{"id":1884,"date":"2006-11-22T08:22:53","date_gmt":"2006-11-22T07:22:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1884"},"modified":"2019-02-15T13:16:49","modified_gmt":"2019-02-15T12:16:49","slug":"globalisierung-als-spaltpilz-und-sozialer-sprengsatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1884","title":{"rendered":"Globalisierung als Spaltpilz und sozialer Sprengsatz"},"content":{"rendered":"<p>Vom 24. &ndash; 26 November findet in der Fachhochschule, Kleiststra&szlig;e in Frankfurt ein Kongress des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) zum Thema <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/bdwi\/ungleichheit\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bdwi.de\/bdwi\/ungleichheit\/\">&bdquo;Ungleichheit als Projekt&ldquo;<\/a> statt. Christoph Butterwegge hat uns sein Referat vorab zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Das neoliberale Reformprojekt in Deutschland: Globalisierung als Spaltpilz und sozialer Sprengsatz<\/strong><\/p><p><em>Von Christoph Butterwegge<\/em><\/p><p>Mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 und dem Kollaps aller &bdquo;realsozialistischen&ldquo; Wirtschaftssysteme in Ostmitteleuropa erfasste die Herrschaft des Marktes den ganzen Planeten. Marktwirtschaft war zwar immer schon auf den Weltmarkt orientiert, ihrem Expansionsdrang und dem freien Kapitalfluss hatte der Staatssozialismus aber seit der sowjetischen Oktoberrevolution 1917, zumindest aber von 1945 an Grenzen gesetzt.<br>\nNach dessen Zusammenbruch gab es ein ideologisches Vakuum, in das neoliberale Kr&auml;fte mit Erfolg hineinstie&szlig;en.<br>\nNicht die Globalisierung selbst, wohl aber der verbreitete Irrglaube, ihre dominante Erscheinungsform &ndash; die ich als neoliberale Modernisierung bezeichne &ndash; mehre den Wohlstand aller &bdquo;Wirtschaftsstandorte&ldquo; (St&auml;dte, Regionen, Nationen) und s&auml;mtlicher B&uuml;rger\/innen, ist ein Mythos, welcher von den bestehenden Herrschaftsverh&auml;ltnissen und dem Machtmissbrauch jener Kreise ablenkt, die davon am meisten profitieren.<br>\nBei der neoliberalen Modernisierung handelt es sich um eine Deformation von Globalisierung und ein gesellschaftspolitisches Gro&szlig;projekt, das noch mehr soziale Ungleichheit schafft und schaffen soll, als es sie aufgrund der ungerechten Verteilung von Ressourcen, Bodensch&auml;tzen, Grundeigentum, Kapital und Arbeit ohnehin gibt. Bezweckt wird die Umverteilung von Reichtum, Macht und Lebenschancen. Mittel zum Zweck bilden die &Ouml;konomisierung (fast) aller Gesellschaftsbereiche, deren Restrukturierung nach dem Marktmodell und die Generalisierung seiner betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien und Konkurrenzmechanismen.<br>\n Armut ist kein &bdquo;(un)sozialer Kollateralschaden&ldquo; dieser Form der Globalisierung, vielmehr im Gesellschaftsmodell des Neoliberalismus, der nach einem leistungsorientierten Entgelt f&uuml;r Arbeitnehmer\/innen und einer st&auml;rkeren Lohnspreizung ruft, durchaus funktional: Sie f&uuml;hrt den Armen vor Augen, dass sie mehr leisten (d.h. nach neoliberaler Lesart: &ouml;konomischen Erfolg haben) m&uuml;ssen, und illustriert den (noch) nicht davon Betroffenen, was ihnen droht, wenn sie den Anforderungen einer Hochleistungs- und Konkurrenz&ouml;konomie nicht mehr gen&uuml;gen sollten.<\/p><p><strong>Spaltungstendenzen als Konsequenzen der neoliberalen Modernisierung<\/strong><\/p><p>Unter den bestehenden Herrschafts-, Macht- und Mehrheitsverh&auml;ltnissen wirken Globalisierungsprozesse nicht nur als gesellschaftspolitische Spaltpilze, bergen vielmehr auch sozialen Sprengstoff in sich. Die als neoliberale Modernisierung frontal gegen das Projekt sozialer Gleichheit gerichtete Spielart der Globalisierung f&uuml;hrt zu Ausdifferenzierungs- bzw. Polarisierungsprozessen in fast allen Bereichen von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Genannt und anschlie&szlig;end grob skizziert seien:<\/p><ol>\n<li>die soziale Polarisierung zwischen Zentrum und Peripherie, d.h. Metropolen und Entwicklungsl&auml;ndern, wie innerhalb jeder einzelnen Gesellschaft;<\/li>\n<li>die Aufspaltung des Gemeinwesens entwickelter Industriel&auml;nder in einen Wohlfahrtsmarkt und einen Wohlt&auml;tigkeitsstaat, welcher Menschen auf einem Minimalniveau versorgt, die keine Chance haben, ihre Lebensbed&uuml;rfnisse und Sicherheitsinteressen als K&auml;ufer\/innen auf jenem zu befriedigen;<\/li>\n<li>die Herausbildung einer Doppelstruktur der Armut (&bdquo;underclass&ldquo; und &bdquo;working poor&ldquo;);<\/li>\n<li>die Dualisierung des Prozesses transkontinentaler Wanderungen in Experten- bzw. Elitenmigration einerseits und Elendsmigration andererseits;<\/li>\n<li>die Ausdifferenzierung der Migrationspolitik in positive Anreize f&uuml;r Erstere sowie Restriktionen und negative Sanktionen f&uuml;r Letztere;<\/li>\n<li>eine Krise bzw. ein Zerfall der St&auml;dte, bedingt durch die soziale Marginalisierung und siedlungsr&auml;umliche Segregation von (ethnischen) Minderheiten;<\/li>\n<li>die Modernisierung und Fraktionierung des organisierten Rechtsextremismus durch Ausdifferenzierung des Nationalismus (in einen v&ouml;lkischen und einen Standortnationalismus).<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die soziale Polarisierung nimmt zu: Zerfall der (Welt-)Gesellschaft in Arm und Reich<\/strong><\/p><p>In einer Welt, die so reich ist wie nie zuvor, verbreitet und verfestigt sich die Armut. Fast die H&auml;lfte aller Erdenb&uuml;rger\/innen, ca. 2,8 Milliarden Menschen, lebten um die Jahrtausendwende von weniger als 2 US-Dollar pro Tag, und ein F&uuml;nftel, ca. 1,2 Milliarden Menschen, gar von weniger als 1 Dollar pro Tag (vgl. Weltentwicklungsbericht 2001, S. 3). Not und Elend sind schlimm, noch schlimmer ist aber, dass gleichzeitig Luxus und &Uuml;berfluss wachsen. <\/p><p>Die globale Pauperisierung verbindet sich mit einer sozialen Polarisierung ohne Vorbild: Milliardenverm&ouml;gen wie das des US-amerikanischen Computerunternehmers Bill Gates einerseits sowie Seuchen, Hungertod und Verzweiflung von Milliarden Menschen (besonders in der s&uuml;dlichen Hemisph&auml;re) andererseits bestimmen das Bild einer Welt, die zunehmend zerf&auml;llt. <\/p><p>Eine der Konsequenzen ist die Militarisierung, Brutalisierung und Verrohung vieler Gesellschaften wie der internationalen Beziehungen, wodurch sich Putsche, B&uuml;rgerkriege und Kriege h&auml;ufen, aber auch der Form nach wandeln.<br>\nHierzulande f&uuml;hrt das neoliberale Konzept nicht nur zur Auseinanderentwicklung von Gesellschaft und Staat (privater Reichtum &ndash; &ouml;ffentliche Armut), sondern auch zur Ausdifferenzierung der Ersteren in (relativ) Arm und (ganz) Reich. <\/p><p>Auf der personellen Ebene hei&szlig;t dies: Reiche werden immer reicher, Arme immer zahlreicher. Bei den Mittelschichten weichen die Aufstiegshoffnungen den Abstiegs&auml;ngsten. Schlie&szlig;lich geht die &Ouml;konomisierung bzw. Kommerzialisierung von immer mehr Lebensbereichen mit der Marginalisierung vieler Menschen einher, die sich langlebige Konsumg&uuml;ter, personenbezogene Dienstleistungen und sogar Waren des t&auml;glichen Bedarfs immer weniger leisten k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Reprivatisierung der sozialen Risiken: Spaltung des Gemeinwesens in einen Wohlfahrtsmarkt und einen Wohlt&auml;tigkeitsstaat<\/strong><\/p><p>Noch nie wurde die zwischenmenschliche Solidarit&auml;t in der modernen Gesellschaft auf eine &auml;hnlich harte Probe gestellt wie heute. &bdquo;Globalisierung&ldquo; fungiert dabei als Kampfbegriff, der die Entsolidarisierung zum Programm erhebt. Ma&szlig;nahmen zur Privatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen, sozialer Dienstleistungen und allgemeiner Lebensrisiken, zur Liberalisierung der (Arbeits-)M&auml;rkte, zur Deregulierung gesetzlicher Schutzbestimmungen und zur Flexibilisierung tarifvertraglich abgesicherter Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse sind Schritte auf dem Weg in eine &bdquo;Kapital-Gesellschaft&ldquo;, die Konkurrenz und Kommerz pr&auml;gen. <\/p><p>Die soziale Sicherheit wird (re)privatisiert und die Erwerbsarbeit prekarisiert, was zu einem Teufelskreis f&uuml;hrt, weil sich die &bdquo;besseren Risiken&ldquo; aus dem Sozialversicherungssystem zur&uuml;ckziehen, wodurch dieses noch unattraktiver wird und niemanden mehr richtig absichern kann. Darunter haben Personen mit einem hohen Gef&auml;hrdungspotenzial und relativ niedrigen Einkommen wiederum am meisten zu leiden.<\/p><p>Perspektivisch wird das Gemeinwesen in einen Wohlfahrtsmarkt einerseits sowie einen Wohlt&auml;tigkeits-, Almosen- und Suppenk&uuml;chenstaat andererseits gesplittet. Wegbereitend wirkten die Teilprivatisierung der Altersvorsorge durch Einf&uuml;hrung der sog. Riester-Rente, die Beschr&auml;nkung der Finanzierung des Zahnersatzes und des Krankengeldes auf die Versicherten durch die Gesundheitsreform 2004 sowie die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und Abschiebung der Langzeitarbeitslosen in die F&uuml;rsorge durch Hartz IV. <\/p><p>Auf dem Wohlfahrtsmarkt kaufen sich jene B&uuml;rger\/innen, die es sich finanziell leisten k&ouml;nnen, soziale Sicherheit (z.B. Versicherungspolicen der Assekuranz zur Altersvorsorge). Dagegen stellt der postmoderne F&uuml;rsorgestaat nur noch euphemistisch als &bdquo;Grundsicherung&ldquo; bezeichnete Minimalleistungen bereit, die Menschen vor dem Verhungern und Erfrieren bewahren, sie ansonsten jedoch der Privatwohlt&auml;tigkeit und karitativer Zuwendung seitens ihrer besser situierten Mitb&uuml;rger\/innen &uuml;berantworten. <\/p><p>Man spricht viel vom &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; sowie von der Notwendigkeit, &bdquo;mehr Eigenverantwortung&ldquo; zu praktizieren, meint damit aber eine massive Zusatzbelastung f&uuml;r Arbeitnehmer\/innen bzw. Rentner\/innen und eine &ouml;ffentliche Verantwortungslosigkeit, die mit dem Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes unvereinbar ist.<\/p><p><strong>Zweiteilung der Unterprivilegierten in &bdquo;arme Arbeitslose&ldquo; und &bdquo;arbeitende Arme&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es gibt keinen sozialen &bdquo;Fahrstuhl-Effekt&ldquo; (Ulrich Beck), der s&auml;mtliche Gesellschaftsschichten und -klassen gemeinsam nach oben bzw. nach unten bef&ouml;rdert, sondern einen Paternoster-Effekt: In demselben Ma&szlig;e, wie die einen nach oben gelangen, geht es f&uuml;r die anderen nach unten. Mehr denn je existiert im Zeichen der Globalisierung ein soziales Auf und Ab, das Unsicherheit und Existenzangst f&uuml;r eine wachsende Zahl von Menschen mit sich bringt.<\/p><p>Jenseits der Spaltung in Arm und Reich, die sich versch&auml;rft und zu einer Gefahr f&uuml;r den sozialen Frieden wird, l&auml;sst sich immer deutlicher eine weitere Trennlinie erkennen, die innerhalb der Armutspopulation selbst verl&auml;uft und sie in zwei Teilgruppen zerlegt. Durch die neoliberale Standortpolitik wirkt der Globalisierungsprozess als &bdquo;soziales Scheidewasser&ldquo;, das die Bev&ouml;lkerung der Bundesrepublik wie die anderer L&auml;nder in Gewinner und Verlierer\/innen, Letztere jedoch noch einmal in v&ouml;llig Marginalisierte (Dauerarbeitslose, total Deprivierte und Langzeitarme) einerseits sowie Geringverdiener\/innen (prek&auml;r Besch&auml;ftigte, von &Uuml;berschuldung Bedrohte und Kurzzeitarme) andererseits spaltet. W&auml;hrend die Dauerarbeitslosen quasi den &bdquo;sozialen Bodensatz&ldquo; im postmodernen Kapitalismus bilden, verk&ouml;rpern Niedriglohnempf&auml;nger\/innen, oftmals Migrant(inn)en bzw. ethnischen Minderheiten entstammend, gewisserma&szlig;en das &bdquo;Treibgut&ldquo; des Globalisierungsprozesses.<\/p><p>Man kann nicht nur von einer Dualisierung des Arbeitsmarktes, sondern auch von einer Doppelstruktur der Armut sprechen: Einerseits sind davon (bis in den Mittelstand hinein) mehr Personen betroffen, und zwar auch solche, die fr&uuml;her &ndash; weil meist voll erwerbst&auml;tig &ndash; im relativen Wohlstand des &bdquo;Wirtschaftswunderlandes&ldquo; lebten. Deutlich zugenommen hat die Zahl jener Haushalte, deren Einkommen trotz Lohnarbeit in Form eines oder sogar mehrerer Arbeitsverh&auml;ltnisse nicht oder nur noch knapp &uuml;ber der relativen Armutsgrenze liegt (&bdquo;working poor&ldquo;).<br>\nAndererseits verfestigt sich die Langzeit- bzw. Mehrfacharbeitslosigkeit &auml;lterer und\/oder gering qualifizierter Personen zur Dauerarbeitslosigkeit, wodurch ansatzweise eine Schicht total Deklassierter, d.h. ganz vom Arbeitsmarkt wie auch von der gesellschaftlichen Teilhabe Ausgeschlossener (&bdquo;underclass&ldquo;), entsteht.<\/p><p><strong>Dualisierung der Zuwanderung in Eliten- und Elendsmigration<\/strong><\/p><p>Die soziale Spaltung der Weltgesellschaft l&ouml;st neue Wanderungsprozesse aus und f&uuml;hrt zu einer Spaltung der Migration wie der Migrant(inn)en. Je mehr die sog. Dritte Welt im Globalisierungsprozess von der allgemeinen Wirtschafts- bzw. Wohlstandsentwicklung abgekoppelt wird, umso eher w&auml;chst der Migrationsdruck, welcher Menschen veranlasst, ihrer Heimat den R&uuml;cken zu kehren und gezielt nach M&ouml;glichkeiten der Existenzsicherung in ferneren Weltregionen zu suchen, was wiederum versch&auml;rfend auf die Einkommensdisparit&auml;ten zwischen den und innerhalb der einzelnen Gesellschaften zur&uuml;ckwirkt. Gleichzeitig werden soziale Zusammenh&auml;nge labiler und die Menschen gezwungenerma&szlig;en sowohl beruflich flexibler wie auch geografisch mobiler. Sie &uuml;berwinden leichter und viel schneller als in der Vergangenheit riesige Entfernungen.<\/p><p>Neben die Migrationsform eines intentionalen, direkten und definitiven Wohnsitzwechsels, der in aller Regel einer prek&auml;ren oder Notsituation im Herkunftsland geschuldet ist (Elends- bzw. Fluchtmigration), tritt eine neue Migrationsform, bei der sich H&ouml;chstqualifizierte, wissenschaftlich-technische, &ouml;konomische und politische Spitzenkr&auml;fte sowie k&uuml;nstlerische und Sportprominenz heute hier, morgen dort niederlassen, sei es, weil ihre Einsatzorte rotieren, der berufliche Aufstieg durch eine globale Pr&auml;senz erleichtert wird oder Steuervorteile zum &bdquo;modernen Nomadentum&ldquo; einladen (Eliten- bzw. Expertenmigration). <\/p><p><strong>Ausdifferenzierung des Migrationsregimes: Anwerbung der &bdquo;besten K&ouml;pfe&ldquo; und Fl&uuml;chtlingsabwehr<\/strong><\/p><p>Mit den Wanderungsbewegungen erf&auml;hrt die Zuwanderungspolitik in den westlichen Wohlfahrtsstaaten eine Ausdifferenzierung: Die Elendsmigration folgt, unterliegt jedoch auch ganz anderen Gesetzen als die Eliten- bzw. Expertenmigration.<br>\nErstere st&ouml;&szlig;t nicht nur auf offene Ablehnung in der &ouml;ffentlichen Meinung, wie etwa die alarmistisch gef&uuml;hrte Asyldebatte zu Beginn der 1990er-Jahre zeigte, sondern gilt als Existenzbedrohung f&uuml;r den &bdquo;eigenen&ldquo; Wirtschaftsstandort.<br>\nLetztere wird zwar im Standortinteresse akzeptiert, aber je nach Konjunktur- bzw. Arbeitsmarktlage limitiert. Globalisierung macht die Grenzen also nicht durchl&auml;ssiger, bietet Menschen, die als &bdquo;Edelmigrant(inn)en&ldquo; bevorzugt ins Land gelassen, wenn nicht gar gelockt werden, jedoch winzige Schlupfl&ouml;cher.<\/p><p>W&auml;hrend im Bereich der Flucht- wie der &bdquo;illegalen&ldquo; und der &bdquo;normalen&ldquo; Arbeitsmigration rigide Kontroll- und Schlie&szlig;ungsmechanismen des einzelnen Nationalstaates greifen, der seine vom Globalisierungsprozess bedrohte Souver&auml;nit&auml;t durch die Weigerung, Minderprivilegierte und Schutzsuchende aufzunehmen, wieder herstellen zu k&ouml;nnen glaubt, geschieht im Bereich der Experten- und Elitenmigration genau das Gegenteil: Der einzelne Nationalstaat verzichtet auf Kompetenzen zugunsten transnationaler Konzerne, die als Global Player ihre Personalplanung nicht von staatlichen Zuwanderungsentscheidungen abh&auml;ngig machen wollen.<br>\nWenn man so will, entsteht ein duales und selektives Migrationsregime: Die &bdquo;guten&ldquo; (sprich jungen und m&ouml;glichst hoch qualifizierten) Zuwanderer werden angeworben bzw. willkommen gehei&szlig;en, die &bdquo;schlechten&ldquo; (sprich &auml;lteren und niedrig qualifizierten) Zuwanderer systematisch abgeschreckt. &bdquo;Zuckerbrot&ldquo; und &bdquo;Peitsche&ldquo; dienen als Instrumente einer Migrationspolitik, die &ouml;konomischen bzw. demografischen Interessen folgt, wiewohl die Menschenrechte in Sonntagsreden zur obersten Richtschnur des Handelns erkl&auml;rt werden.<\/p><p><strong>Krise der (Gro&szlig;-)Stadt aufgrund sozialr&auml;umlicher Segmentierung ihrer Bewohner\/innen<\/strong><\/p><p>Der sozialen Diskriminierung und r&auml;umlichen Segmentierung von Migrant(inn)en folgt die Marginalisierung jener Stadtteile, die sie bewohnen, auf dem Fu&szlig;. Auf zwei territorialen Ebenen findet eine Polarisierung statt: zwischen den St&auml;dten und (zwischen Quartieren) innerhalb der St&auml;dte.<br>\nStadtentwicklungsplanung, die als Standortpolitik der Kapitallogik folgt, schafft auf der einen Seite glamour&ouml;se Schaufenster des Konsums (&bdquo;R&auml;ume der Sieger&ldquo;) und auf der anderen Seite vernachl&auml;ssigte Wohnquartiere (&bdquo;R&auml;ume der Verlierer&ldquo;), die kaum noch etwas miteinander zu tun haben. Besonders in boomenden Zentren verbindet sich der Mangel an finanziellen Ressourcen, wie ihn die Zuwanderer mit ihren meist miserabel entlohnten Arbeitspl&auml;tzen (&bdquo;bad jobs&ldquo;) verzeichnen, mit einer prek&auml;ren Situation auf dem Wohnungsmarkt. Migrant(inn)en leben &uuml;berwiegend in benachteiligten Wohngebieten, die als &bdquo;soziale Brennpunkte&ldquo; diskreditiert, mit einer &uuml;berh&ouml;hten &bdquo;Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t&ldquo; assoziiert oder euphemistisch als &bdquo;Stadtteile mit besonderem Entwicklungs-&ldquo; bzw. &bdquo;Erneuerungsbedarf&ldquo; tituliert werden.<\/p><p><strong>Ethnisierung der sozialen Konflikte, Dualisierung des Nationalismus und &bdquo;Modernisierung&ldquo; des Rechtsextremismus<\/strong><\/p><p>Die neoliberale Modernisierung st&uuml;tzt bzw. best&auml;tigt scheinbar Ideologien der Ungleichheit, wie sie Nationalismus, Rassismus und Sozialdarwinismus als geistige Triebkr&auml;fte des Rechtsextremismus verk&ouml;rpern.<br>\nJe mehr die &ouml;konomische Konkurrenz im Rahmen der &bdquo;Standortsicherung&ldquo; versch&auml;rft wird, umso leichter l&auml;sst sich die kulturelle Differenz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft politisch aufladen und als Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium instrumentalisieren. Vordergr&uuml;ndig geht es bei der Ethnisierung um die &bdquo;kulturelle Identit&auml;t&ldquo;; dahinter stecken aber meist Konflikte um knappe gesellschaftliche Ressourcen. Gewalt gegen&uuml;ber (ethnischen) Minderheiten nimmt zu, wenn &ndash; trotz eines weiterhin wachsenden Bruttoinlandsproduktes und privaten Wohlstandes &ndash; der Eindruck vorherrscht, dass sich die Verteilungsspielr&auml;ume verengen. Verteilungsk&auml;mpfe werden zu Abwehrgefechten der Einheimischen gegen &bdquo;Fremde&ldquo; und interkulturellen Konflikten hochstilisiert, sofern ausgrenzend-aggressive T&ouml;ne in der politischen Kultur eines Landes die Oberhand gewinnen.<\/p><p>Seit der historischen Z&auml;sur 1989\/90 befindet sich der Nationalismus weltweit im Umbruch. Bedingt durch die Globalisierung, teilt er sich gegenw&auml;rtig fast &uuml;berall in zwei Str&ouml;mungen: einen v&ouml;lkisch-traditionalistischen, meist protektionistisch orientierten Abwehrnationalismus, der besonders in den sog. Schwellenl&auml;ndern &uuml;berwiegt, die ihre Markt&ouml;ffnung als &bdquo;Globalisierungsverlierer&ldquo; mit &ouml;konomisch-sozialen Verwerfungen bezahlen (z.B. Russland), sowie einen Standortnationalismus, der als Begleiterscheinung des Neoliberalismus gelten kann und einer &ouml;konomisch-technologischen wie geistig-moralischen Aufr&uuml;stung bzw. Aufwertung des &bdquo;eigenen&ldquo; Wirtschaftsstandortes dient, wo hoch entwickelte Industriel&auml;nder &ndash; etwa die Bundesrepublik &ndash; mit Erfolg modernisiert werden. Der zeitgen&ouml;ssische Nationalismus nimmt eine Doppelstruktur an, die sich innerhalb des organisierten Rechtsextremismus reproduziert.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li>Butterwegge, Christoph: Krise und Zukunft des Sozialstaates, 3. Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2006<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph\/Hentges, Gudrun (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik, 3. Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2006<\/li>\n<li>Prof. Dr. Christoph Butterwegge leitet die Abteilung f&uuml;r Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 24. &ndash; 26 November findet in der Fachhochschule, Kleiststra&szlig;e in Frankfurt ein Kongress des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) zum Thema <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/bdwi\/ungleichheit\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bdwi.de\/bdwi\/ungleichheit\/\">&bdquo;Ungleichheit als Projekt&ldquo;<\/a> statt. 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