{"id":19182,"date":"2013-11-07T09:46:37","date_gmt":"2013-11-07T08:46:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19182"},"modified":"2015-10-12T14:13:10","modified_gmt":"2015-10-12T12:13:10","slug":"rezension-ulrike-herrmann-der-sieg-des-kapitals","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19182","title":{"rendered":"Rezension: Ulrike Herrmann, \u201eDer Sieg des Kapitals\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch ist, anders als sein Titel vermuten l&auml;sst, keine Kapitalismuskritik, sondern es will erkl&auml;ren, was Kapitalismus eigentlich ist, wie er entstanden ist und wie er funktioniert. Anders als im angels&auml;chsischen Sprachraum wird der Begriff &bdquo;Kapitalismus&ldquo; bei uns nicht gerne in den Mund genommen, man spricht lieber von &bdquo;Marktwirtschaft&ldquo;, das klinge &bdquo;kuscheliger&ldquo;. Ulrike Herrmann begr&uuml;ndet, warum &bdquo;Marktwirtschaft&ldquo;  zur Beschreibung modernen Wirtschaftens unzureichend ist: M&auml;rkte gab es schon immer in der Menschheitsgeschichte, schon im Zweistromland, im r&ouml;mischen Reich, im kaiserlichen China, im mittelalterlichen Europa und seit Menschengedenken wurde schwunghafter Handel betrieben. Auch eine Geldwirtschaft existierte schon in der Antike, es gab Banken, schon die Bibel und der Koran besch&auml;ftigten sich mit Zinsen, es gab schon vor Jahrhunderten bargeldlosen Zahlungsverkehr und erstaunlich raffinierte &bdquo;Finanzprodukte&ldquo;. Und vor allem, es gab auch schon immer Wettbewerb zwischen den V&ouml;lkern und Kontinenten. Man kannte die Dampfkraft schon bei den R&ouml;mern und Gewinnstreben sowie Reichtum gab es zu allen Zeiten sowieso. Aber es gab keinen Kapitalismus. Was also ist Kapitalismus? Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUm mein Urteil vorweg zu nehmen: Ulrike Herrmanns neues Buch &bdquo;Der Sieg des Kapitals &ndash; Wie Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen&ldquo; ist ein gutes und interessantes Buch. Es ist lesenswert und dazu auch f&uuml;r den nicht wirtschaftswissenschaftlich Geschulten gut lesbar. Ulrike Herrmann b&uuml;rstet viele der weit verbreiteten wirtschaftspolitischen Mythen und der g&auml;ngigen &ouml;konomischen Allgemeinpl&auml;tze gegen den Strich und &ouml;ffnet Sichtweisen auf wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge, die im Laufe der letzten Jahrzehnte durch die vorherrschende Glaubenslehre des sog. &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; verstellt wurden. Es ist erhellend, dass wirtschaftliche Wechselbeziehungen einmal nicht an Hand von &ouml;konomischen Modellen oder mathematischen Formeln dargestellt werden, sondern historisch hergeleitet und anschaulich erl&auml;utert werden. Auch wenn man nicht allen von Ulrike Herrmann vertretenen Thesen folgen mag, so liefern sie doch wichtige Denkanst&ouml;&szlig;e und bringen versch&uuml;ttete Alternativen zur angeblichen Alternativlosigkeit wieder ans Licht. Es ist ein Buch, das man eher einem emeritierten Wirtschaftshistoriker als Alterswerk zugetraut h&auml;tte, als einer noch relativ jungen Autorin.<br>\nWie ihrem letzten Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5626\">Hurra, wir d&uuml;rfen zahlen<\/a>&ldquo;, kann man Ulrike Herrmanns &bdquo;Sieg des Kapitals&ldquo; nur viele Leserinnen und Leser w&uuml;nschen.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der Begriff Kapitalismus hat den Vorteil, dass er pr&auml;zise beschreibt, was die heutige Wirtschaftsform auszeichnet: Es geht um den Einsatz von Kapital mit dem Ziel, hinterher noch mehr Kapital zu besitzen, also einen Gewinn zu erzielen. Es handelt sich um einen Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S.9)<\/p><p><strong>Hohe L&ouml;hne als Triebkraft des Kapitalismus<\/strong><\/p><p>Warum nahm Ende des 18. Jahrhunderts &ndash; ausgerechnet auch noch vom &auml;rmsten Teil Englands aus &ndash; eine Wirtschaftsform ihren Ausgangspunkt, die als Kapitalismus ihren Siegeszug nahezu &uuml;ber den gesamten Globus fortsetzte. Dass zum ersten Mal in der Geschichte Maschinen &ndash; also investiertes Geld &ndash; menschliche Arbeitskraft ersetzte, das ist f&uuml;r Ulrike Herrmann das Startsignal f&uuml;r die industrielle Revolution. <\/p><p>Doch was war die Triebkraft Arbeit durch Kapital (also durch Technik) zu ersetzen?<br>\nEs waren die relativ &ndash;  also etwa gegen&uuml;ber der indischen Konkurrenz &ndash;  hohen L&ouml;hne der Textilarbeiter im l&auml;ndlichen Nordwesten Englands. Der Lohn wurde also zur Peitsche f&uuml;r den technischen und industriellen Fortschritt &ndash; und das gilt bis heute. <\/p><p>Doch bis in die aktuelle politische Debatte habe sich das Missverst&auml;ndnis gehalten, dass die L&ouml;hne sinken m&uuml;ssten, damit die Wirtschaft im &bdquo;globalen Wettbewerb&ldquo; konkurrenzf&auml;hig bleibe. Dabei sei es doch gerade umgekehrt: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Nicht durch niedrige L&ouml;hne wird der Kapitalismus angetrieben, sondern durch hohe. Nur wenn die Arbeitskr&auml;fte teuer sind, lohnen sich technische Innovationen, die die Produktivit&auml;t steigern und damit Wachstum erzeugen.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 44)<\/p><p>Man mag diese These vom Lohndruck vielleicht als eine zu monokausale Begr&uuml;ndung f&uuml;r den &Uuml;bergang der fr&uuml;heren Wirtschaftsformen zur Epoche des Kapitalismus relativieren, denn schlie&szlig;lich gab es vorher die englische Agrarrevolution, also die Landnahme seitens des niedrigen Adels, die zu h&ouml;herer Produktivit&auml;t und gr&ouml;&szlig;erem allgemeinen Wohlstand f&uuml;hrte. Doch Ulrike Herrmann schildert anschaulich, wie es nahezu s&auml;mtliche anderen Elemente des Kapitalismus, also angefangen vom Reichtum, Gewinnstreben, &uuml;ber Geld, Kredite, Zins, Ausbeutung, Wettbewerb oder etwa auch technisches Wissen historisch schon gab, ohne dass ein dauerhaftes Wachstum entstanden w&auml;re. In fr&uuml;heren Epochen habe es jedoch keinen Zwang gegeben, in technische Verbesserungen zu &bdquo;investieren&ldquo; und  Wachstum zu generieren. Erst die Steigerung des allgemeinen Wohlstandes durch h&ouml;here L&ouml;hne machte  die Ersetzung von Arbeitskraft  durch Technik &bdquo;rentabel&ldquo;. Und reales Wachstum k&ouml;nne es eben nur durch technischen Fortschritt geben und ohne technischen Fortschritt sei der Kapitalismus am Ende. (S. 83)<\/p><p>Derartige, f&uuml;r manchen &uuml;berraschende Einblicke  in das Funktionieren des Kapitalismus liefert Ulrike Herrmann Kapitel um Kapitel in ihrem neuen Buch. So kl&auml;rt sie die Missverst&auml;ndnisse auf, etwa dass der Kapitalismus identisch w&auml;re mit einer &bdquo;Marktwirtschaft&ldquo; oder dass der Staat nur St&ouml;rer des &bdquo;freien&ldquo; Marktgeschehens oder dass Globalisierung etwas &bdquo;v&ouml;llig Neues&ldquo; sei. <\/p><p><strong>Marktwirtschaft, eine &bdquo;Fiktion&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mit den immer h&ouml;heren Investitionskosten f&uuml;r Eisenbahnen, Bergwerke, Stahlwerke oder Fabriken f&uuml;r die Massenproduktion seien Gro&szlig;konzerne entstanden, die mehr und mehr marktbeherrschende Stellungen einnahmen gegen deren Gr&ouml;&szlig;e niemand mehr ankam und die seit mehr als 100 Jahren den Markt bis auf die Nischen f&uuml;r die kleinen Selbstst&auml;ndigen &bdquo;zementieren&ldquo;. (S.68) Obwohl heutzutage st&auml;ndig von &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; die Rede sei, von den Finanz- &uuml;ber die Wohnungs- bis hin zu den Heiratsm&auml;rkten sei dieses Gerede &bdquo;eine Fiktion&ldquo; (S. 75). Bei genauerem Hinsehen sei es fast unm&ouml;glich, in der offiziellen &raquo;Marktwirtschaft&laquo; namens Deutschland einen echten Markt zu entdecken. (S. 82) <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der Markt ist eine Spielwiese f&uuml;r die Kleinen. Dominiert wird die Wirtschaft von wenigen Konzernen, die gro&szlig;e Teile des Umsatzes kontrollieren.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 70)<\/p><p>So stammten z.B. von den DAX-Unternehmen fast alle aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Weniger als ein Prozent der gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen erwirtschafteten in Deutschland fast zwei Drittel des Umsatzes. (S. 68) Und die Gro&szlig;konzerne untern&auml;hmen alles, um den Wettbewerb m&ouml;glichst zu vermeiden, indem sie fusionierten, kooperieren oder vertikal integrierten.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Diese enorme Konzentration hat die neoliberalen Vordenker jedoch nie ersch&uuml;ttert. Unerm&uuml;dlich predigen sie die Lehre vom freien Wettbewerb, den sie dann auch noch zur Basis der politischen Freiheit adeln.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 69)<\/p><p>Eine &bdquo;freie&ldquo; Marktwirtschaft gebe es im &Uuml;brigen genauso wenig wie eine &bdquo;Leistungsgesellschaft&ldquo;, denn es kreisten immer die gleichen M&auml;nner durch die Aufsichtsr&auml;te und die Spitzenpositionen der gro&szlig;en Unternehmen. Untersuchungen des Eliteforschers Michael Hartmann h&auml;tten gezeigt, dass bei den Spitzenmanagern letztlich nicht die F&auml;higkeit entscheidend f&uuml;r die Erlangung ihrer F&uuml;hrungsrolle sei, sondern vor allem deren Herkunft. 85 Prozent der Vorstandsvorsitzenden der 100 gr&ouml;&szlig;ten deutschen Unternehmen stammten aus dem Gro&szlig;b&uuml;rgertum oder dem B&uuml;rgertum, die gemeinsam nur ganze 3,5 Prozent der Bev&ouml;lkerung umfassten. (S. 72).<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die Theorie von der &raquo;freien Marktwirtschaft&laquo; ist eine sehr m&auml;chtige politische Waffe, die wenigen Firmen und ihren Aktion&auml;ren n&uuml;tzt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 84)<\/p><p><strong>Der Arbeitsmarkt, ein Paradox<\/strong><\/p><p>Die Autorin entzaubert auch die herrschende Lehre vom &bdquo;Arbeitsmarkt&ldquo;. Marktwirtschaft k&ouml;nne ja eigentlich nur richtig funktionieren, wenn es keinen Zwang gebe, weil es sonst zu einem einseitigen Preisdiktat komme.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Daraus folgt unmittelbar: Der &raquo;Arbeitsmarkt&laquo; kann gar kein echter Markt sein, der von selbst einen fairen Lohn erzeugt. Denn ungesch&uuml;tzt w&auml;ren die Besch&auml;ftigten gezwungen, ihre Arbeitskraft selbst zu niedrigsten Preisen zu verkaufen, weil sie &uuml;berleben m&uuml;ssen. Es herrscht ein Machtgef&auml;lle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, wie schon Adam Smith weitsichtig beobachtet hat.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 76)<\/p><p>Der &bdquo;Arbeitsmarkt&ldquo; funktioniere daher erst, seit es Gewerkschaften gibt, die als Kartelle den Preiskampf zwischen den einzelnen Arbeitnehmern unterbunden h&auml;tten.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Es handelt sich also um ein Paradox. Der &raquo;freie&laquo; Arbeitsmarkt wurde erst m&ouml;glich, als der Wettbewerb zwischen den Arbeitnehmern eingeschr&auml;nkt wurde.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 77)<\/p><p>Es ging um &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo;, was das glatte Gegenteil von marktf&ouml;rmiger Konkurrenz sei. (S. 80)<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der Durchbruch zur modernen Wohlstandsgesellschaft begann erst ab etwa 1880, als auch die Reall&ouml;hne anfingen, deutlich zu steigen. Dies war vor allem den Gewerkschaften zu verdanken, die 1871 in England gesetzlich zugelassen wurden. Es entwickelte sich eine neue Massenkaufkraft, die den Kapitalismus nochmals ver&auml;nderte. Es entstand die Konsumgesellschaft.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 49)<\/p><p>Nicht nur an dieser Stelle zieht Ulrike Herrmann aus der historischen Betrachtung konkrete R&uuml;ckschl&uuml;sse auf die gegenw&auml;rtige Politik: Der Dammbruch gegen&uuml;ber dieser Einschr&auml;nkung des Wettbewerbs zwischen Arbeitnehmern, seien die rot-gr&uuml;nen Hartz-Gesetze gewesen, die die Arbeitslosen gezwungen h&auml;tten, fast jeden Lohn zu akzeptieren, ohne dass es gleichzeitig einen gesetzlichen Mindestlohn gebe.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Seither sind die Arbeitnehmer erpressbar, was nicht nur die unteren Schichten sp&uuml;ren. Auch die Mittelschicht muss erleben, dass ihre Geh&auml;lter stagnieren. Zwischen 2000 und 2010 sind die Reall&ouml;hne im Mittel um 4,2 Prozent gefallen, obwohl die deutsche Wirtschaft zeitgleich um 14 Prozent gewachsen ist.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 77)<\/p><p><strong>Ohne Staat keine Marktwirtschaft<\/strong><\/p><p>Die Wirtschaftskorrespondentin der taz enttarnt einen weiteren &bdquo;Propagandatrick&ldquo; der Lehre von der &bdquo;freien Marktwirtschaft&ldquo; , n&auml;mlich dass dem Markt alles Gute, also Freiheit, individuelle Entfaltung, richtige Preisbildung, eine dem Bedarf folgende G&uuml;terproduktion und vor allem Effizienz zugeschrieben, w&auml;hrend dem Staat alles Schlechte, also G&auml;ngelung, B&uuml;rokratie, Gleichmacherei, Korruption oder Ineffizienz angelastet werde. (S. 84)<br>\nVor allem seit dem Thatcherismus und den Reaganomics habe sich die Ideologie durchgesetzt, dass der Staat &bdquo;ausgehungert&ldquo; werden m&uuml;sse (&bdquo;starve the beast&ldquo; so lautete damals der Schlachtruf aus dem angels&auml;chsischen Raum und bis heute aus der amerikanischen Tea-Party-Bewegung).<\/p><p>Der Kapitalismus sei jedoch gerade nicht gegen den Staat entstanden, sondern habe immer Staatshilfe genossen. (S. 89) <\/p><p>Eine Schilderung &uuml;ber die sich im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus sich wandelnde Rolle des Staates in diesem Buch kann ich mir ersparen. Sie k&ouml;nnen <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/39\/39907\/1.html\">dieses Kapitel hier<\/a> als Leseprobe nachlesen. <\/p><p><strong>Globalisierung ist nichts Neues<\/strong><\/p><p>Ulrike Herrmann st&uuml;tzt, die auch von Albrecht M&uuml;ller schon 2004 in seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93\">&bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; begr&uuml;ndete These<\/a> (die ihm manche Kritik eingetragen hat), dass &bdquo;Globalisierung&ldquo; historisch betrachtet &bdquo;nichts Neues&ldquo; sei. Als relativ neu w&uuml;rde dieses Ph&auml;nomen nur deshalb empfunden, weil dieser Prozess der globalen Vernetzung von Handelsstr&ouml;men und damit der weltweiten Preiskonkurrenz durch die Weltkriege des letzten Jahrhunderts unterbrochen worden sei.  (S. 100) <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Neu ist also nicht die Globalisierung &ndash; neu ist nur, dass sie als neoliberales Argument missbraucht wurde, um die L&ouml;hne zu dr&uuml;cken, die Steuern f&uuml;r die Unternehmen zu senken und die Finanzm&auml;rkte zu deregulieren. Aber dies waren keine Sachzw&auml;nge, sondern politische Entscheidungen, die ab 1980 einsetzten und die sich wieder korrigieren lassen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S.104)<\/p><p>Die Autorin geht dabei auch auf die &Auml;ngste ein, mit der Globalisierung w&uuml;rden Betriebe verlagert, Arbeitspl&auml;tze verloren gehen und damit der Wohlstand der &bdquo;alten&ldquo; Industriel&auml;nder geschm&auml;lert. Auch diese Drohung sei ein Klischee. Heute f&uuml;rchteten sich die Europ&auml;er vor den Chinesen, wie vor 100 Jahren die Engl&auml;nder das Imitieren von technischen Entwicklungen durch die Deutschen als gef&auml;hrlich betrachteten. Doch es habe sich gezeigt, dass der weltweite Wohlstand wachse, wenn neue Produzenten hinzuk&auml;men &ndash; obwohl sie zun&auml;chst billiger produzierten als die alten. Die hinzukommenden Konkurrenten w&uuml;rden auch in ihren eigenen L&auml;ndern zus&auml;tzlichen Wohlstand schaffen und schon Adam Smith habe erkannt, dass nur wo sich Wohlstand entwickle, neue und zus&auml;tzliche Nachfrage entstehen k&ouml;nne. (S. 103)<\/p><p><strong>Nicht Geld, sondern Kapital befeuert die Wirtschaft<\/strong><\/p><p>Ulrike Herrmann wagt sich an die Erkl&auml;rung des wohl ewig r&auml;tselhaften Ph&auml;nomens des &bdquo;Geldes&ldquo; und gibt eine pragmatische Antwort: <em>&bdquo;Geld ist, was als Geld akzeptiert wird.&ldquo;<\/em> Geld werde weder durch Gold (ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet im 10. Kapitel), noch durch sonst ein Mysterium &ndash; schon gar nicht durch &bdquo;Innovationen&ldquo; auf dem Finanzsektor &ndash; gedeckt,  sondern einzig und allein durch die Wirtschaftsleistung eines Landes.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Geld ist so viel wert, wie man daf&uuml;r an realen Produkten kaufen kann.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 115)<\/p><p>Sie setzt sich dabei kritisch mit den Kritikern des Geldsystems und den &bdquo;Zinses-Zinstheoretikern&ldquo; innerhalb der politischen Linken, also etwa der Occupy-Bewegung auseinander. Die Zinskritiker glaubten genau wie die Spekulanten und Bonusj&auml;ger, an die Mystik des Geldes, n&auml;mlich dass Geld die Triebkraft der realen Wirtschaft sei. Doch nicht die Geldsch&ouml;pfung oder Zinsen h&auml;tten &ouml;konomische &bdquo;Zauberkraft&ldquo; sondern erst wenn Geld Kapital finanziere, also wenn es produktiv investiert werde, befeure es die Wirtschaft. (S. 118f.) Geld und Kapital seien eben nicht das Gleiche. Geld werde nur zu Kapital, wenn es produktiv investiert werde, um G&uuml;ter herzustellen. Eine Gesellschaft k&ouml;nne f&uuml;r die Zukunft nur vorsorgen, indem sie heute in die Produktion von morgen investiere. <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;H&auml;tten die Zinskritiker recht, w&auml;re es sehr einfach, auf eine Konjunkturdelle zu reagieren: Die Zentralbank m&uuml;sste nur die Zinsen hochsetzen, um einen &raquo;Wachstumszwang&laquo; auszul&ouml;sen und die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch stattdessen geschieht das glatte Gegenteil.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 131f.) <\/p><p><strong>Das &bdquo;Sparparadox&ldquo;<\/strong><\/p><p>So w&auml;re es nach Ulrike Herrmanns Meinung sinnvoller gewesen, wenn Occupy vor dem Kanzleramt campiert h&auml;tte, statt vor der EZB in Frankfurt. Die europ&auml;ische Zentralbank sei n&auml;mlich die einzige Institution gewesen, die in der Eurokrise, dadurch dass sie &bdquo;Geld druckte&ldquo;, richtig gehandelt h&auml;tte. Nicht die Notenbank, sondern die &bdquo;Sparpolitik&ldquo; der Bundesregierung sei eine echte Gefahr f&uuml;r den Euro. (S .221f.) Die Merkels und Sch&auml;ubles hingen einem wirtschaftspolitischen Denken nach, dass f&uuml;r die gesamte Volkswirtschaft gut sei, was f&uuml;r ein einzelnes Unternehmen gut sein mag. Sie h&auml;tten das vom &bdquo;moderativ konservativen&ldquo; britischen &Ouml;konomen John Maynard Keynes als bittere Lehre aus der Weltwirtschaftskrise abgeleitete &bdquo;Sparparadox&ldquo; nicht verstanden. Sparen k&ouml;nne n&auml;mlich gef&auml;hrlich sein, weil es die Nachfrage und damit die Wirtschaft abw&uuml;rge. Was f&uuml;r einen privaten Haushalt oder f&uuml;r ein einzelnes Unternehmen, also was betriebswirtschaftlich sinnvoll sein mag, k&ouml;nne volkswirtschaftlich, vor allem wenn die Wirtschaft schw&auml;chelt, sch&auml;dlich sein. Wenn Unternehmen und private Haushalte sparten, dann k&ouml;nne eben nur noch der Staat dieses Paradox aufl&ouml;sen. Der Staat spare n&auml;mlich garantiert nicht, denn was an Steuern einlaufe, werde umgehend ausgegeben und k&ouml;nne so die Wirtschaft stimulieren. (S. 177) Genau deshalb sei es sogar im Eigeninteresse der Unternehmen und der Verm&ouml;genden, wenn der Staat einen Teil der Ersparnisse absauge, indem die Reichen h&ouml;her besteuert w&uuml;rden und die &ouml;ffentliche Hand mit diesen vermehrten Steuereinnahmen als Auftraggeber und Investor agiere und Nachfrage schaffe und damit die Wirtschaft ankurbele, damit die Unternehmen auch wieder mehr Gewinne machen k&ouml;nnten. <\/p><p>Die Autorin begr&uuml;ndet in weiteren Kapiteln, warum ohne Schulden die Wirtschaft gar nicht wachsen kann und warum eine (leichte) Inflation (Geldentwertung) segensreicher ist, als eine mit wirtschaftspolitischen Instrumenten kaum mehr steuerbare Deflation (&bdquo;innere Abwertung&ldquo;). (S. 134ff.)<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Solange die L&ouml;hne mit den Preisen mithalten, ist es letztlich gleichg&uuml;ltig, ob ein Ei heute viermal mehr kostet als vor 50 Jahren.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 139)<\/p><p>Krisenausl&ouml;send sei die Inflation erst durch die kreditfinanzierte Spekulation und daraus entstehende Blasen.<\/p><p>Simples buchhalterisches Denken oder die schlichte Logik, m&uuml;ssten doch eigentlich erkennen lassen, dass in einer Volkswirtschaft nicht alle Sektoren gleichzeitig sparen k&ouml;nnten. Die Wirtschaft w&uuml;rde zusammenbrechen. Wenn jemand spare, dann m&uuml;sse sich eben ein anderer verschulden, sonst bliebe das Geld auf der Bank liegen (S. 232f.) und Geld k&ouml;nne man ja bekanntlich nicht essen.<\/p><p><strong>Der Unterschied zwischen einer Konjunkturkrise und einer Finanzkrise<\/strong><\/p><p>Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem sich die Hyperinflation der fr&uuml;hen zwanziger Jahre und die Weltwirtschaftskrise ab 1927 als Angsttrauma ins kollektive Ged&auml;chtnis der Bev&ouml;lkerung eingegraben hat, ist es verdienstvoll, dass Ulrike Herrmann die Ursachen dieser Katastrophen zu Beginn des letzten Jahrhunderts anschaulich schildert. Sie arbeitet dabei den Unterschied zwischen einer Konjunkturkrise und einer Finanzkrise heraus. Eine Konjunkturkrise mag zu schmerzhaften Firmenpleiten f&uuml;hren, weil einzelne Firmen insolvent werden, d.h. dass die Gewinne und das Firmenverm&ouml;gen nicht mehr ausreichen, um die Verluste aufzufangen. Eine Finanzkrise l&ouml;se jedoch eine Liquidit&auml;tskrise aus, d.h. die Firmen oder  Banken k&ouml;nnten ihre Zahlungsverpflichtungen eigentlich m&uuml;helos erf&uuml;llen, wenn nicht das gesamte Geldsystem gel&auml;hmt w&auml;re, weil der Geldkreislauf kollabiert sei. Und hier spiele eine Zentralbank als &bdquo;lender of last resort&ldquo; (als Kreditgeber der letzten Instanz) eine entscheidende Rolle.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wenn der Geldkreislauf stockt, werden die Banken mit Geld geflutet. Sobald sich die Panik beruhigt hat, wird dieses Geld wieder eingesammelt, indem die Notkredite auslaufen. Die Banken zahlen an die Zentralbank einfach zur&uuml;ck, was sie sich w&auml;hrend der Panik geliehen haben. Das war&rsquo;s schon.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 157)<\/p><p>In dem Buch werden zahlreiche Beispiele aufgezeigt, wo dieser einfache &bdquo;Trick&ldquo; in der Vergangenheit erfolgreich war. Umso misslicher sei es, dass die Europ&auml;ische Zentralbank &ndash; anders als die britische oder die amerikanische Notenbanken &ndash; gehindert sei, in der europ&auml;ischen Finanzkrise die Rolle des Kreditgebers der letzten Instanz einzunehmen. <\/p><p>In dem Buch wird erl&auml;utert, wie Spekulation funktioniert und wodurch sich diese von einer echten Wertsteigerung unterscheidet. Die Aktienm&auml;rkte belegten Tag f&uuml;r Tag, dass &bdquo;Verm&ouml;gen&ldquo; ein fl&uuml;chtiger Wert seien. Dieser Wert k&ouml;nne dramatisch schwanken, ohne dass sich in der realen Welt viel ver&auml;ndert habe. Der &bdquo;wahre Wert&ldquo; eines Verm&ouml;gens bemesse sich an den Ertr&auml;gen, die aus der laufenden Wirtschaftsleistung erbracht w&uuml;rden. (S. 140)<\/p><p><strong>Der Sieg des Neoliberalismus &uuml;ber den Keynesianismus<\/strong><\/p><p>Ulrike Herrmann erl&auml;utert, wie es in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum &bdquo;Scheinsieg&ldquo; des Neoliberalismus &uuml;ber den Keynesianismus gekommen ist. Es habe sich etwa mit den Lehren des neoliberalen Vordenkers Milton Friedman eine &bdquo;neue Spielanordnung&ldquo; des Kapitalismus durchgesetzt. Mit der Deregulierung und &bdquo;Entfesselung&ldquo; der Finanzm&auml;rkte seien die Investmentbanken zu den profitabelsten Unternehmen der Welt geworden, w&auml;hrend die Gewinne der Realwirtschaft im Vergleich dazu abnahmen. So sei etwa der &bdquo;Wert&ldquo; der Aktien um ein Mehrfaches der j&auml;hrlichen Wirtschafsleistung angeschwollen.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Ein riesiger Finanzberg virtueller Werte hatte sich aufget&uuml;rmt, und seit dem Jahr 2000 sind Regierungen und Notenbanken nur noch damit besch&auml;ftigt, diesen Berg zu stabilisieren, damit er nicht wie eine Lawine niedergeht und die reale Wirtschaft unter sich begr&auml;bt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 198) <\/p><p>Die Autorin beschreibt auch f&uuml;r den finanzwirtschaftlichen Laien nachvollziehbar, wie es zur Finanzkrise gekommen ist. Letztlich seien Aufseher, Ratingagenturen und Investmentbanker dem Irrtum unterlegen,<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;dass sich Risiko &acute;diversifizieren` lie&szlig;e. Doch das Risiko nimmt nicht ab, sondern bleibt im System und verteilt sich nur anders.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 204)<\/p><p><strong>Warum die aufkommende Finanzkrise nicht erkannt wurde<\/strong><\/p><p>Sie meint auch den wahren Grund gefunden zu haben, warum selbst ber&uuml;hmte &Ouml;konomen die Gefahren dieser keineswegs v&ouml;llig neuartigen Erscheinung auf den Finanzm&auml;rkten untersch&auml;tzt h&auml;tten.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Ein Grund: Die Sch&auml;den bei den Banken waren gar nicht besonders gro&szlig;. Der Internationale W&auml;hrungsfonds sch&auml;tzte, dass die Verluste bei den Hypothekarverbriefungen etwa 500 Milliarden Dollar betragen w&uuml;rden. Diese Summe klingt enorm, ist in Wahrheit aber eher unbedeutend, denn bei den Banken ist weltweit ein Finanzverm&ouml;gen von etwa 80 Billionen Dollar geparkt. Viele &Ouml;konomen dachten daher lange, dass die Zusammenbr&uuml;che einzelner Banken und Fonds singul&auml;re Ereignisse seien. Sie erkannten nicht, dass es sich um eine Systemkrise handelte. Zu dieser Fehleinsch&auml;tzung trug bei, dass die eigentlichen Opfer bei einem Crash nie die Banken sind &ndash; sondern immer ihre Kunden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 206)<\/p><p>Doch selbst dieser &bdquo;Restposten&ldquo; an Verlusten von 500 Milliarden Euro habe viele Bankinstitute &uuml;berfordert. Die Erkl&auml;rung sei<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;ersch&uuml;tternd simpel: Die Banken hatten viel zu wenig Eigenkapital, um Verluste aufzufangen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 207)<\/p><p>Mit der &bdquo;katastrophalen Fehlentscheidung&ldquo;, die relativ kleine Investmentbank Lehman Brothers pleitegehen zu lassen, sozusagen um die anderen Banken zu verwarnen, brach das Chaos aus. Statt einer Verwarnung mussten die Staaten nun f&uuml;r die Banken eine Vollkaskoversicherung &uuml;bernehmen:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Um das Chaos zu stoppen, blieb den Regierungen keine Wahl: Sie mussten alle Bankguthaben garantieren.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S.209)<\/p><p>Es sei im &Uuml;brigen kein Zufall gewesen, dass ausgerechnet deutsche Banken so viele toxische Papier &bdquo;importiert&ldquo; h&auml;tten: Das sei eben die Kehrseite der deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse. (S. 211)<\/p><p>Mit der Bankenkrise sprang die Krise auf die Realwirtschaft &uuml;ber, weil nun eine Deflationsspirale einsetzte, die man schon aus der Wirtschaftskrise 1929 kannte: Die Aktienkurse seien eingebrochen, Investitionen seien aufgeschoben worden, der Konsum lahmte, die Kreditvergabe stockte, die Arbeitslosigkeit sei gestiegen. (S. 210)<\/p><p><strong>Was Ordoliberale und linke Kapitalismuskritiker gemeinsam haben<\/strong><\/p><p>Ulrike Herrmann schl&auml;gt einen eigenen Weg zur L&ouml;sung der Bankenkrise vor, einen Weg, der von dem der konservativen Ordoliberalen aber auch der linken Kapitalismuskritiker deutlich abweicht:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;In der jetzigen Eurokrise ist es erneut sehr popul&auml;r zu fordern, dass Banken doch ruhig Konkurs anmelden sollen, wenn sie ihre Verluste nicht tragen k&ouml;nnen. Dabei kommt es oft zu einer seltsamen Allianz zwischen konservativen Ordoliberalen und linken Kapitalismuskritikern: Die Konservativen haben nie verstanden, dass &raquo;Finanzm&auml;rkte&laquo; keine M&auml;rkte sind, und verlangen daher, dass Banken wie jedes normale Unternehmen f&uuml;r ihre Verluste haften sollen. Die Kapitalismuskritiker wiederum sehen nicht ein, warum man kapitalistische &raquo;Zockerbuden&laquo; retten soll. Die Wut dar&uuml;ber, dass die Bankverluste am Ende bei den Steuerzahlern h&auml;ngenbleiben, ist verst&auml;ndlich. Aber der richtige Weg w&auml;re, die Banken zu retten, sie zu verstaatlichen &ndash; und dann die Profiteure zur Kasse zu bitten, indem man die Steuern f&uuml;r die Verm&ouml;genden erh&ouml;ht.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 210)<\/p><p><strong>Eurokrise, vier Krisen auf einmal<\/strong><\/p><p>Der Begriff &bdquo;Eurokrise&ldquo; f&uuml;hre in die Irre, solange man ihn im Singular benutze. Man habe es n&auml;mlich mit vier Verwerfungen zu tun: <\/p><ol>\n<li>Die Schuldenberge der Krisenl&auml;nder seien den Kreditblasen geschuldet. (S. 217f.)<\/li>\n<li>Die W&auml;hrungszone sei falsch konstruiert, weil es an einer &bdquo;Bremse namens W&auml;hrungsrisiko&ldquo; fehle. (S. 220f.)<\/li>\n<li>Eine &bdquo;Wettbewerbskrise&ldquo;, ausgel&ouml;st durch die deutsche Agenda 2010 f&uuml;hre zu einer &bdquo;Deflationsspirale&ldquo;. (S. 22f.)<\/li>\n<li>Eine &bdquo;Managementkrise&ldquo; durch die Politiker der Eurozone. (S. 226) Die Troika h&auml;tte einmal mehr Volkswirtschaft mit Betriebswirtschaft verwechselt. Der eingeschlagene Sparkurs habe noch nirgendwo Probleme gel&ouml;st, sondern, weil die Nachfrage fehle, in die wirtschaftliche (und gesellschaftliche) Depression gef&uuml;hrt &ndash; mit gef&auml;hrlichen Konsequenzen auch f&uuml;r die Demokratie.<\/li>\n<\/ol><p>Die Alternative zur L&ouml;sung der &bdquo;Schuldenkrise&ldquo; w&auml;re gewesen, dass (wie in Irland) die Zentralbank eingesprungen w&auml;re und die Staatsanleihen aufgekauft oder die Schulden prolongiert h&auml;tte. Die Briten h&auml;tten diesen &bdquo;Trick&ldquo; schon im 19. Jahrhundert angewandt. (S. 228)  Die Europ&auml;ische Zentralbank m&uuml;sse endlich zu einer normalen Notenbank werden, sonst sei sie bald &uuml;berfl&uuml;ssig, weil der Euro auseinanderbreche.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Genaugenommen g&auml;be es nur einen einzigen Kostenpunkt: Man muss ein Konjunkturpaket f&uuml;r den S&uuml;den auflegen. Griechenland, Portugal und Spanien ben&ouml;tigen Hilfe, um Arbeitslosigkeit, Armut und Hoffnungslosigkeit zu bek&auml;mpfen. Diese Unterst&uuml;tzung k&ouml;nnte sich die Eurozone m&uuml;helos leisten. Der Rest der Rettung w&auml;re umsonst zu haben.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 229)<\/p><p>Sollte der Euro auseinanderfliegen, w&auml;ren die Deutschen nicht nur die Hauptverursacher, sondern auch die gr&ouml;&szlig;ten Verlierer: Die neue &bdquo;D-Mark&ldquo; w&uuml;rde rasant aufgewertet, so dass Auslandsverm&ouml;gen vernichtet und die Exportindustrie schwer gesch&auml;digt w&uuml;rden. (S. 230)<\/p><p><strong>Einige Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine echte Zukunftsvorsorge<\/strong><\/p><p>Ulrike Herrmann beschr&auml;nkt sich in ihrem neuen Buch nicht auf historische Erkl&auml;rungen und die Beschreibung &ouml;konomischer Abl&auml;ufe, sie macht auch konkrete Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine echte Zukunftsvorsorge:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Erstens: Der Staat darf nicht darauf warten, dass die Firmen investieren &ndash; sondern investiert selbst.<\/em><\/p>\n<p><em>Zweitens: Um diese sinnvollen Projekte zu finanzieren, k&ouml;nnte der Staat ruhig Verm&ouml;gensteuern erheben. Die &uuml;berfl&uuml;ssigen Ersparnisse der Reichen w&uuml;rden ein wenig abgesaugt &ndash; und zudem w&auml;re es nur gerecht&hellip;<\/em><\/p>\n<p><em>Drittens: Die deutsche Wirtschaft wird kaum oder gar nicht wachsen, solange die Reall&ouml;hne stagnieren. Auch dies ist reine Logik. Wachstum bedeutet, dass mehr G&uuml;ter hergestellt werden. Aber wer soll diese zus&auml;tzlichen Produkte kaufen, wenn die Geh&auml;lter nicht steigen?&hellip;<\/em><\/p>\n<p><em>Viertens: Da sowieso zu viel gespart wird, ist es &auml;u&szlig;erst ung&uuml;nstig, wenn der Staat seine B&uuml;rger auch noch zum Sparen zwingt, indem er die private Altersvorsorge forciert. Die Riester-Rente ist eine Verm&ouml;gensvernichtungsmaschine.<\/em><\/p>\n<p><em>F&uuml;nftens: Wenn die Finanzblase nicht platzen soll, muss verhindert werden, dass sie sich weiter aufpumpt. Eine Finanztransaktionssteuer k&ouml;nnte dabei helfen&hellip;&ldquo;<\/em><br>\n<em>Dar&uuml;ber hinaus m&uuml;sse das Eigenkapital der Banken und Schattenbanken deutlich steigen, so dass sie Verluste selbst tragen k&ouml;nnten: &bdquo;Banken k&ouml;nnen ruhig wieder zu Sparkassen werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>(S. 237)<\/p><p><strong>Auch Ulrike Herrmann ger&auml;t am Schluss in die Denkfalle des &bdquo;exponentiellen Wachstums&rdquo;<\/strong><\/p><p>Wie schon einleitend gesagt, man kann an manchen Darstellungen der &ouml;konomischen Abl&auml;ufe oder an mancher journalistischen Zuspitzung Kritik im Detail &uuml;ben, aber gerade Ulrike Herrmanns Mut, die Dinge so einfach wie m&ouml;glich zu erkl&auml;ren, machen ihr neues Buch lesenswert und regen zur Auseinandersetzung mit ihren Thesen an. Ihre historische Betrachtung der Entwicklung des Kapitalismus erlaubt es, den durch den Mainstream der &ouml;konomischen Lehre verengten Denkhorizont zu erweitern, ja sogar eine realistische Perspektive f&uuml;r eine alternative Wirtschafts- und Finanzpolitik zur angeblichen Alternativlosigkeit des derzeitigen politischen Kurses zu &ouml;ffnen.<\/p><p>Unbefriedigend empfinde ich aus meiner Sicht  den Ausblick im Schlusskapitel dieses Buches unter der bezeichnenden &Uuml;berschrift &bdquo;Der Untergang des Kapitals&ldquo;.<\/p><p>Die Autorin verweist zwar selbst darauf, dass seit es den Kapitalismus gibt, auch sein Untergang beschworen wurde, dass sich aber bisher jeder get&auml;uscht habe, der ein Ende des Wachstums vorhersagte. <\/p><p>Ob Ulrike Herrmann sich nicht gleichfalls t&auml;uscht, wenn sie dieses Ende des Wachstums und damit des (derzeitigen) Kapitalismus als &bdquo;unausweichlich&ldquo; prognostiziert? <\/p><p>Nicht nur im Schlusskapitel, sondern auch an vielen anderen Stellen ihres Buches verf&auml;llt sie unversehens in einen Fehler, den sie an anderer Stelle etwa den Zinskritikern vorh&auml;lt, sie &uuml;bernimmt den Jargon der Wachstumskritiker und redet von der Unm&ouml;glichkeit &bdquo;exponentiellen Wachstums&ldquo; (S. 9, 10, 18, 20, 131). <\/p><p>Wenn eine bestimmte Gr&ouml;&szlig;e in der Zeit um einen bestimmten Prozentsatz w&auml;chst, bekommt man eine Exponentialfunktion, eine Kurve, die im Himmel endet. Das ist mathematisch unausweichlich und scheint vielleicht deshalb auf den ersten Blick f&uuml;r Viele als so zwingend. Doch woran misst man diese Gr&ouml;&szlig;e, die w&auml;chst? Wachstum, wie es heutzutage gemessen wird,  ist eine positive j&auml;hrliche Ver&auml;nderung des Bruttosozialprodukts und damit der Messgr&ouml;&szlig;en, die in diese Rechnung eingehen &ndash; ein statistischer Wert also. In einer Volkswirtschaft kann jedoch sehr Verschiedenes passieren, was sich in <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14401\">Wachstumsziffern niederschl&auml;gt<\/a>. Nat&uuml;rlich setzen die in der Erdkruste vorhandenen Rohstoffe Grenzen; selbstverst&auml;ndlich kann die Erde und die Luft nicht grenzenlos verseucht und belastet werden, ohne dass sich die Menschheit selbst ausrottet. Aber m&uuml;ssen Ressourcenverzehr und Umweltbelastung auch zwingend die Grenzen f&uuml;r Wachstum sein? Warum sollten Unternehmen nicht etwas unternehmen k&ouml;nnen, was Ressourcen schont, was die Natur renaturiert? K&ouml;nnen selbst unter den Triebkr&auml;ften des Kapitalismus nicht Werte geschaffen werden, die den allgemeinen Wohlstand mehren, ohne dass man an physikalische Grenzen sto&szlig;en m&uuml;sste? <\/p><p>Mir fielen dazu tausende Projekte ein, volkswirtschaftlich, sozial und &ouml;kologisch Sinnvolles zu &acute;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4067\">unternehmen<\/a>` und damit f&uuml;r qualitatives Wachstum zu sorgen. Das finge von der besseren Bildung der jungen Menschen an, ginge &uuml;ber sinnvolle Leistungen zur Integration von Zuwanderern und h&ouml;rte bei der Altenpflege nicht auf. Dazu geh&ouml;rte die Aussch&ouml;pfung erneuerbarer Energien genauso, wie eine nachhaltige Landwirtschaft oder der Ersatz der derzeitigen Mobilit&auml;t durch neue, umweltvertr&auml;glich Kommunikationsformen. Warum sollte es technischen Fortschritt nicht mehr geben, ohne den &ndash; wie Ulrike Herrmann selbst schreibt (S.83) &ndash; der Kapitalismus am Ende w&auml;re? <\/p><p>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7775\">Wachstum ist das, was die Gesellschaft w&uuml;nscht<\/a>&ldquo; (Heiner Flassbeck) und nicht das, was an physischer, ressourcenverzehrender &bdquo;Ware&ldquo; produziert wird.<\/p><p>Aber nat&uuml;rlich &ndash; und da bin ich wieder bei Ulrike Herrmann &ndash; ginge das nicht ohne den Staat als &bdquo;Pionierunternehmer&ldquo;, d.h. ohne die Politik als die Gestaltungsmacht, f&uuml;r das, was sich eine Gesellschaft w&uuml;nscht. Warum sollte ein ver&auml;nderter Kapitalismus, der doch angeblich die menschlichen Bed&uuml;rfnisse am besten befriedigen kann, bei entsprechenden Rahmenbedingungen dies auf lange Sicht nicht gleichfalls leisten k&ouml;nnen. Ob man diese Form des Wirtschaftens dann noch Kapitalismus nennen w&uuml;rde, ist eine andere Frage.<\/p><p>Das Buch &bdquo;Der Sieg des Kapitals&ldquo; endet mit einer optimistischen Aussage:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Es wird sich ein neues System herausbilden, das heute noch nicht zu erkennen ist. Aber es wird seine Zeitgenossen genauso &uuml;berraschen, wie es der Kapitalismus tat, als er 1760 im Nordwesten Englands entstand. Niemand hat ihn erwartet, niemand hat ihn geplant &ndash; und trotzdem gibt es ihn. Es geh&ouml;rt zu den faszinierenden Eigenschaften des Menschen, dass er seine eigenen Kulturleistungen weder vorhersieht noch g&auml;nzlich versteht. Wo der Mensch ist, ist das Ende offen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Wie sich solch ein &bdquo;neues System&ldquo; herausbilden k&ouml;nnte und vor allem, wie man darauf in einer Demokratie, die eine Mehrheit in der Gesellschaft braucht, hinarbeiten k&ouml;nnte, das w&auml;re vielleicht das Thema eines n&auml;chsten Buches von Ulrike Herrmann. Das Schlusskapitel ihres jetzt vorgelegten Buches, k&ouml;nnte also die Einleitung f&uuml;r ein neues Werk sein. <\/p><p><strong>Bibliografische Angaben:<\/strong><\/p><p>Ulrike Herrmann, Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen.<br>\nWestend Verlag, Frankfurt a.M., 1913<br>\nISBN: 978-3-86489-044-4<br>\n288 Seiten<br>\n19,99 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch ist, anders als sein Titel vermuten l&auml;sst, keine Kapitalismuskritik, sondern es will erkl&auml;ren, was Kapitalismus eigentlich ist, wie er entstanden ist und wie er funktioniert. 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Ulrike Herrmann begr&uuml;ndet,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19182\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,50,37,208],"tags":[853,909],"class_list":["post-19182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-finanzkrise","category-globalisierung","category-rezensionen","tag-herrmann-ulrike","tag-kapitalismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19182"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19191,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19182\/revisions\/19191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}