{"id":189,"date":"2005-05-30T11:25:56","date_gmt":"2005-05-30T10:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=189"},"modified":"2016-03-14T15:13:53","modified_gmt":"2016-03-14T14:13:53","slug":"brief-von-uli-maurer-an-den-spd-vorstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=189","title":{"rendered":"Brief von Uli Maurer an den SPD-Vorstand"},"content":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren einen interessanten Brief des ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der baden-w&uuml;rttembergischen SPD und Vorstandsmitglied Ulrich Maurer.<br>\n<!--more--><br>\nLiebe Genossinnen, liebe Genossen, <\/p><p>ich schreibe Euch diesen Brief in Wut und Verzweiflung. Da ich viele von Euch aus meiner langj&auml;hrigen Mitgliedschaft der SPD pers&ouml;nlich gut kenne, vermag ich mir nicht vorzustellen, wie ihr tolerierend verantworten k&ouml;nnt, was derzeit mit der sozialdemokratischen Partei Deutschlands geschieht. <\/p><p>So sieht es also aus: der &bdquo;heroische&ldquo; Abgang eines Kanzlers und &bdquo;Parteif&uuml;hrers&ldquo;, der erst sich selbst und dann seinen Willen der deutschen Sozialdemokratie aufgezwungen hat und sie nun ein letztes Mal vergewaltigt. Was f&uuml;r eine Bilanz: Fast alle L&auml;nder an die Union verloren, 40 % der W&auml;hlerschaft von 1998 ins Abseits getrieben, ein Viertel der Mitglieder verloren. <\/p><p>Die Konsequenz: Nicht die Spur von Selbstkritik, keine &Uuml;bernahme von Verantwortung, kein Gedanke an den eigentlich selbstverst&auml;ndlichen R&uuml;cktritt, keine Korrektur der politischen Linie. Nein, weiter so mit der Agenda 2010: F&uuml;r die Partei in die Niederlage und f&uuml;r ihre Verf&uuml;hrer in die saturierte 3. Lebensphase. Das Ganze als zweiter Putsch von oben. <\/p><p>Und Ihr, die Ihr als gew&auml;hlte F&uuml;hrung die demokratische Substanz dieser Partei verteidigen m&uuml;sstet, lasst zu, dass aus der &auml;ltesten und gr&ouml;&szlig;ten demokratischen Partei Deutschlands ein billiges Gefolgschaftsverh&auml;ltnis geworden ist. <\/p><p>Es gibt keine Ewigkeitsgarantie f&uuml;r die Volksparteien und schon gar nicht f&uuml;r solche, die die Teile des Volkes, die sie am dringendsten brauchen nicht mehr vertreten. <\/p><p>Wer vertritt die Kassiererin bei Aldi und Lidl, wer vertritt die Ungelernten, wer vertritt die &bdquo;falsch&ldquo; qualifizierten Akademikerinnen, wer vertritt die 800 &euro; Rentner, wer vertritt die Empf&auml;nger sinkender Reall&ouml;hne, wer vertritt die Arbeitslosen, die am Ende ihres Berufslebens um ihre Beitr&auml;ge betrogen werden, wer vertritt die Kinder ohne Markenklamotten? Die derzeitige Antwort in dieser Republik hei&szlig;t: Niemand vertritt sie und folgerichtig w&auml;hlen sie auch niemand. Noch folgen sie auch keinem falschen Propheten, noch werden sie nur geringf&uuml;gig gewaltt&auml;tiger, noch lassen sie sich einreden, selbst Schuld zu sein, weil sie die &bdquo;ungeheuren&ldquo; Chancen ihrer &bdquo;ungeheuren&ldquo; Freiheit nicht genutzt haben. Noch werden sie depressiv statt w&uuml;tend, noch lassen sie sich von rot\/gr&uuml;n und rot\/schwarz und schwarz\/rot und schwarz\/gelb und bald schwarz\/gr&uuml;n verwalten. Noch ertragen sie die Selbstbedienung der Machteliten, noch lauschen sie deren gegenseitigen Bezichtigungen, wer die gr&ouml;&szlig;ten Raub- und Spesenritter in den eigenen Reihen hat. Noch h&ouml;ren sie sich an, dass es der Lauf der globalisierten Welt sei, dass die Reichen reicher und die Armen &auml;rmer werden, noch h&ouml;ren sie sich an, dass sie zu unproduktiv sind beim Arbeiten und beim Kinder in die Welt setzen. <\/p><p>Doch dieser Tage wurde Ihnen mitgeteilt, dass profitgierige Heuschrecken das Land &uuml;berfallen haben. Manche haben vielleicht erstaunt aufgehorcht und die waren dann noch erstaunter, dass angesichts dieser Plage die Agenda 2010 richtig, Hartz IV richtig, die Senkung der Spitzensteuers&auml;tze richtig, die nochmalige Senkung der Unternehmenssteuer notwendig, die Zulassung der Hedge Fonds auch notwendig, der Fortbestand von Clement und Eicher &uuml;berlebenswendig sei und der 4 mal angek&uuml;ndigte Aufschwung sie im 5. Jahr von allem Elend erl&ouml;sen werde. <\/p><p>Was soll das Franz M&uuml;ntefering? <\/p><p>Glaubst Du, dass Du die Zeit hast, &uuml;ber eine Grundsatzprogrammdebatte die Partei auf eine Oppositionszeit vorzubereiten, in der dann pl&ouml;tzlich wieder alles gilt, was jetzt sieben Jahre lang nicht gegolten hat. Und das im Schatten eines Kanzlers, dem Du ein so treuer Diener warst und bist. Oder bist Du am Ende ein so platter Stratege, dass Du glaubst, man kann Wahlen gewinnen, indem mal links blickt und rechts weiterf&auml;hrt. <\/p><p>Glaubt Ihr, man kann eine Summe von Fehlentscheidungen aus neoliberalem Geiste treffen und permanent rechtfertigen und dann einen Wahlkampf gegen die b&ouml;sen Marktliberalen von schwarz und gelb f&uuml;hren.<\/p><p>Ist das alles gerechtfertigt, weil rot\/gr&uuml;n halt doch noch das kleinere &Uuml;bel ist? Wer zum Teufel soll sich f&uuml;r ein kleines &Uuml;bel begeistern? <\/p><p>Und wer ist eigentlich das kleinere &Uuml;bel? In der Aussenpolitik sind wir es erkennbar. Wir intervenierten zwar auch weltweit aber nur ein bisschen. Und wir machen nicht immer das, was die USA wollen. <\/p><p>In der Umweltfrage erkennbar: Wir haben 2 Reaktoren abgeschaltet und f&ouml;rdern Wind und Sonne. <\/p><p>Aber sonst: Dieser Tage lesen die staunenden Menschen, das Hans Eichel noch mal die Unternehmenssteuern senkt und der bayerische Ministerpr&auml;sident lehnt ab, weil das Vorhaben zum Teil nicht gegenfinanziert ist, und Hans Eichel will die Erbschaftssteuer f&uuml;r Unternehmensnachfolger abschaffen und die CSU verlangt die Gegenfinanzierung durch die h&ouml;here Besteuerung der Dividenden. <\/p><p>Rot\/gr&uuml;n hat die Steuerfreiheit von Ver&auml;u&szlig;erungsgewinnen durchgesetzt und bek&auml;mpft jetzt verbal die Heuschrecken, die davon angelockt wurden. Und wer hat eigentlich das so genannte Finanzmarktf&ouml;rderungsgesetz gemacht? <\/p><p>Nein: In der Wirtschaftspolitik hat rot\/gr&uuml;n alle W&uuml;nsche des gro&szlig;en Geldes erf&uuml;llt und manchmal sogar noch &uuml;bertroffen. <\/p><p>Und in der Sozialpolitik? Ich rate Euch zu einem kurzen Traum. Tr&auml;umt, CDU\/CSU h&auml;tten Hartz IV gemacht und die Praxisgeb&uuml;hr eingef&uuml;hrt und die Renten gesenkt und die Reall&ouml;hne gek&uuml;rzt, indem sie die Kosten der Krankenversicherung von den Arbeitgebern auf die Arbeitnehmer &uuml;berw&auml;lzt h&auml;tten.<br>\nHei, h&auml;tten da die roten Fahnen auf dem Parteitag geweht und Gerhard Schr&ouml;der h&auml;tte f&uuml;r den Fall des Wahlsiegs die Abschaffung all dessen angek&uuml;ndigt, was er jetzt selbst eingef&uuml;hrt und mit R&uuml;cktritts-Drohungen durchgesetzt hat. Und Oscar Lafontaine w&auml;re neben ihm gestanden und h&auml;tte sich eingeredet, dass der Gerhard das schon alles Ernst meint. Und die Netzwerker h&auml;tten rote Netze gewebt, weil man so ganz schnell Abgeordneter und Staatssekret&auml;r geworden w&auml;re. Was f&uuml;r ein Traum. <\/p><p>Glaubt ihr im Ernst, das ach so dumme Volk wei&szlig; das nicht? Warum soll es Leute w&auml;hlen, die zu jeder Wendung f&auml;hig sind, um an die Macht zu gelangen und zu jeder Unterwerfung bereit, um von den wirklich M&auml;chtigen wohl gelitten zu sein? <\/p><p>Wer hat Euch erlaubt, alle intellektuelle Kompetenz au&szlig;er der im Umgang mit den Medien abzugeben und die von der Verfassung vorgeschriebene Arbeit des Parlaments an die Beratungsindustrie zu delegieren. <\/p><p>Wer hat Euch erlaubt, Euch dem Meinungsmonopol des Neoliberalismus zu unterwerfen und das Land bei explodierenden Gewinnen der Exportindustrie in die Deflation zu f&uuml;hren? Wie kann man glauben, mit sinkender Kaufkraft, sinkender Binnennachfrage und damit steigender Arbeitslosigkeit die Staatsverschuldung abzubauen und Maastricht-Kriterien erf&uuml;llen zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Wie kann man glauben, ein Volk zur Nachfrage zu animieren, indem man ihm jede Woche zweimal den angeblich demographisch begr&uuml;ndeten Zusammenbruch der Alterssicherung ausmalt. <\/p><p>&Ouml;konomismus ist an sich schon schlimm genug, eine Sozialdemokratie die die Unterordnung aller gesellschaftlicher Bez&uuml;ge und aller Werte unter das globalisierte Kapitalverwertungsinteresse als notwendigen Anpassungsprozess deklariert, ist ein Horror. <\/p><p>Und eine Regierung, die den &Ouml;konomismus sogar noch auf die Gewinninteressen der Exportindustrie und der Versicherungswirtschaft reduziert, das h&auml;tte vor einigen Jahren noch selbst mein Vorstellungsverm&ouml;gen gesprengt. <\/p><p>An ihren Fr&uuml;chten sollt ihr sie erkennen hei&szlig;t es in der Heiligen Schrift. <\/p><p>Also: Nach f&uuml;nf Jahren Unterwerfung unter die Dogmen des Neoliberalismus sind die Reichen reicher, die Armen &auml;rmer, die Alten mehr, die Kinder weniger geworden. Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau, die Staatsfinanzen ruiniert und hunderttausend kleiner mittelst&auml;ndischer Existenzen vernichtet. <\/p><p>Das alles soll jetzt durch ein bisschen Heuschrecken-Gezeter und Ackermann-Beschimpfung get&uuml;ncht werden?<br>\nErinnert Ihr Euch noch an die Ehrenerkl&auml;rungen von Clement und Eichel f&uuml;r Herrn Ackermann beim D&uuml;sseldorfer Prozess? <\/p><p>Nein, so billig war die Absolution letztmals zu Zeiten von Tetzel und Luther zu erlangen. <\/p><p>Wer Glaubw&uuml;rdigkeit erwerben will, muss die eigenen Fehler eingestehen und korrigieren. Und wer dazu nicht bereit ist, muss gehen. <\/p><p>Wenn die SPD &uuml;berleben will, muss sie umkehren und der Beginn von Umkehr ist die ehrliche Bilanz und die Abwahl derer, die eine ganze Partei dem Denken des Neoliberalismus und der uniformierten Meinung des gr&ouml;&szlig;ten Teils der Medienindustrie unterworfen haben, weil man ja wie Gerhard Schr&ouml;der so treffend bemerkte, zum regieren nur Bild und die Glotze braucht. <\/p><p>Wenn die SPD <strong>nicht<\/strong> &uuml;berleben will, muss sie nur der Parole &bdquo;Weiter so&ldquo; folgen. F&uuml;r die derzeit handelnden Personen ist das kein Problem: Die deutsche Wirtschaft wird sich ihrer annehmen. Sie hat ja schon damit begonnen. Die gesellschaftlichen Folgen aber werden gro&szlig; sein: Denn der Gegensatz zwischen oben und unten, zwischen arm und reich, zwischen Macht und Ohnmacht bleibt. Wenn die Sozialdemokratie den sozialen Protest nicht mehr formuliert und die Abh&auml;ngigen nicht mehr verteidigt, ist sie historisch obsolet. Es gibt keinen Bedarf f&uuml;r vier neoliberale Parteien in Deutschland. Wie gem&auml;&szlig;igt fortschrittlich get&uuml;ncht oder gr&uuml;n angestrichen sie auch sein m&ouml;gen. Die Wut der Verlierer wird ihr Ventil suchen und finden bei braunen Rattenf&auml;ngern oder in Selbstzerst&ouml;rung und Gewaltt&auml;tigkeit. <\/p><p>Wer das nicht will, muss die SPD zur Kurs&auml;nderung zwingen, oder sie aufgeben und ersetzen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren einen interessanten Brief des ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der baden-w&uuml;rttembergischen SPD und Vorstandsmitglied Ulrich Maurer. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[146,191,132],"tags":[514,1648,312],"class_list":["post-189","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziale-gerechtigkeit","category-spd","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-maurer-ulrich","tag-parteiaustritt","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=189"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32108,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189\/revisions\/32108"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}