{"id":19077,"date":"2013-10-29T09:35:59","date_gmt":"2013-10-29T08:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19077"},"modified":"2015-10-12T13:43:19","modified_gmt":"2015-10-12T11:43:19","slug":"heisse-luft-mit-unangenehmer-ausduenstung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19077","title":{"rendered":"Hei\u00dfe Luft mit unangenehmer Ausd\u00fcnstung"},"content":{"rendered":"<p>Da knallten am vergangenen Freitag in Frankfurt die Sektkorken, als der DAX erstmalig in seiner 25-j&auml;hrigen Geschichte die Marke von 9.000 Punkten knackte. Zwar wird in den g&auml;ngigen Medien hier und da auf die m&ouml;gliche Gefahr einer Aktienblase hingewiesen, insgesamt dominieren jedoch Freude und Gl&uuml;ckseligkeit angesichts des tollen Aufschwungs unseres B&ouml;rsenbarometers. Diese Euphorie ist allerdings dumm und kurzsichtig, denn hinter der bejubelten Aktienhausse steckt nichts als hei&szlig;e Luft. Und die riecht auch noch unangenehm, weil der vermeintliche Erfolg des DAX Ausdruck einer gravierenden Fehljustierung unseres Wirtschafts- und Finanzsystems ist. Von <strong>G&uuml;nther Wierichs<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19077#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nWas ist daran so toll, wenn unsere Realwirtschaft (Bruttoinlandsprodukt) in diesem Jahr vielleicht um 0,5 Prozent w&auml;chst, der DAX hingegen seit Jahresbeginn locker um 17 Prozent in die H&ouml;he schie&szlig;t? Eine &auml;hnliche Situation hatten wir bereits im letzten Jahr, als die DAX-Steigerung mit fast 30 Prozent mehr als zehn Mal so hoch ausfiel wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Beides passt nicht zusammen. Der DAX-H&ouml;henflug kann folglich nur Ausdruck spekulativen Handelns sein. <\/p><p>Spekulationsgesch&auml;fte in solch nennenswertem Umfang sind aber nur dann m&ouml;glich, wenn es gut gef&uuml;llte Spekulationskassen gibt. Die wiederum sind zweifellos vorhanden, national wie international. Allein die Deutschen verf&uuml;gen &uuml;ber Geldverm&ouml;gen in H&ouml;he von etwa 5.000 Milliarden Euro. Dieses Geld steckt in Wertpapieren, es liegt auf Bankkonten oder existiert als Kapitalanspruch gegen&uuml;ber Versicherungen. Und es wird emsig umgeschichtet und immer wieder aufs Neue den gerade besonders &bdquo;angesagten&ldquo; finanzwirtschaftlichen Verwendungszwecken zugef&uuml;hrt. Mit Einsetzen der so genannten &bdquo;Eurokrise&ldquo; kletterte der Goldpreis 2011 auf einen H&ouml;chststand von mehr als 1.900 US-Dollar. Aktuell stehen Immobilien im Fokus betuchter Anleger &ndash; bundesweit stiegen die Immobilienpreise in Deutschland seit 2010 um &uuml;ber 8 Prozent, in Ballungsr&auml;umen sogar um 25 Prozent. Und jetzt schie&szlig;en auch noch die Aktienkurse in die H&ouml;he. <\/p><p>Das Problem ist nur: Die vielen Milliarden, die zwischen den verschiedenen (vorgeblich lukrativen) Anlagealternativen hin und her geschoben werden, kommen nicht in der Realwirtschaft an. Wie denn auch? Die komfortable Einkommensposition derjenigen, die &uuml;ber nennenswerte Finanzverm&ouml;gen verf&uuml;gen, macht eine Verwendung der Ertr&auml;ge aus diesen Verm&ouml;gen (oder eine partielle Aufl&ouml;sung des Verm&ouml;gens) in der Regel ja nicht zwingend notwendig. Man strebt in dieser Situation halt prim&auml;r eine Ausdehnung des finanziellen Polsters an, eine Ausdehnung indes, die man getrost als virtuell bezeichnen kann, da ihr ein realwirtschaftliches Fundament fehlt. Da werden Goldbarren, Immobilien oder Aktien in die H&ouml;he gepusht, nur weil die jeweilige Anlagealternative gerade so schrecklich &bdquo;in&ldquo; ist. Erfahrungsgem&auml;&szlig; kommt es irgendwann einmal zu einer &bdquo;Korrektur&ldquo;, also einem Kursr&uuml;ckgang. F&auml;llt dieser besonders heftig aus, &bdquo;platzt eine Blase&ldquo;. Dem Geldverm&ouml;gen insgesamt f&uuml;gen solche Korrekturen jedoch im schlimmsten Fall nur kurzfristig einen Schaden zu. So zum Beispiel 2008\/2009: Zwar sanken die deutschen Geldverm&ouml;gen nach dem Lehman-Schock um etwa 140 Milliarden Euro, jedoch erholten sich die Best&auml;nde erstaunlich schnell. Bereits Ende 2009 war das alte Niveau wieder erreicht. Und seitdem geht es kontinuierlich bergauf. Dies alles ist keineswegs verwunderlich, denn jede Kurskorrektur ist letztendlich ein Nullsummenspiel. Diejenigen, die zu lange in dem zuvor &uuml;berbewerteten (und jetzt &bdquo;korrigierten&ldquo;) Investment verharren, realisieren Kursverluste. Auf der anderen Seite gibt es aber eine erkleckliche Anzahl an Spekulanten, die rechtzeitig vor dem Einbruch noch Kasse gemacht haben. Und deren Guthaben sind ja schlie&szlig;lich noch vorhanden. Die Finanzverm&ouml;gen sinken in der Summe betrachtet daher nicht &ndash; beziehungsweise sie finden auch nach dem r&uuml;desten Schockerlebnis, das zeitweise denn doch zu einem Gesamtr&uuml;ckgang f&uuml;hren mag, wieder schnell zu ihrem Ausgangsniveau zur&uuml;ck. Bildhaft gesprochen: Die aus einem zuvor aufgeblasenen Ballon entweichende Luft verhilft m&uuml;helos dem n&auml;chsten Ballon zu praller F&uuml;lle.<\/p><p>Dieser Mechanismus des finanzmarktgetriebenen Bef&uuml;llens und Entleerens verschiedener Ballons kann im Prinzip relativ einfach durchbrochen werden: durch Umverteilung. Eine  H&ouml;herbesteuerung von Kapitalertr&auml;gen w&uuml;rde dem Staat Mittel bescheren, die &ndash; zum Beispiel durch Investitionen in Bildung oder Infrastruktur &ndash; nachhaltig realwirtschaftlich wirksam eingesetzt werden k&ouml;nnten. Es sind hier, angesichts der enorm hohen Geldverm&ouml;gensbest&auml;nde und eines aus diesen Best&auml;nden resultierenden immensen Wachstumspotenzials, sehr hohe Summen im Spiel. <\/p><p>Dabei geht es nicht darum, den Deutschen unangemessen tief in die Tasche zu greifen. Fordern wir doch zum Beispiel eine Steuererh&ouml;hung auf Kapitalertr&auml;ge von 10 Prozentpunkten ein! Das klingt zun&auml;chst nach einer unversch&auml;mten Forderung. Tatsache ist aber, dass Kapitalertr&auml;ge seit 2009 steuerlich in ganz besonderer Weise priviliegiert sind. Durch das Abgeltungssteuersystem fallen maximal 25 Prozent hierauf an (vgl. den Beitrag: Steuererh&ouml;hungen sind kein Thema&hellip;. &ndash; oder vielleicht doch? vom 25.10.). Bei einem Plus von 10 Prozentpunkten erg&auml;be sich folglich eine Belastung von 35 Prozent &ndash; und damit ein Steuersatz, der f&uuml;r die meisten Geldverm&ouml;gensbesitzer immer noch sehr g&uuml;nstig w&auml;re. <\/p><p>Die Erfolgsaussichten f&uuml;r eine Umsetzung solcher Pl&auml;ne sind allerdings &auml;u&szlig;erst schlecht. Unsere Koalition&auml;re von SPD und CDU\/CSU huldigen offenbar dem Grundsatz <em>&bdquo;keine Steuererh&ouml;hungen&ldquo;<\/em>. Unter dem Deckm&auml;ntelchen <em>Belastungen-sind-t&ouml;dlich-f&uuml;r-den-Mittelstand<\/em> wird wohl auch die Privilegierung bei der Besteuerung von Kapitalertr&auml;gen bleiben. Man darf bei dieser Beharrlichkeit zwei Dinge nicht vergessen: Unter den Geldverm&ouml;gensbesitzern befinden sich etliche, die politisch und gesellschaftlich &auml;u&szlig;erst gut vernetzt sind. Und diese Leute lassen, wenn es ihnen ans Portemonnaie gehen soll, gerne die Muskeln spielen. Zweitens muss man den Einfluss der Sektkorken-Knaller an den B&ouml;rsen und in den Handelsabteilungen der Banken ins Kalk&uuml;l einbeziehen. Der Finanzbranche passt eine H&ouml;herbesteuerung von Kapitalertr&auml;gen &uuml;berhaupt nicht in den Kram. Dann wird doch die gute Stimmung vermiest! Das Kursfeuerwerk verpufft! Ein Kursfeuerwerk ist jedoch genau das, was die Branche ben&ouml;tigt. Dabei steigt die Zahl der Finanztransaktionen, und mit einem h&ouml;heren Kursniveau steigt auch der Umsatz. Das alles wirkt sich positiv auf die Provisionsbeteilungen aus. Und da kann man auch mal eine Kiste Champagner heranschaffen, wenn ein B&ouml;rsenindex wieder eine Marke knackt.  <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] G&uuml;nter Wierichs (* 1955) studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte zum Dr. rer. pol. Er arbeitet als Fachleiter am Zentrum f&uuml;r schulpraktische Lehrerausbildung in D&uuml;sseldorf und ist Autor mehrerer Lehrb&uuml;cher, eines Bank- und B&ouml;rsenlexikons sowie zahlreicher Aufs&auml;tze zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen. Ende August 2013 erschien im Westend-Verlag sein Buch: &bdquo;Das kritische Finanzlexikon&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da knallten am vergangenen Freitag in Frankfurt die Sektkorken, als der DAX erstmalig in seiner 25-j&auml;hrigen Geschichte die Marke von 9.000 Punkten knackte. Zwar wird in den g&auml;ngigen Medien hier und da auf die m&ouml;gliche Gefahr einer Aktienblase hingewiesen, insgesamt dominieren jedoch Freude und Gl&uuml;ckseligkeit angesichts des tollen Aufschwungs unseres B&ouml;rsenbarometers. 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