{"id":1907,"date":"2006-12-01T08:25:48","date_gmt":"2006-12-01T07:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1907"},"modified":"2019-07-23T18:58:11","modified_gmt":"2019-07-23T16:58:11","slug":"das-neue-elterngeld-oder-wer-gewinnt-durch-eine-spate-geburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1907","title":{"rendered":"Das neue Elterngeld. Oder: Wer gewinnt durch eine sp\u00e4te Geburt?"},"content":{"rendered":"<p>Frauen&auml;rzte warnen vor einem k&uuml;nstlichen Hinausz&ouml;gern der Geburten bis zum Inkrafttreten des Elterngeldes. Bis zu 25.000 Euro k&ouml;nnte ein Kind den Eltern &bdquo;bringen&ldquo;, wenn es nach dem 1. Januar 2007 zur Welt kommt. Wer wird profitieren? Rund 155.000 Familien werden danach 3.600 Euro weniger im Geldbeutel haben. Sp&uuml;rbare Verbesserungen wird es erst bei einem ausfallenden Verdienst von 1.500 Euro netto geben.<br>\nHelga Spindler, Professorin f&uuml;r Sozial- und Arbeitsrecht, kritisiert das Missverh&auml;ltnis zwischen einer K&uuml;rzung der Zusch&uuml;sse bei den armen Haushalten, die damit eine Erh&ouml;hung bei reicheren Familien gegenfinanzieren m&uuml;ssen, die um so gr&ouml;&szlig;er ist, je reicher der Haushalt vorher war.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wie man durch eine f&uuml;rsorgliche &auml;rztliche Pressemeldung den sozialpolitischen Skandal im Hintergrund des neuen Elterngeldes vertuschen kann.<\/strong><\/p><p>Von Helga Spindler<\/p><p>Der Pr&auml;sident des Berufsverbands der Frauen&auml;rzte (BVF) Christian Albring  hat sich vor einigen Tagen besorgt an dpa gewandt und die Meldung wurde am 20.11.2006 in vielen Zeitungen abgedruckt: Er warnte angesichts des minutengenauen Starts des neuen Elterngeldes zum 1. Januar 2007 vor k&uuml;nstlichen Verz&ouml;gerungen der Geburten &bdquo;Selbst Tausende Euro sind es nicht wert, dass man die Gesundheit des Kindes gef&auml;hrdet und darum wird es aus &auml;rztlicher Hand daf&uuml;r keine Hilfen geben.&ldquo;  Er h&auml;lt diese Warnung f&uuml;r wichtig, denn nach den  Angaben des Familienministeriums k&ouml;nne sich die Geburt ab ersten Januar im Geldbeutel der Eltern sehr stark bemerkbar machen und zwar mit bis zu 25.200 Euro.<\/p><p>Da m&ouml;chte man ihm Recht geben und beh&auml;lt im Hinterkopf, dass es jedenfalls ab Januar 2007 deutlich mehr Geld  f&uuml;r Menschen mit Babys geben wird. Phantasievolle Journalisten betiteln die Nachricht bereits &bdquo;Die Verlockung der perfekt getimten Geburt&ldquo; oder gar &bdquo;Die Gnade der sp&auml;ten Geburt&ldquo; oder etwas handfester in einer bekannten Boulevardzeitung: &ldquo;Ich verschiebe die Geburt, bis es mehr Kohle gibt&ldquo;. <\/p><p>Aber das ist ein verzerrtes Bild, wenn man einmal genauer hinsieht. Diese 25.200 Euro oder einen ann&auml;hernd hohen Betrag wird es nur f&uuml;r eine Familie geben, in denen beide Eltern, besonders auch die Frau, vor der Geburt 2700 Euro netto ( das entspricht deutlich &uuml;ber 5.000 Euro brutto) verdient haben. Jeder mag sich vorstellen, wie viele Frauen in Deutschland zu dieser Gruppe geh&ouml;ren und bei wie vielen davon eine Niederkunft zwischen 31. Dezember 2006 und 1. Januar 2007 bevorsteht. <\/p><p>Eine andere Meldung aus dem Familienministerium ist Herrn Albring aber offenbar entgangen. Dort wurde versteckt hinter einem undurchdringlichen Zahlenwerk n&auml;mlich   einger&auml;umt: Ca. 155 000 Familien werden durch die Neuregelung schlechter gestellt und das ganz bewusst. Diese Gruppe m&uuml;sste eigentlich Interesse haben, die Geburt zu beschleunigen und h&auml;tte auch  Grund dazu. Sie hat n&auml;mlich bei einer Geburt ab 1. Januar 2007  volle  3.600 Euro weniger im Geldbeutel und das ist bei ihren Einkommensverh&auml;ltnissen sehr, sehr viel.<\/p><p>Betroffen davon sind einmal alle Arbeitslosengeld II-  (bzw. Sozialhilfe- und Grundsicherungs-) bezieher\/innen: Sie bekamen bisher &uuml;ber zwei Jahre hinweg 7.200 Euro  und erhalten jetzt wahlweise &uuml;ber ein oder zwei Jahre hinweg  nur noch 3.600 Euro. Diese Auswirkung ist auch gewollt, &bdquo;um die f&uuml;r diese Personengruppe hohe Schwelle in den Arbeitsmarkt zu senken und schnell in Arbeit zu vermitteln&ldquo; um  damit &bdquo;positive Anreize zu Erwerbsarbeit&ldquo;  zu setzen ( Pressemitteilung des BMFSFJ vom 11.5.2006 ). <\/p><p>Das gleiche gilt  auch f&uuml;r Hausfrauen, deren Mann bisher so wenig verdiente, dass sie &uuml;ber zwei Jahre volles oder nur wenig gek&uuml;rztes Erziehungsgeld  bekamen oder etwa  f&uuml;r Studentinnen. Es gilt sogar f&uuml;r die etwa 300 000 Ein- Euro- Jobber\/innen, denen man bisher eine sozialversicherungspflichtige, gef&ouml;rderte T&auml;tigkeit  verweigert. <\/p><p>Erst wenn Alleinerziehende oder Familienmitglieder bisher zwischen 600 Euro  oder ( bei nur 12-monatigem Bezug ) 750 Euro netto pro Monat verdient haben, erreicht das Elterngeld die H&ouml;he des bisherigen Erziehungsgeldes. Wer darunter lag, ist ebenfalls noch gegen&uuml;ber dem bisherigen Zustand  mehr oder weniger benachteiligt. <\/p><p>Es gibt also Grund zur Annahme, dass etwas mehr Frauen aus der benachteiligten Gruppe zwischen 31. Dezember 2006 und 1. Januar 2007 Interesse an einer Geburtsbeschleunigung aus finanziellen Gr&uuml;nden haben m&uuml;ssten. F&uuml;r diese Gruppe hat Herr Albring nur indirekt einige Ratschl&auml;ge bereit: Anstatt Medikamente zu nehmen, k&ouml;nnten Frauen vom 28. Dezember an mit ein paar Verhaltenstricks die Wehen verschieben. &bdquo;Entscheidend ist absolute Ruhe, zum Beispiel sich hinzulegen und zu lesen&ldquo;. Wehen f&ouml;rdernd wirkten dagegen hei&szlig;es Baden, Sex, schweres Heben, mangelnde Hygiene oder Reiben am Oberbauch.<\/p><p>Ob diese versteckten Hinweise die Benachteiligten erreichen ist genauso schwer zu beurteilen, wie die Tatsache, ob nach diesen Meldungen die breite Absenkung des Elterngelds f&uuml;r arme Haushalte in der &Ouml;ffentlichkeit &uuml;berhaupt noch  wahrgenommen wird.<\/p><p>Aber auch die angek&uuml;ndigten  Verbesserungen sind genauer zu betrachten:<br>\nNur f&uuml;r die Monate, in denen der eine oder die beiden  Elternteile pausieren, die bisher  &uuml;ber  600 (750) Euro netto monatlich verdient haben, stellt sich zun&auml;chst  eine leichte Verbesserung der Lage gegen&uuml;ber vorher ein.  Merkbare &ndash; mehrere tausend-  Euro bleiben eigentlich erst ab einem ausfallenden Verdienst von 1.500 Euro netto und aufw&auml;rts im Geldbeutel der Eltern. (Die bekannte Boulevardzeitung arbeitet mit einem Beispiel, in dem die Frau ein Nettoeinkommen von ca.1.800 Euro hat, was sich aber nur der Leserschaft erschlie&szlig;t, die Prozentrechnen  kann.)<br>\nEs gibt also vor allem mittlere Einkommensbezieher, die von der Neuregelung merkbar profitieren k&ouml;nnen. Und wegen des Wegfalls der bisherigen sehr niedrigen Einkommensobergrenzen profitieren nebenbei auch noch Niedrigverdienerinnen und Hausfrauen mit ab 3.600 Euro aufw&auml;rts , die mit einem  Partner zusammenleben, der &uuml;ber 30.000 Euro im Jahr verdient, w&auml;hrend die mit dem Partner, der unter 16.500 Euro verdient, eben diesen Betrag verlieren.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich ist nichts dagegen zu sagen, dass Elterngeld anders als bisher auch Familien mit mittlerem Einkommen  zugute kommt und dass arbeitende Eltern mehr finanziellen Freiraum erhalten. Das h&auml;tte man durch eine Erh&ouml;hung der Elterngeldbetr&auml;ge, der Einkommensgrenzen und der Einf&uuml;hrung zus&auml;tzlicher &bdquo;V&auml;termonate&ldquo; aber auch einfacher haben k&ouml;nnen. Die in Zukunft notwendig werdenden Einkommenspr&uuml;fungen f&uuml;r die Vergangenheit, werden demgegen&uuml;ber &ndash; vor allem  bei Selbst&auml;ndigen-  zu einem erheblich ansteigenden Verwaltungsaufwand und b&uuml;rokratischer Nachforschung f&uuml;hren. (Langfristig einfacher entlasten k&ouml;nnte man &uuml;brigens arbeitende Familien mit Kindern, wenn man endlich einmal den schon offensichtlich unter der Verelendungsgrenze liegenden Existenzminimumsfreibetrag f&uuml;r Kinder von 304 Euro pro Monat im Steuerrecht anheben w&uuml;rde. Das ist gerade auf das Jahr 2009 vertagt worden.)  <\/p><p>Grunds&auml;tzlich ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn Elterngeld teilweise auf existenzsichernde Sozialleistungen angerechnet wird, &ndash; wenn die existenzsichernden Leistungen denn  das Existenzminimum in diesem Lebensabschnitt abdecken w&uuml;rden. Warum aber bei den vielen Niedrigverdienern und Arbeitslosen  zus&auml;tzlich zu den mit der Gesundheitsreform 2004 und mit den Hartz &ndash; Gesetzen 2005 erfolgten K&uuml;rzungen im Existenzminimum bei den Eltern und den &auml;lteren Geschwistern,  2007 noch weiter gek&uuml;rzt wird, w&auml;hrend bei &uuml;berdurchschnittlichen  Einkommen, obwohl angeblich kein Geld f&uuml;r finanzielle Wohltaten &uuml;brig ist, geradezu atemberaubend &uuml;berdurchschnittlich erh&ouml;ht wird, bis zu der gemeldeten Summe von  25.200 Euro, das ist rational  und auch systematisch bei einer Sozialleistung, f&uuml;r die anders als in der Sozialversicherung nie Beitr&auml;ge abgef&uuml;hrt wurden, nicht zu erkl&auml;ren.<br>\nDieses Missverh&auml;ltnis zwischen gleichzeitiger K&uuml;rzung in allen armen Haushalten, die damit eine Erh&ouml;hung gegen finanzieren m&uuml;ssen, die um so gr&ouml;&szlig;er ist, je reicher der Haushalt vorher schon war, das ist der  Skandal.<br>\nOb es &uuml;brigens im Verh&auml;ltnis &bdquo;nur&ldquo; 155 000 durch die Neuregelung  benachteiligte Familien gibt, denen 365  000 Familien gegen&uuml;berstehen, die davon profitieren, wie das Ministerium behauptet,  l&auml;sst sich angesichts der vorgelegten und rein auf  einer Auswahl statistischer Daten aus der Vergangenheit beruhenden Zahlenwerke nicht wirklich beurteilen. Man  k&ouml;nnte das ganz einfach nachpr&uuml;fen: Au&szlig;er den Frauen, die am 1. Januar 2007 niederkommen, haben auch Frauen, deren Geburtstermin auf den 20. Dezember 2006 oder sp&auml;ter errechnet worden ist, und deren Kind nicht vorzeitig entbunden wird,  ein Wahlrecht, ob sie das alte Erziehungsgeld oder das neue Elterngeld  beziehen m&ouml;chten. Ende des Jahres 2007 h&auml;tte man dann schon einen guten &Uuml;berblick, wie viele durch die Neuregelung beg&uuml;nstigt werden und wie viele nicht und der Berufsverband der Frauen&auml;rzte mit seinem<br>\n(zuf&auml;llig ?) in Hannover praktizierenden Pr&auml;sidenten h&auml;tte erst einmal eine Sorge weniger.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauen&auml;rzte warnen vor einem k&uuml;nstlichen Hinausz&ouml;gern der Geburten bis zum Inkrafttreten des Elterngeldes. Bis zu 25.000 Euro k&ouml;nnte ein Kind den Eltern &bdquo;bringen&ldquo;, wenn es nach dem 1. Januar 2007 zur Welt kommt. Wer wird profitieren? Rund 155.000 Familien werden danach 3.600 Euro weniger im Geldbeutel haben. Sp&uuml;rbare Verbesserungen wird es erst bei einem ausfallenden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1907\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[167,132],"tags":[318],"class_list":["post-1907","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-familienpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-elterngeld"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1907","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1907"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1907\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53607,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1907\/revisions\/53607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1907"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1907"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1907"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}