{"id":18918,"date":"2013-10-14T09:40:57","date_gmt":"2013-10-14T07:40:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18918"},"modified":"2019-03-02T17:06:09","modified_gmt":"2019-03-02T16:06:09","slug":"in-hellas-viel-asche-aber-kein-phoenix-griechenlands-austertitaetskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18918","title":{"rendered":"In Hellas viel Asche, aber kein Ph\u00f6nix &#8211; Griechenlands Austertit\u00e4tskrise"},"content":{"rendered":"<p>Die j&uuml;ngsten Meldungen &uuml;ber die gesamtwirtschaftliche und fiskalische Entwicklung Griechenlands klingen auff&auml;llig positiv. Vergleichbar dem &bdquo;Phoenix aus der Asche&ldquo; wird das Ende der brutalen Talfahrt der griechischen Wirtschaft beschworen. Sollten sich die Kritiker der Schrumpfpolitik als Gegenleistung f&uuml;r Finanzhilfen zur Abwicklung des Schuldendienstes geirrt haben? Von <strong>Rudolf Hickel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAnfang letzter Woche verbreitete der Hedgefonds des Milliard&auml;rs John Paulson die Entscheidung, auf den Aufschwung jetzt zu wetten &ndash; zumindest auf den Aufschwung der griechischen Banken. Auch zur Gesamtwirtschaft werden positive Botschaften verbreitet. So wird erstmals mit dem geringsten Minuswachstum seit dem Ausbruch der tiefen Rezession 2008  gerechnet. Statt um 4,2% soll das um die Inflation bereinigte Bruttoinlandsprodukt nach Angaben der griechischen Regierung nur noch um 3,8% sinken. Nach dem Konjunkturmuster wettbewerbsf&auml;higer Volkswirtschaften ist vom Aufstieg aus der Talsohle die Rede. Das arbeitgeberbestimmte &bdquo;Institut der deutschen Wirtschaft&ldquo; sieht ebenfalls &bdquo;Licht am Ende des Tunnels&ldquo;. Erfolgsmeldungen kommen auch zum &ouml;ffentlichen Haushalt. Am Ende der ersten sieben Monate dieses Jahres weist Griechenland einen &Uuml;berschuss beim Prim&auml;rsaldo aus. Aus der Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ohne Zinsbelastungen ist ein &Uuml;berschuss mit 2,6 Mrd. &euro; erzielt worden.<\/p><p>Sollten sich die Kritiker der Schrumpfpolitik als Gegenleistung f&uuml;r Finanzhilfen zur Abwicklung des Schuldendienstes geirrt haben? Ein Blick auf die Fakten zeigt, keineswegs. Die Aufschwungoptimisten haben die Ursachen sowie vor allem den Kernprozess dieser tiefgreifenden Rezession auf der Basis einer Strukturkrise immer noch nicht begriffen. Die Abw&auml;rtsspirale aus der Kombination Finanzhilfen aus den Rettungsfonds um den Preis massiver K&uuml;rzungen im Staatshaushalt zusammen mit der Erh&ouml;hung von Massensteuern ist l&auml;ngst noch nicht durchbrochen. W&auml;hrend durch die Finanzhilfen aus dem Rettungsfonds zur Auszahlung auslaufender Staatsanleihen kein Euro in den Aufbau und die St&auml;rkung der griechischen Wirtschaft flie&szlig;t, f&uuml;hrt die &bdquo;Gegenleistung&ldquo; Austerit&auml;tspolitik zum Absturz der binnenwirtschaftlichen Nachfrage. In sechs Jahren der Rezession ist die Wirtschaft um mehr als 17 % geschrumpft. Die Kaufkraft der griechischen Bev&ouml;lkerung bewegt sich auf dem Niveau von vor 14 Jahren. Brutal zeigt sich die Systemkrise in der hohen Arbeitslosigkeit, die in den verbreiteten Pseudoerfolgsmeldungen nicht vorkommt. Sie liegt derzeit bei &uuml;ber 28%. Jugendliche haben mit einer Arbeitslosenquote von knapp  65 % keine berufliche Perspektive. Die dadurch erzeugte Abwanderung ins Ausland dezimiert vor allem die qualifizierten Arbeitskr&auml;fte, die zum Wiederaufbau der griechischen Wirtschaft gebraucht werden. Kernproblem bleibt, dass die negativ durchschlagende Wirkung der Austerit&auml;tspolitik auf die Gesamtwirtschaft und die staatlichen Finanzen v&ouml;llig untersch&auml;tzt werden. Nur der Internationale W&auml;hrungsfonds hat nach seiner Untersch&auml;tzung der Abschwungkr&auml;fte zaghaft Selbstkritik ge&uuml;bt, allerdings keinen Ausstieg aus der Schrumpfpolitik empfohlen. Der Minusmultitplikator, der das Vielfache des Absturzes der Wirtschaft in Folge von Einsparungen und Steuererh&ouml;hungen beschreibt, ist deutlich untersch&auml;tzt worden. W&auml;hrend der IWF  von 0,5% ausging, ist gegen&uuml;ber dem Megavolumen der Schrumpfpolitik in Griechenland mit einem fast vierfachen Verlust der gesamtwirtschaftlichen Produktion zu rechnen. Auch die EU-Kommission hatte sich im Fr&uuml;hjahr 2011 mit der Prognose einer Wachstumsrate von Null Prozent in 2012 blamiert. Faktisch lag der R&uuml;ckgang der Wertsch&ouml;pfung bei 6%. Der auf kleinste Zuw&auml;chse konzentrierte Aufschwungoptimismus l&auml;sst sich auch durch einfache Mathematik entzaubern. Vom Tiefpunkt der &ouml;konomischen Wertsch&ouml;pfung f&uuml;hren bereits kleinste  absolute Zuw&auml;chse der Produktion zu hohen Wachstumsraten. <\/p><p>Die Motive f&uuml;r die Aufschwungrethorik liegen auf der Hand. Die unvermeidbare dritte Runde an Finanzhilfen aus dem Rettungsfonds soll mit derartigen Erfolgsmeldungen torpediert werden. Die Hedgefonds, denen die gesamtwirtschaftliche Lage gleichg&uuml;ltig ist, wetten dagegen auf Profite aus Anteilen an griechischen Banken, die zuvor mit &ouml;ffentlichen Kapitalhilfen gerettet worden sind. Zugleich erh&ouml;hen die Kapitalsammler den Druck auf die griechische Regierung, die Privatisierung des Bankensektors voranzutreiben. <\/p><p>Also, Griechenland konjunkturell zu vermessen, ist gef&auml;hrlich dumm. Es geht um eine tiefgreifende Strukturkrise im Bereich der Binnen- und Au&szlig;enwirtschaft. Aus der durch die Austerit&auml;tspolitik erzeugten Asche kann ein Ph&ouml;nix nicht emporsteigen. Vielmehr sind folgende Ma&szlig;nahmen notwendig: <strong>Erstens<\/strong> ist ein drittes Finanzierungsprogramms f&uuml;r den Schuldendienst erforderlich, denn Griechenland hat noch lange keinen Zugang zu den Kapitalm&auml;rkten. Allerdings k&ouml;nnte ein erneuter Schuldenschnitt schnell Entlastung bringen. <strong>Zweitens<\/strong> muss zur Vermeidung der dadurch erzeugten gesamtwirtschaftlichen Verluste auf die &bdquo;Gegenleistung&ldquo; Austerit&auml;tspolitik endlich verzichtet werden. Finanzmittel m&uuml;ssen in den Aufbau Griechenlands gelenkt werden. <strong>Drittens<\/strong> stellt sich dabei die nicht einfache Aufgabe, wettbewerbsf&auml;hige Wirtschaftsstrukturen auch durch den Aufbau mittelst&auml;ndischer Unternehmen auch in der Exportwirtschaft zu entfalten. <strong>Viertens<\/strong> ist eine grundlegende Verwaltungsreform, insgesamt das Ziel &bdquo;good gouvernance&ldquo; ein Beitrag, den vorrangig Griechenland zu erbringen hat. <\/p><p><em>Siehe dazu auch die Anmerkung zu den &ouml;konomischen Daten bei Niels Kadritzke &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18658\">Wie die griechische Linke die Krise &uuml;berwinden will<\/a>&ldquo;<\/em><br>\n<em>Zum Grundsatzstreit zwischen der Eurozone und dem IWF siehe schon &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15216\">Eurozonen-Finanzminister lassen Griechen am Abgrund taumeln<\/a>&ldquo;<\/em><br>\n<em>Siehe auch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?s=Niels+Kadritzke&amp;Submit.x=9&amp;Submit.y=11\">weitere Berichte und Analysen<\/a> von Niels Kadritzke &uuml;ber Griechenland und die europ&auml;ische Austerit&auml;tspolitik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j&uuml;ngsten Meldungen &uuml;ber die gesamtwirtschaftliche und fiskalische Entwicklung Griechenlands klingen auff&auml;llig positiv. 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