{"id":19136,"date":"2013-11-04T08:21:32","date_gmt":"2013-11-04T07:21:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19136"},"modified":"2019-07-05T10:55:32","modified_gmt":"2019-07-05T08:55:32","slug":"weimarer-verhaeltnisse-in-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19136","title":{"rendered":"\u201eWeimarer Verh\u00e4ltnisse\u201c in Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Ermordung von zwei Aktivisten der rechtsextremistischen Partei Chrysi Avgi (ChA) durch unbekannte Attent&auml;ter  am letzten Freitag droht die innenpolitische Situation in Griechenland in eine neue Dimension zu eskalieren. In der griechischen &Ouml;ffentlichkeit wird seit einiger Zeit der Vergleich mit den &bdquo;Weimarer Verh&auml;ltnissen&ldquo; gezogen. Das war bislang eine relativ abgehobene &bdquo;Historikerdebatte&ldquo;. Jetzt wird die Angst real. &bdquo;Zw&ouml;lf Kugeln gegen die Demokratie&ldquo; titelt die Athener Tageszeitung Ta Nea. In anderen Bl&auml;ttern werden alle m&ouml;glichen Theorien &uuml;ber die T&auml;ter er&ouml;rtert, die sich meist an der cui bono-Frage orientieren.  Jedoch ist es zun&auml;chst durchaus unklar, ob die Neonazis von der Tatsache profitieren werden, dass sie jetzt ihre eigenen &bdquo;Opfer&ldquo; vorweisen k&ouml;nnen.<br>\nDie erste Reaktion aller Parteien und politischen Kr&auml;fte war eine einhellige Verurteilung der Mordtat, gespeist aus dem Erschrecken &uuml;ber die m&ouml;glichen Folgen.<br>\nHier eine Analyse, die lange vor dem Anschlag vom Freitag begonnen wurde. Sie will aufzeigen, was das Ph&auml;nomen der Neonazi-Partei f&uuml;r die griechische Politik bedeutet, und vor welchen Problemen und Dilemmata sich die Regierung &ndash; und die Oppositionsparteien &ndash; bei ihrem viel zu sp&auml;t erkl&auml;rten Kampf gegen die ChA stehen. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der viel zu sp&auml;te und z&ouml;gerliche Kampf gegen den griechischen Rechtsextremismus<\/strong><\/p><p>Die Entscheidung der griechischen Justizbeh&ouml;rden, eine strafrechtliche Verfolgung der griechischen Neonazis in die Wege zu leiten, war l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig. Aber mit der Untersuchungshaft, die gegen f&uuml;hrende Kader der Partei namens &bdquo;Goldene Morgenr&ouml;te&ldquo; (griechisch: Chrysi Avgi, abgek&uuml;rzt: ChA) angeordnet wurde, hat die Auseinandersetzung mit dem griechischen Rechtsextremismus erst begonnen. <\/p><p>Dieser Kampf wird nicht leicht zu gewinnen sein, weder juristisch noch politisch. Auf juristische Ebene besteht die Gefahr, dass ein fehlerhaftes und &uuml;berhastetes Verfahren den Neonazis am Ende in die H&auml;nde spielt. Und auf politischer Ebene ist durchaus offen, ob die strafrechtliche Verfolgung der Parteif&uuml;hrer &ndash; und die inzwischen beschlossene Unterbrechung der finanziellen Zusch&uuml;sse aus der Staatskasse &ndash; die Anziehungskraft des ChA auf die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler entscheidend schw&auml;chen kann. Die ersten Meinungsumfragen nach dem Schlag gegen die Partei wecken in dieser Hinsicht starke Zweifel. Zudem stellt sich die Frage, welche Partei die ChA-W&auml;hler, die nach dem Mord wom&ouml;glich abgeschreckt werden, f&uuml;r sich gewinnen kann und was das f&uuml;r die k&uuml;nftige Regierbarkeit des Landes bedeuten w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Fragen zur politischen Bedeutung und der Besonderheiten der griechischen Neonazis<\/strong><\/p><p>Im Folgenden will ich versuchen, die politische Situation, die in Griechenland seit der Ermordung des linken Aktivisten Fissas durch ein ChA-Mitglied entstanden ist, entlang einiger systematischer Fragen darzustellen. &Uuml;ber die politische Bedeutung und die Besonderheiten der &bdquo;Goldenen Morgenr&ouml;te&ldquo; werde ich im jeweiligen Kontext eingehen. Vorweg sei nur gesagt, dass eine jederzeit gewaltbereite Neonazi-Bewegung in einem Land, das die Okkupation durch die deutschen Nazis in ihrer bittersten Form erlebt hat, nur bedingt mit rechtsradikalen bzw. rechtspopulistischen Partei in anderen Krisenl&auml;ndern (wie Frankreich, Niederlande, &Ouml;sterreich) zu vergleichen ist. <\/p><p>Das &bdquo;Ph&auml;nomen Chrysi Avgi&ldquo; kann man nur zu verstehen, wenn man drei spezifisch griechische Faktoren in Betracht zieht. Erstens die Auswirkungen der Austerit&auml;tspolitik und der tiefen &ouml;konomischen Krise auf die Gesellschaft. Zweitens der Zustrom von Migranten &uuml;ber die t&uuml;rkisch-griechische Grenze, die aufgrund der Asylpolitik der EU (&bdquo;Dublin 2&ldquo;-Regelungen) in Griechenland &bdquo;h&auml;ngenbleiben&ldquo; und zu einer Slumbildung in den Stadtzentren beitragen, die der fremdenfeindlichen und rassistischen Agitation der Neonazis in die H&auml;nde spielt. Ein dritter wichtiger Faktor ist die historische &bdquo;F&auml;rbung&ldquo; der politischen Kultur &ndash; und damit des Alltagsbewusstseins breiter Schichten &ndash; durch einen ausgepr&auml;gten griechischen &bdquo;Nationalismus&ldquo;, der sich in der Rhetorik und Praxis der ChA-Protagonisten allerdings auf besonders extreme Weise &auml;u&szlig;ert. <\/p><p>Vorweg noch eine Leseempfehlung: Detaillierte Informationen &uuml;ber Aktivit&auml;ten und Rhetorik des ChA bieten die Berichte des griechischen Journalisten Jiannis Papadopoulos, die in der deutschen Ausgabe der Le Monde diplomatique (Juli 2912 und Juni 2013) <a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/.searchMask\">erschienen sind<\/a>.<\/p><p><strong>Frage 1: Was war der Anlass zu dem Schlag der griechischen Beh&ouml;rden gegen die F&uuml;hrungsgruppe der Neonazi-Partei Chrysi Avgi?<\/strong><\/p><p>Der unmittelbare Ausl&ouml;ser war die Ermordung des linken Aktivisten und Musikers Pavlos Fissas. Der bekannte Rapper wurde am sp&auml;ten Abend des 17. September in einem Stadtteil von Pir&auml;us von einem ChA- Mitglied erstochen. Zuvor war er vor einem Lokal von einer etwa 15-k&ouml;pfigen Gruppe von &bdquo;Schwarzhemden&ldquo; attackiert worden. Die zu dem Lokal beorderten Polizisten griffen nicht ein, weil &bdquo;die Angreifer zu zahlreich waren&ldquo;, wie sie zu ihrer Verteidigung anf&uuml;hrten.<\/p><p>Der gest&auml;ndige T&auml;ter, der LKW-Gahrer Giorgos Roupaki&aacute;s, wurde noch am Tatort festgenommen. Die von ihm zun&auml;chst geleugnete Mitgliedschaft in der Neonazi-Partei steht inzwischen au&szlig;er Zweifel. Die Auswertung der Mobile-Verbindungen am fraglichen Abend  &ndash; die auf Anordnung der Staatsanwaltschaft erm&ouml;glicht wurde &ndash; ergab starke Indizien daf&uuml;r, dass Roupaki&aacute;s zusammen mit anderen ChA-Anh&auml;ngern &uuml;ber die lokale Parteiorganisation f&uuml;r die Aktion gegen Fissas mobilisiert wurde. Auch der Verteidiger von Roupaki&aacute;s hat inzwischen best&auml;tigt, dass sein Mandat unmittelbar vor der Tat mit dem Leiter der &ouml;rtlichen &bdquo;Zelle&ldquo; telefoniert hat. (Kathimerini vom 15. Oktober). <\/p><p>Diese mutma&szlig;liche &bdquo;Befehlskette&ldquo; ist zweifellos ein hinreichender Grund, auch f&uuml;hrende ChA-Funktion&auml;re der Unterorganisation von Nikaia (dem betreffenden Stadtviertel) zu verhaften. Sie reichte aber nicht als juristische Begr&uuml;ndung f&uuml;r den &uuml;berraschenden Schlag gegen die nationale Parteif&uuml;hrung, den die Generalstaatsanwaltschaft zehn Tage nach dem Tod von Fissas angeordnet hat. Am Morgen des 28. September wurden 32 Funktion&auml;re der ChA, vorweg  &bdquo;Generalsekret&auml;r&ldquo; Nikos Michaloli&aacute;kos und sein Stellvertreter Christos Papp&aacute;s verhaftet, die beide auch im griechischen Parlament, der Vouli sitzen. Insgesamt wurden sechs Abgeordnete festgenommen, die ein Drittel der ChA-Fraktion ausmachen; drei von ihnen wurden allerdings vier Tage sp&auml;ter &ndash; unter Auflagen &ndash; aus der Untersuchungshaft entlassen. Begr&uuml;ndet waren die Haftbefehle mit Artikel 187 des griechischen Strafgesetzbuches, der sich auf die Gr&uuml;ndung und Bet&auml;tigung in einer &bdquo;kriminellen Vereinigung&ldquo; bezieht.<\/p><p><strong>2. Was macht die Neonazi-Partei f&uuml;r die Staatsanwaltschaft zu einer &bdquo;kriminellen Vereinigung&ldquo;?<\/strong><\/p><p>In dem Antrag der Generalstaatsanwaltschaft waren au&szlig;er dem Mord an Fissas noch weitere zehn F&auml;lle angef&uuml;hrt, in denen ChA-Mitglieder verurteilt wurden oder noch vor Gericht stehen (wegen Mord, Mordversuch, Bandendiebstahl, Attacken mit Explosivstoffen und anderen Vergehen). &Uuml;ber diese gerichtsbekannten F&auml;lle hinaus verweist das Dokument auf weitere 21 Aktionen, mit denen die &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; gezeigt habe, dass sie ihre Ziele mit gewaltsamen Methoden durchsetzen will. Ein weiterer Schl&uuml;sselsatz ist die Feststellung, die physische Gewalt gegen alle als &bdquo;Untermenschen&ldquo; definierten Personengruppen sei f&uuml;r die Partei nicht Mittel zum Zweck, sondern der Inhalt ihrer &bdquo;Botschaft&ldquo;.<\/p><p>Entscheidend f&uuml;r die Zurechnung der angef&uuml;hrten Straftaten zu der Gesamtorganisation Chrysi Avgi bzw. zu deren exekutiver Spitze ist in den Augen der Staatsanwaltschaft das Statut der Partei, das  dem &bdquo;Generalsekret&auml;r&ldquo; Michaloliakos &bdquo;gem&auml;&szlig; des Hitler&rsquo;schen F&uuml;hrerprinzips&ldquo; die absolute Macht zuschreibt. Ob diese zentrale Begr&uuml;ndungsfigur von den Gerichten als beweiskr&auml;ftig akzeptiert wird, ist allerdings zweifelhaft. Juristische Experten gehen davon aus, dass das Funktionieren des F&uuml;hrerprinzips jeweils im Einzelfall nachzuweisen w&auml;re. Das d&uuml;rfte etwa im Fall Fissas schwierig werden. Hier ist eine Befehlskette bis zum &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; Michaloliakos bislang nicht belegbar; alle Telefonverbindungen &bdquo;nach oben&ldquo; kamen erst nach dem Zeitpunkt der Mordtat zustande.<\/p><p><strong>3. Wenn die Serie der kriminellen Handlungen von ChA-Aktivisten die &bdquo;prinzipielle Gewaltt&auml;tigkeit&ldquo; der Partei belegt, die diese zu einer &bdquo;kriminellen Vereinigung&ldquo; macht, warum wurde die Partei nicht schon fr&uuml;her strafrechtlich verfolgt?<\/strong><\/p><p>Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, m&uuml;ssen wir uns eines klarmachen: Es gibt in Griechenland kein Verfahren f&uuml;r ein Parteiverbot, wie es in Art. 21 Abs. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vorgesehen ist. Ebenso wenig gibt es ein Pendant zum Bundesverfassungsgericht, das nach dem Grundgesetz &uuml;ber die &bdquo;Verfassungsfeindlichkeit&ldquo; einer Partei zu befinden hat (&sect; 13 in Verbindung mit &sect; 43ff. Bundesverfassungsgerichtsgesetz). Mehr noch: Der Begriff &bdquo;verfassungsfeindlich&ldquo; ist in Griechenland politisch irrelevant, weshalb zum Beispiel nicht als anst&ouml;&szlig;ig gilt, wenn Abgeordnete der orthodoxen Kommunisten (KKE) im Parlament erkl&auml;ren, dass sie die griechische Verfassung einer b&uuml;rgerlichen parlamentarischen Demokratie nicht als &bdquo;die ihre&ldquo; ansehen, weil sie die Diktatur des Proletariats anstreben. <\/p><p>Das hei&szlig;t f&uuml;r den Fall der Chrys Avgi: Deren offen rassistischen Bekundungen und Aktionen, die in Deutschland f&uuml;r ein Dutzend Parteiverbotsverfahren ausgereicht h&auml;tten, k&ouml;nnen nach griechischem Recht im Grunde nur Einzelt&auml;tern zugerechnet und als Einzeldelikte verfolgt werden. Eine verbots&auml;hnliche Wirkung ist juristisch also nur zu erzielen, indem man die F&uuml;hrung einer verfassungsfeindlichen Partei zur &bdquo;kriminellen Vereinigung&ldquo; erkl&auml;rt. <\/p><p>Warum das nicht schon viel fr&uuml;her geschehen ist, wird in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit seit dem 28. September intensiv und kontrovers diskutiert. Zumal man inzwischen wei&szlig;, dass die Aktivit&auml;ten der Neonazis vom griechischen Geheimdienst EYP seit langem beobachtet und dokumentiert werden. Nach Presseberichten hat der EYP bereits 2010 eine eigene Abteilung f&uuml;r die Beobachtung des ChA eingerichtet, die auch das Material &uuml;ber die illegalen Aktivit&auml;ten von Parteimitgliedern (die Rede ist von Waffenhandel, Schutzgelderpressungen und anderen &bdquo;Unterwelt&ldquo;- Aktivit&auml;ten) gesammelt hat, das jetzt den Anklageverfahren zugrunde gelegt wird.<\/p><p>Die Regierung und ihre Sicherheitsapparate wussten also &uuml;ber die T&auml;tigkeiten &ndash; und die Gef&auml;hrlichkeit &ndash; der Neonazis umf&auml;nglich Bescheid. Schlie&szlig;lich war ja vielfach, auch in den meisten Medien dokumentiert, dass die Partei eine paramilit&auml;risch uniformierte Truppe (Milit&auml;rstiefel und schwarze Blusen mit Aufschrift Chrysi Avgi) unterh&auml;lt, die nicht nur nach der SA benannt ist (griechisch: t&aacute;gmata ef&oacute;dou), sondern auch nach Art ihres historischen Vorbilds operiert. Auf das Konto dieser Sto&szlig;trupps gingen zahlreiche Angriffe auf &bdquo;Feinde&ldquo; wie etwa linke Gewerkschafter und  Migranten, &Uuml;berf&auml;lle auf L&auml;den von Ausl&auml;ndern, oder auch  die Besetzung der Ambulanz eines Krankenhauses mit dem Ziel, die Behandlung von &bdquo;Ausl&auml;ndern ohne Papiere&ldquo; zu verhindern.<\/p><p>In mehreren F&auml;llen ma&szlig;te sich diese griechische SA in aller &Ouml;ffentlichkeit sogar Hoheitsfunktionen an: In Rafina und in Messolonghi kontrollierten die Schwarzhemden &ndash; angef&uuml;hrt  von drei Parlamentsabgeordneten &ndash; die Ausweispapiere von schwarzen Migranten, die sich in Griechenland als Stra&szlig;enh&auml;ndler durchschlagen. Wenn einer von ihnen keine Gewerbelizenz vorzeigen konnte oder wollte, wurde er verpr&uuml;gelt und sein Verkaufsstand demoliert. Die Polizei griff bei diesen demonstrativen Aktionen nicht ein. Diese generelle Zur&uuml;ckhaltung der Ordnungskr&auml;fte erzeugte bei den Neonazis das Gef&uuml;hl der Unantastbarkeit, was wiederum ihre Machtphantasien befl&uuml;gelte<\/p><p>In einigen F&auml;llen, die jetzt von der Staatsanwaltschaft als Beleg f&uuml;r den kriminellen Charakter der ChA-F&uuml;hrer angef&uuml;hrt werden, ist es nicht einmal zu einer Anklageerhebung gekommen. Der gut vernetzte Journalist Giorgos Papachristou erhielt von einer hochrangigen  EYP-Quelle auf seine Frage, warum der Staat trotz seiner umfassenden &bdquo;Erkenntnisse&ldquo; nicht schon fr&uuml;her gegen die griechischen Neonazis t&auml;tig wurde, eine doppelte Antwort: &bdquo;Weil sie zu einer legalen Partei geh&ouml;ren, und weil wir keine entsprechenden Anweisungen bekamen.&ldquo; (Ta Nea vom 30. September). <\/p><p>An dieser Auskunft sind beide Punkte interessant. Der &bdquo;legale&ldquo; Status der Partei war sehr viel schwerer in Frage zu stellen, nachdem diese im Mai 2012 ins griechische Parlament eingezogen war. Seitdem genossen 21 bzw. (nach den Wahlen vom Juni 2012) 18 ChA-Abgeordnete nicht nur alle Privilegien (samt der stattlichen Geh&auml;lter) von &bdquo;Volksvertretern&ldquo;, sondern auch eine parlamentarische Immunit&auml;t, die nach griechischer &bdquo;Tradition&ldquo; nur in extremen Ausnahmef&auml;llen aufgehoben wird. Dadurch f&uuml;hlte sich die gesamte Parteispitze, die sich hinter ihrem &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; Michaloliakos die besten Listenpl&auml;tze gesichert hatte, bei ihren propagandistischen Reden im Parlament wie bei ihren provokatorischen Aktionen auf der Stra&szlig;e unverwundbar gegen&uuml;ber rechtlichen Sanktionen. Auf der anderen Seite hatten die staatlichen &ldquo;Sicherheitsorgane&ldquo;, die seit 2010 die Neonazis observiert und ihre Telefone abgeh&ouml;rt hatten, den Parteibossen jetzt die Leibw&auml;chter zu stellen. In der Presse wurde ein EYP-Vertreter mit dem Satz zitiert: &bdquo;Bis jetzt haben wir sie &uuml;berwacht, jetzt m&uuml;ssen wir sie bewachen.&ldquo; (Ta Nea vom 1. Oktober)<\/p><p>Der neue parlamentarische Status der Parteispitze ist aber nur der eine Teil der Erkl&auml;rung, der wichtigere zweite Teil lautet:  Es gab keine Anweisungen an die Sicherheitsorgane. Dies ist, wie der britische Griechenland-Beobachter Kevin Featherstone zu Recht bemerkt, &bdquo;die verst&ouml;rendste Facette an dem ganzen Vorgang&ldquo;. F&uuml;r Featherstone ist es ein unerkl&auml;rliches Paradox, dass die Beh&ouml;rden &bdquo;viel Material&ldquo; gegen die Neonazis angesammelt haben, ohne &bdquo;etwas damit zu unternehmen&ldquo;.  (Kathimerini vom 8. Oktober).  <\/p><p><strong>4. Warum zeigte die Regierung an der Verfolgung der Neonazis lange Zeit kein Interesse? Welche Rolle spielten dabei die demoskopischen Umfragen, die der ChA ein wachsendes W&auml;hlerpotential (von bis zu 15 Prozent) bescheinigt haben?<\/strong><\/p><p>Nach dem &uuml;bereinstimmenden Befund vieler Journalisten (aus unterschiedlichen politischen Lagern) erkl&auml;rt sich die &bdquo;Bei&szlig;hemmung&ldquo; der Regierung aus dem politischen Dilemma der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) und der Taktik, die Regierungschef Samaras und seine Berater angesichts dieser Klemme  einschlugen. Seit der Regierungsbildung im Juni 2012 &ndash; und verst&auml;rkt seit der Reduzierung der Koalition auf das Duo von ND und Pasok durch das Ausscheiden der linkssozialdemokratischen Dimar im Gefolge der ERT-Krise (siehe dazu meine Darstellung vom <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17685\">19. Juni<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17721\">21. Juni<\/a>) &ndash; stand die ND-F&uuml;hrung vor einem gro&szlig;en Problem: Die Umfragen zeigten, dass ihr W&auml;hlerpotential in der Mitte des politischen Spektrums ausgesch&ouml;pft ist, w&auml;hrend am rechten Rand die Chrysi Avgi immer st&auml;rker wurde.  Das bedeutete, dass die ND sich keinen entscheidenden Vorsprung vor der linken Syriza verschaffen konnte, mit dem sie sich seit Sommer 2012 ein demoskopisches &bdquo;Kopf-an-Kopf-Rennen&ldquo; lieferte.  <\/p><p>Aber selbst wenn die ND sich als st&auml;rkste Partei behaupten sollte, k&ouml;nnte sie es niemals schaffen, den nach dem griechischen Wahlrecht erforderlichen Prozentsatz f&uuml;r eine eigenst&auml;ndige Parlamentsmehrheit zu erringen &ndash; es sei denn, sie w&uuml;rde einen wesentlichen Teil der W&auml;hler zur&uuml;ckgewinnen, die nach Auskunft der Demoskopen in wachsenden Scharen zu der rechtsextremistischen Protestpartei abgewandert waren. Folglich galt es, diese zu den Neonazis &uuml;bergelaufenen W&auml;hler schonend zu behandeln. So setzte sich in den Diskussionen &uuml;ber die Frage, ob man die rechtsextremistische &bdquo;Konkurrenz&ldquo; politisch oder juristisch bek&auml;mpfen solle, in den Beraterzirkeln von Samaras die Einsch&auml;tzung durch, die von einem gut informierten Journalisten so beschrieben wird: &bdquo;Eine frontale Konfrontation w&uuml;rde uns jene W&auml;hler total entfremden, die ChA gew&auml;hlt haben und die wir zur ND zur&uuml;ckholen wollen&ldquo;. (Giorgos Terzis in der Kathimerini vom 6. Oktober). Dieser Ansicht, dass man die alten W&auml;hler nicht zur&uuml;ckholen kann, wenn man sie als Anh&auml;nger einer kriminellen Bande &bdquo;denunziert&ldquo;,  neigte auch Justizminister Charalambos Athanassiou zu. Kein Wunder, dass die (weisungsgebundene) Generalstaatsanwaltschaft nicht auf die Idee kam,  aus den strafbaren Einzelaktivit&auml;ten der Neonazis den Anfangsverdacht auf eine &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; zu begr&uuml;nden.<\/p><p><strong>5. Gibt es in Griechenland keinen strafrechtlichen Tatbestand wie &bdquo;rassistische Hetze&ldquo;, der ein Vorgehen gegen die Neonazis, einschlie&szlig;lich ihrer Parlamentsabgeordneten, erm&ouml;glicht h&auml;tte?<\/strong><\/p><p>Anders als die meisten deutschen Medien melden, gibt es ein griechisches Anti-Rassismus-Gesetz bereits seit 1978. Und der Schutz vor rassistischer Verfolgung ist sogar in Artikel 5 der griechischen Verfassung verankert. Demnach genie&szlig;en  nicht nur griechische Staatsb&uuml;rger, sondern alle Personen, die sich im Lande aufhalten, &bdquo;ohne Unterschied der Nationalit&auml;t, der Rasse oder Sprache und religi&ouml;sen oder politischen Anschauungen den unbedingten Schutz ihres Lebens, ihrer Ehre und ihrer Freiheit&ldquo;. Gegen diesen Verfassungsartikel hat die ChA seit ihrer Gr&uuml;ndung systematisch und st&auml;ndig versto&szlig;en, sowohl verbal in ihrer Propaganda, auch im Parlament, als auch in ihren t&auml;glichen Aktionen auf den Stra&szlig;en.<\/p><p>Umgesetzt werden sollte die Schutzgarantie der Verfassung durch ein Anti-Rassismus-Gesetz, das allerdings kaum angewendet wurde. Das lag vor allem an der Passivit&auml;t der Justizorgane, aber auch an schwammigen Formulierungen des Gesetzestextes. Auf die Unt&auml;tigkeit der Justiz haben griechische NGOs (organisiert im &bdquo;Netzwerk f&uuml;r die Dokumentation rassistischer Gewaltakte&ldquo;) seit langem aufmerksam gemacht. Wobei das Netzwerk bei jedem vierten Angriff auf Ausl&auml;nder eine direkte Beteiligung des ChA nachweisen kann.  Auch im j&uuml;ngsten Jahresbericht des staatlichen Ombudsmanns vom 25. September 2013 wurden f&uuml;r das vergangene Jahr 154 rassistische &Uuml;bergriffe dokumentiert. In diesem Bericht wird explizit kritisiert, dass die Polizei, die Justiz und die Regierung nicht entschieden genug gegen solche Verbrechen vorgingen. Damit w&uuml;rden &bdquo;der soziale Zusammenhalt, die Werte und die Fundamente des Rechtsstaates&ldquo; untergraben.<\/p><p>Nach Bildung der Drei-Parteien-Koalition unter ND-Parteichef Samaras im Juni 2012 hat vor allem Justizminister Roumpakiotis, der von der linkssozialdemokratischen Dimar nominiert worden war, auf eine Novellierung des Antirassismus- Gesetzes gedr&auml;ngt. Die Intention wurde auch von der Pasok unterst&uuml;tzt, die beiden kleinen Koalitionspartner scheiterten aber an der harten Linie der ND-F&uuml;hrung, die aus taktischen Gr&uuml;nden (die ich oben dargestellt habe) keine sch&auml;rferen Kurs gegen die Rassisten fahren wollte.<\/p><p>Roumpakiotis hat deshalb im Mai 2013 aus Protest sein Ministeramt aufgegeben (noch bevor die Dimar die Koalition verlie&szlig;) und ist heute der Kronzeuge f&uuml;r das fatale Z&ouml;gern der Samaras-Regierung. In dem Roumpakiotis-Entwurf  war unter anderem vorgesehen:<\/p><ul>\n<li>den Straftatbestand der rassistischen Hetze zu erweitern und zu pr&auml;zisieren, sodass er auch die blo&szlig;e &bdquo;Aufforderung&ldquo; zu Gewalttaten gegen Gruppen oder Menschen umfasst, die &bdquo;nach ihrer Rasse, Hautfarbe, Religion, Abstammung oder sexuellen Orientierung bestimmt werden&ldquo;;<\/li>\n<li>besondere Bestimmungen f&uuml;r f&uuml;hrende Parteipolitiker nach wiederholten Verurteilungen auch die staatliche Finanzierung ihrer Partei entzogen werden soll;<\/li>\n<li>Abgeordnete, die im Parlament zu Gewalttaten gegen bestimmte Gruppen oder Personen ermuntern oder aufrufen, oder die faschistische Symbole (also zum Beispiel den &bdquo;Hitlergru&szlig;&ldquo; zeigen) oder Nazi-Kriegsverbrechen verherrlichen, sollten automatisch die parlamentarische Immunit&auml;t verlieren;  sollten sie anschlie&szlig;end von einem ordentlichen Gericht verurteilt werden, h&auml;tten sie das Recht verloren,  sich erneut f&uuml;r einen Parlamentssitz zu bewerben;<\/li>\n<li>die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust unter Strafe zu stellen.<\/li>\n<\/ul><p>Diese und andere Bestimmungen eines versch&auml;rften Rassismus-Gesetzes w&auml;ren unmittelbar auf ChA-Abgeordnete anwendbar gewesen, die in der Vouli zum Beispiel den Arm zum Hitlergru&szlig; erhoben, oder die muslimischen Abgeordneten beleidigten oder  Migranten als &bdquo;Untermenschen&ldquo; bezeichneten.<\/p><p>Das Scheitern seines Vorhabens erkl&auml;rte Roumpakiotis gegen&uuml;ber dem TV-Sender Skai wie folgt: Die ND und Samaras h&auml;tten die politische Atmosph&auml;re nicht &bdquo;polarisieren wollen&ldquo;, um den ChA-W&auml;hlern den R&uuml;ckweg ins konservative Lager &bdquo;offen zu halten&ldquo;. <\/p><p>Es ist von makabrer Ironie, dass die Regierung nach dem Fissas-Mord einen Gesetzentwurf verabschiedet hat, der fast alle wichtigen Punkte des Roumpakiotis-Vorschlags &uuml;bernahm (Kathimerini vom 1. November). Das Gesetz soll vom neuen Justizminister Athanassiou noch diese Woche dem Parlament zugeleitet und z&uuml;gig verabschiedet werden. Roumpakiotis hat diesen Gesinnungswandel mit der bitteren Bemerkung kommentiert, es habe wohl erst ein Grieche ermordet werden m&uuml;ssen, ehe die ND-F&uuml;hrung sich zu Aktionen gegen den Rassismus aufraffe (das erste Todesopfer der Neonazi-Gewalt war nebenbei bemerkt im August 2012 ein Iraner).<\/p><p><strong>6. Was ist von der Behauptung zu halten, die vor dem Fissas-Mord zuweilen aus linken Kreisen zu h&ouml;ren war: Dass Samaras und die ND die Neonazis deshalb geschont h&auml;tten, weil bei einem ung&uuml;nstigen Ausgang der n&auml;chsten Wahlen der Fall eintreten k&ouml;nnte, dass eine Linksregierung nur noch durch eine Koalition mit der  ChA zu verhindern w&auml;re.<\/strong><\/p><p>Diese Vermutung ist weder durch Fakten noch durch &Auml;u&szlig;erungen aus ma&szlig;geblichen ND-Kreisen zu belegen. Sie ist auch inhaltlich ziemlich abwegig. Einzig der ND-Abgeordnete und ehemalige Innenminister Vyron Polydoras hat diese Idee im Juli in einem Rundfunkinterview vorgebracht, als er mit Hinweis auf die &bdquo;eine Million W&auml;hler&ldquo;, die er der ChA zutraute, eine &bdquo;Zusammenarbeit&ldquo; im Rahmen einer &bdquo;nationalen Verteidigungsfront&ldquo; bef&uuml;rwortete. Aber Polydoras steht mit dieser Meinung allein. Kein verantwortlicher ND-Politiker &ndash; und sei er noch so rechts und nationalistisch &ndash;  k&ouml;nnte im Ernst auf eine B&uuml;ndnisstrategie setzen, die das Land innerhalb der EU und der internationalen Gemeinschaft v&ouml;llig isolieren w&uuml;rde. Zudem g&auml;be es f&uuml;r eine solche &bdquo;Allianz&ldquo; bei beiden mutma&szlig;lichen Partnern keinerlei Basis: Die ND kooperiert seit der Regierung Samaras mit der Troika und ist damit auf das &bdquo;Memorandum&ldquo; (Sparprogramm) festgelegt; die Neonazis bek&auml;mpfen diese Politik als &bdquo;nationalen Ausverkauf&ldquo; und machen der ND genau mit dieser Politik einen Teil ihrer W&auml;hler abspenstig. F&uuml;r die ND ist die EU-Zugeh&ouml;rigkeit des Landes eine Selbstverst&auml;ndlichkeit, der Verbleib in der Eurozone ein zentrales Ziel; f&uuml;r ChA ist beides ein Verrat am h&ouml;chsten Wert der &bdquo;nationalen Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;.<\/p><p>Im &Uuml;brigen geht der Verdacht, die ND bereite sich auf eine &bdquo;heimliche Allianz&ldquo; mit den Neonazis vor, nicht gut mit dem zentralen Vorwurf zusammen, den die griechische Linke gegen die ND-F&uuml;hrung vorbringt. Sowohl die Syriza als auch die KKE beschuldigen Samaras und vor allem dessen &bdquo;Vordenker&ldquo; Lazaridis, eine &bdquo;Theorie der beiden Extreme&ldquo; zu propagieren. Damit werde versucht, die Linke mit der extremen Rechten gleichzusetzen und aus dem sogenannten &bdquo;Verfassungsbogen&ldquo; der demokratischen Kr&auml;fte auszugrenzen. Diese &bdquo;Theorie der beiden Extreme&ldquo; &ndash; die innerhalb der ND &uuml;brigens sehr umstritten ist &ndash; sch&uuml;tzt die konservative Partei nachgerade vor dem Verdacht, sie werde am Ende mit den einen Extremisten koalieren, um die &bdquo;Machtergreifung&ldquo; der anderen Extremisten zu verhindern.<\/p><p><strong>7. Was war f&uuml;r die Regierung der ausschlaggebende Grund, ihre &bdquo;Schontaktik&ldquo; gegen&uuml;ber den Neonazis aufzugeben? Gab es au&szlig;er dem Mord an Fissas noch andere Ereignisse, die den Staat und die Regierung Samaras zum Handeln veranlasst haben?<\/strong><\/p><p>Nach &uuml;bereinstimmenden Medienberichten (Vima, Ta Nea, Kathimerini, Efimerida ton Syntakton) sorgten schon vor dem Fissas-Mord zwei Ereignisse in der Regierung f&uuml;r h&ouml;chste Unruhe und veranlassten Innenminister Nikos D&eacute;ndias, auf eine h&auml;rtere Gangart gegen die Neonazis zu dr&auml;ngen. Das erste Ereignis war der &Uuml;berfall eines ChA-Rollkommandos auf eine Gruppe von KKE-Mitgliedern in Perama (n&ouml;rdlich von Pir&auml;us) am 12. September. <\/p><p>An dem &Uuml;berfall in Perama waren etwa 50 Neonazis beteiligt. Sie attackierten eine Gruppe von Aktivisten der kommunistischen Gewerkschaft PAME, die nachts Streikaufrufe an Hausw&auml;nde klebten, mit Holzlatten und Eisenstangen. Sechs der Gewerkschafter wurden zum Teil schwer verletzt. Laut Zeugenaussagen rief der ChA-Anf&uuml;hrer: &bdquo;Wir sind von Chrysi Avgi, hier haben wir das Kommando.&ldquo; Dann drohte er den linken Gewerkschaftern, dass man in Pir&auml;us noch &bdquo;historische Rechnungen&ldquo; offen habe. Das ist als Hinweis auf den griechischen B&uuml;rgerkrieg zu verstehen (1944 bis 1949), der mit der Niederlage der griechischen Kommunisten endete (von denen viele ins Exil in den Ostblockl&auml;ndern gingen, aus dem KKE-Mitglieder erst Anfang der 1980er-Jahre wieder nach Griechenland zur&uuml;ckkehren durften). <\/p><p>Das zweite Ereignis war das demonstrative und provokative Auftreten einer gro&szlig;en Abordnung paramilit&auml;rischer ChA-Gefolgsleute bei einer offiziellen Gedenkfeier an ein Massaker der kommunistische dominierten Widerstandsorganisation EAM-ELAS  an vermeintlichen oder tats&auml;chlichen Kollaborateuren mit den deutschen Besatzern am 15. September in Meligala, nur zwei Tage vor dem Mord an Fissas. <\/p><p>In beiden F&auml;llen wurde nicht nur die zunehmende Aggressivit&auml;t der Neonazis deutlich, sondern auch das Versagen bzw. stillschweigende Wegschauen der polizeilichen Organe. <\/p><p>Die Gedenkfeier war stets ein Treffpunkt der &bdquo;Rechten&ldquo;, die auf der Peloponnes schon immer sehr stark war. Aber es war eine &bdquo;staatliche&ldquo; und kommunale Veranstaltung, die vor allem von den Familien der Opfer gew&uuml;nscht und auch gestaltet wurde. Dieses Jahr aber hatten die Neonazis schon im Vorfeld ihre &bdquo;Truppen&ldquo; mobilisiert, mit dem erkl&auml;rten Ziel, die Veranstaltung zu &bdquo;&uuml;bernehmen&ldquo;. Ihre Ank&uuml;ndigungen hatten Innenminister Dendias derart alarmiert, dass er zwei Bataillone der Bereitschaftspolizei entsandte, um die &bdquo;W&uuml;rde der Feier&ldquo; zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Am Abend jenes Tages konnte der Innenminister im Fernsehen betrachten, wie die Neonazis zu Hunderten aufmarschierten waren, um die Veranstaltung zu ihrer Kundgebung zu machen. Dem B&uuml;rgermeister wurde das Mikrofon weggenommen, die Chrysi Avgi-Parolen &uuml;bert&ouml;nten alles andere &ndash; und die Polizei griff nicht ein. Diese &bdquo;paramilit&auml;rische Machtdemonstration&ldquo; macht der schockierten griechischen &Ouml;ffentlichkeit klar, was Nikos Konstandaras in der Kathimerini (19. September) so beschrieben hat: &bdquo;Die Ironie besteht darin, dass die laxe Haltung der staatlichen Institutionen die Chrysi Avgi- Leute in Sicherheit gewiegt hat, sodass sie ihre emp&ouml;rende Arroganz und Gewaltsamkeit ganz offen zur Schau stellten &ndash; und das gilt f&uuml;r die Parteif&uuml;hrer im Parlament bis zu ihren Stra&szlig;enk&auml;mpfern. Sie glaubten einfach, sie k&ouml;nnten sich jetzt Alles erlauben.&ldquo; <\/p><p>Die Provokation von Meligala war f&uuml;r die ND-F&uuml;hrung ein doppelter Schock. Sie machte klar, dass die Neonazis auf ihrem erhofften Weg zur Macht als erstes die ND als dominierende Kraft der Rechten abl&ouml;sen wollen. An diesem Tag muss Samaras und seinen Leuten die Idee, den Rechtsextremismus durch die alte patriotische Rechte zu absorbieren, ziemlich naiv oder gar schamlos vorgekommen sein. Denn die Neonazis sehen es ja genau umgekehrt, und haben dabei weniger Skrupel: Am Wallfahrtsort der alten B&uuml;rgerkriegs-Nostalgiker wollten sie zeigen, dass sie die &bdquo;wahre&ldquo; patriotische Rechte sind: &bdquo;Das war Sinn und Zweck ihres Auftretens in Melgala, wo sie einen Teil ihrer Rhetorik tats&auml;chlich in die Praxis umsetzten&ldquo;, kommentierte Angelos Stangos in der Kathimerini (29. September). <\/p><p>Es war aber nicht nur die Erkenntnis: &bdquo;Die meinen ja, was sie sagen&ldquo;. Der zweite Schock war das &bdquo;Versagen&ldquo; der Polizei. Sp&auml;testens an diesem Tag muss Innenminister Dendias klar geworden sein, dass eine gr&uuml;ndliche &bdquo;Isolierung&ldquo;  der Polizei- und Sicherheitskr&auml;fte vom Einfluss der Neonazis ohne eine Illegalisierung der Rassisten nicht m&ouml;glich ist. Auf die Rolle der Polizei bezieht sich eine weitere Frage, mit der ich diesen Bericht &uuml;ber neonazistische Entwicklungen in Griechenland demn&auml;chst fortsetzen werde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Ermordung von zwei Aktivisten der rechtsextremistischen Partei Chrysi Avgi (ChA) durch unbekannte Attent&auml;ter am letzten Freitag droht die innenpolitische Situation in Griechenland in eine neue Dimension zu eskalieren. In der griechischen &Ouml;ffentlichkeit wird seit einiger Zeit der Vergleich mit den &bdquo;Weimarer Verh&auml;ltnissen&ldquo; gezogen. Das war bislang eine relativ abgehobene &bdquo;Historikerdebatte&ldquo;. 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