{"id":1893,"date":"2006-11-24T13:06:10","date_gmt":"2006-11-24T12:06:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1893"},"modified":"2016-01-21T11:45:32","modified_gmt":"2016-01-21T10:45:32","slug":"park-fiction-eine-stadtebauliche-enklave-inmitten-neoliberaler-zurichtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1893","title":{"rendered":"\u201ePark Fiction\u201c  &#8211;  Eine st\u00e4dtebauliche Enklave inmitten neoliberaler Zurichtungen"},"content":{"rendered":"<p>Wem geh&ouml;ren eigentlich die St&auml;dte? Das fragen sich rund um den Erdball immer mehr Menschen und in vielen Metropolen erk&auml;mpfen sich Nachbarschaftsinitiativen &ouml;ffentliche R&auml;ume zur&uuml;ck. Oft sind es nur kleine Pl&auml;tze zwischen Hochh&auml;usern, kleinere Industrie- oder noch kleinere Grundst&uuml;cksbrachen, die sie in Nachbarschaftsg&auml;rten, in kleine &ouml;ffentliche Gemeinschaftsr&auml;ume aller Art verwandeln, fast immer im jahrelangen Kampf gegen die Gier von Immobilienkonzernen. Das Hamburger Projekt &bdquo;Park Fiction&ldquo;, geh&ouml;rt dazu. Im Oktober hatte es zu einem internationalen Symposium &bdquo;Umsonst und Drau&szlig;en&ldquo; geladen. Im Folgenden wollen wir diese einzigartige R&uuml;ckeroberung &ouml;ffentlichen Raums vorstellen, mit einer Darstellung des k&uuml;nstlerisch-politischen Konzepts dieser &bdquo;kollektiven Wunschproduktion&ldquo; von Wanda Wieczorek. Zun&auml;chst jedoch folgt eine allgemeine Einleitung von Brigitta Huhnke, die sich besonders an die richtet, die nicht in Hamburg leben.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Park Fiction&ldquo;  &ndash;  Eine st&auml;dtebauliche Enklave inmitten neoliberaler Zurichtungen<\/strong><\/p><p>Von Brigitta Huhnke<\/p><p>Der &bdquo;Reform&ldquo; &ndash; Sport macht schon lange auch in Hamburg weder vor bezahlbarem Wohnraum noch vor dem freien Blick halt. Von &bdquo;Reform&ldquo; &ndash; Motoren der Wirtschaft mit schicken Spendierhosen ausstaffiert verscherbelt der Hamburger Senat neben Gas und Strom in letzter Zeit besonders gern auch Gemeinn&uuml;tziges, wie st&auml;dtische Wohnungen, Pl&auml;tze, Krankenh&auml;user und andere einst &ouml;ffentliche Einrichtungen und Dienstleistungen aller Art, ohne die Eigent&uuml;merInnen, n&auml;mlich die B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen davon auch nur ausreichend in Kenntnis zu setzen. Die Volksentscheide der letzten Jahre, mit denen sich die Menschen mit gro&szlig;en Mehrheiten &ndash;  auch in der  konservativen W&auml;hlerschaft &ndash; gegen solche Zerst&ouml;rungen richten, ignoriert die CDU-Regierung nicht nur einfach sondern k&uuml;rzlich hat sie auch kurzerhand das Gesetz zum Volksentscheid ge&auml;ndert, die Barrieren angehoben, so dass die W&auml;hlerInnen nicht mehr ausreichend &uuml;ber B&uuml;rgerbegehren informiert werden. Gelebte &bdquo;Demokratie&ldquo; am maritimen Tor zur Welt!<\/p><p>Nach staatlich gef&ouml;rderten Raubz&uuml;gen durch Stra&szlig;en und Pl&auml;tze sieht es dann wie &uuml;berall im Land gleich aus: Ver&ouml;dung der Innenst&auml;dte, gesichtslose Einkaufszentren mit Kettenfilialen und B&uuml;roh&auml;user, kurz: Verelendung oft schon nach wenigen Jahren. Einer, der schon fr&uuml;h die &bdquo;uniformierte Melancholie der Wohnblocks&ldquo; anprangerte, in denen die Menschen als &bdquo;zum Wohnraumverbraucher entwirklichte(r)  B&uuml;rger&ldquo; degenerieren, war Alexander Mitscherlich. &bdquo;Alte St&auml;dte hatten ein Herz. Die Herzlosigkeit, die Unwirtlichkeit der neuen Bauweise hat jedoch eine ins Gewicht fallende Entschuldigung auf ihrer Seite: das Tabu der Besitzverh&auml;ltnisse an Grund und Boden in den St&auml;dten, welches jede sch&ouml;pferische, tiefergreifende Neugestaltung unm&ouml;glich macht.&ldquo; Das schreibt der Psychoanalytiker Mitscherlich bereits 1965, in seinem damaligen Besteller &bdquo;Die Unwirtlichkeit unser St&auml;dte&ldquo;.<\/p><p>N&auml;chste Frage: Wie lautet der Name des ber&uuml;hmtesten deutschen Stadtteils? Richtig: St. Pauli in Hamburg an der Elbe, &uuml;ber dem Hamburger Hafen, eines der &auml;rmsten Viertel in einer reichen Stadt, die stolz darauf ist, die meisten Million&auml;re Europas zu beherbergen. Hier in St. Pauli, oben am Pinnasberg, mit Panorama Blick auf Dock 10, erstreckt sich &bdquo;Park Fiction&ldquo;, das allerh&ouml;chstens anderthalb Fu&szlig;ballfelder gro&szlig;e Nachbarschaftsprojekt. &bdquo;W&uuml;nsche werden die Wohnung verlassen und auf die Strasse gehen&ldquo;. Aus diesem Eigensinn heraus lassen AnwohnerInnen aus St. Pauli seit mehr als zehn Jahren nicht locker. Zu ihnen geh&ouml;ren auch K&uuml;nstIerInnen, ArchitektInnen, kleine Gesch&auml;ftsleute, Migrantenkinder und Jugendliche vieler dort lebender Ethnien sowie Bewohner der ehemals besetzten H&auml;user in der Hafenstra&szlig;e und das soziale Zentrum Gemeinwesenarbeit (GWA) St. Pauli-S&uuml;d. Die AnwohnerInnen legten los, sich &uuml;ber ihre W&uuml;nsche f&uuml;r den Park zu verst&auml;ndigen und zu planen. Dann aber haben sie auch ganz traditionell mit Konzepten, Eingaben und immer wieder eingeforderten Anh&ouml;rungen der Stadt schlie&szlig;lich das St&uuml;ckchen Land abgetrotzt, das seit langem zu den begehrtesten Fl&auml;chen am Hafen geh&ouml;rt. Bereits Mitte der neunziger Jahre hatte der K&uuml;nstler Christoph Sch&auml;fer einen &bdquo;Action Kit&ldquo; entwickelt, bestehend aus einem Alukoffer mit Hafenpanorama zum Aufklappen, getreuen Ma&szlig;stabsfiguren, Zeichenstiften und Knetmasse. Er und andere nahmen auch noch Aufnahmeger&auml;te und Polaroid Kameras mit und zogen dann jahrelang von T&uuml;r zu T&uuml;r, um die Leute nach ihren W&uuml;nschen f&uuml;r den damals noch imagin&auml;ren Park zu befragen. Da W&uuml;nsche bekanntlich zu den ungew&ouml;hnlichsten Tages- und Nachtzeiten aufsteigen, konnten BewohnerInnen von St. Pauli zeitweise auch einen daf&uuml;r eingerichteten Telefondienst nutzen. Einen Teil dieser Wunschproduktionen hat Margit Czenki bereits 1999 in einem Dokumentarfilm festgehalten. Bald darauf kam eine Einladung zur documenta 11, im Jahr 2002. Der Fu&szlig;ballclub  FC St. Pauli stellte einen Bus zur Verf&uuml;gung, den Margit Czenki und Christoph Sch&auml;fer mit Kindern vom Projekt und vielen Dokumenten voll packten, um in Kassel einer an innovativer Kunst interessierten Welt&ouml;ffentlichkeit das Hamburger Wunscharchiv vorzustellen. Etwa eintausend Menschen sind bisher aktiv an der Entstehung des Parks beteiligt gewesen, der nun endlich seit Herbst 2005 nutzbar ist, auch wenn das Gezerre mit den Beh&ouml;rden noch lange nicht beendet ist.<\/p><p>Bevor wir Sie weiter <a href=\"http:\/\/www.parkfiction.org\/2006\/11\/309.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.parkfiction.org\/2006\/11\/309.html\">per Link<\/a> auf einen Vortrag der Kulturwissenschaftlerin Wanda Wieczorek verweisen, den sie im Oktober bei einem internationalen Symposium, mitten in &bdquo;Park Fiction&ldquo; gehalten hat und in dem sie die k&uuml;nstlerische Konzeption erkl&auml;rt, sowie auf die website <a href=\"http:\/\/www.parkfiction.org\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.parkfiction.org\">www.parkfiction.org<\/a> wollen wir f&uuml;r unsere Nicht-HamburgerInnen noch etwas weiter ausholen.<\/p><p>Wenn wir Hanseatinnen in der Fremde weilen, ab und zu dann das Gespr&auml;ch auf Hamburg kommt, m&uuml;ssen wir uns h&auml;ufig, besonders von Herren, l&uuml;stern-altbackene  Klischees &uuml;ber &bdquo;das &auml;lteste Gewerbe der Welt&ldquo;, die &bdquo;s&uuml;ndigste Meile der Welt&ldquo; sowie &bdquo;Prostitution &ndash; ein ganz normaler Beruf&ldquo; anh&ouml;ren. Gut, auf der ganzen Welt sind viele M&auml;nner leider ziemlich gleich und in der Tat ist St. Pauli heute sogar mehr denn je Anziehungspunkt f&uuml;r sexuelle St&uuml;mper, die hier in Massen die Not von Frauen f&uuml;r ihre J&auml;mmerlichkeit ausbeuten. Und in St. Pauli tyrannisieren sie dabei in den letzten Jahren auch in zunehmend unertr&auml;glicher Weise die AnwohnerInnen, dabei kr&auml;ftig unterst&uuml;tzt von der &bdquo;Kulturpolitik&ldquo; der rechtsgerichteten Stadtregierung. Die Scham der &uuml;brigen M&auml;nner reicht bekanntlich nirgendwo aus, um die Gewalt der Geschlechtsgenossen zu &auml;chten oder ihr gar tatkr&auml;ftig Einhalt zu gebieten.<br>\nDoch dieser Stadtteil, in fr&uuml;heren Zeiten &bdquo;Hamburger Berg&ldquo; genannt, war immer auch schon mehr. Sogar heute noch hat St. Pauli etwas Widerst&auml;ndiges, auch wenn das Au&szlig;enstehende in den neoliberalen Verw&uuml;stungen der &bdquo;Sex&ldquo;-Industrie kaum noch erahnen k&ouml;nnen. Schon immer wohnten hier Menschen, die das gediegene Hamburger B&uuml;rgertum in ihre sch&ouml;nen Viertel die Elbe abw&auml;rts oder um die Alster herum bzw. weiter nach Norden hoch, nie geduldet h&auml;tte und auch heute noch nicht reinlassen w&uuml;rde. St. Pauli war bis vor wenigen Jahrzehnten traditionell das Viertel der Hafenarbeiter sowie tempor&auml;re Ersatzheimat f&uuml;r Seeleute aus aller Welt. Matrosen, die nicht mehr zur See fahren wollten, heuerten hier als Schauerm&auml;nner an, manchmal waren sogar vereinzelt Seeb&auml;ren aus Afrika dabei. Eine kleine chinesische Gemeinde existierte hier schon vor &uuml;ber hundert Jahren, wovon noch immer vereinzelte chinesische Schriftzeichen an Kellereing&auml;ngen zeugen. Immer aber schon strandeten in St. Pauli auch arme Poeten, Kunstschaffende sowie Irrlichter aller Art, &uuml;berwiegend dem Stand des Hungerk&uuml;nstlertums angeh&ouml;rend. Aber auch viele eingeborene kleine Gewerbetreibende und Handwerker sorgten f&uuml;r Arbeit und quirliges Leben, ebenso Zirkus, Tanz, Theater und Variet&eacute;. Und noch immer wird hier das sch&ouml;nste Hamburger Platt gesprochen, nicht nur von den alten Leuten, auch viele Migrantenkids sind mittlerweile fit im Hamburger Slang und stolz drauf. <\/p><p>St. Pauli &ndash; die Schmuddelecke, fast ohne Baum und Strauch &ndash; war immer ein zentraler Lebensnerv f&uuml;r die Stadt der Pfeffers&auml;cke. Davon zeugt beispielsweise die inoffizielle Hymne der Hanseaten, &ldquo;An de Eck steiht&acute;n Jung mit&acute;n T&uuml;delband&rdquo;. Seit fast hundert Jahren kennen fast alle in der Stadt den Gassenhauer mit seiner sch&ouml;nen absurden Geschichte. Fast jedes Kind, auch in den feinen Vierteln, kann noch heute wenigstens ein paar Takte summen oder ein paar Worte draus radebrechen. Aufgeschrieben und vertont hat ihn das einst ber&uuml;hmte Duo &bdquo;Gebr&uuml;der Wolf&ldquo;, Kom&ouml;dianten und Schauspieler, die in den 20er Jahren nicht nur in St. Pauli das Publikum mit ihren Liedern und komischen Darbietungen aller Art aufmischten, sondern sogar im Ausland gefragt waren. Dann kamen die Nazis und diese &bdquo;waschechten Hamborger Jungs&ldquo; mussten das Land verlassen. Viele Angeh&ouml;rige ihrer Familie kamen in deutschen Vernichtungslagern um. Das Lied blieb im kollektiven Ged&auml;chtnis haften. Doch seine musikalischen Sch&ouml;pfer waren bis vor wenigen Jahren v&ouml;llig in Vergessenheit geraten, bis Jens Huckenriede 2003 sie mit seinem Film &bdquo;Return the T&uuml;delband&ldquo; in die Heimatgeschichte zur&uuml;ckholte. Im November 2000 war der junge Rapper Dan Wolf aus San Francisco mit seiner  Band &bdquo;Felonious&rdquo; nach Hamburg gekommen, f&uuml;r ein Konzert in der Gro&szlig;en Freiheit auf St. Pauli, &ndash; nichts ahnend von der Geschichte seines Urgro&szlig;vaters Leopold Wolf. Um es kurz zu machen, Filmemacher und Wolf-Urenkel fanden zueinander und zusammen mit ein paar Hamburger Musikgruppen rappen sie sich die Geschichte des Liedes und des Wirkens der Gebr&uuml;der Wolf zur&uuml;ck. Rausgekommen ist nebenbei auch die sch&ouml;nste cineastische Liebeserkl&auml;rung an St. Pauli und seine Menschen, ohne die Schattenseiten (wie Rassismus, der auch hier bis heute existiert) auszublenden.<br>\nNun, die Nazis hatten auch in St. Pauli t&uuml;chtig zugeschlagen. Viele namenlose Prostituierte und andere sogenannte Asoziale wurden in KZs geschunden und ermordet. Noch im Mai 1944 verhaftete die Gestapo 165 Chinesen und verbachte sie in ein Zwangsarbeiterlager. Aus Zeugnissen von &Uuml;berlebenden des Holocaust wissen wir: Am Ende lagen hier auch Schiffe mit eingepferchten Zwangsarbeiterinnen, die zwar die Todesm&auml;rsche &uuml;berlebt hatten, sich nun aber v&ouml;llig geschw&auml;cht gegen Rattenplagen zur Wehr setzen mussten, dabei jedoch voller Erwartung des Kriegsendes die Bomben auf Hamburg niedergehen sahen. Der Hafen war schlie&szlig;lich zu achtzig Prozent zerst&ouml;rt. <\/p><p>Danach ging das Leben erst einmal weiter, die Schifffahrt legte wieder los, die Seeb&auml;ren gingen wieder an Land und bald hatten die echten Kerls wie Schauerleute, Handwerker  und andere arme Leute auch auf St. Pauli wieder gen&uuml;gend Arbeit. Mit dem Aufschwung kam aber auch die Begehrlichkeit der Grundst&uuml;cksbesitzer. Ende der sechziger Jahre wurden unten an der Elbe, bereits rechts und links vom Pinnasberg, kleine Fachwerkh&auml;user und Handwerks-Schuppen abgerissen, viele Menschen vertrieben. Mit der Werftenkrise der siebziger Jahre begann der immense und bis heute andauernde Abbau von Arbeitspl&auml;tzen im Hafen. Ganze Berufsst&auml;nde sind verschwunden oder dezimiert. Noch Mitte der achtziger Jahre beeindruckte ein stolzer alter Schlepperfahrer eine auf Recherche befindliche Hamburger Deern und mit ihm im Schlepper durch den Hafen schippernd damit, wie er und seine Kumpels sich fr&uuml;her, in den F&uuml;nfzigern und Sechzigern immer Streichh&ouml;lzer in die Auchen gesteckt haben, um bei der vielen Arbeit, besonders am Ruder wach zu bleiben und all die gro&szlig;en P&ouml;tte in den Hafen schleppen zu k&ouml;nnen. T&auml;glich literweise h&auml;tten damals die Frauen den Kaffee vorbeigebracht.<br>\nAber noch in den siebziger Jahren war St. Pauli gerade auch f&uuml;r junge Leute aus den B&uuml;rgervierteln bunt und aufregend, nicht nur wegen der ber&uuml;hmten Musikkneipen und Beatclubs, sondern auch wegen der schr&auml;gen Nachtetablissements und dunklen Spelunken aller Art. In einigen gab es zum Kiez- &bdquo;Gedeck&ldquo; (Bier und Korn f&uuml;r 2 Mark), freiz&uuml;gige Filme, die so gar nichts mit der widerlichen Pornokultur von heute zu tun hatten sowie Rosen f&uuml;r die weiblichen G&auml;ste. Ber&uuml;hmt waren auch die asiatischen Restaurants mit k&ouml;stlichen, damals noch &auml;u&szlig;erst fremdartigen Gerichten. Und &uuml;berall in den unz&auml;hligen Hafenkneipen, diesen Brutst&auml;tten des Hamburger Kl&ouml;nschnacks, konnten nun auch B&uuml;rgers Kinder respektvoll lauschen, wie kunstvoll das Seemannsgarn da abgedreht wurde. Das alles ist mittlerweile (fast) Geschichte.<br>\nDie Politik kennt seit Beginn der siebziger Jahre nur ein Konzept: das Feilbieten des Stadtteils f&uuml;r Investoren. Davon zeugt beispielsweise das gigantische Gruner und Jahr Imperium, f&uuml;r dessen kalte &Auml;sthetik in den achtziger Jahren viele Wohnh&auml;user, kleine Gesch&auml;fte und alte Seemannskaschemmen weichen mussten. &Auml;hnliche Ent-Seelungen erfolgten weiter rund um den Fischmarkt. Pittoresk ist da heute nichts mehr. Nach den rebellischen Jugendlichen der siebziger Jahre dr&auml;ngte nun immer st&auml;rker der m&auml;nnliche Spie&szlig;er ins Viertel und mit ihm Eros-Center, Peep-Shows, Pornographie und Flie&szlig;band Prostitution. Von hier aus verbreitete sich nun auch ganz grauselig der Nazi Kitsch der Hans Albers-La Paloma Nostalgie im ganzen Land.<br>\nDie mittlerweile bl&uuml;hende organisierte Kriminalit&auml;t bekam von den durchweg konservativen Hamburger Medien Glamour verpasst, Politiker lie&szlig;en sich gern mit Kiez-Gr&ouml;&szlig;en ablichten, Spekulationen, Korruption und Menschenhandel bleiben so bis heute von journalistischer oder gar politischer Aufkl&auml;rung fast v&ouml;llig verschont.<br>\nAndererseits aber flammte auch die Widerst&auml;ndigkeit der Bev&ouml;lkerung wieder auf, wovon besonders spektakul&auml;r die jahrelangen Besetzungen von Mietsh&auml;usern in der Hamburger Hafenstra&szlig;e zeugten, die nach dem Willen der Stadtplaner h&auml;tten einfach abgerissen werden sollen, um die Grundst&uuml;cke verkaufen zu k&ouml;nnen. Die meisten dieser ehemals besetzten H&auml;user aber stehen noch und bis heute in Selbstverwaltung. Ohne solche und andere Formen gro&szlig;er und kleiner Aufm&uuml;pfigkeit, w&uuml;rden den Hamburger Hafen heute nur noch aneinander gereihte Hochhauskomplexe s&auml;umen.<br>\nNoch existiert in Teilen des Viertels aber auch ein gutes soziales Netzwerk. Gro&szlig;en Anteil daran haben die Sozialarbeiterinnen der GWA St. Pauli-S&uuml;d, die das &bdquo;K&ouml;libri&ldquo;, das sch&ouml;ne alte Haus dieses Zentrums, geleitet von Claudia Leitsch, zu einer beliebten Anlaufstelle f&uuml;r die und mit den BewohnerInnen gemacht haben. F&uuml;r sich sprechen die Sommer- und Weihnachtsfeste im &bdquo;K&ouml;libri&ldquo;: Menschen vieler Nationalit&auml;ten feiern hier, wobei Kinder und Jugendlichen immer im Mittelpunkt stehen. Doch das Leben drau&szlig;en wird zunehmend h&auml;rter. Die Menschen leiden unter den st&auml;dtebaulichen Ver&auml;nderungen, die alte Infrastruktur wird weiter brutal zerschlagen, kleine Gewerbe, Gesch&auml;fte und Gastst&auml;tten gehen weiter kaputt, MigrantInnen werden zunehmend diskriminiert und wie andere Arme auch vertrieben. Die Mieten schnellen in die H&ouml;he, denn die &bdquo;Freierkultur&ldquo; ist schick geworden. Die rechte Stadtregierung f&ouml;rdert alles, was die Reeperbahn samt Spielbudenplatz auf dem seit letztem Sommer auch noch zwei gro&szlig;e Musiktrib&uuml;nen stehen, zur gesichtslosen Event Meile verkommen l&auml;sst.<br>\nWas hier besonders im Sommer an Wochenenden abgeht, spottet jeder Beschreibung. Hunderte von Busladungen aus der ganzen Republik ergie&szlig;en sich &uuml;ber die Reeperbahn und ihre Seitenstra&szlig;en. Vorrangig &uuml;bergewichtige M&auml;nner schieben ihre ungepflegten K&ouml;rper &uuml;ber die Reeperbahn, die K&ouml;pfe &uuml;berwiegend kurz geschoren, mit stierendem Blick oder gr&ouml;lend, billiges Aftershave ausd&uuml;nstend steuern sie die &bdquo;Sex&ldquo;-Shops und Bordelle an, wo sich auch viele Frauen aus Osteuropa verdingen. Aus den Event-Boxen wummern Techno- Krach und Schlager der Bordell- und Reklamefernsehszene. Mit Ausnahme des St. Pauli Theaters, das seit einigen Jahren unter anspruchsvoller Leitung steht, Spielst&auml;tten f&uuml;r Events, Musicals und Comedy auf aller unterstem Niveau. Vor einigen Diskotheken verwehren T&uuml;rsteher Angeh&ouml;rigen von Minderheiten den Zutritt. Anstelle der alten Restaurants und Hafenkneipen nun &uuml;berall Anlaufstellen zum Saufen pur, ohne viel Ged&ouml;ns. Kampftrinken an Holztischen auf dem Hans Albers Platz. Im Vergleich dazu kann die Schunkelidylle des M&uuml;nchner Oktoberfests geradezu ein kulturelles Ereignis genannt werden. Durch die Glasfenster der vielen Fast Food Filialen sind die Herren zu besichtigen, wie sie die fette Ware in sich reinschlingen. Die alten ber&uuml;hmten oder auch ber&uuml;chtigten St&auml;nde mit Hamburger Fischbr&ouml;tchen und der in Hamburg erfundenen Currywurst sucht die Besucherin dagegen vergeblich.  Krach, Saufen, Ficken und Wasserabschlagen, so sieht derzeit das kulturelle Konzept der Christdemokraten f&uuml;r St. Pauli aus. Obwohl die Bev&ouml;lkerung leidet, die Eventmeile besonders auch am Tag einen grauenvollen Anblick bietet, wird weiter zerst&ouml;rt. In die alte Astra Brauerei sollen jetzt Werbefirmen und allerlei anderer Event Tand einziehen. Dahinter wird ein &bdquo;Riverside&ldquo; Hotel gebaut. Gesichtslose &bdquo;Cocktail&ldquo; Bars sprie&szlig;en schon jetzt &uuml;berall. So verstummt auch der einzigartige Hamburger Schnack immer mehr im &ouml;ffentlichen Raum, geht unter im Denglish, im schlechten Geschmack, in Gestank und M&uuml;ll. <\/p><p>Wenn wir aber die Bernhard-Nochtstra&szlig;e Elbe abw&auml;rts runtergehen, kommen wir bald an den ber&uuml;hmten Hafenstra&szlig;enh&auml;usern vorbei und dann sind wir endlich da, am Antoniapark, der ehemaligen Brache, die nun &bdquo;Park Fiction&ldquo; ist, gestaltet &bdquo;nach einer kollektiven Wunschproduktion&ldquo;, ist auf dem Stellschild zu lesen. Sofort ins Auge fallen die vier etwas spiddelig geratenen Eisenpalmen, zwei davon, die in der Mitte, sind auch f&uuml;r H&auml;ngematten gedacht, aus denen heraus dann das Einfahren der gro&szlig;en P&ouml;tte gem&uuml;tlich d&ouml;send im Liegen beobachtet werden kann. Auf der einen Seite ist der alte Kirchgarten integriert, in dem die AnwohnerInnen kleine Beete mit Blumen und Kr&auml;utern anlegen. Auf der anderen Seite als Begrenzung der kleine und bisher allenfalls h&uuml;fthohe Heckenpark, den sich viele Kinder und Jugendliche der angrenzenden Gesamtschule gew&uuml;nscht hatten, unter anderem auch &bdquo;zum Verstecken und K&uuml;ssen&ldquo;. In der Mitte dann allerlei Kunstfl&auml;chen zum Gebrauchen, beispielsweise der fliegende Rasen, viele wundersame Sitzgelegenheiten, aber auch Krabbelparadiese, kleine Wege zum Wandeln. Dem Mini-Hundepark (St. Pauli ist voller Hunde) verleiht ein Pudel aus Buchsbaum besonderen Flair, unschwer als Wunschproduktion aus dem gegen&uuml;ber stehenden &bdquo;Golden Pudel Club&ldquo; zu erkennen. Die Gr&uuml;nder dieser kleinen schr&auml;gen Trink-, Tanz- und Debatierst&auml;tte mit Plattenspielerpodest, die K&uuml;nstler Schorsch Kamerun und Rocko Schamoni waren von Anfang an dabei. Und ihr freistehendes Hutzelh&auml;uschen, das sie ebenfalls schon h&auml;ufig gegen Immobiliengier verteidigen mussten, ist voll in &bdquo;Park Fiction&ldquo; integriert, als einzige kommerzielle Einrichtung. Wer die Innenausstattung vom Pudel, die Lieder und Musik, aber auch die Theaterst&uuml;cke der beiden nur ein bisschen kennt, um die sich mittlerweile viele Theater in der Republik rei&szlig;en, ahnt auch warum. In jedem Subtext ihrer St&uuml;cke blitzt ihr nie verwundenes Kindheits- und Jugendtrauma auf: Die Unm&ouml;glichkeit, ab den sechziger Jahren in einer norddeutschen Vorstadt aufzuwachsen, inmitten der &bdquo;Bimsblock-Tristesse&ldquo; (Mitscherlich) die Seele unbesch&auml;digt zu halten. Und so sind die Erfahrungen kindlicher Depressionen, hervorgerufen durch das, was Mitscherlich die fehlende &bdquo;affektive Anteilnahme an den Objekten des Biotops&ldquo; nennt, Motor ihrer widerst&auml;ndigen  Kunstproduktionen, mit denen sie eine neue Art Absurdes Theaters schaffen.<br>\nDoch wir schweifen jetzt zu sehr ab und haben sowieso schon genug gesabbelt.<br>\nF&uuml;r &bdquo;Park Fiction&ldquo; geht der Kampf vorerst auch in den n&auml;chsten Jahren weiter. So muss noch der &bdquo;Wunschcontainer&ldquo;, das begehbare Archiv mit den W&uuml;nschen, und Tr&auml;umen der Menschen von St. Pauli weiter gegen die Finten der Herrscher im Bezirksamt durchgesetzt werden, damit auch die Geschichte der W&uuml;nsche im Park sichtbar werden kann. Ein Atrium hinter dem Pudel Club ist schon in der Mache. Leider erst auf dem Rei&szlig;brett steht der &bdquo;Seer&auml;uberinnenplatz&ldquo;. Er soll zwei ber&uuml;chtigten Piratinnen gewidmet werden, die vor langer Zeit in der Karibik ihr Unwesen getrieben und dann auch im Hamburger Hafen vorbeigeschaut haben sollen. Ob das nun echtes Seemannsgarn (von der Rolle: die ewige Angst vor dem Weiblichen) ist oder nicht. Allein die Vorstellung ist sch&ouml;n: tatkr&auml;ftige Frauen, die mit Piratinnenkopftuch und Degen mal ein bisschen die verwahrlosten Herrenb&uuml;nde da aufmischen.<br>\nDer Untertitel zu Mitscherlichs Buch &uuml;ber zerst&ouml;rerischen St&auml;dtebau lautet &uuml;brigens &bdquo;Anstiftung zum Unfrieden&ldquo;.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.parkfiction.org\/2006\/11\/309.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.parkfiction.org\/2006\/11\/309.html\">Park Fiction &ndash; Eine andauernde Geschichte der praktischen Stadtkritik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wem geh&ouml;ren eigentlich die St&auml;dte? Das fragen sich rund um den Erdball immer mehr Menschen und in vielen Metropolen erk&auml;mpfen sich Nachbarschaftsinitiativen &ouml;ffentliche R&auml;ume zur&uuml;ck. Oft sind es nur kleine Pl&auml;tze zwischen Hochh&auml;usern, kleinere Industrie- oder noch kleinere Grundst&uuml;cksbrachen, die sie in Nachbarschaftsg&auml;rten, in kleine &ouml;ffentliche Gemeinschaftsr&auml;ume aller Art verwandeln, fast immer im jahrelangen Kampf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1893\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,165,28],"tags":[530,820],"class_list":["post-1893","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-privatisierung","tag-buergerentscheid","tag-hamburg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1893"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30436,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1893\/revisions\/30436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}