{"id":190,"date":"2005-05-31T11:27:16","date_gmt":"2005-05-31T10:27:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=190"},"modified":"2016-03-14T15:11:19","modified_gmt":"2016-03-14T14:11:19","slug":"europa-die-marktwirtschaft-und-der-wettbewerb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=190","title":{"rendered":"Europa, die Marktwirtschaft und der Wettbewerb"},"content":{"rendered":"<p>Eine Zusammenfassung wesentlicher Aussagen eines Berichts von Jean-Louis Andreani in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 26.5.2005<br>\n<!--more--><br>\nIst nun die europ&auml;ische Verfassung in ihrem Kapitel Wirtschaft ausgesprochen liberal oder nicht?<\/p><p>Wirtschaftliches Ziel des 1957 abgeschlossenen, r&ouml;mischen Vertrages war die freie Zirkulation von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital innerhalb Europas.<\/p><p>F&uuml;r die beiden franz&ouml;sischen EU-Gr&uuml;ndungsv&auml;ter, Robert Schuman und Jean Monnet, war zwar klar, dass eine europ&auml;ische Nachkriegswirtschaft auf marktwirtschaftlicher Grundlage aufzubauen sei, aber das war damals nicht ihre Hauptsorge. Sie wollten zuallererst eine Ann&auml;herung der durch den Krieg verfeindeten und traumatisierten europ&auml;ischen V&ouml;lker &uuml;ber eine solidarische wirtschaftliche Entwicklung erreichen und gleichzeitig eine Versch&auml;rfung vorhandener Rivalit&auml;ten durch nationalstaatliches Sozial- oder Fiskaldumping verhindern. Der r&ouml;mische Vertrag war ein Kompromiss zwischen dem wirtschaftlich-liberalen Deutschland und dem eher protektionistisch denkenden Frankreich.<\/p><p>Jean Monnet notierte aus seinen Gespr&auml;chen mit dem deutschen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard: &bdquo;Da wo wir Franzosen durch Absprachen und Kompromisse europ&auml;ische Solidarit&auml;t &uuml;ben und organisieren wollten, sah Erhard eher einen entwicklungshemmenden Protektionismus&ldquo;.<\/p><p>F&uuml;r Robert Schuman war die wichtigste Aufgabe der Europapolitik eine abgestimmte Koordination zwischen den Partnerl&auml;ndern, denn &bdquo;wir konnten nicht gleichzeitig von allen Sektoren der europ&auml;ischen Volkswirtschaften wirtschaftliche und technische Spitzenleistungen erwarten&ldquo;.<\/p><p>In den 1970-er und 1980-er Jahren wurden die Karten neu gemischt, schon mit einer starken Dosis neoliberaler Ideologie, die auch in die Br&uuml;sseler Kommission einzog. Die Kommission favorisierte bald den Wettbewerb, die Deregulierung der M&auml;rkte und den R&uuml;ckzug des Staates auf unerl&auml;ssliche Minimalaufgaben. Staatliche &Uuml;berbr&uuml;ckungshilfen an notleidende Unternehmen wurden drastisch eingeschr&auml;nkt und der Formel der freien Konkurrenz geopfert, die allein eine effiziente Ressourcenallokation garantiere. Auf gesamteurop&auml;ischer Ebene wurde diese Wettbewerbs-Glaubensformel erstmals im Maastricht-Vertrag von 1992 kodifiziert. <\/p><p>Das Modell der auf freiem Wettbewerb beruhenden Marktwirtschaft bekommt in der jetzt vorgeschlagenen Verfassung endg&uuml;ltig Verfassungsrang und wird im Verfassungstext gleich dreimal ausdr&uuml;cklich hervorgehoben (in den Artikeln III-177 und III-178)!<\/p><p>Diese ideologische Festlegung ist klar und eindeutig und behauptet &ndash; als verabsolutiertes Dogma &ndash; die &Uuml;berlegenheit des Modells der freien Konkurrenz f&uuml;r die effiziente Ressourcenallokation eines ganzen Kontinents!<\/p><p>Woher kommt der ideologische Wunderglaube? Er beruht auf den Vorstellungen der &bdquo;unsichtbaren Hand&ldquo; des schottischen &Ouml;konomen Adam Smith, der seine Theorie im 18. Jahrhundert entwickelte (ihre Grundaussagen wurden in mathematischen Gleichungen und Formeln immer wieder variiert). Die Smithsche Theorie der freien Konkurrenz auf vollst&auml;ndigen M&auml;rkten ist jedoch lediglich eine Denkfigur und die praktische Erfahrung zeigte, <\/p><ol>\n<li>dass M&auml;rkte aus sich heraus keine stabile gesamtwirtschaftliche Dynamik erzeugen k&ouml;nnen<\/li>\n<li>dass sich selbst &uuml;berlassene M&auml;rkte ohne konkrete Wettbewerbsregeln und &ndash; kontrollen wirtschaftlich ineffizient arbeiten und<\/li>\n<li>dass M&auml;rkte ohne soziale Korrekturen (Tarifvertr&auml;ge, solidarische Sozialsysteme, ein an der wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit orientiertes Steuersystem) unsoziale Verteilungsergebnisse produzieren.<\/li>\n<\/ol><p>Bis in die 1980er- Jahre vertrat noch die Mehrheit der &Ouml;konomen die Meinung, dass die aus dem Modell der vollst&auml;ndigen Konkurrenz deduzierten Schlussfolgerungen keine Allgemeing&uuml;ltigkeit beanspruchen k&ouml;nnen, dass grunds&auml;tzlich von unvollst&auml;ndiger Konkurrenz auf den G&uuml;ter- und Dienstleistungsm&auml;rkten auszugehen ist und dass die konjunkturellen Schwankungen durch eine antizyklische Wirtschafts- und Finanzpolitik stabilisiert und durch eine solche Konjunkturpolitik gleichzeitig Wachstumsimpulse ausgel&ouml;st werden m&uuml;ssen. <\/p><p>Dies war die Sicht der Wirtschaftswissenschaften bis sich seit Mitte der 1980er- Jahre der Friedmansche Neoliberalismus breit machte und das Modell der auf freiem Wettbewerb beruhenden Marktwirtschaft (bei gleichzeitigem R&uuml;ckzug des Staates) zum ideologischen Dogma erhoben wurde.<\/p><p>Unsere W&auml;hler sind dar&uuml;ber besorgt, dass das von den Franzosen immer akzeptierte, demokratische und soziale Europa mit der Annahme der neuen EU-Verfassung irreversibel ausgehebelt werden k&ouml;nnte. Seit 1986 wehrt man sich hierzulande gegen die &ndash; ausgerechnet von Laurent Fabius als Ministerpr&auml;sident &ndash; verf&uuml;gte M&ouml;glichkeit der Liberalisierung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen und Versorgungseinrichtungen. Die Mehrheit der Franzosen schenkt heute der Mitteilung des damaligen Parlament-Berichterstatters Lipkowski keinen Glauben mehr, dass ein einmal eingeleiteter Liberalisierungsprozess keiner franz&ouml;sischen Regierung die H&auml;nde binde und ihr weiter alle Gestaltungsm&ouml;glichkeiten offen lasse.<\/p><p>Die Franzosen sind in ihrer &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit weiterhin f&uuml;r ein vereintes Europa &ndash; aber f&uuml;r eine demokratisches und soziales Europa seiner B&uuml;rger.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Zusammenfassung wesentlicher Aussagen eines Berichts von Jean-Louis Andreani in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 26.5.2005 <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,180,205],"tags":[284,233,1526],"class_list":["post-190","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-europaeische-vertraege","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-deregulierung","tag-marktliberalismus","tag-nachtwaechterstaat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/190","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=190"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/190\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32107,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/190\/revisions\/32107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=190"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=190"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=190"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}