{"id":19105,"date":"2013-10-31T11:18:30","date_gmt":"2013-10-31T10:18:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19105"},"modified":"2015-10-12T13:51:06","modified_gmt":"2015-10-12T11:51:06","slug":"land-grabbing-in-sierra-leone-widerstand-gegen-den-neokolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19105","title":{"rendered":"Land Grabbing in Sierra Leone \u2013 Widerstand gegen den Neokolonialismus"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten vier Jahren wurden in Sierra Leone Vertr&auml;ge abgeschlossen, die Konzernen und Finanzinvestoren aus Europa und Asien zusichern, die H&auml;lfte der landwirtschaftlichen Nutzfl&auml;che des Landes &uuml;ber Jahrzehnte hinweg zu pachten. W&auml;hrend die Investoren sich bereits auf zweistellige Renditen freuen, steht die Bev&ouml;lkerung des b&uuml;rgerkriegsgeplagten Landes vor einer d&uuml;stern Zukunft. Auf Einladung der Welthungerhilfe konnte ich mir einen &Uuml;berblick vor Ort verschaffen und Stimmen der Betroffenen einfangen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4318\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19105-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131030_Land_Grabbing_2_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131030_Land_Grabbing_2_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131030_Land_Grabbing_2_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131030_Land_Grabbing_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=19105-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131030_Land_Grabbing_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"131030_Land_Grabbing_2_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Zu den Hintergr&uuml;nden des Themas Land Grabbing erschien auf den NachDenkSeiten gestern der Artikel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19084\">&bdquo;Land Grabbing &ndash; die marktkonforme Wiedergeburt des Kolonialismus&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p><strong>Socfin &ndash; ein Unternehmen in alter Kolonialtradition<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_07.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Als Mitarbeiter von <em>Socfin<\/em> im Jahre 2009 Bodenproben entnahmen, ahnten die Bewohner des Pujehun-Distrikts im S&uuml;den Sierra Leones noch nicht, was ihnen in den n&auml;chsten Jahren bl&uuml;hen w&uuml;rde. W&auml;hrend dieser Zeit waren nur einige wenige hohe Regierungsbeamte und der Paramount Chief [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], also der &bdquo;Landeshauptmann&ldquo;, des Distrikts in den bevorstehenden Deal eingeweiht. Die <em>Socfin Agricultural Company<\/em> ist ein in Luxemburg registriertes Unternehmen mit belgischen Wurzeln, dessen Geschichte bis auf die Kolonialzeit im Kongo im sp&auml;ten 19. Jahrhundert zur&uuml;ckreicht. Heute geh&ouml;rt <em>Socfin<\/em> zum Netzwerk der franz&ouml;sischen <em>Groupe Bollor&eacute;<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.bollore.com\/en-us\/the-group\">die sich gerne daf&uuml;r r&uuml;hmt<\/a>, zu den 500 gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen der Welt zu geh&ouml;ren und deren komplexes Firmengeflecht &uuml;ber zahlreiche Holdings in Steueroasen verwaltet wird. Die <em>Groupe Bollor&eacute;<\/em> ist haupts&auml;chlich in Afrika und S&uuml;dostasien aktiv. Dabei geht ihr heutiger Einflussbereich weit &uuml;ber die Grenzen der ehemaligen franz&ouml;sischen und belgischen Kolonien hinaus.<\/p><p>Alleine in Afrika ist die Unternehmensgruppe in 43 L&auml;ndern aktiv. Neben Plantagen geh&ouml;ren auch &Ouml;l und Infrastruktur zu den Kernaktivit&auml;ten der Gruppe, die in Afrika auch 13 H&auml;fen betreibt und im Seetransport zwischen Afrika und Europa fast ein Monopol besitzt. Hinter der <em>Groupe Bollor&eacute;<\/em> steht Vincent Bollor&eacute;, ein schillernder Zampano, der mit einem gesch&auml;tzten Verm&ouml;gen von vier Milliarden Dollar der achtreichste Franzose ist. Neben der Familie Bollor&eacute; geh&ouml;ren auch die steinreichen Familien de Ribes (Frankreich) und Fabri (Belgien), die sich &uuml;ber die <em>Banque Rivaud<\/em>, die in der <em>Groupe Bollor&eacute;<\/em> aufgegangen ist, schon seit Generationen an den ehemaligen Kolonien bereichern, zu den Anteilseignern von <em>Socfin<\/em>. <\/p><p><strong>Sierra Leone &ndash; reif f&uuml;r die Investoren<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_05.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Ein Jahrzehnt nach dem blutigen B&uuml;rgerkrieg war Sierra Leone &bdquo;endlich&ldquo; so weit, von internationalen Investoren geschlachtet zu werden. Die dortige Mischung aus Korruption, Stabilit&auml;t, Mangel an zivilgesellschaftlicher Organisation und Land, das von Kleinbauern bewirtschaftet wird und wie gemacht f&uuml;r den Anbau von &Ouml;lpalmen ist, passte genau ins Visier der <em>Groupe Bollor&eacute;<\/em>, die kurz zuvor bereits den Hafen der Hauptstadt Freetown f&uuml;r zwanzig Jahre gepachtet hatte. Die Wahl fiel schlussendlich auf den Pujehun-Distrikt im S&uuml;den des Landes, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er mit B.V.S Kebbie III einen selbst f&uuml;r Landesverh&auml;ltnisse au&szlig;ergew&ouml;hnlich korrupten Paramount Chief hat. Um den Land-Grabbing-Deal durchziehen zu k&ouml;nnen, spannte <em>Socfin<\/em> auch gleich das sierra-leonische Landwirtschaftsministerium ein, das formal als Zwischeninstanz dient. Nicht <em>Socfin<\/em>, sondern das Landwirtschaftsministerium tritt bei den Kleinbauern als P&auml;chter auf verpachtet das Land dann an <em>Socfin<\/em> weiter. So konnte der europ&auml;ische Konzern auch den zu erwartenden juristischen Kleinkrieg mit unzufriedenen Bauern auf die offiziellen Beh&ouml;rden abw&auml;lzen.<\/p><p><strong>Ausverkauf des Landes<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_01.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Parmamount Chief Kebbie erf&uuml;llte die in ihn gesetzten Erwartungen ganz nach den W&uuml;nschen der europ&auml;ischen Investoren. Mit einer Mischung aus fadenscheinigen Halbwahrheiten, nackten L&uuml;gen und Drohungen schaffte er es, die lokalen Chiefs im Bezirk Malen gef&uuml;gig zu machen. Als die Vertreter von <em>Socfin<\/em> im M&auml;rz 2011 mit Koffern voller Bargeld in Malen auftauchten, wusste fast kein Chief, um was es eigentlich konkret ging. Insgesamt wechselten an diesem Abend 40.000 US$ als Kompensationszahlung ihren Besitzer. Dieses Geld sollte von den Chiefs an die Landbesitzer, also die Kleinbauern, in ihren D&ouml;rfern bei erfolgter Unterschrift weitergereicht werden. Als Kompensation sah <em>Socfin<\/em> eine Summe von 570 US$ pro Hektar Land vor, dies entspricht rund 10 US$ pro &Ouml;lpalme. Ein echter &bdquo;Spottpreis&ldquo;, wenn man bedenkt, dass eine ausgewachsene &Ouml;lpalme pro Jahr bis zu 55 US$ erwirtschaftet. Ein fairer Kompensationspreis m&uuml;sste sich also an der Nutzungsdauer und dem Marktwert einer &Ouml;lpalme orientieren. Die Studie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/who-is-benefitting-Sierra-Leone-report_131031.pdf\">&bdquo;Who is benefting&ldquo; [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> nennt auf dieser Basis eine Kompensationszahlung von rund 83.000 US$ pro Hektar als angemessen &ndash; dagegen sind die 570 US$ von <em>Socfin<\/em> ein schlechter Witz. Hinzu kommt, dass damals kaum ein Bauer wusste, dass es sich hierbei um eine einmalige Kompensationszahlung f&uuml;r die B&auml;ume und Pflanzen des zu verpachtenden Landes handelte. Die meisten Bauern dachten stattdessen, dass es sich um eine j&auml;hrliche Zahlung handelt &ndash; was angesichts der H&ouml;he der Zahlung auch logisch scheint. <\/p><p>Die Kleinbauern wurden &ndash; ebenso wie viele der Chiefs, die sie zur Unterschrift dr&auml;ngten &ndash; auf ganzer Ebene verraten und verkauft. Der Vertragstext, den sie &ndash; oft als Analphabeten mit einem Fingerabdruck &ndash; unterzeichneten, lag erst drei Monate sp&auml;ter in voller L&auml;nge in der lokalen Sprache Mende vor. Doch zu diesem Zeitpunkt r&uuml;ckten bereits die Bagger an. Ganze D&ouml;rfer verschwanden und mit ihnen die ehemaligen Kleinbauern. Die Deutsche Welthungerhilfe musste beispielsweise 2011 ein Entwicklungshilfeprojekt im Pujehun-Distrikt einstellen, da die von ihr betreuten 21 D&ouml;rfer pl&ouml;tzlich keinen Zugriff mehr auf ihr eigenes Land hatten.<\/p><p>Bei einer durchschnittlichen Anbaufl&auml;che von zwei Hektar, blieben jeder Kleinbauernfamilie rund 1.100 US$ als Kompensationszahlung &uuml;brig. Von den j&auml;hrlichen Pachteinnahmen in H&ouml;he von 12,50 US$ &ndash; die Zentralregierung, der Paramount Chief und die Distrikt-Chiefs erhalten laut Vertrag 50% der Pachteinnahmen von <em>Socfin<\/em> &ndash; kann man sich selbst in Sierra Leone nicht einmal eine Woche lang ern&auml;hren. <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_06.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Ein &bdquo;schlagendes&ldquo; Argument von <em>Socfin<\/em> war es, die ehemaligen Kleinbauern in Lohn und Brot zu nehmen. So sollte jeder vom Investment und der damit verbundenen Steigerung der Produktivit&auml;t profitieren. Eine Steigerung der Produktivit&auml;t bedeutet jedoch auch, dass hinterher wesentlich weniger Arbeiter gebraucht werden als vorher. Von den 9.000 betroffenen Menschen im Bezirk Malen, haben bis dato lediglich 189 einen dauerhaften Vollzeitjob bei <em>Socfin<\/em> bekommen. Weitere 1.938 Menschen werden wenige Wochen im Jahr als Saisonarbeiter verpflichtet. Daf&uuml;r zahlt Socfin Geh&auml;lter zwischen zwei und drei US$ pro Tag. Ein Vollzeitarbeiter kommt so &ndash; inkl. Pachteinnahmen &ndash; auf ein Jahresgehalt von rund 800 US$. In D&ouml;rfern, die nicht vom Land Grabbing betroffen sind, erzielt ein durchschnittlicher Kleinbauer alleine &uuml;ber den Verkauf seiner &Uuml;bersch&uuml;sse auf den lokalen M&auml;rkten ein Jahreseinkommen von 840 US$. Anders als der <em>Socfin<\/em>-Arbeiter baut er jedoch auch nahezu seine komplette Nahrung und weitere Dinge f&uuml;r den Lebensunterhalt (z.B. Feuerholz, Medizinkr&auml;uter) an. Die Studie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/who-is-benefitting-Sierra-Leone-report_131031.pdf\">&bdquo;Who is benefting&ldquo; [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> beziffert die alleine die anfallenden j&auml;hrlichen Kosten f&uuml;r Nahrungsmittel und Feuerholz auf 1.637 US$. Um diese Summe zu erreichen, m&uuml;ssten alle Familienmitglieder bei <em>Socfin<\/em> arbeiten. Es gibt aber noch nicht einmal im Ansatz gen&uuml;gend Jobs f&uuml;r die M&auml;nner, so dass die Kompensationszahlung von durchschnittlich 1.100 US$ selbst bei den wenigen &bdquo;Gl&uuml;cklichen&ldquo;, die einen Vollzeitjob bei Socfin bekommen haben, bereits nach ein bis zwei Jahren aufgebraucht ist. Und danach beginnt die eigentliche menschliche Katastrophe &ndash; Obdachlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Flucht in die St&auml;dte, Kriminalit&auml;t, Prostitution. <\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"360\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/dXeY6rt-I7w\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><br>\n<em>Video: Interview mit Halimatu Iganneh<\/em><\/p><p>W&auml;hrend die Betroffenen vor Ort die H&ouml;lle durchleben, freut man sich im fernen Frankreich &uuml;ber die Renditen. Noch liegen keine konkreten Zahlen aus Sierra Leone vor, aber vergleichbare Land-Grabbing-Projekte haben sich f&uuml;r <em>Socfin<\/em> und die <em>Groupe Bollor&eacute;<\/em> als sehr profitabel erwiesen. Mit ihren Plantagen in Afrika und S&uuml;dostasien konnte die Gruppe im Jahre 2011 einen Reingewinn von 250 Millionen US$ erzielen. Alleine die Sparte <em>Socfin<\/em> konnte ihren Anteilseignern im letzten Jahr bei einer Bilanzsumme von 172 Millionen Euro eine Dividende von stolzen 32 Millionen Euro auszahlen. W&auml;hrend in Sierra Leone ganze D&ouml;rfer vor die Hunde gehen, sammelt Vincent Bollor&eacute; die Gewinne, um weitere Landstriche in Afrika und S&uuml;dostasien aufzukaufen. Die Blutdiamanten geh&ouml;ren zum Gl&uuml;ck der Vergangenheit an, heute exportiert Sierre Leone blutiges Palm&ouml;l, dass als &bdquo;Biokraftstoff&ldquo; an den europ&auml;ischen Zapfs&auml;ulen seinen ahnungslosen Kunden findet.<\/p><p><strong>Die Gei&szlig;el der Korruption<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_03.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Um zu verstehen, warum die betroffenen Menschen ihre Regierung, die Chiefs und die Investoren noch nicht um einen Kopf k&uuml;rzer gemacht haben, muss man sich in die &bdquo;afrikanische Mentalit&auml;t&ldquo; eindenken. In einem Land wie Sierra Leone hat es noch nie eine Regierung gegeben, die auch nur im Ansatz die Interessen ihres Volkes vertreten hat. Von einem Staat, dessen &ouml;ffentliche Repr&auml;sentanten in Uniform vor allem dadurch auffallen, den B&uuml;rgern &ndash; zum Teil unter komplett abstrusen Begr&uuml;ndungen [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>] &ndash; Schmiergelder aus der Tasche zu ziehen, erwarten die B&uuml;rger nicht all zu viel. Wie sollten sie auch? Wenn selbst der Assistent des Landwirtschaftsministers einen Monatslohn von 80 US$ bekommt, so erinnert dies an das Gehaltsmodell von Kellnern, das ja auch vor allem auf Trinkgelder setzt. <\/p><p>Bei den traditionellen Herrschafts- und Verwaltungsgliederungen sind die Menschen voll und ganz auf ihr Schicksal angewiesen. Wenn sie gute Chiefs, Sektions-Chiefs und Paramount-Chiefs haben, die sich um die Menschen und ihre Zukunft k&uuml;mmern, stellt diese traditionelle Ebene eine sehr sinnvolle Erg&auml;nzung zur korrupten staatlichen Ebene dar. Wenn es sich bei den Chiefs jedoch um Alkoholiker oder Kleptokraten handelt, sind die Menschen durch die Autorit&auml;ten gleich doppelt benachteiligt. Die Chiefs gelten im Lande zudem als moralische Autorit&auml;t, die von den Menschen nicht hinterfragt werden sollte. Ein junger Mann verglich mir gegen&uuml;ber in einem Gespr&auml;ch die Funktion des Chiefs in der Dorfgemeinschaft mit der eines Vaters in einer Familie. Dies schlie&szlig;t &ndash; nach seinen Worten &ndash; auch die M&ouml;glichkeit aus, einen schlechten Chief davonzujagen. Die Dorfgemeinschaft als Schicksalsgemeinschaft &ndash; f&uuml;r europ&auml;ische Betrachter ist dies eine eher verst&ouml;rende Vorstellung, die jedoch erkl&auml;rt, warum der Widerstand der betroffenen Kleinbauern zun&auml;chst ausblieb. <\/p><p><strong>Unter der Oberfl&auml;che g&auml;rt es, der Widerstand w&auml;chst<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_04.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Nachdem die Folgen des Land Grabbing offensichtlich wurden, ist der Widerstand im Land gewachsen. Zu den sch&auml;rfsten Gegnern des Land Grabbing z&auml;hlt der ehemalige Abgeordnete Shiaka Musa Sama. Ihm wurde von <em>Socfin<\/em> bereits mehrfach ein Schweigegeld in betr&auml;chtlicher H&ouml;he angeboten, doch Sama geh&ouml;rt zu den wenigen sierra-leonischen Politikern, die sich nicht kaufen lassen. Ich hatte die Gelegenheit Shiaka Musa Sama zu interviewen. Wenige Stunden nach dem Interview wurde er von den Beh&ouml;rden festgenommen. Zusammen mit f&uuml;nf weitern Mitgliedern der NGO MALOA (Malen affected land owners) wartet er nun auf seinen Prozess, der am 15 November stattfinden soll. Den sechs Aktivisten wird vorgeworfen, &Ouml;lpalmen auf dem von <em>Socfin<\/em> gepachteten Land gef&auml;llt zu haben. Beweise daf&uuml;r gibt es nicht und zumindest im Falle von Shiaka Musa Sama ist dieser Vorwurf ohnehin abstrus, da er sich zum fraglichen &bdquo;Tatzeitpunkt&ldquo; im mehrere Stunden entfernten Bo aufhielt, wo wir ihn am Morgen interviewten. <\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"360\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/Kq45prKP4bU\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><br>\n<em>Video: Interview Shiaka Musa Sama<\/em><\/p><p>Shiaka Musa Sama weist im Interview zurecht darauf hin, dass er kein Einzelk&auml;mpfer ist. Bislang hat <em>Socfin<\/em> &bdquo;lediglich&ldquo; 6.500 Hektar Land unter Vertrag nehmen k&ouml;nnen. <em>Socfin<\/em> plant jedoch, sein Engagement in Sierra Leone bis zum Jahr 2018 auf 30.000 Hektar Land auszuweiten. Dieser Plan d&uuml;rfte jedoch aufgrund der wichtigen Arbeit lokaler NGOs aller Voraussicht nach scheitern. Vor allen in den D&ouml;rfern im Bezirk Malen, deren Chiefs sich bis jetzt noch nicht von <em>Socfin<\/em> und seinen Verb&uuml;ndeten &uuml;berzeugen lie&szlig;en, ist die Kritik an den Verpachtungspl&auml;nen allgegenw&auml;rtig. <\/p><p><strong>Wissen ist Macht<\/strong><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;margin-left: 10px;margin-bottom: 10px\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/sl_02.jpg\" width=\"200\" height=\"200\">Die sch&auml;rfste Klinge im Kampf gegen das Land Grabbing sind Informationen. Studien wie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Study_Land_Investment_Sierra_Leone.pdf\">&bdquo;Increasing Pressure for Land&ldquo; [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> von der Deutschen Welthungerhilfe und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/who-is-benefitting-Sierra-Leone-report_131031.pdf\">&bdquo;Who is benefiting?&ldquo; [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> von der Action for Large-scale Land Acquisition Transparency (ALLAT) geh&ouml;ren mittlerweile zum Handgep&auml;ck der Aktivisten vor Ort. Zu diesen Aktivisten geh&ouml;rt beispielsweise Joseph Rahall, der die lokale NGO <em><a href=\"http:\/\/www.greenscenery.org\/\">Green Scenery<\/a><\/em> anf&uuml;hrt. Rahall und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Kleinbauern und Chiefs in den D&ouml;rfern, in denen Socfin gerne Land pachten w&uuml;rde, &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde und Folgen zu informieren. Dabei verfolgt <em>Green Scenery<\/em> einen doppelten Ansatz. Die NGO erstellt in den bereits betroffenen D&ouml;rfern selbst Studien &uuml;ber die Folgen des Land Grabbing. Dabei greift Green Scenery vor allem auf freiwillige Mitarbeiter in den D&ouml;rfern selbst zur&uuml;ck, mit deren Hilfe man nun eine Langzeitstudie &uuml;ber die sozio&ouml;konomischen Folgen des Land Grabbing gestartet hat.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"360\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/Wm4li8Xwi5A\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><br>\n<em>Video: Green Scenery in Pujehun<\/em><\/p><p>Die eigentliche Aufgabe von <em>Green Scenery<\/em> sieht Joseph Rahall jedoch darin, die Menschen in den noch nicht betroffenen D&ouml;rfern bestm&ouml;glich zu informieren. Es versteht sich von selbst, dass <em>Socfin<\/em> und seine Verb&uuml;ndeten den Kleinbauern das Blaue vom Himmel versprechen. Dass diese Versprechen nichts mit der Realit&auml;t zu tun haben, zeigen jedoch die Studien von internationalen und lokalen NGOs. In einer Welt, in der weder Fernsehen, noch Radio oder Zeitungen existieren, sind die Informationsveranstaltungen von <em>Green Scenery<\/em> und anderen NGOs die einzige verl&auml;ssliche Informationsquelle f&uuml;r die lokale Bev&ouml;lkerung.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"360\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/yEmblM9PwXo\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><br>\n<em>Video: Green Scenery Veranstaltung in Malen<\/em><\/p><p>Sowohl die Aktivit&auml;ten der Investoren als auch die Antwort der Zivilgesellschaft vor Ort haben in den letzten Monaten m&auml;chtig an Fahrt aufgenommen. Wer sich am Ende durchsetzen kann, ist momentan nur sehr schwer zu sagen. Fest steht jedoch &ndash; die &bdquo;goldenen Zeiten&ldquo;, in denen Investoren wie <em>Socfin<\/em>, die Kleinbauern t&auml;uschen und &uuml;bers Ohr hauen k&ouml;nnen, sind dank der Arbeit der NGOs erst einmal vorbei. Nun h&auml;ngt es davon ab, wie der Staat sich verh&auml;lt. Ohne weitere Repressionen des Staates gegen die eigene Bev&ouml;lkerung wird es <em>Socfin<\/em> schwer fallen, sein angepeiltes Ziel von 30.000 Hektar Land zu erreichen. Die Verhaftung der sechs MALOA-Aktivisten l&auml;sst diesbez&uuml;glich jedoch Schlimmes erahnen. Wenn <em>Socfin<\/em> und Co. einen Staat wie Sierra Leone derart im Griff haben, dass sie &ndash; direkt oder indirekt &ndash; auch die Justiz und die Strafverfolgung nach Kolonialherrenart f&uuml;r sich arbeiten lassen, ist damit eine weitere Stufe des Land Grabbing erreicht. Dann h&auml;tten wir eine neue Form des Kolonialismus, in der sich reiche Europ&auml;er ihre eigenen Staaten in Afrika kaufen, die sie nach Belieben auspl&uuml;ndern und ausbluten lassen k&ouml;nnen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Weitere Informationen zu den Themen <strong>Land Grabbing und Sierra Leone<\/strong> finden Sie auf den <a href=\"http:\/\/www.aussengedanken.de\/\">AussenGedanken<\/a><\/em><\/p><p><em>Bildnachweis: Bild oben (Vincent Bollor&eacute;) &ndash; <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:2013_Global_Conference_at_Unesco_Vincent_Bollore.JPG?uselang=de\">Wikimedia Commons<\/a><\/em><br>\n<em>Alle anderen Bilder &ndash; &copy; NachDenkSeiten<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Ein Chief ist das Oberhaupt in der traditionellen Herrschafts- und Verwaltungsgliederung, die parallel zur staatlichen Gliederung immer noch fortexistiert und als Autorit&auml;t gilt. &Uuml;ber dem Chief steht der Sektions-Chief und dar&uuml;ber der Paramount-Chief, der das oberste Amt in einem der 13 Distrikte Sierra Leones innehat. <\/p><p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] Einem unserer Fahrer wurden beispielsweise an einem Checkpoint zwei Dollar abgenommen, weil er eine Hose mit Flecktarnmuster trug und damit gegen das Gesetz versto&szlig;en haben soll, dass nur die Armee Uniformen mit Tarnmuster tragen darf. Und als wir bei unserer Anreise das Flughafengeb&auml;ude verlie&szlig;en, wollten ein Polizist und ein Soldat uns gleich um ein paar Dollar &auml;rmer machen, da wir auf der Stra&szlig;e rauchten &ndash; selbstverst&auml;ndlich gibt es kein Gesetz, das dies verbieten w&uuml;rde.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a308ec5034b14c9687ee6f97a3336431\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten vier Jahren wurden in Sierra Leone Vertr&auml;ge abgeschlossen, die Konzernen und Finanzinvestoren aus Europa und Asien zusichern, die H&auml;lfte der landwirtschaftlichen Nutzfl&auml;che des Landes &uuml;ber Jahrzehnte hinweg zu pachten. W&auml;hrend die Investoren sich bereits auf zweistellige Renditen freuen, steht die Bev&ouml;lkerung des b&uuml;rgerkriegsgeplagten Landes vor einer d&uuml;stern Zukunft. Auf Einladung der Welthungerhilfe<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19105\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,37,20,178],"tags":[1223,1311,849],"class_list":["post-19105","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-globalisierung","category-landerberichte","category-ressourcen","tag-afrika","tag-landgrabbing","tag-nahrungsmittel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19105"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19105\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19118,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19105\/revisions\/19118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}