig befunden haben, die Unternehmen in jeder Hinsicht h&auml;tscheln zu m&uuml;ssen, damit sie ihre Rolle als Investoren und Arbeitsplatzschaffer spielen. In diesem Klima genau das Gegenteil zu fordern, ist scheinbar absurd. Und jeder, der es tun w&uuml;rde, w&auml;re sofort im Abseits, weil er oder sie die gesamte Wirtschaft gegen sich aufbr&auml;chte.<\/p><p>In der Tat muss man nat&uuml;rlich, um wirklich Erfolg zu haben, viele, die man im ersten Schritt gegen sich aufgebracht hat, im zweiten Schritt f&uuml;r sich und vor allem f&uuml;r eine bessere Politik gewinnen. Das wohlverstandene Interesse der Wirtschaft kann es nicht sein, mit einer Fortsetzung der Unterbietungs- und Export&uuml;berschussstrategie die politische und wirtschaftliche Instabilit&auml;t der Europ&auml;ischen Union weiter zu versch&auml;rfen. Das &ldquo;Gegen-sich-Aufbringen&rdquo; ist kein Ziel an sich, sondern eher ein Mittel zum Wachr&uuml;tteln. Und deswegen muss ich immer &uuml;ber das wunderbare Zitat herzlich lachen, das deutsche Journalisten lieben, dass n&auml;mlich nach 1998 Claus No&eacute; und ich als Staatssekret&auml;re das Finanzministerium und die ganze Welt gegen uns aufgebracht h&auml;tten. Gerade hat es wieder einer Oskar Lafontaine vorgehalten (in der SZ vom 27. September, Seite 22) mit dem Unterton dessen, der genau wei&szlig;, dass man auf keinen Fall die ganze Welt gegen sich aufbringen darf, weil man dann automatisch Unrecht hat. W&auml;re die Welt nach 1998 prima gelaufen, ohne Verwerfungen und Krisen, h&auml;tte er vermutlich Recht. Aber so war es leider nicht, und deswegen ist es dumm, wenn einer meint, das Gegen-sich-Aufbringen sei schon ein Fehler an sich.<\/p><p>Wir haben <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/abo-preview-uns-geht-es-doch-gut-wirklich\/\">vor einigen Tagen<\/a> hier gezeigt, dass das ganze Gerede vom &bdquo;uns geht&rsquo;s doch gut&ldquo; Mumpitz ist, weil man dabei (bewusst oder unbewusst) nur an der Oberfl&auml;che der Wirklichkeit kratzt statt zu versuchen, ihre Zusammenh&auml;nge und Strukturen zu verstehen. Besonders klar sieht man das an der Lohnentwicklung, vergleicht man die deutsche etwa mit der franz&ouml;sischen. Der Reallohn pro Stunde (hier mit mehreren Deflatoren berechnet) lag zu Beginn der W&auml;hrungsunion, also vor der deutschen Lohnsenkungsstrategie, fast genau gleichauf mit Frankreich bei etwa 24 Euro. Im Jahre 2013 liegt der Lohn in Frankreich bei 28 Euro, in Deutschland leicht &uuml;ber 25 Euro. Und das bei einer fast genau &uuml;bereinstimmenden Produktivit&auml;tsentwicklung in beiden L&auml;ndern.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abbildung-5.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Abbildung-5.jpg\" width=\"500\"><\/a><\/p><p>Dieses Bild m&uuml;sste in den Koalitionsverhandlungen hin- und hergewendet werden, bis die Politiker verstanden haben, dass es einem Land nicht gut geht, das erst seine L&ouml;hne im Vergleich zu seinen Handelspartnern senkt, um diese nieder zu konkurrieren, und dann den gleichen Handelspartnern alle seine Ersparnisse anvertraut, weil die sonst seine G&uuml;ter gar nicht kaufen k&ouml;nnen. Wenn das gleiche Land dann auch noch dar&uuml;ber klagt, dass es seine Nachbarn unterst&uuml;tzen muss, weil die nicht mehr automatisch Kredite am Kapitalmarkt zu g&uuml;nstigen Zinsen bekommen, steht die Welt Kopf. Mit einer Kopf stehenden Welt kann man aber kein einziges Problem l&ouml;sen.<\/p><p>Deshalb, liebe Koalition&auml;re oder solche, die es noch werden wollen: Haltet ein! Fangt nicht sofort an zu verhandeln, sondern denkt erst einmal nach. Zieht euch f&uuml;r eine Woche in ein sch&ouml;nes Hotel zur&uuml;ck und tut nichts anderes als die Frage zu diskutieren, wie Deutschland wieder ein normaler Handelspartner in dieser Welt werden kann, ohne &Uuml;bersch&uuml;sse in der Leistungsbilanz, ja sogar mit Defiziten, weil die Schuldner ja ihre Schulden zur&uuml;ckzahlen sollen und wollen. Dann kommt die Frage, wie die deutschen Unternehmen wieder zu Schuldnern und Investoren gemacht werden k&ouml;nnen, und schlie&szlig;lich, welche Rolle der Staat bei der notwendigen Verschuldung spielen soll, eine aktive durch eigene Verschuldung oder eine passive, indem er die Unternehmen in die Verschuldung dr&auml;ngt. Wenn diese Fragen gekl&auml;rt sind, dann erkl&auml;rt den Menschen drau&szlig;en, dass Deutschland jetzt endlich verstanden hat, worum es geht. Wenn die Medien euch dann vorwerfen, dass ihr die Wirtschaft gegen euch aufbringt, dann sagt, dass es genau das ist, was eine neue Regierung tun muss: Sie muss diejenigen wachr&uuml;tteln, die an den Fehlern der Vergangenheit pr&auml;chtig verdient haben und an der Fortsetzung des Wahnsinns interessiert sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Koalition&auml;re oder solche, die es noch werden wollen: Haltet ein! Fangt nicht sofort an zu verhandeln, sondern denkt erst einmal nach. Zieht euch f&uuml;r eine Woche in ein sch&ouml;nes Hotel zur&uuml;ck und tut nichts anderes als die Frage zu diskutieren, wie Deutschland wieder ein normaler Handelspartner in dieser Welt werden kann, ohne &Uuml;bersch&uuml;sse in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18825\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[11,157,30],"tags":[290,380,1542,319,1527],"class_list":["post-18825","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-strategien-der-meinungsmache","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-export","tag-faz","tag-lohnentwicklung","tag-snower-dennis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18825","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18825"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49731,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18825\/revisions\/49731"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}