{"id":18966,"date":"2013-10-17T16:40:30","date_gmt":"2013-10-17T14:40:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18966"},"modified":"2019-03-02T17:04:58","modified_gmt":"2019-03-02T16:04:58","slug":"rezension-thomas-fricke-wie-viel-bank-braucht-der-mensch-raus-aus-der-verrueckten-finanzwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18966","title":{"rendered":"Rezension: Thomas Fricke, \u201eWie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verr\u00fcckten Finanzwelt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im M&auml;rz dieses Jahres hat der renommierte Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke, ehemaliger Chefredakteur der &bdquo;Financial Times Deutschland&ldquo;, ein anspruchsvolles und zugleich gut lesbares Buch unter dem Titel &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verr&uuml;ckten Finanzwelt&ldquo; vorgelegt. Diese tiefgreifende Recherche, die durch die Stiftung Mercator erm&ouml;glicht wurde, unterscheidet sich wohltuend von den vielen populistischen Schnellsch&uuml;ssen. Die Publikation f&uuml;llt auch eine L&uuml;cke, die die zust&auml;ndige, jedoch gro&szlig;teils sprachlose Wirtschaftswissenschaft zu verantworten hat. Eine Rezension von <strong>Rudolf Hickel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Banken in Schranken &ndash; Finanzm&auml;rkte entgiften<\/strong><\/p><p>Im siebten Jahr nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzmarktkrise ist der Schock &uuml;ber die Sch&auml;den, die die historisch lang angelegte Entfesselung der Finanzm&auml;rkte mit dem Zentrum der Banken im Profit- und Boniwahn ausgel&ouml;st hat, immer noch gro&szlig;. Die Bilanz des unter dem Druck der Finanzindustrie forcierten Abbaus einer Ordnung ist in jeder Hinsicht katastrophal. Hat der Schock &uuml;ber den steilen Fall der Spekulationsbanken ausgereicht, die richtigen Lehren zu ziehen? Viele Aktivit&auml;ten auf EU-Ebene sowie auch in Deutschland in eigener politischer Souver&auml;nit&auml;t lassen ein Ja erwarten.  Schlie&szlig;lich sind in Deutschland kaum noch &uuml;berschaubare gesetzliche Einzelma&szlig;nahmen auf den Weg gebracht worden. Kurz vor Ablauf der derzeitigen Wahlperiode hat die Bundesregierung ein Gesetz zur Abschirmung des spekulativen Investmentbankings gegen&uuml;ber den Kundengesch&auml;ften bei Gro&szlig;banken durchgesetzt. <\/p><p><em><strong>Hektische Kosmetik<\/strong><\/em><\/p><p>Die vielen Einzelaktivit&auml;ten k&ouml;nnen jedoch nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen: Es fehlt am ordnungspolitischen Mut, k&uuml;nftige Bankenexzesse zu Lasten Dritter zu verhindern. Die Banken-, B&ouml;rsen-und Versicherungsunternehmen haben erfolgreich Lobbyarbeit betrieben. Die einzelnen Regulierungen bleiben deutlich unter der sp&uuml;rbaren Wirksamkeitsschwelle. Es fehlt an radikalen Vorgaben und Anreizen, mit denen die Banken auf ihre gesamtwirtschaftlich dienenden Funktionen eingedampft werden. <\/p><p>Wie l&auml;sst sich diese mangelnde Lernf&auml;higkeit trotz der brutalen Folgen der Finanzmarktkrise mit dem Epizentrum Banken  erkl&auml;ren? Was muss  getan werden, um k&uuml;nftige Finanzkrisen zu vermeiden? Mittlerweile liegt dazu eine gro&szlig;e Menge an popul&auml;rwissenschaftlichen und politischen Publikationen vor. Im M&auml;rz dieses Jahres hat der renommierte Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke, ehemaliger Chefredakteur der &bdquo;Financial Times Deutschland&ldquo;, ein anspruchsvolles und zugleich gut lesbares Buch unter dem Titel &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verr&uuml;ckten Finanzwelt&ldquo; vorgelegt. Diese tiefgreifende Recherche, die durch die Stiftung Mercator erm&ouml;glicht wurde, unterscheidet sich wohltuend von den vielen populistischen Schnellsch&uuml;ssen. Die Publikation f&uuml;llt auch eine L&uuml;cke, die die zust&auml;ndige, jedoch gro&szlig;teils sprachlose Wirtschaftswissenschaft zu verantworten hat. Im ersten Teil werden die Ideologien, Interessen,   Instrumente und Folgen dieser freigesetzten Deregulierungslogik gezeigt. Daraus leitet sich der als radikal etikettierte &bdquo;Aktionsplan f&uuml;r den Bankenausstieg&ldquo; im zweiten Teil ab. <\/p><p><em><strong>Das Elend der Finanzglobalisierung<\/strong><\/em><\/p><p>Am Anfang des sich entfaltenden Grund&uuml;bels Finanzglobalisierung stand die ultra-kapitalistische Botschaft von der Entfesselung der Finanzm&auml;rkte mit der Verhei&szlig;ung einer anhaltenden Wohlstandsmehrung. Als einer der Vordenker wird Milton Friedman vorgef&uuml;hrt. Friedman hat in seinem Buch &bdquo;Kapitalismus und Freiheit&ldquo; das totalit&auml;re Primat der von politischer Regulierung befreiten M&auml;rkte f&uuml;r alle Produktionsbereiche, ja Lebensverh&auml;ltnisse propagiert. Viele andere Marktpropheten trugen zum Sieg des Neoliberalismus auf den Finanzm&auml;rkten bei. Politik hat mit ihrer Marktorthodoxie die Interessen der Finanzwirtschaft erf&uuml;llt. Die Exekutoren sind Ronald Reagan, die beiden Bush-Pr&auml;sidenten, aber auch Bill Clinton 1994 und 1999. Fatale Zeugin der Krone ist Margaret Thatcher, die am 26. Oktober 1986 einem &bdquo;Big bang&ldquo; vergleichbar die Finanzpl&auml;tze in England von Regeln freigesetzt hat. Der peinliche Zeitgeist wurde auch vom Internationalen W&auml;hrungsfonds vorangetrieben.  <\/p><p>Thomas Fricke demontiert eindrucksvoll und unaufgeregt die Ursachen der gescheiterten Story von den allzeit effizienten Finanzm&auml;rkten, die zur Mehrung des &ouml;konomischen Wohlstands und zus&auml;tzlichen Arbeitspl&auml;tzen beitragen sollen. Die Bilanzierung zeigt, die Realit&auml;t verweigert diesem mathematisch fundierten Modell eines heiligen Finanzkapitalismus die Gefolgschaft. Statt einzelwirtschaftlichem Rationalverhalten dominiert ein irrationaler Herdentrieb. Auch von der auf alle Akteure gleicherma&szlig;en verteilten vollkommenen  Information kann keine Rede sein. Asymmetrisch verteilte Informationen dominieren. Sie locken das teure Pseudowissen der Ratingagenturen an. Realwirtschaftlich entkoppelte Spekulationen erzeugen chronische Instabilit&auml;t und f&ouml;rdern am Ende nicht, sondern vernichten Wohlstand. Fricke bringt einen wichtigen, bisher unterbelichteten Zusammenhang ein. Die Globalisierung der Finanzm&auml;rkte hat die Spaltung zwischen Armen und Reichen vorangetrieben.  Allerdings wird den Ursachen dieser Spaltung zu wenig in den politisch-&ouml;konomischen Zentren der Verteilung nachgegangen. Es fehlt der Blick auf die doppelte Wirkung von Lohnverzichten zugunsten der Gewinne: Die Binnenkonjunktur wird geschw&auml;cht und die &uuml;bersch&uuml;ssigen Gewinne dr&auml;ngen auf die Finanzm&auml;rkte.<\/p><p>Die krachende Niederlage dieser exzesshaften Finanzglobalisierung wird mit einem &uuml;berraschend einfachen, aber aussagekr&auml;ftigen Vergleich belegt. Wirtschaftliches Wachstum durch Investitionen und Innovationen zusammen mit einem hohen Besch&auml;ftigungsgrad waren in einer sehr langen Phase vor der Entfesselung der Banken deutlich h&ouml;her als in der nachfolgenden, &uuml;ber drei&szlig;igj&auml;hrigen Phase der Deregulierungspraxis. <\/p><p><em><strong>Banken in die Schranken<\/strong><\/em><\/p><p>Aus der Analyse der Ineffizienz und Instabilit&auml;t werden im zweiten Teil die Konsequenzen f&uuml;r eine wirksame  Reform des Bankensektors gezogen. Die vorgeschlagenen Ma&szlig;nahmen dienen dem Ziel, die Grundlogik dieser Finanzglobalisierung unwiderrufbar zu durchbrechen. Allerdings zeigt sich, dass nicht alle Vorschl&auml;ge dieser Prinzipientreue folgen. Der Autor w&auml;hlt gekonnt eine methodischen Einteilung: Ausf&uuml;hrlich definiert werden f&uuml;nf Reformziele, auf deren Realisierung die im &bdquo;5+S&auml;ulenmodell&ldquo; definierten politische Handlungsfelder ausgerichtet sind. Die f&uuml;nf Reformziele sind unterschiedlicher Qualit&auml;t.  Wichtig ist das Ziel, den Herdentrieb sp&uuml;rbar zu d&auml;mpfen. Durch Regulierungen muss nach dem Prinzip der neuen Logik eines dienenden Bankensystems das Renditepotenzial von Finanzanlagen deutlich gesenkt werden. Es gilt, Finanzmittel, &bdquo;die bisher in der Sph&auml;re der Geldzauberei gebunden waren&ldquo;, f&uuml;r die Realwirtschaft freizusetzen. Schlie&szlig;lich muss die allerdings nicht nur durch den Finanzmarktwahn gestiegene Armuts-Reichtums-Spaltung f&uuml;r ein &bdquo;solideres Wachstum&ldquo; &uuml;berwunden werden. Bei den 5+ Instrumenten werden auch bisher schon bekannte Vorschl&auml;ge eigenst&auml;ndig begr&uuml;ndet. Dazu geh&ouml;ren die Finanztransaktionsteuer, ein &bdquo;Stoppmechanismus f&uuml;r Exzesse beim Handel mit Staatsanleihen&ldquo;, ein &bdquo;Kapriolenschutz f&uuml;r Rohstoffm&auml;rkte&ldquo;,  vor allem auch ein &bdquo;System automatischer Korrekturen als Mittel gegen gef&auml;hrliche Euphorie- und Panikattacken&ldquo;. Eine wichtige Innovation ist die ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndete Forderung eines neuen Weltw&auml;hrungssystems als zentraler  Beitrag zur Stabilisierung der Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>Der Frickesche Katalog der nur &bdquo;hilfreichen Reformma&szlig;nahmen&ldquo; entt&auml;uscht. Darunter f&auml;llt auch die Spaltung des spekulativen Investmentbankings gegen&uuml;ber dem normalen Kundengesch&auml;ft. Allerdings macht die Spaltung nur Sinn, wenn zugleich die spekulativen Finanzmarktinstrumente abgeschafft bzw. reguliert werden. Ein Widerspruch bei der Untersuchung ist nicht zu leugnen: Das Prinzip, die Grundlogik freigesetzter Finanzm&auml;rkte radikal zu durchbrechen, greift bei einigen Vorschl&auml;gen zur neuen Bankenstruktur zu kurz.  Ausgeblendet bleiben Fragen nach k&uuml;nftig alternativen Eigent&uuml;merstrukturen. Wie Fricke zeigt, haben Bankendienstleistungen durchaus &ouml;ffentlichen Gut-Charakter. Um diesem gerecht zu werden, muss die Diskussion &uuml;ber die St&auml;rkung gemeinwirtschaftlicher Eigentumsstrukturen bis hin zu Modellen der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung zumindest diskutiert werden. <\/p><p><em><strong>&bdquo;Von Bankfort nach Solarfort&ldquo;<\/strong><\/em><\/p><p>Der Verfasser erlaubt sich am Schluss eine anregende, kleine Utopie. &bdquo;Von Bankfurt zu Solarfurt&ldquo; beschreibt den Wechsel von Bankenmetropolen im Dienste spekulativer Verschleuderung von Finanzmassen zur Finanzierung gr&uuml;ner Investitionen beispielsweise in Solartechik. Die Chefetagen der neuen Industrien im Dienste &ouml;kologischer Innovationen  residieren k&uuml;nftig in den ehemaligen Bankent&uuml;rmen der Mainmetropole. Und wo ziehen die Banken hin?  In Zweckgeb&auml;ude in der Frankfurter Vorstadt mit dem Motto &uuml;ber der Eingangst&uuml;r: &bdquo;Wir dienen&ldquo;.<\/p><p><em>Eine weitere Rezension des Buches ist am 20. Juni auf den NachDenkSeiten erschienen: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17700\">Jens Berger &ndash; Neue Banken braucht das Land<\/a>.<\/em><\/p><p><em>Thomas Fricke: &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verr&uuml;ckten Finanzwelt&ldquo;,Westend Verlag GmbH, Frankfurt\/Main, 1. Auflage 2013, ISBN 978-3-86489-036-9, Preis 19,99 &euro; (D) \/ 20,60 (A) \/ 28,90 SFR (CH)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M&auml;rz dieses Jahres hat der renommierte Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke, ehemaliger Chefredakteur der &bdquo;Financial Times Deutschland&ldquo;, ein anspruchsvolles und zugleich gut lesbares Buch unter dem Titel &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verr&uuml;ckten Finanzwelt&ldquo; vorgelegt. Diese tiefgreifende Recherche, die durch die Stiftung Mercator erm&ouml;glicht wurde, unterscheidet sich wohltuend von den vielen populistischen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18966\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,208,132],"tags":[284,292,283,645],"class_list":["post-18966","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-rezensionen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-deregulierung","tag-finanzkasino","tag-finanzmaerkte","tag-fricke-thomas"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18966","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18966"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18966\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49776,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18966\/revisions\/49776"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}