{"id":19065,"date":"2013-10-28T14:18:00","date_gmt":"2013-10-28T13:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19065"},"modified":"2024-09-25T04:52:29","modified_gmt":"2024-09-25T02:52:29","slug":"der-oekonom-als-menschenfeind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19065","title":{"rendered":"Der \u00d6konom als Menschenfeind?"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber gesellschaftliche Verrohung und die etablierte &ouml;konomische Theorie<br>\nEin Interview mit dem Volkswirt und Wirtschaftsethiker <strong>Sebastian Thieme<\/strong> &uuml;ber Fragen nach der Entsolidarisierung der Gesellschaft etwa durch die Hartz-Reformen, nach dem Menschenbild hinter den vorherrschenden &ouml;konomischen Lehren, nach der &Ouml;konomisierung der Gesellschaft und der ethischen Verantwortung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Das Interview f&uuml;r die NachDenkSeiten f&uuml;hrte <strong>Jens Wernicke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Thieme, Sie arbeiten seit L&auml;ngerem &uuml;ber das Thema der sogenannten &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.gegenblende.de\/21-2013\/++co++b4a826b6-d7fa-11e2-a40c-52540066f352\">rohen B&uuml;rgerlichkeit<\/a>&ldquo;. Um was genau handelt es sich bei diesem Ph&auml;nomen &ndash; und in welchem Zusammenhang steht es mit Prekarisierung, Hartz IV etc.?<\/strong><\/p><p>Der Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer hat den Begriff &bdquo;rohe B&uuml;rgerlichkeit&ldquo; verwendet, um zum Ausdruck zu bringen, dass sich unsere Gesellschaft zunehmend entsolidarisiert. Vor allem die &bdquo;Eliten&ldquo; meinen, sie w&uuml;rden bereits viel zu viel f&uuml;r die Gesellschaft tun, der Staat behandle sie ungerechtund dieSchwachen sollten sich gef&auml;lligst selber helfen. <\/p><p>Zur Wahrheit geh&ouml;rt aber ebenso, dass sich auch die unteren Gesellschaftsgruppen untereinander mehr und mehr entsolidarisieren. Die von Ihnen erw&auml;hnten Hartz-Reformen lassen sich dabei als Instrument einer institutionalisierten Entsolidarisierung bezeichnen. Der Staat bzw. die Gesellschaft konfrontieren die Bed&uuml;rftigenst&auml;ndig mit dem Vorwurf des Sozialmissbrauchs und stellen die Solidarit&auml;t unter den umfassenden Vorbehalt einer &bdquo;Unbedenklichkeitspr&uuml;fung&ldquo;. Dazu geh&ouml;rt die obligatorische Pr&uuml;fung der Bed&uuml;rftigkeit, die von vielen Betroffenen in ihrer Praxis bereits als entw&uuml;rdigend empfunden wird. Aber auch die Vorladungen in Jobcenter, die Residenz-, Ab- und R&uuml;ckmeldepflichten sowie die sogenannten Einstellungsvereinbarungen z&auml;hlen dazu. Diese Auflagen selbst sind bereits entsolidarisierend,  d. h. die Solidarit&auml;t steht unter dem Vorbehalt der Einhaltung dieser Auflagen. In Ihnen zeigt sich das eben beschriebene Misstrauen gegen&uuml;ber den Bed&uuml;rftigen. Letztlich sollen diese Ma&szlig;nahmen allesamt disziplinierend bzw. erzieherisch wirken. Das wiederum geht offenbar mit einer Haltung einher, wonach &bdquo;Bed&uuml;rftige&ldquo; oft gar keine Hilfe ben&ouml;tigen, sich selbst helfen k&ouml;nnten &ndash; ihnen damit aber ebenso oft unterstellt wird, sich lieber helfen lassen zu wollen, weil das bequemer ist &ndash; und schlussendlich gar nicht so viel Solidarit&auml;t n&ouml;tig w&auml;re.<\/p><p>Aber auch der Umstand, dass derartige &bdquo;Reformen&ldquo; &uuml;berhaupt m&ouml;glich waren, zeugt bereits von einem Klima der Entsolidarisierung. Hinzu tritt, dass die Notwendigkeit solcher &bdquo;Reformen&ldquo; mit negativen Menschenbildern begr&uuml;ndet wurde und bis heute noch wird. Denken Sie nur an solche Ausspr&uuml;che wie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2006\/20\/Schreiner\">Nur wer arbeitet, soll auch essen<\/a>&ldquo;. Oder an Ex-Kanzler Schr&ouml;der, der damals im Bundestag meinte, <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/politik\/schroeder-will-drueckebergern-ans-geld-1.1819139\">dass in Deutschland kein Platz f&uuml;r Faulheit sei<\/a>. Sein damaliger Superminister Clemens malte dann &uuml;berdeutlich das Gespenst des Sozialmissbrauchs an die Wand und setzte dem Ganzen noch die Krone auf, indem er die Bezieher von Sozialtransfers mit &bdquo;Parasiten&ldquo; verglich. Wortw&ouml;rtlich hie&szlig; es auf Seite 10 des damaligen Reports des Bundesministeriums f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit <a href=\"http:\/\/www.harald-thome.de\/media\/files\/Gesetzestexte%20SGB%20II%20+%20VO\/Gesetzestexte%20SGB%20XII%20+%20VO\/Seminare\/Clement\/Sozialmissbrauch_Bericht_BMWA.pdf\">&bdquo;Vorrang f&uuml;r die Anst&auml;ndigen &ndash; Gegen Missbrauch, &sbquo;Abzocke&lsquo; und Selbstbedienung im Sozialstaat&ldquo; [PDF &ndash; 183 KB]<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Biologen verwenden f&uuml;r &sbquo;Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen &ndash; ihren Wirten &ndash; leben&lsquo;, &uuml;bereinstimmend die Bezeichnung &sbquo;Parasiten&lsquo;. Nat&uuml;rlich ist es v&ouml;llig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu &uuml;bertragen. Schlie&szlig;lich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Denken Sie auch an das &uuml;beraus popul&auml;re Bild von Beziehern von Sozialtransfers, die &ndash; <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/oswald-metzger-ich-bin-auf-dem-sprung-603071.html\">im Jargon von Oswald Metzger<\/a> &ndash;  das Geld lieber in Alkoholika und Kohlehydrateinvestieren w&uuml;rden als bspw. f&uuml;r die Bildung ihrer Kinder. Solche zynischen Spr&uuml;che charakterisieren den Wirkungsbereich der &bdquo;rohen B&uuml;rgerlichkeit&ldquo;.Letztlich geht es um Stigmatisierung, Abwertung und Menschenfeindlichkeit &ndash; und zwar, zumindest in diesen Beispielen, &bdquo;von oben herab&ldquo;, d. h. dass gut situierte Personen der &Ouml;ffentlichkeit stigmatisierten und abwerteten.<\/p><p>Die prek&auml;ren Lebensbedingungen im Niedriglohnbereich und in der Zeitarbeit spielen jedoch ebenso eine Rolle. Nur werden dort die Bed&uuml;rftigen eben gegeneinander ausgespielt. Niedrigl&ouml;hner werfen dann z. B. den Beziehern des Arbeitslosengeldes II Faulheit vor usw. usf. Innerhalb von Unternehmen wirkt zudem zunehmend die Spaltung zwischen Stammbelegschaft und Leiharbeitern: Die &bdquo;Privilegien&ldquo; der unbefristeten Normalarbeit werden dann &ndash; anstatt sich etwa f&uuml;r gute und sichere Arbeitsbedingungen f&uuml;r alle einzusetzen &ndash; gegen die &bdquo;Fremden&ldquo; verteidigt, indem diese abgewertet und ausgegrenzt werden. Die prek&auml;re Situation scheint die Betroffenen so sehr mit dem R&uuml;cken an die Wand zu stellen, dass sie f&uuml;r die prek&auml;re Situation der anderen schlie&szlig;lich immer weniger empf&auml;nglich werden. Um sich vom Rand abzugrenzen wird nach S&uuml;ndenb&ouml;cken oder Gegnern gesucht. Dort, wo Solidarit&auml;t ge&uuml;bt werden m&uuml;sste, herrschen dann eher Misstrauen, Konkurrenz und Angst.<\/p><p>Einige aktuelle Forschungen lassen sogar einen allgemeinen Empathier&uuml;ckgang in <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/de\/news554948\">unserer Gesellschaft<\/a> vermuten. Diese Beobachtungen gehen dabei &uuml;ber das hinaus, was die soziologische Studie &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal\">Die Arbeitslosen von Marienthal<\/a>&ldquo; bereits in den 1930er Jahren ergab. Dass n&auml;mlich die sozio-psychologischen Wirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit nicht &ndash; wie vielfach angenommen &ndash; zu Revolte, sondern vielmehr zu passiver Resignation f&uuml;hren.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"350\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/Gi99rTTdGAA\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>3sat-Dokumentation: &bdquo;Die Arbeitslosen von Marienthal&ldquo;<\/strong><\/p><p><strong>Verstehe ich das richtig: Umso mehr sich Armut und Unsicherheit ausbreiten, umso mehr neigen die Menschen zu Entsolidarisierung und Ausgrenzung, rationalisieren diese Haltung dann aber, um ihr eigenes Verhalten als &bdquo;anst&auml;ndig&ldquo; verstehen und bewerten zu k&ouml;nnen? <\/strong><\/p><p>&bdquo;Anst&auml;ndig&ldquo; trifft es nicht ganz. Mit &bdquo;vern&uuml;nftig&ldquo; oder &bdquo;&ouml;konomisch vern&uuml;nftig&ldquo; scheint mir das besser umschrieben zu sein. Und ja, eine Tendenz zur Entsolidarisierung, Ausgrenzung und zur rational-&ouml;konomischen Denkhaltung in den unteren Etagen der Gesellschaft legen entsprechende Studien nahe.<\/p><p><strong>Zeitgleich zu einer B&uuml;ndelung des Reichtums in immer weniger privaten H&auml;nden und einer Zunahme gesellschaftlicher Armut ist also zu konstatieren, dass die Not der &Auml;rmeren zunimmt, diese aber in aller Regel auf die &bdquo;Erkl&auml;rungsmuster von oben&ldquo;, die ihnen ihren N&auml;chsten als Konkurrenten und Gefahr andienen, h&ouml;ren und &uuml;berdies aufgrund der Zunahme von Stress und Angst im eigenen Leben auch immer weniger, lassen Sie es mich so sagen, &bdquo;Ressourcen zur Empathie f&uuml;r andere&ldquo; aufzubringen verm&ouml;gen? <\/strong><\/p><p>So in etwa, ja. Der Stress und die Angst, die Sie ansprechen, beide sind Elemente der Konkurrenz, der Rivalit&auml;t mit den Mitmenschen. Je st&auml;rker der Wettbewerb, desto st&auml;rker der Stress und die &Auml;ngste.<\/p><p>Unter diesem Wettbewerbsdruck ist f&uuml;r Empathie kein Platz mehr. Wir k&ouml;nnten auch sagen: Unter Wettbewerbsbedingungen, in der jeder Mensch mit seinen Mitmenschen konkurriert, wird Empathie &bdquo;wertlos&ldquo; oder &bdquo;sinnlos&ldquo;. Ressourcen werden dann nicht f&uuml;r Empathie aufgebracht, sondern daf&uuml;r, in diesem Wettbewerb zu &bdquo;&uuml;berleben&ldquo;. Damit haben die Betroffenen ohnehin genug zu tun. Das mag im ersten Moment etwas pathetisch klingen, aber denken Sie einfach an jene prek&auml;r Besch&auml;ftigten, die am Rande ihrer physischen und psychischen Existenz agieren. Au&szlig;erdem steigt die allgemeine Armutsbedrohung der Menschen laut Statistischem Bundesamt seit Jahren an: 2005 waren 12,2 Prozent der Bev&ouml;lkerung von Armut gef&auml;hrdet; 2011 waren es bereits 16,1 Prozent, <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2013\/10\/PD13_361_634.html;jsessionid=97B72A7C15799B0D99FFE7DD57D128C3.cae4\">das hei&szlig;t jeder sechste B&uuml;rger im Land<\/a>. Den Betroffenen bleibt da sicher nicht viel Mu&szlig;e, um sich um andere zu k&uuml;mmern. Wer mag ihnen das in dieser Situation vorwerfen?<\/p><p><strong>Ich m&ouml;chte Ihnen gleich ein paar Fragen zur &ouml;konomischen Theorie stellen. Lassen Sie mich aber vorher noch auf einen Sachverhalt kommen, dessen Kl&auml;rung f&uuml;r die Diskussion hilfreich sein kann: Sie sprechen in Ihrem <a href=\"http:\/\/www.budrich-verlag.de\/pages\/frameset\/reload.php?ID=873&amp;_requested_page=%2Fpages%2Fdetails.php\">Buch<\/a> und ihren Beitr&auml;gen von &ouml;konomischen Theorien. Doch in der Debatte um die Wirtschaftswissenschaften wird h&auml;ufig von der &ouml;konomischen Theorie gesprochen, ganz so, als ob es nur eine Theorie g&auml;be. K&ouml;nnten Sie das kurz erkl&auml;ren?<\/strong><\/p><p>Das liegt an der begrifflichen Unsch&auml;rfe. Wenn &bdquo;die&ldquo; &ouml;konomische Theorie kritisiert wird, dann l&auml;sst sich das in aller Regel als die Kritik an der vorherrschenden &ouml;konomischen Lehre bzw. am &ouml;konomischen &bdquo;Mainstream&ldquo; &uuml;bersetzen. Dies umfasst nicht eine einzige Theorie, sondern steht allgemein f&uuml;r Ans&auml;tze, Ideen und wissenschaftliche Verfahren, die durch Lehrst&uuml;hle vertreten und fester Bestandteil der Lehrb&uuml;cher sind, die in Fachzeitschriften diskutiert werden und die sich auch der F&ouml;rderung durch Stiftungen bzw. der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) erfreuen k&ouml;nnen. Alle &ouml;konomische Wissenschaft abseits dieser &bdquo;vorherrschenden Lehre&ldquo; wird in der Diskussion als &bdquo;heterodox&ldquo;, &bdquo;post-autistisch&ldquo;, &bdquo;alternativ&ldquo; oder &bdquo;kritisch&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>Die Wirtschaftswissenschaften sind also insgesamt nicht einheitlich, sondern werden f&uuml;r gew&ouml;hnlich in sogenannte &bdquo;Schulen&ldquo; unterschieden, die wiederum ganz eigene Theorien bzw. Ans&auml;tze vertreten. Beispielhaft seien Marx und Keynes genannt, mit denen die breitere &Ouml;ffentlichkeit vielleicht noch etwas anfangen kann. Neo-Ricardianer, Evolutions&ouml;konomen, Alt-Institutionalisten, Wirtschaftsstilforschung usw. sind sicher viel weniger bekannt, stellen aber ebenfalls &bdquo;Schulen&ldquo; dar.<\/p><p>Allerdings ist auch zu beachten, dass selbst diese &bdquo;Schulen&ldquo; selbst nicht einheitlich auftreten m&uuml;ssen. Friedrun Quaas von der Universit&auml;t Leipzig hat das k&uuml;rzlich sehr anschaulich f&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.metropolis-verlag.de\/Die-Oesterreichische-Schule-der-Nationaloekonomie\/1031\/book.do;jsessionid=3E452EC99E693B557676374B44679B89\">&bdquo;erste Generation&ldquo; der &Ouml;sterreichischen Schule<\/a> gezeigt.<\/p><p><strong>Trotz Ihres letzten Einwandes scheint die Unterscheidung nach &ouml;konomischen Schulen durchaus popul&auml;r. Wie sieht es mit der &bdquo;Neoklassik&ldquo; aus? Der &ouml;konomische Mainstream wird doch h&auml;ufig als &bdquo;neoklassisch&ldquo; bezeichnet, oder nicht?<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Viele Kritikerinnen und Kritiker des Mainstreams behaupten, diese vorherrschende Lehre w&auml;re &bdquo;neoklassisch&ldquo;. Doch aus der ideengeschichtlichen Perspektive ist der Begriff &bdquo;Neoklassik&ldquo; f&uuml;r eine Str&ouml;mung reserviert, die am Ende des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts existierte.<\/p><p>Sicherlich hat sie die Wirtschaftswissenschaften insgesamt gepr&auml;gt. Die heute oftmals kritisierte Mathematisierung der &Ouml;konomik wurde ma&szlig;geblich von dieser Str&ouml;mung vorangetrieben. Au&szlig;erdem z&auml;hlen neoklassische Modelle noch immer zum Standard der &ouml;konomischen Lehrb&uuml;cher. Auch die Politik greift gerne auf die Modelle zur&uuml;ck. Wenn es z. B. um die Ablehnung eines Mindestlohnes oder der Erh&ouml;hung von Sozialtransfers geht, dann steht dort das neoklassische Modell des Arbeitsmarktangebotes Pate.<\/p><p>Aber seit dem beginnenden 20. Jahrhundert hat sich in der &Ouml;konomik viel getan. Nehmen Sie z. B. die neoklassische Annahme vollst&auml;ndiger Informationen. Die heutigen Ans&auml;tze gehen in aller Regel von unvollst&auml;ndigen und ungleich verteilten Informationen aus. Und dort, wo einstmals vollst&auml;ndige Rationalit&auml;t unterstellt wurde, wird heute mit &bdquo;bedingter&ldquo; Rationalit&auml;t gearbeitet. Selbst Kritikerinnen und Kritiker des &ouml;konomischen Mainstreams kommen deshalb nicht umhin, neben der Neoklassik noch andere Str&ouml;mungen aufzuz&auml;hlen, die zum Mainstream geh&ouml;ren sollen, z. B. die Neue Institutionen&ouml;konomik oder die Verhaltens&ouml;konomik. Von der vermeintlichen Dominanz der &bdquo;Neoklassik&ldquo; bleibt dann aber nicht mehr viel &uuml;brig.<\/p><p><strong>Was ist dann aber der &bdquo;Mainstream&ldquo; oder &bdquo;vorherrschende Lehre&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Das ist eine gute Frage, &uuml;ber die meine Linzer Kollegin Katrin Hirte und ich uns <a href=\"http:\/\/www.wiso.uni-hamburg.de\/fileadmin\/sozialoekonomie\/zoess\/DP_38_Hirte_Thieme.pdf\">innerhalb eines Projektes [PDF &ndash; 735 KB]<\/a>, das von der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung gef&ouml;rdert wird, auch den Kopf zerbrochen haben. Ich selbst tendiere dazu, unter &bdquo;Mainstream&ldquo; ein Sammelsurium von sich zum Teil sogar widersprechenden Theorien, Ans&auml;tzen, Forschungsthemen und wissenschaftlichen Verfahren zu verstehen, die in der universit&auml;ren Lehre vertreten, bevorzugt gef&ouml;rdert und publiziert werden. In der Summe geht es also nicht um &bdquo;die eine&ldquo; Theorie oder &bdquo;den einen&ldquo; Ansatz, sondern um einen ganzen Strau&szlig; an Ideen, die nach au&szlig;en hin auch h&auml;ufig den Anschein einer recht vielf&auml;ltigen &Ouml;konomik erwecken. Diese Scheinvielfalt zu er&ouml;rtern w&uuml;rde hier aber den Raum sprengen. Lassen Sie es mich so zusammenfassen: Gemeinsam ist diesen Str&ouml;mungen, dass sie deduktiv vorgehen, sich auf mathematisch-formale Verfahren und Modellierungen konzentrieren, den sogenannten &bdquo;methodologischen Individualismus&ldquo; zugrunde legen (d. h. &ouml;konomische Vorg&auml;nge nur vom Handeln der Einzelnen aus betrachten bzw. auf den Einzelnen &bdquo;r&uuml;ckrechnen&ldquo;)  und einen gewissen Dogmatismus an den Tag legen.<\/p><p><strong>In Ihrem soeben erschienenen <a href=\"http:\/\/www.budrich-verlag.de\/pages\/frameset\/reload.php?ID=873&amp;_requested_page=%2Fpages%2Fdetails.php\">Buch<\/a> gehen Sie auch der Frage nach, inwiefern die (vorherrschende) &Ouml;konomik ganz grundlegend auf einem negativen Menschenbild fu&szlig;t und somit Gesellschaft mehr oder minder auch nur als Summe sich bek&auml;mpfender Individuen zuerst einmal zu denken und dann aufgrund eben dieser theoretischen Pr&auml;missen auch ebenso zu gestalten vermag. Was haben Sie untersucht und zu welchen Schl&uuml;ssen kamen Sie dabei?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst, das von Ihnen angesprochene Menschenbild ist eines der Elemente innerhalb &ouml;konomischer Theorien, das gegen die menschliche Integrit&auml;t, W&uuml;rde und Gleichwertigkeit verst&ouml;&szlig;t. In dem Zusammenhang spreche ich auch von &ouml;konomischer Menschenfeindlichkeit bzw. Misanthropie.<\/p><p>Jedenfalls l&auml;sst sich unter Wirtschaftswissenschaftlern\/innen immer wieder eine pers&ouml;nliche Haltung beobachten, die das von Ihnen angesprochene negative Menschenbild durchblicken l&auml;sst. So wurden Bettler und &auml;rmere Schichten praktisch seit jeher als unproduktiver Ballast der Gesellschaft betrachtet respektive konstruiert.<\/p><p>Die Einstellungen &bdquo;&auml;lterer&ldquo; &Ouml;konomen wie etwa Joseph Townsend oder Robert Malthus sind dabei gar nicht weit von jenen Haltungen entfernt, mit denen sich heutzutage Wissenschaftler wie Gunnar Heinsohn oder Thilo Sarrazin in den Medien pr&auml;sentieren.<\/p><p>Worauf ich deshalb mit den Beispielen in meinem Buch hinweisen wollte, war, dass es gen&uuml;gend Anlass dazu gibt und es notwendig ist, der Frage nachzugehen, inwiefern sich solche Haltungen und Stereotype auch in &ouml;konomischen Theorien niederschlagen. Diese Frage war im Buch zwar nicht abschlie&szlig;end zu kl&auml;ren, aber viele Beispiele deuten darauf hin, dass die Aussagen von &Ouml;konomen weit weniger &bdquo;wertfrei&ldquo; oder &bdquo;neutral&ldquo; sind, als sie das von ihrer Wissenschaft in der Regel behaupten. Aber wie gesagt, das muss noch eingehender untersucht werden.<\/p><p><strong>Das negative Menschenbild ist nur ein Aspekt von dem, was Sie in Ihrem Buch als &ouml;konomische Menschenfeindlichkeit bzw. Misanthropie bezeichnen. Welche anderen Elemente stellen &ndash; wie Sie schreiben &ndash; die W&uuml;rde, Integrit&auml;t und Gleichwertigkeit von Menschen infrage?<\/strong><\/p><p>Nehmen Sie z. B. die Idee des Wettbewerbs. Dieser produziert immer Gewinner und Verlierer. Dadurch entstehen aber immer auch Ungleichheiten, die auch noch bewertet werden. Anders formuliert: Wettbewerb produziert Ungleichwertigkeiten. Denn die &bdquo;Sieger&ldquo; oder &bdquo;Gewinner&ldquo; sind &bdquo;mehr wert&ldquo;, &bdquo;erfolgreicher&ldquo;, &bdquo;produktiver&ldquo; usw. als jene, die den Wettbewerb verloren haben. &Uuml;ber diese Ungleichwertigkeiten wird in der &Ouml;konomik aber kaum nachgedacht. Dabei zielt das auf ganz zentrale wirtschaftsethische Fragen ab: Wie viel Wettbewerb wollen wir uns zumuten? Wo wollen wir Wettbewerb zulassen? Wo ist er unzumutbar?<\/p><p>Ein anderes Beispiel ist die Prinzipal-Agenten-Theorie, die ungleich verteilte Informationen unterstellt und davon ausgeht, dass Menschen st&auml;ndig ihre Mitmenschen &uuml;bers Ohr hauen. Damit zwingt diese Theorie den menschlichen Beziehungen ein &bdquo;rationales&ldquo; Misstrauen auf. Das finden Sie dann z. B. im Hartz-IV-Regime umgesetzt, wo faktisch ein chronisches Misstrauen gegen&uuml;ber den Bed&uuml;rftigen besteht. Am Beispiel Hartz-IV zeigt sich vor allem, wie durch dieses institutionalisierte Misstrauen die Menschenw&uuml;rde und Integrit&auml;t der Betroffenen (ihre Selbstbestimmung) immer wieder in Zweifel gezogen wird.<\/p><p>Fragw&uuml;rdig ist ebenso das Modell des neoklassischen Arbeitsmarktangebotes, das den Erwerbslosen unterstellt, freiwillig in die Erwerbslosigkeit zu gehen und es sich in der sozialen H&auml;ngematte bequem zu machen. Die &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; verwendeten noch 2010 dieses einfachste Modell, um gegen eine Erh&ouml;hung der Hartz-IV-Regels&auml;tze zu argumentieren. Zu bedenken ist dabei, dass diese Regels&auml;tze das soziokulturelle Existenzminimum abdecken sollen und eine Erh&ouml;hung praktisch diesem Ziel dienen soll &ndash; eine Erh&ouml;hung der Regels&auml;tze dient dazu, die Sozialtransfers an h&ouml;here Preise usw. (z. B. durch Inflation) anzupassen und dadurch das soziokulturelle Existenzminimum an die Entwicklung anzupassen. Bei den erw&auml;hnten Vorschl&auml;gen der &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; ging es aber vor allem um die &ouml;konomische Anreizwirkung der Regels&auml;tze. Die Regelsatzh&ouml;he wurde unter den Blickwinkel der &ouml;konomischen Anreizwirkung gestellt und diente offenbar nicht mehr der Gew&auml;hrleistung des Existenzminimums, also der Achtung  der Menschenw&uuml;rde.<\/p><p>Es lassen sich also eine Reihe von Hinweisen zusammentragen, die belegen, dass die derzeit vorherrschende &Ouml;konomik auf recht grundlegende Art und Weise menschenfeindliche Z&uuml;ge tr&auml;gt. Zudem ist zu ber&uuml;cksichtigen, dass die in der &Ouml;konomik verwendeten abstrakten mathematischen Gleichungen, die Graphen oder die Spieltheorie auch noch daf&uuml;r sorgen k&ouml;nnen, dass derlei negative Effekte aus dem Blick geraten k&ouml;nnen.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"350\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/ly905DIisc8\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Prof. Wilhelm Heitmeyer zum Thema &ldquo;Gruppenbezogende Menschenfeindlichkeit&rdquo;.<\/strong><\/p><p><strong>In Ihrem Buch widmen Sie aber auch ein Kapitel dem Thema &bdquo;&Ouml;konomik und Ethik&ldquo;, wo Sie deutlich aufzeigen, dass beides &ndash; &Ouml;konomik und Ethik &ndash; kein Widerspruch sein muss und in der &Ouml;konomik auch Ans&auml;tze existieren, wie sich diese Elemente der  Menschenfeindlichkeit auffangen oder eingrenzen lie&szlig;en. K&ouml;nnen Sie kurz erl&auml;utern, an welche Sie da im Speziellen denken?<\/strong><\/p><p>In erster Linie an Adam Smith, der in seiner &bdquo;Theory of Moral Sentiments&ldquo; das Gef&uuml;hl der &bdquo;Sympathie&ldquo; beschrieb, also mit dem Mitmenschen &bdquo;mitf&uuml;hlen&ldquo; zu k&ouml;nnen. Das ist in etwa auch das, was die breitere &Ouml;ffentlichkeit vom  Kategorischen Imperativ Immanuel Kants her kennt: &bdquo;Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.&ldquo;<\/p><p>Stellen Sie sich also mal vor, wie Empfehlungen von &Ouml;konomen zum Sozialstaat oder zum Arbeitsmarkt ausfallen w&uuml;rden, wenn sie sich in redlicher Weise tats&auml;chlich darum bem&uuml;hen, nur Empfehlungen zu geben, die sie auch gegen sich selbst gelten lassen w&uuml;rden.<\/p><p>&Auml;hnliche Aspekte finden sich bei Johann Heinrich von Th&uuml;nens Lohnfrage am Rande seines &bdquo;isolierten Staates&ldquo; von 1850. Dort standen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenh&ouml;he gegen&uuml;ber und verhandelten den Arbeitslohn mit Blick auf die Bed&uuml;rfnisse der Arbeitskr&auml;fte und in freier Selbstbestimmung.<\/p><p>Einen neueren Ansatz bietet die Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich. Auch dort wird gefordert, anderen nur solche Regeln, Gesetze etc. zu empfehlen, die jemand auch bezogen auf sich selbst als zumutbar empfindet. Zu beachten ist au&szlig;erdem, dass das eigene Handeln bzw. das empfohlene Handeln von Dritten als unzumutbar empfunden werden kann. Letztlich wird auch ein zumutbares Ma&szlig; an Mitverantwortung f&uuml;r Effekte gefordert, die nicht beabsichtigt waren, aber andere beeintr&auml;chtigen &ndash; das spielt vor allem mit Blick auf Dinge wie Umweltverschmutzung eine wichtige Rolle. Auch mit diesem Ansatz lie&szlig;e es sich vermeiden, dass die Gleichwertigkeit, Integrit&auml;t und W&uuml;rde der Mitmenschen verletzt wird.<\/p><p><strong>L&auml;sst sich vor diesem Hintergrund nicht auch eine ethische Verantwortung seitens der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfordern?<\/strong><\/p><p>Richtig, genau das ist der Punkt. Die etablierten &Ouml;konominnen und &Ouml;konomen von heute m&uuml;ssen sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die wirtschaftsethischen Aspekte von Theorien h&auml;ufig gar nicht erst thematisieren.<\/p><p>Ich spreche diesbez&uuml;glich bewusst von den etablierten Vertreterinnen und Vertretern unserer Zunft, da ich diesen Vorwurf nicht so einfach an die Studierenden weiterreichen m&ouml;chte. Denn woher sollen diese die wirtschaftsethischen &Uuml;berlegungen von Adam Smith usw. oder gar die Integrative Wirtschaftsethik kennen, wenn so etwas nicht gelehrt wird? Woher soll die Sensibilit&auml;t f&uuml;r wirtschaftsethische Fragen kommen, wenn die Lehrer selbst keinerlei derartige Sensibilit&auml;t an den Tag legen oder &ndash; im Gegenteil &ndash; sich gegen ethischen Fragen dadurch immunisieren, dass sie angeblich eine &bdquo;wertfreie&ldquo; Wirtschaftswissenschaft vermitteln?<\/p><p><strong>Das klingt &auml;hnlich dem, was der amerikanische &Ouml;konomen Philip Mirowski am Anfang dieses Jahres mit <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/-gqz-76yjy\">Blick auf die &ouml;konomische Theoriegeschichte &auml;u&szlig;erte<\/a>: Die &ouml;konomische Ideengeschichte w&auml;re praktisch aus den Universit&auml;ten vertrieben worden. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Genau so, denn es deckt sich auch mit meiner Beobachtung. Die Fachexpertise, um sich &uuml;ber ideengeschichtliche Themen auszutauschen, h&auml;lt sich in sehr &uuml;berschaubaren Grenzen. Es existieren nicht viele Lehrst&uuml;hle, die &ouml;konomische Ideen- oder Theoriegeschichte praktizieren. Und wenn junge Wissenschaftler\/innen selbst einmal ideengeschichtlich forschen wollen, sind sie damit konfrontiert, dass behauptet wird, diese Forschung w&uuml;rde keinen Erkenntnisgewinn bringen. Im Grunde m&uuml;ssen sie sich sogar fast schon daf&uuml;r rechtfertigen, wenn sie mal keine Formeln produzieren und stattdessen so dreist sind, das Textverst&auml;ndnis ihrer Kolleginnen und Kollegen &bdquo;unn&ouml;tig&ldquo; zu strapazieren.<\/p><p>Das wirkt sich dann nat&uuml;rlich negativ auf die M&ouml;glichkeiten aus, innerhalb der Universit&auml;ten auch die wirtschaftsethischen Aspekte der &ouml;konomischen Theorien zu vermitteln. Denn es existieren in der &Ouml;konomik ja tats&auml;chlich Ans&auml;tze, die die negativen Effekte der Theorien zumindest eind&auml;mmen k&ouml;nnten. Die &Ouml;konomik muss also gar nicht menschenfeindlich sein! Das ist mir besonders wichtig, da ich nicht dahingehend missverstanden werden m&ouml;chte, einseitig auf die &Ouml;konomik einschlagen zu wollen.<\/p><p>Jedenfalls w&auml;re es in dem Kontext notwendig, die F&auml;cher Wirtschaftsethik und &ouml;konomische Ideengeschichte als Pflichtf&auml;cher im Studium zu etablieren und entsprechende Lehrst&uuml;hle einzurichten. Leider sind wir davon aber weit entfernt.<\/p><p><strong>Lassen Sie mich noch einmal auf das negative Menschenbild zur&uuml;ckkommen. W&uuml;rden Sie so weit gehen und sagen, dass sich dieses negativ-&ouml;konomische Menschenbild immer weiter ausbreitet und aktuell gesellschaftliche Bereiche durchdringt, die bisher frei davon gewesen sind? Oder anders: Hat sich die neoliberale Wettbewerbsideologie auch auf nicht-&ouml;konomische Bereiche ausgedehnt? Und wenn ja, dann wie und wo?<\/strong><\/p><p>Sie zielen mit Ihrer Frage auf die sogenannte &Ouml;konomisierung unserer Gesellschaft ab. Ich w&uuml;rde das nicht allein am Menschenbild festmachen wollen. Denken Sie z. B. an die &Ouml;konomisierung im Hochschulbereich: Da geht es vor allem um die Quantifizierung, Bewertung und Verwertung von &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; (z. B. der Forschung), um schnellere und vermeintlich &bdquo;effizientere&ldquo; Studienabl&auml;ufe. Hochschul- und Forschungsrankings, Credit Points usw. sind die entsprechenden Schlagworte.<\/p><p>Aber ja, Sie finden das von Ihnen erw&auml;hnte negative Menschenbild in verschiedenen Bereichen des Alltags. Denken Sie z. B. <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/-gzg-7gs5a\">an diese Modekette &bdquo;Hollister&ldquo;<\/a>, die ihren Mitarbeitern so sehr misstraute, dass sie ihren Toilettengang kontrollieren wollte. Durchsetzen konnte sich das Unternehmen zum Gl&uuml;ck nicht. Aber allein das Vorhaben zeigt, wie das Management &uuml;ber die eigenen Angestellten denkt.<\/p><p>&Auml;hnliches l&auml;sst sich auch im Bereich des Sozialstaates beobachten. Nehmen Sie bspw. die Forderung, Sachleistungen statt Geld an Hilfsbed&uuml;rftige zu verteilen. Dort schwingt ja immer das Vorurteil mit, die Bed&uuml;rftigen k&ouml;nnten mit dem Geld nicht umgehen und w&uuml;rden es f&uuml;r sonstwas ausgeben. Eine wertsch&auml;tzende Beziehung auf Augenh&ouml;he s&auml;he anders aus!<\/p><p>Neben diesem Menschenbild k&ouml;nnen wir auch nicht die Augen davor verschlie&szlig;en, dass der Mensch ganz allgemein zunehmend unter dem Druck steht, sich &bdquo;am Markt&ldquo; zu verwerten. Er muss st&auml;ndig mobil, flexibel und erreichbar sein. Er steht immer in der Gefahr, als Kostenfaktor &bdquo;minimiert&ldquo; also abgewertet und entwertet zu werden. Rein &ouml;konomisch wird au&szlig;erdem h&auml;ufig argumentiert, dass jede Bildungsausgabe eine &bdquo;Investition&ldquo; ins eigene &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/Hintergrund\/humankapital.php\">Humankapital<\/a>&ldquo; darstellt. Die Appelle, in die Bildung und die eigene Bildung zu investieren, sind ja wohlbekannt. <\/p><p>Insofern befinden sich die Menschen von heute im Hamsterrad eines permanenten Optimierungsmodus und sie sind damit konfrontiert, immer h&auml;ufiger ein &ouml;konomisches Nutzenkalk&uuml;l an den Tag zu legen. Aus Mangel an Alternativen ist dies mehr oder minder zugleich eine &Uuml;berlebensnotwendigkeit.<\/p><p>Dieses N&uuml;tzlichkeitsdenken unterminiert aber gleichzeitig unsere sozialen und ethischen Werte, da es diese Werte unter den Vorbehalt der &ouml;konomischen N&uuml;tzlichkeit stellt. Galt die Menschenw&uuml;rde einstmals als unbedingtes Grundrecht, so droht sie, nur doch dort gew&auml;hrt zu werden, wo sie &bdquo;n&uuml;tzt&ldquo;. Damit sind jene Werte, die als unbedingt gelten sollen, nicht mehr unbedingt, d. h. sie stehen nur noch einem Teil der Menschen zu &ndash; n&auml;mlich jenen, die wir als &bdquo;n&uuml;tzlich&ldquo; empfinden. Analog dazu wird also Solidarit&auml;t zunehmend nur noch dort praktiziert, wo es uns &ouml;konomisch n&uuml;tzt bzw. wo sie sich &bdquo;verwerten&ldquo; l&auml;sst.<\/p><p>Damit sind wir wieder am Anfang Ihrer Fragen. Meine These ist, dass in dem Ma&szlig;e, wie wir die &Ouml;konomisierung unserer Lebensbereiche zulassen, sich dieses rational-k&uuml;hle Menschenbild immer weiter ausbreitet und m&ouml;glicherweise zunehmend an die Stelle anderer wichtiger gesellschaftlicher und humaner Werte tritt. Das bedeutet aber auch: Wir befinden uns in der Gefahr, immer weniger wie Menschen miteinander umzugehen.<\/p><p><strong>Kann man darin eine R&uuml;ckkehr des Sozialdarwinismus sehen? Oder lassen Sie es mich anders formulieren: Wird damit letztlich nicht das Recht der St&auml;rkeren forciert?<\/strong><\/p><p>Ja, hinter der eben erw&auml;hnten Entwicklung steht sp&uuml;rbar die Idee des nat&uuml;rlichen Daseinskampfs, in dem nur die St&auml;rksten &uuml;berleben. In gewisser Weise ist das aber auch ein banaler Zusammenhang: Mehr Wettbewerb bedeutet eben mehr Konkurrenz, mehr Auslese und stellt damit eine Rechtfertigung f&uuml;r das Recht der St&auml;rkeren dar.<\/p><p>Ob es sich bei dieser Tendenz um eine R&uuml;ckkehr handelt, das bezweifle ich jedoch. Denn das w&uuml;rde voraussetzen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der dieses Verst&auml;ndnis von &bdquo;Sozialdarwinismus&ldquo; nicht galt. Genau das glaube ich ehrlich gesagt nicht.<\/p><p>Aber Sie haben Recht, es l&auml;sst sich beobachten, dass trotz der Finanzkrisen der letzten Jahre das Gerede vom &bdquo;Wettbewerb&ldquo; und der &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; die Oberhand gewonnen hat. Das impliziert das von Ihnen erw&auml;hnte &bdquo;Recht der St&auml;rkeren&ldquo;. Die Frage, ob wir uns z. B. in Europa &uuml;berhaupt den Stress einer Konkurrenz zwischen den nationalen &bdquo;Standorten&ldquo; antun wollen, wie viel Konkurrenz wir als zutr&auml;glich und zumutbar erachten, auch mit Hinblick auf die Selbsterhaltungsf&auml;higkeit anderer Euro-L&auml;nder, diese Probleme scheinen mir momentan hinter die Wettbewerbsphrasen zu treten. Fast unbemerkt wird damit auch die Frage nach einer Europ&auml;ischen Solidarit&auml;t oder &ndash; anders ausgedr&uuml;ckt &ndash; nach Europ&auml;ischen Sozialstandards in den Hintergrund gedr&auml;ngt. <\/p><p><strong>Sehen Sie einen Ansatz, diesen Prozess r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen?<\/strong><\/p><p>Das wei&szlig; ich ehrlich gesagt nicht. Sicherlich w&auml;re dazu ein Mix an verschiedenen Ma&szlig;nahmen notwendig,  allen voran nat&uuml;rlich mit Blick auf die Bildung und Erziehung.<\/p><p>So k&ouml;nnte ein wichtiger Beitrag bereits darin bestehen, die &ouml;konomische Lehre zu ver&auml;ndern. Lehrst&uuml;hle f&uuml;r Wirtschaftsethik und &ouml;konomische Theoriegeschichte zu etablieren, die sich vielleicht auch verst&auml;rkt interdisziplin&auml;r bet&auml;tigen, das w&auml;re z.B. eine M&ouml;glichkeit.<\/p><p>Wenn Sie mich nach konkreten Ans&auml;tzen innerhalb der &ouml;konomischen Theorie fragen, dann w&auml;re schon viel geholfen, wenn etablierte &Ouml;konominnen und &Ouml;konomen die erw&auml;hnte &bdquo;Sympathy&ldquo; von Adam Smith oder die &bdquo;Soziale Irenik&ldquo; &ndash;  also die friedensstiftende Funktion etwa im Sinne von Alfred M&uuml;ller-Armack &ndash; im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft beherzigen w&uuml;rden, bevor sie sich wieder zu Themen wie Arbeitslosengeld II, Sparma&szlig;nahmen im Sozialstaat usw. &auml;u&szlig;ern.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch. <\/strong><\/p><p><strong>Dr. rer. pol. Sebastian Thieme<\/strong>, Jahrgang 1978, ist Volkswirt und derzeit Mitarbeiter am Zentrum f&uuml;r &Ouml;konomische und Soziologische Studien an der Universit&auml;t Hamburg. Er forscht zu Heterodoxie und Orthodoxie, &Ouml;konomischer Misanthropie, Subsistenz(-ethik), Wirtschaftsethik, Wirtschaftsstilforschung und &Ouml;konomischer Ideengeschichte.<\/p><p><em>Das Interview f&uuml;hrte Jens Wernicke.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber gesellschaftliche Verrohung und die etablierte &ouml;konomische Theorie<br \/> Ein Interview mit dem Volkswirt und Wirtschaftsethiker <strong>Sebastian Thieme<\/strong> &uuml;ber Fragen nach der Entsolidarisierung der Gesellschaft etwa durch die Hartz-Reformen, nach dem Menschenbild hinter den vorherrschenden &ouml;konomischen Lehren, nach der &Ouml;konomisierung der Gesellschaft und der ethischen Verantwortung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Das Interview f&uuml;r die NachDenkSeiten f&uuml;hrte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19065\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,209,132,161],"tags":[373,1759,308,634,288,309,389],"class_list":["post-19065","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-oekonomisierung","tag-entsolidarisierung","tag-existenzminimum","tag-heitmeyer-wilhelm","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-repressionen","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19065"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121929,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19065\/revisions\/121929"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}