{"id":1886,"date":"2006-11-23T08:26:47","date_gmt":"2006-11-23T07:26:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1886"},"modified":"2019-02-15T13:16:11","modified_gmt":"2019-02-15T12:16:11","slug":"wie-der-sozialstaat-reformiert-bzw-demontiert-wird-wandlungen-des-gerechtigkeitsbegriffs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1886","title":{"rendered":"Wie der Sozialstaat reformiert bzw. demontiert wird. Wandlungen des Gerechtigkeitsbegriffs."},"content":{"rendered":"<p>Christoph Butterwegge hat uns ein weiteres Kurzreferat f&uuml;r den vom 24. -26. November in Frankfurt stattfindenen BdWi-Kongress <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/bdwi\/ungleichheit\/228132.html\">&bdquo;Ungleichheit als Projekt&ldquo;<\/a> zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wandlungen des Gerechtigkeitsbegriffs auf dem Weg zum Almosen- und Suppenk&uuml;chenstaat<\/strong><\/p><p><em>Von Christoph Butterwegge<\/em><\/p><p>Bei der gegenw&auml;rtigen &bdquo;Umbau&ldquo;-Diskussion handelt es sich um den umfassendsten Angriff auf den Sozialstaat in seiner jahrzehntelang gewohnten Gestalt. Auf der politischen Agenda steht nicht etwa nur weniger, sondern ein anderer Staat. Es geht also keineswegs um die Liquidation des Sozialstaates, vielmehr um seine Reorganisation nach einem neoliberalen Konzept, das Leistungsreduktionen (z.B. &bdquo;Nullrunden&ldquo; f&uuml;r Rentner\/innen), eine Versch&auml;rfung der Anspruchsvoraussetzungen (z.B. Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters) bzw. eine Verk&uuml;rzung der Bezugszeiten (z.B. von Arbeitslosengeld) und die Reindividualisierung sozialer Risiken beinhaltet.<\/p><p><strong>Wie der Sozialstaat reformiert bzw. demontiert wird<\/strong><\/p><p>Durch die verharmlosend oder besch&ouml;nigend &bdquo;Reformen&ldquo; genannten Ma&szlig;nahmen ver&auml;ndert sich der Sozialstaat grundlegend, und zwar in mehrfacher Hinsicht:<\/p><p>Aus dem Wohlfahrtsstaat wird ein &bdquo;nationaler Wettbewerbsstaat&ldquo; (Joachim Hirsch), der die Aufgabe hat, durch seine Politik die Konkurrenzf&auml;higkeit des &bdquo;eigenen&ldquo; Wirtschaftsstandortes auf dem Weltmarkt, Wachstum und Besch&auml;ftigung zu f&ouml;rdern. Sozialstaatlichkeit, die eigentlich Verfassungsrang hat, besitzt f&uuml;r Neoliberale keinen Eigenwert mehr, sondern muss sich nach der Standortlogik wirtschaftlichen und Machtinteressen unterwerfen. Dies zeigt sich etwa bei Debatten &uuml;ber die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes oder die Aufweichung des Fl&auml;chentarifvertrages. Da fast alle Gesellschaftsbereiche im Zuge einer &Ouml;konomisierung, Privatisierung und Liberalisierung nach dem Vorbild des Marktes umstrukturiert werden, h&auml;lt die Konkurrenz auch Einzug im Sozialstaat (Beispiel: Wettbewerb zwischen frei-gemeinn&uuml;tzigen und privat-gewerblichen Tr&auml;gern im Bereich der ambulanten Pflegedienste). <\/p><p>Aus dem Sozialstaat wird ein Minimalstaat. Der &bdquo;schlanke Staat&ldquo;, wie er dem Neoliberalismus vorschwebt, ist im Hinblick auf die Sozialpolitik eher magers&uuml;chtig, aber keineswegs frei von b&uuml;rokratischen Ausw&uuml;chsen &ndash; ganz im Gegenteil! Leistungsk&uuml;rzungen und die Versch&auml;rfung von Anspruchvoraussetzungen gehen mit Strukturver&auml;nderungen einher, die nicht nur mehr Markt, sondern teilweise auch mehr staatliche Administration bedeuten. Beispielsweise werden f&uuml;r Zertifizierungsagenturen, Evaluationsb&uuml;rokratien und Leistungskontrollen aller Art wom&ouml;glich mehr Sach- und Personalmittel ben&ouml;tigt als vorher.<br>\nDer neoliberale Residualstaat ist eher Kriminal- als Sozialstaat, weil ihn die drastische Reduktion der Wohlfahrt zur Repression gegen&uuml;ber jenen Personengruppen zwingt, die als Modernisierungs- bzw. Globalisierungsverlierer\/innen zu Opfern seiner r&uuml;ckw&auml;rts gerichteten &bdquo;Reformpolitik&ldquo; werden. Je weniger gro&szlig;z&uuml;gig die Sozialleistungen einer reichen Gesellschaft ausfallen, umso schlagkr&auml;ftiger muss ihr Sicherheits- bzw. Gewaltapparat sein. Was sie an der Wohlfahrt spart, geht f&uuml;r Ma&szlig;nahmen gegen den Drogenmissbrauch, Kriminalit&auml;t und Gewalt drauf.<\/p><p>An die Stelle des aktiven Sozialstaates, wie man ihn bei uns bisher kannte, tritt &ndash; sehr stark vom Kommunitarismus, einer US-amerikanischen Denkrichtung, beeinflusst &ndash; ein &bdquo;aktivierender&ldquo;, Hilfebed&uuml;rftige nicht mehr ohne entsprechende Gegenleistung alimentierender Sozialstaat. Der &bdquo;welfare state&ldquo; wandelt sich zum &bdquo;workfare state&ldquo;, wenn man den Arbeitszwang ins Zentrum der Besch&auml;ftigungs- und Sozialpolitik r&uuml;ckt. Ausgerechnet in einer Besch&auml;ftigungskrise, wo Millionen Arbeitspl&auml;tze &ndash; nicht: Arbeitswillige &ndash; fehlen, wird so getan, als seien die von Erwerbslosigkeit unmittelbar Betroffenen an ihrem Schicksal selbst schuld. Trotz des wohlklingenden Mottos &bdquo;F&ouml;rdern und fordern!&ldquo;, das Leistungsgesetze von Gegenleistungen der Beg&uuml;nstigten abh&auml;ngig macht, bem&uuml;ht man sich gar nicht darum, die Chancen von sozial Benachteiligten zu verbessern, wie man im Weiterbildungsbereich sieht, wo sich die Bundesagentur (fr&uuml;her: -anstalt) f&uuml;r Arbeit immer st&auml;rker auf Hochqualifizierte und relativ leicht Vermittelbare konzentriert. Durch den Verzicht auf eine Zielgruppenf&ouml;rderung und sozialp&auml;dagogische Zusatzbetreuung sowie die unsoziale, aber auch kurzsichtige Fixierung auf den zu erwartenden Vermittlungserfolg (&bdquo;Output-Orientierung&ldquo; mit der Festlegung einer &bdquo;Verbleibsquote&ldquo; von mindestens 70 Prozent als Voraussetzung f&uuml;r die Finanzierung von wie auch die Teilnahme an Weiterbildungsma&szlig;nahmen) bleiben die sog. Hauptproblemgruppen des Arbeitsmarktes (Langzeitarbeitslose, &Auml;ltere und Berufsr&uuml;ckkehrerinnen) von Qualifizierungs- bzw. F&ouml;rderma&szlig;nahmen praktisch ausgeschlossen.<\/p><p>Der deutsche Sozial(versicherungs)staat, seit seiner Begr&uuml;ndung durch Otto von Bismarck im Kern darauf gerichtet, die m&auml;nnlichen Industriearbeiter mit ihren Familien vor Standardrisiken wie dem Tod des Ern&auml;hrers, der Invalidit&auml;t und der Armut im Alter zu sch&uuml;tzen, wird zu einem reinen F&uuml;rsorge-, Almosen- und Suppenk&uuml;chenstaat gemacht, der nicht mehr den Lebensstandard seiner Klientel erh&auml;lt, sondern ihr nur noch eine Basisversorgung angedeihen l&auml;sst. Hartz IV war u.a. mit seiner Abschaffung der Arbeitslosenhilfe, als &bdquo;Zusammenlegung mit der Sozialhilfe&ldquo; sehr unzureichend charakterisiert, ein wichtiger Zwischenschritt auf diesem Weg und eine historische Z&auml;sur in der Entwicklung des Arbeits- und Sozialrechts. Man spricht von &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo;, &bdquo;Selbstvorsorge&ldquo; und &bdquo;Privatinitiative&ldquo;, meint aber die &ouml;ffentliche Verantwortungslosigkeit sowie eine Mehrbelastung von Arbeitnehmer(inne)n und Rentner(inne)n.<\/p><p>Auch im folgenden Punkt tr&auml;gt die sozialpolitische Postmoderne mittelalterliche Z&uuml;ge einer partiellen Refeudalisierung: Durch die schrittweise Reindividualisierung, Reprivatisierung und R&uuml;ckverlagerung sozialer Risiken auf die Familien, wie sie CDU-Generalsekret&auml;r Ronald Pofalla mit seinem Vorschlag antizipierte, nicht nur Eltern sollten f&uuml;r ihre (erwachsenen) Kinder aufkommen, wenn diese arbeitslos seien, sondern auch (erwachsene) Kinder f&uuml;r ihre arbeitslosen Eltern, f&auml;llt die Gesellschaft hinter politische Errungenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts zur&uuml;ck.<\/p><p>Gleichzeitig wird das Gemeinwesen in einen Wohlfahrtsmarkt und einen Wohlt&auml;tigkeitsstaat gespalten. Auf dem Wohlfahrtsmarkt kaufen sich jene B&uuml;rger\/innen, die es sich finanziell leisten k&ouml;nnen, das f&uuml;r sie erschwingliche Ma&szlig; an sozialer Sicherheit (z.B. Altersvorsorge durch Versicherungspolicen der Assekuranz). Erg&auml;nzend stellt der postmoderne F&uuml;rsorgestaat als &bdquo;Grundsicherung&ldquo; bezeichnete Minimalleistungen bereit, die Menschen vor dem Verhungern und Erfrieren bewahren, sie ansonsten jedoch der Privatwohlt&auml;tigkeit &uuml;berantworten. Folgerichtig haben karitatives Engagement, ehrenamtliche T&auml;tigkeit im Sozialbereich, Spendenbereitschaft und die Gr&uuml;ndung gemeinn&uuml;tziger Stiftungen derzeit (wieder) Hochkonjunktur.<\/p><p><strong>Wie der Gerechtigkeitsbegriff zwecks Legitimation des Sozialabbaus deformiert wird<\/strong><\/p><p>Gerechtigkeit bildet den Ma&szlig;stab f&uuml;r die in einer Gesellschaft akzeptierte (Un-)Gleichheit. Mit den neoliberalen Pl&auml;nen zum Um- bzw. Abbau des Sozialstaates, also Konzepten wie der sog. Hartz- oder der sog. R&uuml;rup-Kommission und Gerhard Schr&ouml;ders &bdquo;Agenda 2010&ldquo;, h&auml;uften sich Bem&uuml;hungen, die in der Gesellschaft bis dahin g&uuml;ltigen Gerechtigkeitsvorstellungen grundlegend zu ver&auml;ndern. Reformen der o.g. Art h&auml;tten sonst kaum Chancen, auf Massenakzeptanz zu treffen. Der dominierende Gerechtigkeitsbegriff wurde in mehrfacher Hinsicht modifiziert; sein Inhalt verschob sich von der Bedarfs- zur &bdquo;Leistungsgerechtigkeit&ldquo;, von der Verteilungs- zur &bdquo;Beteiligungsgerechtigkeit&ldquo; und von der sozialen zur &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo;.<\/p><p>Statt der Bedarfs- wird die Leistungsgerechtigkeit zum Kriterium f&uuml;r sozialstaatliches Handeln gemacht. Damit stellt die neoliberale Hegemonie in der Gesellschaft bisher allgemein verbindliche Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen auf den Kopf. Galt fr&uuml;her der soziale Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Klassen und Schichten als Ziel staatlicher Politik, so steht heute den Siegertypen alles, den &bdquo;Leistungsunf&auml;higen&ldquo; bzw. &bdquo;-unwilligen&ldquo; nach offizieller Lesart hingegen immer weniger zu. F&uuml;r neoliberale &Ouml;konomen, aber auch f&uuml;r etablierte Parteien und Politiker bildet die soziale Gerechtigkeit im Grunde ein Standortrisiko, weshalb sie die Freiheit vorziehen und als M&ouml;glichkeit der Kapitaleigent&uuml;mer interpretieren, zu investieren, wie und wo sie wollen. Das ganze Steuersystem soll darauf ausgerichtet werden, sog. Leistungstr&auml;ger zu belohnen und noch mehr als bisher zu entlasten, um den &bdquo;Standort D&ldquo; zu st&auml;rken. Mit dem Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes ist ein solches Steuersystem schwerlich zu vereinbaren.<\/p><p>Gleichzeitig wird Verteilungsgerechtigkeit als traditionelles Ziel sozialstaatlicher Politik durch Teilhabe- oder Beteiligungsgerechtigkeit ersetzt. Entscheidend sei heute, dass Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildungsinstitutionen und zum Arbeitsmarkt erhielten. So sinnvoll die Erweiterung des Gerechtigkeitsbegriffs in Richtung von &bdquo;Beteiligungsgerechtigkeit&ldquo; sein mag, so wenig kann Letztere als Ersatz daf&uuml;r dienen, weil ihr durch soziale Ungleichheit der Boden entzogen wird. Ohne soziale Emanzipation gibt es keine umfassende politische Partizipation und ohne ein gr&ouml;&szlig;eres Ma&szlig; an Verteilungs- keine Beteiligungsgerechtigkeit. Zu fragen w&auml;re, weshalb ausgerechnet zu einer Zeit, wo das Geld in fast allen Lebensbereichen wichtiger als fr&uuml;her, aber auch ungleicher denn je verteilt ist, seine Bedeutung f&uuml;r die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gesunken sein soll. Damit sie in Freiheit (von Not) leben, ihre Bed&uuml;rfnisse befriedigen und ihre Pl&auml;ne verwirklichen k&ouml;nnen, brauchen Menschen nach wie vor Geld, das sie bei Erwerbslosigkeit, Krankheit und im Alter als soziale bzw. Entgeltersatzleistung vom Sozialstaat erhalten m&uuml;ssen.<\/p><p>Zu den Schlagworten, die suggerieren (sollen), dass sich die Fronten der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung abgeschliffen h&auml;tten und neue Konstellationen entstanden seien, denen sich die Analyse zuwenden m&uuml;sse, geh&ouml;rt der Vorwurf mangelnder Generationengerechtigkeit. H&auml;ufig tut man so, als ob der &bdquo;klassische&ldquo; Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit durch einen neuen Grundwiderspruch, n&auml;mlich denjenigen zwischen Jung und Alt, abgel&ouml;st und Klassenkampf durch einen &bdquo;Krieg der Generationen&ldquo; ersetzt worden sei. Hierbei handelt es sich um eine Dramatisierung des gesellschaftlichen Verteilungskampfes, die &ndash; auf dem R&uuml;cken von Rentner(inne)n ausgetragen &ndash; von den eigentlichen Problemen, etwa der ungerechten Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung, ablenkt. Kinderarmut wird missbraucht, um die nachwachsende gegen die Rentnergeneration auszuspielen und der Letzteren einen Verzicht auf Einkommenszuw&auml;chse oder Leistungsk&uuml;rzungen abzuverlangen. Die soziale Polarisierung, Folge einer Umstrukturierung fast aller Lebensbereiche nach dem Vorbild des Marktes, wirkt sich auf s&auml;mtliche Altersgruppen gleich aus: Armut geht mit wachsendem Wohlstand und vermehrtem Reichtum einher; wenn man so will, bildet sie dessen Kehrseite. Die soziale Scheidewand trennt nicht Jung und Alt, sondern verl&auml;uft immer noch, ja mehr denn je zwischen Arm und Reich &ndash; unabh&auml;ngig vom Lebensalter!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li>Butterwegge, Christoph: Krise und Zukunft des Sozialstaates, 3., erweiterte Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2006<\/li>\n<li>Prof. Dr. Christoph Butterwegge leitet die Abteilung f&uuml;r Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Butterwegge hat uns ein weiteres Kurzreferat f&uuml;r den vom 24. -26. 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