{"id":19119,"date":"2013-10-31T15:27:33","date_gmt":"2013-10-31T14:27:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19119"},"modified":"2019-03-02T11:29:45","modified_gmt":"2019-03-02T10:29:45","slug":"die-112-initiative-in-der-schweiz-provokation-oder-notwendige-korrektur-von-machtmissbrauch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19119","title":{"rendered":"Die 1:12 Initiative in der Schweiz: Provokation oder notwendige Korrektur von Machtmissbrauch?"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Die Einkommensverteilung hat sich in Mitteleuropa in den letzten Jahren vor und nach Steuern immer weiter zugunsten der hohen Einkommen verschoben. Gleichzeitig sind positive Ergebnisse dieser Politik bei den Investitionen und bei der Produktivit&auml;t nicht zu erkennen. Auch in der Schweiz bleiben die Einkommen der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung zur&uuml;ck, was zu weiterer funktionsloser Ungleichheit f&uuml;hrt. Das ist fatal: Anstatt die Investitionen in Sachkapital und die Binnenwirtschaft zu st&auml;rken, dr&auml;ngen wir die Wirtschaft immer mehr in den Export und in spekulative Anlagen. Damit verst&auml;rken wir die Instabilit&auml;t des Systems und spalten die Gesellschaften Europas. Angesichts dessen geht die 1:12 Initiative in die richtige Richtung und deshalb unterst&uuml;tze ich sie&rdquo;, sagt <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>. Hier eine Stellungnahme von ihm und <strong>Friederike Spiecker<\/strong> zu der Schweizer Volksinitiative &bdquo;1 : 12 &ndash; F&uuml;r gerechte L&ouml;hne&ldquo; angesto&szlig;en von den dortigen Jungsozialisten unterst&uuml;tzt von der SP, den Gr&uuml;nen, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund und der Gewerkschaft Unia. Am 24. November 2013 wird dar&uuml;ber abgestimmt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die 1:12 Initiative in der Schweiz: Provokation oder notwendige Korrektur von Machtmissbrauch?<\/strong><\/p><p><em>Genf, 15.10.2013<\/em><\/p><p>Eine Stellungnahme von Professor Dr. Heiner Flassbeck und Diplomvolkswirtin Friederike Spiecker<\/p><blockquote><p>&ldquo;Die Einkommensverteilung hat sich in Mitteleuropa in den letzten Jahren vor und nach Steuern immer weiter zugunsten der hohen Einkommen verschoben. Gleichzeitig sind positive Ergebnisse dieser Politik bei den Investitionen und bei der Produktivit&auml;t nicht zu erkennen. Auch in der Schweiz bleiben die Einkommen der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung zur&uuml;ck, was zu weiterer funktionsloser Ungleichheit f&uuml;hrt. Das ist fatal: Anstatt die Investitionen in Sachkapital und die Binnenwirtschaft zu st&auml;rken, dr&auml;ngen wir die Wirtschaft immer mehr in den Export und in spekulative Anlagen. Damit verst&auml;rken wir die Instabilit&auml;t des Systems und spalten die Gesellschaften Europas. Angesichts dessen geht die 1:12 Initiative in die richtige Richtung und deshalb unterst&uuml;tze ich sie.&rdquo; (Heiner Flassbeck)<\/p><\/blockquote><p><strong>1. Die Diagnose<\/strong><\/p><p>In den wichtigsten Industriel&auml;ndern ist in den letzten zwanzig Jahren die Schere zwischen den niedrigsten und den h&ouml;chsten Einkommen massiv auseinandergegangen. Insbesondere in den privaten Unternehmen haben die obersten Einkommen wesentlich st&auml;rkere Zuw&auml;chse zu verzeichnen als die unteren (vgl. Abbildung 1).<\/p><p><em>Abbildung 1: Anteil des Einkommens der oberen 10% der Einkommensbezieher an den gesamten Einkommen in den USA von 1917 bis heute<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131031_Flassbeck_Spiecker_1.jpg\" alt=\"Abbildung 1: Anteil des Einkommens der oberen 10% der Einkommensbezieher an den gesamten Einkommen in den USA von 1917 bis heute\" title=\"Abbildung 1: Anteil des Einkommens der oberen 10% der Einkommensbezieher an den gesamten Einkommen in den USA von 1917 bis heute\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/elsa.berkeley.edu\/~saez\/saez-UStopincomes-2012.pdf\">Emmanuel Saez &ldquo;Striking it Richer: The Evolution of Top Incomes in the United States (Updated with 2012 preliminary estimates), UC Berkeley, September 3 2013<\/a><\/p><p>In den USA &ndash; das d&uuml;rfte aber auch f&uuml;r die Schweiz gelten &ndash; hat diese dramatische Ver&auml;nderung sicherlich auch mit einem bedeutenden Struktureffekt zu tun: Der Anteil des Finanzsektors hat in den vergangenen drei&szlig;ig Jahren stetig zugenommen, und, noch wichtiger, der Anteil der Gewinne im Finanzsektor an den gesamten Gewinnen hat ebenfalls zugenommen, was auch f&uuml;r die Entlohnung in den h&ouml;chsten Einkommenskategorien direkte Auswirkungen hatte. Eine wichtige Frage ist, ob der steigende Anteil des Finanzsektors an den Gewinnen in der Gesamtwirtschaft vor der Krise von 2008 eine nachhaltige und positive Ver&auml;nderung der Struktur der Realwirtschaft mit sich gebracht hat (abzulesen an einem deutlich h&ouml;heren Kapitalstock und entsprechender Produktivit&auml;tszuw&auml;chse), oder ob durch besondere Ereignisse &ndash; wie die Deregulierung dieses Sektors &ndash; eine nicht nachhaltige Blasenbildung gef&ouml;rdert wurde, die mit dem Entstehen von Scheingewinnen eine Entlohnungsstruktur mit sich gebracht hat, die mit einer Re-regulierung dieser M&auml;rkte verschwinden m&uuml;sste. <\/p><p>Zudem hat sich die funktionelle Einkommensverteilung (also zwischen Arbeit und Kapital) generell zulasten der Arbeit verschoben. Die Lohnquote ist im Durchschnitt aller Industriel&auml;nder seit den siebziger Jahren, abgesehen von zyklischen Schwankungen, stetig gesunken (vgl. Abbildungen 2 und 3).<\/p><p><em>Abbildung 2<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131031_Flassbeck_Spiecker_2.jpg\" alt=\"Abbildung 2: Arbeitslosigkeit und Entlohnung in Europa\" title=\"Abbildung 2: Arbeitslosigkeit und Entlohnung in Europa\"><\/p><p><em>Abbildung 3<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131031_Flassbeck_Spiecker_3.jpg\" alt=\"Abbildung 3: Arbeitslosigkeit und Entlohnung in den USA\" title=\"Abbildung 3: Arbeitslosigkeit und Entlohnung in den USA\"><\/p><p>Den siebziger Jahren waren Zeiten deutlicher Umverteilung zugunsten des Faktors Arbeit vorausgegangen &ndash; die Lohnquoten waren kr&auml;ftig gestiegen. Die im Zuge der ersten &Ouml;lpreiskrise stark steigende Arbeitslosigkeit &uuml;bte dann Druck auf die L&ouml;hne aus, was wegen der vorherigen Verteilungs&auml;nderung durchaus zu rechtfertigen war. Doch dieses Muster hat sich in der Finanzkrise 2008 nicht wiederholt: Ihr ging kein kr&auml;ftiger Anstieg der Lohnquote voraus, vielmehr setzte die Krise und mit ihr ein erneut kr&auml;ftiges Anwachsen der Arbeitslosigkeit bei einem bereits sehr niedrigen Niveau der Lohnquote ein. Es liegt somit auf der Hand, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Zuge der Finanzkrise nicht durch zu hohe L&ouml;hne ausgel&ouml;st worden ist. Eine solche Diagnose, die in den siebziger Jahren nicht leicht von der Hand zu weisen war, &auml;ndert die Einsch&auml;tzung der Verh&auml;ltnisse am Arbeitsmarkt und des Arbeitsmarktes an sich, n&auml;mlich als Markt, fundamental: Ein Markt, der bei niedrigen Preisen das Entstehen eines Angebots&uuml;berschusses zul&auml;sst, ist dysfunktional. <\/p><p>Wenn das, was hier beobachtet wird, nicht &ouml;konomisch im Sinne von reinen Marktvorg&auml;ngen erkl&auml;rt und begr&uuml;ndet werden kann, sondern wenn hier schlicht Missbrauch von Marktmacht vorliegt, erfordert ein solcherart pervertierter &ldquo;Markt&rdquo; ein Eingreifen des Staates. Denn es stellt sich die Frage, ob ein solches Auseinanderdriften der Einkommen das Wirtschaftssystem destabilisiert und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft insgesamt hat. Die Marktwirtschaft ist keine Religion, sondern Mittel zum Zweck. In einer Demokratie hat sie den unmittelbaren Zweck, allen Mitgliedern einer Gesellschaft eine menschenw&uuml;rdige materielle Lebensgrundlage zu erm&ouml;glichen und sie an der Wohlstand steigernden Wirkung des technischen Fortschritts teilhaben zu lassen.<\/p><p>Liegt Missbrauch von Marktmacht vor, m&uuml;ssten sich die Regierenden des Staates (oder der Staatengemeinschaft) fragen, wie sich die Einkommensverh&auml;ltnisse zu Zeiten dargestellt haben, als solche Missbrauchsm&ouml;glichkeiten nicht gegeben waren. Der Staat k&ouml;nnte, um den Missbrauch zu verhindern, auf drei Arten eingreifen. Entweder korrigiert er das Auseinanderlaufen der Einkommen einmalig und setzt f&uuml;r die Zukunft einen Gleichlauf durch. Oder er kann ein grunds&auml;tzlich nicht zu &uuml;berschreitendes Verh&auml;ltnis der h&ouml;chsten zu den geringsten Einkommen f&uuml;r die Volkswirtschaft insgesamt oder f&uuml;r Unternehmenseinheiten vorschreiben. Drittens kann der Staat alternativ oder zus&auml;tzlich &uuml;ber die Sekund&auml;rverteilung, also &uuml;ber Steuern und Abgaben, daf&uuml;r sorgen, dass sich die Einkommensverh&auml;ltnisse wieder ann&auml;hern.<\/p><p>Machtmissbrauch kann angenommen werden, wenn sich Indikatoren finden lassen, die eine Machtverschiebung in den M&auml;rkten zugunsten einer Seite, im vorliegenden Fall also der Kapitalseite bzw. der Unternehmen und deren Manager, anzeigen. Am Arbeitsmarkt geht es hier um anhaltende Ungleichgewichte, die die Verhandlungsposition einer Seite so sehr schw&auml;chen, dass die Ergebnisse der Verhandlungen systematisch zu ihren Ungunsten ausfallen.<\/p><p>Zweifellos hat der Anstieg der Arbeitslosigkeit seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, insbesondere aber das lange Andauern der Arbeitslosigkeit in den meisten Industriel&auml;ndern eine Machtverschiebung zugunsten der Seite der Arbeitgeber mit sich gebracht. Arbeitnehmer, die nach dem Verlust ihres derzeitigen Arbeitsplatzes lang anhaltende Arbeitslosigkeit f&uuml;rchten m&uuml;ssen, sind in ihrer Verhandlungsposition &uuml;ber eine Beteiligung der L&ouml;hne am Produktivit&auml;tsfortschritt fundamental geschw&auml;cht. Neoklassische Theorien der Lohnfindung unterstellen, dass Arbeitskr&auml;fte, die nicht kollektiv verhandeln, &uuml;ber Abwanderung Druck auf die Arbeitgeber aus&uuml;ben k&ouml;nnen, marktgerechte, d.h. am Produktivit&auml;tsfortschritt orientierte L&ouml;hne zu zahlen. Diese M&ouml;glichkeit gibt es aber nur bei Vollbesch&auml;ftigung oder zumindest einem Besch&auml;ftigungsstand, der f&uuml;r die Arbeitnehmer eine rasche Wiederbesch&auml;ftigung im Falle von Arbeitslosigkeit gew&auml;hrleistet. Diese Machtverschiebung erkl&auml;rt, dass es den Arbeitnehmern bzw. den Gewerkschaften als ihren kollektiven Verhandlungspartnern seit Mitte der 1970er Jahre nur noch sporadisch gelungen ist, eine volle Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivit&auml;tsfortschritt durchzusetzen. <\/p><p>Die Tatsache einer generellen Machtverschiebung am Arbeitsmarkt erkl&auml;rt zu einem Teil auch die Machtverschiebung innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmer hin zu h&ouml;her qualifizierten Arbeitskr&auml;ften. Hohe und lang anhaltende Arbeitslosigkeit f&uuml;hrt immer zu sogenannten Sickereffekten, also dem Ph&auml;nomen, dass es besser Qualifizierten leichter gelingt, an Arbeitspl&auml;tze zu kommen, die eigentlich leicht unterhalb ihrer Qualifikation angesiedelt sind.  Dadurch wird die Situation f&uuml;r die Arbeitskr&auml;fte mit der geringsten Qualifikation bei anhaltender Arbeitslosigkeit systematisch immer schlechter und ihre Verhandlungsposition bez&uuml;glich der Lohnentwicklung erodiert.<\/p><p>Das allein w&uuml;rde aber wohl nicht die riesigen Unterschiede in der Entlohnung erkl&auml;ren, die heute zu beobachten sind. Hinzu kommt die Globalisierung als solche und vor allem, welche Wirkungen ihr in der &ouml;ffentlichen Diskussion zugeschrieben werden. Das hat eine weitere Machtverschiebung bewirkt, da die Unsicherheit der Arbeitskr&auml;fte hinsichtlich ihrer Verhandlungsposition zugenommen hat. Die Drohung mit einem globalen &Uuml;berschuss an Arbeitskr&auml;ften und die konkrete Drohung der Abwanderung in Niedriglohnl&auml;nder durch Unternehmen in Hochlohnl&auml;ndern hat ohne Zweifel die Macht der Arbeitgeber und der Manager vergr&ouml;&szlig;ert. <\/p><p>Des weiteren gibt es einen Struktureffekt, der in seiner Bedeutung f&uuml;r die Gehaltsspreizung nicht untersch&auml;tzt werden sollte. Das ungeheure Wachstum der &bdquo;Finanzindustrie&ldquo; in der Schweiz und den angels&auml;chsischen L&auml;ndern hat eine Struktur der globalen Wirtschaft beg&uuml;nstigt, in der ganz wenige riesige Player ganze Bereiche wie den Handel mit Derivaten, Bonds, W&auml;hrungen und Aktien dominieren und kontrollieren. Hier kann von einem Wettbewerb im klassischen Sinne, wo unabh&auml;ngige Akteure voneinander unabh&auml;ngige Investitionsentscheidungen treffen, nicht mehr die Rede sein. Das Herdenverhalten der gro&szlig;en Spieler an den Finanzm&auml;rkten findet seinen unmittelbaren Niederschlag in ihren Entlohnungssummen, die jeden Kontakt mit dem, was durch normale Sachinvestitionen zu verdienen ist und entsprechend zu entlohnen w&auml;re, verloren haben. <\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r erhebliche Teile der Industrien, die sich der Informationsverarbeitung und -verbreitung widmen. Auch hier gibt es mehr monopolartige Strukturen als freien Wettbewerb. Auch hier besteht die Neigung, durch die Zahlung von extrem hohen Geh&auml;ltern globale Marktf&uuml;hrerschaft anzustreben und um jeden Preis zu erhalten. Nicht anders als im Fu&szlig;ball, wo mit riesigen Monopolgewinnen aus dem &Ouml;lgesch&auml;ft, aus der Finanzwirtschaft oder aus der Informationsindustrie unschlagbare Mannschaften zusammengekauft werden, bleibt der Wettbewerb und der ihm eigene Anreiz f&uuml;r jeden einzelnen, sich besonders anzustrengen, auf der Strecke. <\/p><p>Das Ergebnis dieser Interventionen von Geldgebern, die nicht dem spezifischen Sport-Markt angeh&ouml;ren und deren finanzielle M&ouml;glichkeiten den &uuml;blichen Rahmen dieser M&auml;rkte sprengen, hat keineswegs durchweg positive Effekte. Wird die Spitze der Liga im Fu&szlig;ball monopolartig gest&auml;rkt und der Rest systematisch abgedr&auml;ngt, wird in der Breite kein Nutzen gestiftet. Im Gegenteil: Die regionale Identifikation mit einem erfolgreichen Verein verschwindet und viele Talente geben frustriert auf, wenn sie nicht zu den gro&szlig;en Playern geh&ouml;ren, weil f&uuml;r sie die Chance, einmal einen wirklich gro&szlig;en Titel zu gewinnen, ganz nahe bei Null liegt. In der Wirtschaft werden viele Talente unmittelbar vom Finanzbereich aufgesogen, weil eine vergleichbar Arbeit in realwirtschaftlichen Branchen nicht zu einem auch nur ann&auml;hernd vergleichbar guten Einkommensergebnis f&uuml;hrt. Werden solche Talente f&uuml;r im Ergebnis unproduktive T&auml;tigkeiten (Herdenverhalten, Kasinobetrieb der Finanzm&auml;rkte) eingesetzt, muss man von einer gravierenden Fehlallokation sprechen.<\/p><p>In diesem Umfeld hat sich auch in der &uuml;brigen privaten Industrie die Anspruchshaltung von Managern und Anteilseignern grundlegend ver&auml;ndert. Man fordert weit h&ouml;here Entgelte f&uuml;r die Spitzenkr&auml;fte des Managements und h&ouml;here Renditen f&uuml;r die Kapitaleigner zugleich. Ber&uuml;hmt geworden ist die Renditeerwartung einer gro&szlig;en deutschen Bank von 25 Prozent pro Jahr. Renditen f&uuml;r Kapitalanlagen von zehn bis f&uuml;nfzehn Prozent pro Jahr gelten als absolut normal in einer Zeit, wo f&uuml;r die Arbeitnehmer Nullrunden f&uuml;r akzeptabel gehalten werden.<\/p><p>Die unbestreitbare Tatsache, dass Kapital und hochqualifizierte Arbeit in einem Umfeld hoher Arbeitslosigkeit und bedrohter Arbeitspl&auml;tze zugleich weit h&ouml;here Einkommen f&uuml;r sich fordern und auch durchsetzen, zeigt vollkommen klar, dass hier von einem freien Spiel des Wettbewerbs und der spezifischen Knappheit der h&ouml;her entlohnten T&auml;tigkeiten nicht die Rede sein kann. Es ist einfach die gr&ouml;&szlig;ere Macht, die es der Kapitalseite und ihren F&uuml;hrungskr&auml;ften erm&ouml;glicht, sich selbst zu bedienen und den anderen G&uuml;rtel-enger-Schnallen zu verordnen. <\/p><p>Die weit verbreitete und einflussreiche These, im Zuge der Globalisierung, insbesondere mit der &Ouml;ffnung bev&ouml;lkerungsreicher Staaten wie China sei Arbeit im globalen Ma&szlig;stab reichlicher und Kapital knapper geworden, was sich notwendigerweise in der Entlohnung der jeweiligen Faktoren und ihrer Vertreter in den Unternehmen zeigen m&uuml;sse, war schon immer mehr als fragw&uuml;rdig. Mit der gro&szlig;en Rezession nach der Finanzkrise ist sie vollends absurd geworden. Ausweislich der schwachen Investitionst&auml;tigkeit in der ganzen Welt und der niedrigsten Zinsen aller Zeiten in der gesamten industrialisierten Welt ist Kapital heute im &Uuml;berfluss vorhanden. Dennoch hat das anscheinend kaum Auswirkungen auf die Entlohnung von Kapital (im Sinne von Gewinnen) und seiner Helfer bzw. umgekehrt auf die Entlohnung des Faktors Arbeit. Auch das zeigt, dass von einem wettbewerblich organisierten Markt, einem globalen allzumal, der auf die national gezahlten Entlohnungen einen entscheidenden Einfluss h&auml;tte, in keiner Weise die Rede sein kann.<\/p><p>Es gibt aber au&szlig;er dem vermeintlich frei und immer richtig agierenden Markt keine Begr&uuml;ndung f&uuml;r die entstandene L&uuml;cke in der Entlohnung unterschiedlicher T&auml;tigkeiten. Es gibt ja auch keine erkennbare und auf die Entlohnung zurechenbare Verbesserung der Ergebnisse des Marktsystems. Weder sind die Investitionen in Sachanlagen markant gestiegen (sieht man von den sich inzwischen als Fehlinvestitionen herausstellenden Engagements im Immobiliensektor z.B. in Spanien ab), noch hat sich die Produktivit&auml;tsentwicklung beschleunigt. Auch hier ist das Gegenteil von dem der Fall, was die simple Theorie, dass vom Markt hoch entlohnt wird, was Angebotsengp&auml;sse beseitigt, nahelegt. Nicht zuletzt die gro&szlig;e Krise von 2008 und 2009 hat gezeigt, dass von den hoch bezahlten F&uuml;hrungskr&auml;ften in der &bdquo;Finanzindustrie&ldquo; Kapital in Gr&ouml;&szlig;enordnungen vernichtet wurde, die vorher f&uuml;r unvorstellbar gehalten wurden. Auch das w&uuml;rde f&uuml;r eine Absenkung der Entlohnung der Spitzenkr&auml;fte sprechen, nicht f&uuml;r eine Zementierung der Verh&auml;ltnisse oder gar eine Anhebung ihrer Entlohnung.<\/p><p>Schlie&szlig;lich, und das k&ouml;nnte die letzte Verteidigungslinie der Vertreter der &bdquo;freien&ldquo; Preisbildung sein, k&ouml;nnte man argumentieren, dass die L&ouml;hne in einem Modell des vollkommenen Wettbewerbs so festgelegt werden, dass die Entlohnung einer Person gerade der Grenzproduktivit&auml;t dieser Person entspricht, weil ansonsten die Unternehmen die Person nicht besch&auml;ftigen w&uuml;rden. Folglich m&uuml;sse in den letzten zwanzig Jahren die Produktivit&auml;t der oberen Einkommensklasse entsprechend gestiegen sein, die der unteren aber relativ gefallen. Das Problem dieser Behauptung: Daf&uuml;r gibt es keinerlei empirischen Beleg. Denn man kann die empirische Tatsache der Einkommensspreizung, die man mit dem Grenzproduktivit&auml;tsargument erkl&auml;ren m&ouml;chte, logischerweise nicht zum Beweis dieses Arguments heranziehen. Das w&auml;re so, als ob ein Richter einem auf Mord Angeklagten den Mord dadurch nachzuweisen versuchte, dass er die Tatsache anf&uuml;hrt, dass es einen Ermordeten gibt. Abgesehen davon, dass, wie oben gezeigt, von einem vollkommenen Wettbewerb nicht die Rede sein kann, spricht auch sonst nichts daf&uuml;r, dass es einen solchen Wirkungskanal via Grenzproduktivit&auml;t gibt. Zudem, und das ist noch wichtiger, ist dieses Modell in sich mit schweren M&auml;ngeln behaftet. <\/p><p><strong>Exkurs: Die Fiktion von der individuellen Grenzproduktivit&auml;t<\/strong><\/p><p>Wie wir viele Male gezeigt haben, gibt es keine individuelle Grenzproduktivit&auml;t. Die Produktivit&auml;t ist in allen modernen Marktwirtschaften, also in Systemen hoher Spezialisierung durch Arbeitsteilung, keine Gr&ouml;&szlig;e mehr, die dem Beitrag des einzelnen Mitarbeiters zugerechnet werden k&ouml;nnte. <\/p><p>Von der Regierung festgelegte Mindestl&ouml;hne sind in der Wirtschaft der meisten Industrie- und Entwicklungsl&auml;nder eine Tatsache. Besonders L&auml;nder, die nicht &uuml;ber ein eng gekn&uuml;pftes, soziales Sicherheitsnetz verf&uuml;gen,  haben h&auml;ufig und bereits seit langem das Instrument gesetzlicher Mindestl&ouml;hne gew&auml;hlt, um gering qualifizierte Arbeitskr&auml;fte vor der Ausbeutung durch m&auml;chtige Arbeitgeber in Zeiten lang andauernder und hoher Arbeitslosigkeit zu sch&uuml;tzen. Trotz einer Vielzahl empirischer Beweise, die zeigen, dass Mindestl&ouml;hne nur geringe oder keine Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit haben, stehen sie immer noch unter der kritischen Beobachtung der Mainstream-&Ouml;konomen. F&uuml;r sie stellt die Festlegung eines Lohnes durch die Regierung eine Intervention in einen effizienten Markt dar und deshalb &ndash; entsprechend einem Modell mit normal verlaufenden Angebots- und Nachfragekurven &ndash; einen Eingriff, der ein gro&szlig;es Risiko in sich birgt. Da der Preis, den die Regierung festsetzt, den Gleichgewichtspreis &uuml;bersteigen k&ouml;nne &ndash; der in der neoklassischen Welt durch die Grenzproduktivit&auml;t der Arbeitnehmer mit dieser Qualifikation festgelegt wird &ndash;, setze dies die gering qualifizierten Besch&auml;ftigten, die eigentlich gesch&uuml;tzt werden sollten, einem viel h&ouml;heren Risiko der Arbeitslosigkeit aus.<\/p><p>Grenzproduktivit&auml;t ist jedoch ein theoretisches Konzept, das auf der Vorstellung basiert, dass beispielsweise der Beitrag einer Arbeitsstunde eines bestimmten Arbeitnehmers messbar und klar identifizierbar sei. Wenn das Gesetz eines Preises f&uuml;r dieses Segment des Arbeitsmarkts gilt, m&uuml;ssen alle Arbeitnehmer eine Lohnk&uuml;rzung akzeptieren, wenn dem Arbeitsprozess eine zus&auml;tzliche Stunde zugef&uuml;gt wird. Man unterstellt n&auml;mlich, dass unter sinkenden Skalenertr&auml;gen gearbeitet wird, was bedeutet, dass der Produktionsertrag bei jeder zus&auml;tzlichen Stunde sinkt. Dieses Konzept w&auml;re nur dann g&uuml;ltig, wenn der Input vieler verschiedener Besch&auml;ftigter in einem Produktionsprozess extrem standardisiert w&auml;re und klar identifiziert und gemessen werden k&ouml;nnte. Das ist jedoch in den meisten modernen Produktionsst&auml;tten &uuml;berhaupt nicht der Fall.<\/p><p>Die gro&szlig;e Mehrheit der Besch&auml;ftigten arbeitet in einem Umfeld, in dem weder die Grenzproduktivit&auml;t der einzelnen Mitglieder eines Produktionsteams noch ihr relativer Beitrag bekannt sind oder &uuml;berhaupt gemessen werden k&ouml;nnen. Wie hoch ist die Grenzproduktivit&auml;t einer Krankenschwester in einem Krankenhaus und was ist ihr relativer Beitrag zu dem Gesamtergebnis verglichen mit dem der Chef&auml;rztin oder des Verwaltungspersonals? Weil dies unbekannt ist,  bekommen die meisten Arbeitnehmer in der modernen Gesellschaft eine Entlohnung, die grob der Knappheit und der Verf&uuml;gbarkeit von Menschen mit &auml;hnlicher Qualifikation entspricht, niemals aber etwas, das mit ihrer individuellen Grenzproduktivit&auml;t zu tun h&auml;tte. <\/p><p>Das kann man leicht beweisen. Eine Zunahme der Produktivit&auml;t, besonders bei einem Produktionsprozess, der die Gesamtproduktivit&auml;t einer Wirtschaft erh&ouml;ht, wird sich unter normalen Umst&auml;nden in sinkenden Preisen f&uuml;r G&uuml;ter des erfolgreichen Produktionsprozesses niederschlagen. Das hei&szlig;t, die Industrie, die normalerweise der Tr&auml;ger der steigenden Produktivit&auml;t ist, rationalisiert und schafft damit die M&ouml;glichkeit, die Preise f&uuml;r Industrieg&uuml;ter zu senken. Wenn man f&uuml;r einen Augenblick annimmt, dass die Nominall&ouml;hne nicht steigen und ausreichend Wettbewerb am G&uuml;termarkt herrscht, werden die gesunkenen Industrieg&uuml;terpreise zu einer geringeren Inflationsrate f&uuml;hren und damit die Reall&ouml;hne aller Besch&auml;ftigten erh&ouml;hen. Die Reall&ouml;hne aller Besch&auml;ftigten steigen also, ohne dass es eine individuelle Verbesserung der Produktivit&auml;t gegeben hat. Es ist das Team &ndash; und in dieser extremen Version das Team der Gesamtwirtschaft &ndash;, das belohnt wird durch den Fortschritt des Teams als Ganzem, vollkommen ohne die individuelle Verbesserung der Produktivit&auml;t im Prozess zu ber&uuml;cksichtigen.<\/p><p>Nehmen wir das Beispiel einer Lehrkraft an einer Grundschule, die 40 Jahre lang immer genau das Gleiche unterrichtet hat, ohne Innovationen und ohne Zunahme ihrer individuellen Produktivit&auml;t und ohne eine Ver&auml;nderung des nominalen Gehalts, das sie bekommt. Mit steigender Gesamtproduktivit&auml;t wird die Lehrkraft trotzdem an dem Erfolg der Gesellschaft teilhaben, wenn man zul&auml;sst, dass sich der Produktivit&auml;tsfortschritt in Form eines fallenden Preisniveaus in der Wirtschaft ausbreitet (das ein solches &ldquo;monetary management by the trade unions&rdquo; unerw&uuml;nscht ist, weil es deflation&auml;r wirkt, steht auf einem anderen Blatt). Wenn die Volkswirtschaft ein explizites Inflationsziel hat, m&uuml;ssen alle Nominall&ouml;hne um dieses Ziel steigen plus die Wachstumsrate der Produktivit&auml;t, aber das ist nur ein technische Frage und &auml;ndert nicht die Substanz des Anpassungsprozesses.<\/p><p>Deshalb hat jede Gesellschaft eine gro&szlig;e Bandbreite, einen Mindestlohn festzulegen, ohne dass irgendwelche Gesetze des Marktes oder das Prinzip von Angebot und Nachfrage verletzt w&uuml;rden. Wenn es zum Beispiel eine Regel g&auml;be, dass der Mindestlohn immer die H&auml;lfte des Durchschnittslohns der betreffenden Volkswirtschaft betragen solle, ist nicht zu sehen, dass ein solches Arrangement das Risiko, arbeitslos zu werden, bei einigen gesellschaftlichen Gruppen erh&ouml;hen w&uuml;rde. Einige arbeitsintensive G&uuml;ter oder Dienstleistungen w&uuml;rden teurer werden, aber die Kaufkraft einer gro&szlig;en Gruppe von Besch&auml;ftigten w&uuml;rde steigen und die Zusammensetzung und das Niveau der Nachfrage ver&auml;ndern und damit die Produktion zugunsten von solchen Produkten, die sie bevorzugen.<\/p><p>Wie sich in einer Reihe von L&auml;ndern zeigt, k&ouml;nnen Mindestl&ouml;hne und ihre regelm&auml;&szlig;ige Anpassung wichtige Hinweise f&uuml;r die Lohnverhandlungen im privaten Sektor liefern. Ein Mindestlohn, der an die Produktivit&auml;tsentwicklung und ein Inflationsziel gekoppelt ist, kann als Stabilisator von Einkommenserwartungen der Mehrheit der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten dienen, was wiederum die Wachstumsentwicklung stabilisiert. Teilhabe der Arbeitnehmer statt Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarktes lautet die Erfolgsformel der Zukunft.<\/p><p>Nimmt man hinzu, dass die Tatsache einer nicht lohnbedingten (sondern finanzmarktbedingten) Arbeitslosigkeit seit 2008 erneut Druck auf die L&ouml;hne und insbesondere auf die L&ouml;hne der Bezieher geringerer Einkommen aus&uuml;bt, ist ein Eingreifen des Staates tief in die Strukturen des Arbeitsmarktes unabdingbar geworden. Es gen&uuml;gt eben nicht mehr, durch makro&ouml;konomische Steuerung die entstandene Arbeitslosigkeit zu bek&auml;mpfen, weil der dysfunktionale Druck auf die L&ouml;hne die traditionelle Makrosteuerung ineffektiv macht. Der Staat kann als einziger Akteur diese Fehlsteuerung erkennen und korrigieren.<\/p><p><strong>2. Die globale Therapie<\/strong><\/p><p>Eine Ver&auml;nderung der verzerrten Einkommensverh&auml;ltnisse herbeizuf&uuml;hren, w&auml;re naturgem&auml;&szlig; am effektivsten auf der globalen Ebene. G&auml;be es eine Weltwettbewerbsbeh&ouml;rde, die dar&uuml;ber wachte, dass auf allen M&auml;rkten gen&uuml;gend viele und gen&uuml;gend gleichberechtigte Anbieter agierten, m&uuml;sste sie sich bem&uuml;hen, die entstandenen Monopole zu zerschlagen und monopolartige Strukturen aufzuweichen. Dar&uuml;ber hinaus bed&uuml;rfen die globalisierten Finanzm&auml;rkte einer globalen Aufsicht, die unter anderem verhindert, dass Herdenverhalten zu Blasenbildung an den Finanzm&auml;rkten f&uuml;hrt, die riesige Gewinne der beteiligten Unternehmen vorgaukeln, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. In einem solchen Umfeld d&uuml;rften Exzesse bei der Lohnbildung, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachten waren, vermutlich nicht so leicht entstehen. <\/p><p>Allerdings sind alle diese globalen Ideen reine Illusion. Es gibt in den n&auml;chsten Jahren mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit keine Chance, solche f&uuml;r die Bew&auml;ltigung unserer globalen wirtschaftlichen Probleme (einschlie&szlig;lich der &ouml;kologischen) Institutionen aufzubauen, weil die Lobby der Profiteure vom gegenw&auml;rtigen System zu stark ist. Sie hat sogar die tempor&auml;r vorhandene Aufbruchsstimmung nach der gro&szlig;en Krise 2008\/2009 erfolgreich &bdquo;einged&auml;mmt&ldquo;. Wie sollte man erwarten, dass ihre politische Macht in einem nicht von solchen Schocks gekennzeichneten Umfeld &uuml;berwunden werden k&ouml;nnte?<\/p><p>Auch was die Ver&auml;nderung der Machtverh&auml;ltnisse am Arbeitsmarkt betrifft, besteht keine Chance auf eine globale L&ouml;sung. Zwar hat sich mit den G 20 eine Gruppe installiert, die versucht, die globale Wirtschaftspolitik besser als zuvor zu koordinieren, aber de facto hat sie es bisher nicht vermocht, die widerstreitenden Interessen zu einem Ausgleich zu bringen oder wenigstens f&uuml;r eine Ann&auml;herung der Standpunkte zu sorgen. Hier ist es vor allem die Weigerung der L&auml;nder mit &Uuml;bersch&uuml;ssen in der Leistungsbilanz (wie Deutschland), ihre Strategie der &ldquo;Lohnmoderation&rdquo; zu &uuml;berdenken, die eine Einigung blockiert. Weil das &Uuml;berschussland Nummer 1, Deutschland, weder &uuml;ber eine Aufwertung der eigenen W&auml;hrung (wie die Schweiz) unter Druck gesetzt werden kann, noch erkennt, dass Lohnerh&ouml;hungen (wie in China) die richtige L&ouml;sung sind, bleibt die Arbeitslosigkeit global hoch und stabilisiert die Machtverh&auml;ltnisse zulasten der Arbeitnehmer und der unteren Einkommen. <\/p><p>Das Vakuum, das die internationale Politik hinterl&auml;sst, wird von den tats&auml;chlich globalisierten M&auml;rkten und Unternehmen genutzt, um Druck auf die von ihnen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten auszu&uuml;ben. Jenseits der offensichtlichen Fehlentwicklungen an den Finanzm&auml;rkten ist in der Industrie insbesondere die Drohung mit der Abwanderung von Unternehmen und Unternehmensteilen in Niedriglohnl&auml;nder geeignet, die Arbeitnehmer gef&uuml;gig zu machen. Obwohl das Potenzial f&uuml;r die tats&auml;chliche Umsetzung dieser Drohung insgesamt gering ist, schafft doch die Unsicherheit &uuml;ber den eigenen Arbeitsplatz in vielen Unternehmen eine Verhandlungssituation, in der die meisten Arbeitnehmer bereit sind, auf Lohnerh&ouml;hungen zu verzichten, wenn nur der eigene Arbeitsplatz gesichert bleibt. Tarifvertr&auml;ge zur &bdquo;Besch&auml;ftigungssicherung&ldquo; fanden zum Beispiel in Deutschland in der Vergangenheit eine breite Akzeptanz, weil sie den Arbeitnehmern vorgaukelten, tats&auml;chlich der Sicherung ihrer Arbeitspl&auml;tze zu dienen. Dass aufgrund der geringeren Lohnerh&ouml;hungen dann aus gesamtwirtschaftlicher Sicht an anderer Stelle der Volkswirtschaft Arbeitspl&auml;tze gef&auml;hrdet werden (und langfristig dar&uuml;ber auch der eigene), interessiert den Einzelnen nicht. Erstens denkt der Einzelne nicht gesamtwirtschaftlich (das ist auch nicht seine Aufgabe, sondern das w&auml;re die Aufgabe der Politiker), weil f&uuml;r ihn nur der eigene Arbeitsplatz ma&szlig;geblich ist. Und zweitens denkt er nicht langfristig, wenn es kurzfristig um die Androhung des Verlusts seines Arbeitsplatzes geht. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das ist die klassische &bdquo;fallacy of composition&ldquo;, wo das, was ein einzelner tut und f&uuml;r richtig h&auml;lt, niemals f&uuml;r alle gelten kann. Auch diese fallacy ist eine direkte Aufforderung an den Staat, regulierend einzugreifen und daf&uuml;r zu sorgen, dass ein Ergebnis erzielt wird, bei dem alle in gleicher Weise vom Fortschritt der Produktivit&auml;t in der Volkswirtschaft profitieren k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>3. Gibt es eine nationale Umsetzung der globalen Therapie?<\/strong><\/p><p>Die schwierigsten politischen Fragen ergeben sich aus dem Tatbestand, dass die Politik, die notwendig w&auml;re, um dem vielf&auml;ltigen Marktversagen am Arbeitsmarkt (und an den Finanzm&auml;rkten) einen Riegel vorzuschieben, eigentlich globale Politik sein m&uuml;sste. Diese gibt es aber nicht. Kann ein einzelnes Land, noch dazu ein relativ kleines und sehr offenes Land wie die Schweiz, eine nationale Politik zur Korrektur dieser Fehlentwicklungen durchf&uuml;hren, ohne &uuml;ber Geb&uuml;hr daf&uuml;r in Form wirtschaftlicher Sanktionen der global agierenden Unternehmen b&uuml;&szlig;en zu m&uuml;ssen? <\/p><p>Es gibt auf diese Frage keine einfache, allgemeing&uuml;ltige Antwort, aber es gibt einige wichtige Aspekte, die darauf hindeuten, dass die negativen R&uuml;ckwirkungen bestimmter nationaler Eingriffe in den Arbeitsmarkt weit weniger gravierend sind als allgemein bef&uuml;rchtet. In der aktuellen Diskussion der 1:12 Initiative in der Schweiz wird zum Beispiel bef&uuml;rchtet, dass eine rasche Umsetzung der Initiative dazu f&uuml;hren w&uuml;rde, dass F&uuml;hrungskr&auml;fte abwandern, weil ihre Geh&auml;lter gek&uuml;rzt w&uuml;rden, oder dass die unteren L&ouml;hne so stark stiegen, dass Mindestlohnarbeitslosigkeit entst&uuml;nde. In der Tat, es ist nicht leicht von der Hand zu weisen, dass eine schockartige Umsetzung bei Unternehmen, in denen derzeit die Einkommensrelationen bei 1:50 oder dar&uuml;ber liegen, zu schockartigen Reaktionen der Beteiligten f&uuml;hren k&ouml;nnte. <\/p><p>Setzt man die Vorgabe jedoch nicht schockartig um, sondern in der Form, das man die zuk&uuml;nftig zu erwartenden Einkommenszuw&auml;chse so zwischen den Lohngruppen verteilt, dass man sich der 1:12 Relation systematisch &ndash; unter Beachtung des gesamten Produktivit&auml;tszuwachses der Volkswirtschaft (&uuml;ber einen Zeitraum, der den unteren Lohngruppen eine realistische Perspektive auf eine Besserung ihrer Lebensverh&auml;ltnisse bietet) &ndash; ann&auml;hert, ist nicht zu sehen, dass auf einer der beiden Seiten ein Schock ausgel&ouml;st w&uuml;rde.<\/p><p>Der Staat kann eine solche Vorgabe ohne gro&szlig;en administrativen Aufwand dadurch umsetzen, dass er nur solche Tarifvertr&auml;ge (oder neue Gehaltskontrakte allgemein) f&uuml;r g&uuml;ltig (entsprechend einem Wucherparagraphen) oder f&uuml;r allgemeinverbindlich erkl&auml;rt, die diesem Ziel in irgendeiner Weise Rechnung tragen, also durch Nullrunden oder geringere Anhebungen in den oberen Bereichen und durch st&auml;rkere Anhebungen bei den unteren Gruppen, wobei die Lohnzunahme im Durchschnitt pro Kopf (oder besser: pro Stunde) dem gesamtwirtschaftlichen Ergebnis (also dem Produktivit&auml;tszuwachs pro Stunde plus der Zielinflationsrate) in etwa entsprechen sollte. <\/p><p>Um eine solche Entwicklung zu unterst&uuml;tzen, ohne sie direkt gesetzlich vorzuschreiben, k&ouml;nnte der Staat auch tempor&auml;r (n&auml;mlich bis zum Erreichen der Zielrelation f&uuml;r die Volkswirtschaft insgesamt) die h&ouml;heren Einkommen st&auml;rker besteuern und die unteren entlasten. Er w&uuml;rde dann darauf setzen, dass &uuml;ber die Verb&auml;nde der Unternehmen und &uuml;ber die Gewerkschaften gen&uuml;gend Druck auf jedes einzelne Unternehmen ausge&uuml;bt w&uuml;rde, auf eine Free-rider-Strategie &ndash; also darauf zu vertrauen, dass andere in den sauren Apfel bei&szlig;en, w&auml;hrend man selbst weiter den s&uuml;&szlig;en Trauben fr&ouml;nt &ndash; zu verzichten. Er kann schlie&szlig;lich das Steuerrecht so umgestalten, dass nur solche L&ouml;hne und Geh&auml;lter als Betriebsausgabe anerkannt und von der Steuer absetzbar gemacht werden, die der von ihm f&uuml;r richtig gehaltenen Norm entsprechen. <\/p><p>Wer argumentiert, auch eine solche moderate oder zeitlich gestreckte Anpassung an vern&uuml;nftige Relationen sei nicht m&ouml;glich, muss schon sehr artifizielle Begr&uuml;ndungen bem&uuml;hen. Das Zusammenf&uuml;hren der Relationen unterliegt keinen anderen Gesetzen als die Auseinanderentwicklung der letzten Jahrzehnte, es wird nur staatliche Macht ausge&uuml;bt, die die Ungleichheit in der wirtschaftlichen Macht korrigiert (so wie sie sie zuvor gef&ouml;rdert hat). Da sich keine &uuml;berzeugenden Argumente daf&uuml;r finden lassen, dass die Managergeh&auml;lter losgel&ouml;st von der Produktivit&auml;t (der Betriebe und der Volkswirtschaft) in den vergangenen Jahren weit st&auml;rker gestiegen sind als die Geh&auml;lter in den unteren Tarifgruppen, gibt es auch gegen die Umkehrung der Verh&auml;ltnisse keine starken Argumente. F&uuml;r die Volkswirtschaft wird die Umkehrung der Verh&auml;ltnisse zu mehr Konsum und zu weniger Anlage suchendem Kapital f&uuml;hren, eine Entwicklung, die im Sinne h&ouml;herer Sachinvestitionen nur zu begr&uuml;&szlig;en ist. Alle Argumente, die auf der Grenzproduktivit&auml;t beruhen, kann man von vorneherein zur&uuml;ckweisen.<\/p><p>Insgesamt muss man sich politisch wieder in Erinnerung rufen, dass Marktwirtschaft keine Religion ist, sondern in einer Demokratie dem materiellen Wohlergehen aller B&uuml;rger dienen soll. Diesem Ziel wird die Marktwirtschaft nicht mehr gerecht, wenn die Politik der wirtschaftlichen Macht einzelner Akteure keine klaren Grenzen setzt. Monopole und monopolartige Strukturen sind auch im Zeitalter der Globalisierung durch nichts gerechtfertigt. Und das gilt keineswegs nur f&uuml;r die G&uuml;term&auml;rkte. Noch wichtiger sind die Finanzm&auml;rkte, wo aufgrund der eigenartigen Informationsverarbeitung Herdenbildung die Regel ist und damit ein Verhalten, das von vorneherein dem Ideal der Marktwirtschaft fundamental widerspricht und monopolartige Strukturen ungemein beg&uuml;nstigt. Es gibt eben nicht nur &bdquo;to big to fail&ldquo;, sondern viel gravierender &bdquo;to big to be efficient&ldquo;. <\/p><p>Jenseits der St&auml;rkung von Institutionen, die sich der Zerschlagung monopolartiger Strukturen widmen, ist das entscheidende Mittel zur Verhinderung &uuml;berm&auml;&szlig;iger wirtschaftlicher Macht die systematische Beteiligung der Masse der Menschen an den Ergebnissen der wirtschaftlichen Bem&uuml;hungen. Nur wenn der Gro&szlig;teil der Ertr&auml;ge aus dem Wirtschaftsprozess den Arbeitnehmern und dem Staat zugutekommt, also durch die Taschen der Konsumenten geleitet wird, bevor sie den Unternehmen wieder zugutekommen, gibt es eine Chance, monopolartige Strukturen zu begrenzen. Der Mechanismus der Selektion guter und &uuml;berlebensf&auml;higer Unternehmen, der f&uuml;r eine funktionierende Marktwirtschaft unabdingbar ist, h&auml;ngt an der F&auml;higkeit der Konsumenten, aus der Palette aller vorhandenen Produkte zu w&auml;hlen und &uuml;ber die daf&uuml;r notwendige Kaufkraft zu verf&uuml;gen. Nur auf diese Weise kann der Druck auf die Unternehmen aufrechterhalten werden, sich im Wettbewerb um die Nachfrage der Konsumenten zu bew&auml;hren, statt sich auf Monopolrenten auszuruhen. <\/p><p>Ein demokratischer Staat (oder eine Staatengemeinschaft) kann das aber nur durchsetzen, wenn es gelingt, der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung diese &ouml;konomischen Zusammenh&auml;nge nahezubringen. Solange die Mehrheit fest daran glaubt, dass eine Marktwirtschaft nur existieren und im &ldquo;globalen Wettbewerb&rdquo; funktionieren kann, wenn die Arbeitnehmer regelm&auml;&szlig;ig klein beigeben, ist politisch keine &Auml;nderung zu erwarten. Mit anderen Worten: Solange die Mehrheit an die Drohung des materiellen Absturzes bei R&uuml;ckf&uuml;hrung des Systems auf seine Wurzeln glaubt, ist auch politisch nichts zu machen. Aufkl&auml;rung &uuml;ber die relevanten Zusammenh&auml;nge muss daher an der Spitze der politischen Priorit&auml;tenliste stehen.<\/p><p>P.S.: Um die Initiative noch glaubw&uuml;rdiger zu machen, ist eine radikale Offenlegung der Einkommensverh&auml;ltnisse notwendig. Die Schweiz sollte sich an die Spitze einer Bewegung stellen, die in ganz Europa weit bessere Statistiken &uuml;ber Einkommens- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse fordert. Ein erster Schritt in diese Richtung w&auml;re es, die Einkommensverh&auml;ltnisse im &ouml;ffentlichen Dienst und in den internationalen Organisationen, die in der Schweiz arbeiten, offenzulegen. In den Vereinten Nationen beispielsweise d&uuml;rften die Relationen zwischen den h&ouml;chsten und den niedrigsten Einkommen bei den regul&auml;r angestellten der VN klar unter 1:10 liegen. <\/p><p><strong>Hinweis:<\/strong> Siehe dazu auch die <a href=\"http:\/\/www.unia.ch\/1-12-Initiative.6907.0.html?&amp;L=10\">Initiative 12 x mehr Lohn ist genug<\/a>.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Von dem au&szlig;enwirtschaftlichen Ventil des Exports von Arbeitslosigkeit mittels realer Abwertung einmal abgesehen. Dass dieses Ventil auch nicht &uuml;berstrapaziert werden kann, sondern sich &uuml;ber Kurz oder Lang selbst zerlegt, zeigt die Eurokrise nur allzu klar.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Die Einkommensverteilung hat sich in Mitteleuropa in den letzten Jahren vor und nach Steuern immer weiter zugunsten der hohen Einkommen verschoben. 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Auch in der Schweiz bleiben die Einkommen der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung hinter der Produktivit&auml;tsentwicklung zur&uuml;ck, was zu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19119\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,20,132],"tags":[530,380,552,487,338,291],"class_list":["post-19119","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-landerberichte","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-buergerentscheid","tag-export","tag-lohnquote","tag-produktivitaet","tag-schweiz","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19119","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19119"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19119\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49730,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19119\/revisions\/49730"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19119"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19119"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19119"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}