{"id":19047,"date":"2013-10-25T14:21:03","date_gmt":"2013-10-25T12:21:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19047"},"modified":"2015-10-12T11:59:05","modified_gmt":"2015-10-12T09:59:05","slug":"steuererhoehungen-sind-kein-thema-oder-vielleicht-doch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19047","title":{"rendered":"Steuererh\u00f6hungen sind kein Thema &#8230; &#8211; oder vielleicht doch?"},"content":{"rendered":"<p>Werden Steuererh&ouml;hungen bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU\/CSU und SPD ein Thema sein? Die SPD ist in dieser Frage wieder einmal uneins. Es w&auml;re jedoch ein Skandal, wenn sich in punkto Besteuerung nichts &auml;ndern w&uuml;rde. Vor allem der Vorzugs-Steuersatz f&uuml;r Kapitaleink&uuml;nfte muss abgeschafft werden. Von G&uuml;nther Wierichs [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19047#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDie Deutschen verf&uuml;gen &uuml;ber ein Geldverm&ouml;gen von knapp 5.000 Milliarden Euro. Es setzt sich im Wesentlichen zusammen aus Bargeld, Bankeinlagen, Wertpapieren und Anspr&uuml;chen gegen&uuml;ber Versicherungen. Diese Verm&ouml;genswerte sollen, so die landl&auml;ufige Meinung, renditetr&auml;chtig angelegt sein &ndash; bei m&ouml;glichst geringer Steuerbelastung.<\/p><p>Die ist zurzeit gegeben. Und sie wird erhalten bleiben, sofern die SPD nicht doch noch die Kurve kriegt und sich f&uuml;r eine Abschaffung des bei Kapitaleink&uuml;nften geltenden Discount-Steuersatzes von 26,375 Prozent (= 25 Prozent Abgeltungsteuer zuz&uuml;glich 5,5 Prozent Solidarit&auml;tszuschlag auf diese 25 Prozent) stark macht. &Uuml;ber diese milde Steuergabe k&ouml;nnen sich vornehmlich gut Betuchte freuen, die auf andere Eink&uuml;nfte wie beispielsweise Geh&auml;lter oder  Mieteinnahmen in der Spitze bis zu 42 Prozent bzw. 45 Prozent &bdquo;Reichensteuer&ldquo; zahlen m&uuml;ssen, ihre Kapitalertr&auml;ge jedoch mit einer Belastung von 26,375 Prozent steuerlich abhaken k&ouml;nnen. Und die Finanzindustrie steht mit einer Produktpalette, bei der spekulative Anlageformen die absolute Vorherrschaft gegen&uuml;ber realwirtschaftlichen Investments wie Aktien (= direkte Unternehmensbeteiligungen) oder Unternehmensanleihen (= Kreditgew&auml;hrung an Unternehmen) &uuml;bernommen haben, &auml;u&szlig;erst hilfreich zur Seite.<\/p><p>Einen kleinen Einblick in die ungeheure Vielfalt spekulativer Anlageformen bietet die vom Deutschen Derivate Verband (DDV) regelm&auml;&szlig;ig ver&ouml;ffentlichte Monatsstatistik: &bdquo;B&ouml;rsenums&auml;tze von derivativen Wertpapieren&ldquo;. Mit den B&ouml;rsen sind die Handelspl&auml;tze Frankfurt und Stuttgart gemeint; derivativ bedeutet abgeleitet, das hei&szlig;t, es werden nicht Aktien, Unternehmensanleihen, Goldbarren, Rohstoffe etc. gehandelt, sondern bestimmte Rechte an diesen Werten. <\/p><p>F&uuml;r den Monat September 2013 listet der DDV auf:<\/p><ul>\n<li>Umsatz: 3,3 Milliarden Euro (bei 21 Gesch&auml;ftstagen also etwa 157 Millionen Euro t&auml;glich)<\/li>\n<li>Kundenorders: 363.568<\/li>\n<li>Volumen pro Order 9.127 Euro<\/li>\n<\/ul><p>Insgesamt handelt es sich um einen recht kleinen Ausschnitt aus dem Derivate-Spektrum. Weltweit geistert ein Volumen von schier unfassbaren 760.000 Milliarden US-Dollar an &bdquo;abgeleiteten Finanzinstrumenten&ldquo; pro Jahr umher. Aber die grassierende Spekulationswut wird auch durch die vergleichsweise bescheidenen Zahlen zweier deutscher Handelspl&auml;tze deutlich.<\/p><p>Der DDV unterteilt die in Frankfurt und Stuttgart gehandelten derivativen Wertpapiere in &bdquo;Anlageprodukte&ldquo; und &bdquo;Hebelprodukte&ldquo;. Unter die erste Gruppe fallen unter anderem &bdquo;strukturierte Anleihen&ldquo;, &bdquo;Express-Zertifikate&ldquo;, &bdquo;Outperformance-Zertifikate&ldquo; und &bdquo;Sprint-Zertifikate&ldquo;. N&auml;here Erl&auml;uterungen zu diesen einzelnen Formen w&uuml;rden etliche Seiten f&uuml;llen, daher wird an dieser Stelle hierauf verzichtet.  (Das Funktionsprinzip eines Outperformance-Zertifikates wird im Nachdenkseiten-Beitrag <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13581\">&bdquo;Spekulationsbombe mit Nebenwirkungen&ldquo;<\/a> v. 20.6.2012 genauer beschrieben.)<\/p><p>Gemeinsam ist allen Produkten, dass die R&uuml;ckzahlung des investierten Geldes sowie die Ertragszahlungen von bestimmten Bedingungen bei den jeweils zu Grunde liegenden &bdquo;Basiswerten&ldquo;, z.B. Aktien, B&ouml;rsenindizes wie DAX oder EuroStoxx, Rohstoffpreisen etc., abh&auml;ngig ist. <\/p><p>Unter die Kategorie &bdquo;Hebelprodukte&ldquo; fallen Optionsscheine in allen m&ouml;glichen Varianten. Es geht hierbei um das Recht, ein Wertpapier kaufen oder auch verkaufen zu d&uuml;rfen. Dabei nutzt man einen &bdquo;Hebel&ldquo;. Der Hebel ist ein Schl&uuml;sselinstrument f&uuml;r jeden Spekulanten. Er folgt dem Motto: &bdquo;Geringer Kapitaleinsatz &ndash; gro&szlig;e Wirkung&ldquo;. Das Hebelprinzip kann man an einem einfachen Beispiel erl&auml;utern:<\/p><p><em>Angenommen, eine Aktie notiert zurzeit mit 80 Euro. Gleichzeitig werden auch Optionsscheine gehandelt, die das Recht verbriefen, diese Aktie innerhalb der n&auml;chsten 3 Monate f&uuml;r 80 Euro kaufen zu d&uuml;rfen. Wir unterstellen, dass ein solcher Optionsschein (Call-Optionsschein) mit 5 Euro gehandelt wird. Der K&auml;ufer dieses Scheins spekuliert auf einen steigenden Aktienkurs; tritt eine solche Steigerung ein, profitiert davon auch sein Optionsschein. Um wie viel Euro Aktie und Schein steigen, h&auml;ngt vom Verhalten und den Einsch&auml;tzungen der Akteure an den B&ouml;rsen ab. Jedenfalls wird die Steigerung in Prozent des Kapitaleinsatzes beim Optionsschein immer h&ouml;her sein als bei der Aktie. Wenn zum Beispiel die Aktie um 2 Euro steigt und der Optionsschein &bdquo;nur&ldquo; um 1 Euro, so gilt:<\/em><\/p><ul>\n<li><em>Die Steigerung bei der Aktie betr&auml;gt (2 : 80) * 100 = 2,5 Prozent.<\/em><\/li>\n<li><em>Die Steigerung beim Optionsschein betr&auml;gt (1 : 5) * 100 = 20 Prozent.<\/em><\/li>\n<\/ul><p><em>Prozentual, also im Verh&auml;ltnis zum Kapitaleinsatz gesehen, ist die Optionsschein-Steigerung um den Faktor 8 (= 20 : 2,5) h&ouml;her. Das ist der Hebel.<br>\nAnders gesprochen: Ein Spekulant, der 80 Euro auf der hohen Kante hat, kann entweder eine Aktie oder 80 : 5 = 16 Optionsscheine kaufen. Kommt es zu den o.g. Kurssteigerungen, w&uuml;rde er einen Kursgewinn von 2 Euro realisieren, falls er sich f&uuml;r den Aktienkauf entschieden hat. Hat er hingegen in Optionsscheine investiert, ist sein Profit mit 16 Euro acht Mal h&ouml;her.<\/em> <\/p><p>Wie gut, dass der Gesetzgeber f&uuml;r solche sch&ouml;nen Gewinne auch noch einen niedrigen Steuersatz in Aussicht stellt. Nun k&ouml;nnen Spekulationsgesch&auml;fte ebenso gut nach hinten losgehen und Verluste hervorbringen; der Hebel schl&auml;gt dann quasi nach unten aus. W&uuml;rden, um in unserem Beispiel zu bleiben, die Kurse von Aktie und Optionsschein sinken, so h&auml;tte der Optionsscheink&auml;ufer gegen&uuml;ber dem Aktieninvestor einen um das Achtfache h&ouml;heren Verlust. In diesem Fall kann der Spekulant eine steuermindernde Verrechnung von Kursgewinnen mit Kursverlusten in Anspruch nehmen. H&auml;tte unser Spekulant mit dem Kauf von 1.000 Optionsscheinen also einen Verlust von 16.000 Euro gemacht, so w&uuml;rde seine Hausbank diesen Betrag in einen &bdquo;Verlustverrechnungstopf&ldquo; einstellen. Dieses T&ouml;pfchen erweist sich als sehr hilfreich, wenn im Laufe des Jahres Zinsen, Dividenden oder weitere Kursgewinne anfallen; diese Ertragsanteile werden dann n&auml;mlich erst ab 16.000 Euro mit 26,375 Prozent besteuert. Der Verlustvortrag erspart dem Spekulanten also Steuern in H&ouml;he von 16.000 Euro * 0,26375  = 4.220 Euro, er hat folglich nicht 16.000 Euro, sondern 11.780 Euro mit seiner Fehlinvestition in den Sand gesetzt. Und beim n&auml;chsten Spekulationsgesch&auml;ft wird der Hebel sicherlich wieder in eine andere Richtung ausschlagen. <\/p><p>Seit Anfang 2009, dem Zeitpunkt der Einf&uuml;hrung des Abgeltungssteuersystems, sind die Geldverm&ouml;gen in Deutschland um 17 Prozent und damit besonders stark gestiegen &ndash; vgl. dazu die <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Navigation\/DE\/Statistiken\/Zeitreihen_Datenbanken\/Makrooekonomische_Zeitreihen\/its_details_value_node.html?tsId=BBK01.CEB00I\">entsprechende Zeitreihe der Deutschen Bundesbank<\/a>.<\/p><p>Die perfekt an den Bed&uuml;rfnissen von Gutverdienern ausgerichtete Regelung zur Besteuerung von Kapitalertr&auml;gen hat hier offensichtlich einen Beitrag geleistet. Und die Finanzbranche kann sich nach wie vor die H&auml;nde reiben und ihre Vertriebsmaschinerie unverdrossen auf Hochtouren laufen lassen. Allein an den B&ouml;rsen Frankfurt und Stuttgart wurden im September 2013 mehr als eine Million derivative Produkte gehandelt.  <\/p><p>Es wird h&ouml;chste Zeit, dass die einseitige steuerliche Bevorzugung von Kapitalertr&auml;gen beendet wird. Und derjenige, der an dieser Stelle wieder einmal Belastungen f&uuml;r den ber&uuml;hmten Kleinsparer heraufbeschw&ouml;ren m&ouml;chte, sei beruhigt: Kapitalertr&auml;ge bis zum Betrag von 801 Euro (1.602 Euro f&uuml;r steuerlich zusammen veranlagte Ehepartner) bleiben einkommensteuerfrei. Ein Lediger m&uuml;sste bei einer &ndash; zurzeit sicherlich recht hoch gegriffenen &ndash; Jahresverzinsung von 4 Prozent schon mehr als 20.000 Euro auf der hohen Kante haben, um &uuml;berhaupt in die Versteuerungszone zu kommen.<\/p><p>Die SPD tut gut daran, das Thema Steuern in die Koalitionsverhandlungen einzubringen. Eine Reform des Abgeltungssteuerrechts w&auml;re f&uuml;r die Partei jedoch eine spektakul&auml;re Rolle r&uuml;ckw&auml;rts: Eingef&uuml;hrt wurde das System n&auml;mlich in der Gro&szlig;en Koalition 2005 bis 2009 unter einem Finanzminister namens Peer Steinbr&uuml;ck. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] G&uuml;nter Wierichs (* 1955) studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte zum Dr. rer. pol. Er arbeitet als Fachleiter am Zentrum f&uuml;r schulpraktische Lehrerausbildung in D&uuml;sseldorf und ist Autor mehrerer Lehrb&uuml;cher, eines Bank- und B&ouml;rsenlexikons sowie zahlreicher Aufs&auml;tze zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen. Ende August 2013 erschien im Westend-Verlag sein Buch: &bdquo;Das kritische Finanzlexikon&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werden Steuererh&ouml;hungen bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU\/CSU und SPD ein Thema sein? Die SPD ist in dieser Frage wieder einmal uneins. Es w&auml;re jedoch ein Skandal, wenn sich in punkto Besteuerung nichts &auml;ndern w&uuml;rde. Vor allem der Vorzugs-Steuersatz f&uuml;r Kapitaleink&uuml;nfte muss abgeschafft werden. 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