{"id":19187,"date":"2013-11-07T15:03:22","date_gmt":"2013-11-07T14:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19187"},"modified":"2024-09-25T04:51:41","modified_gmt":"2024-09-25T02:51:41","slug":"von-wegen-rechtschreipkaterstrofe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19187","title":{"rendered":"Von wegen Rechtschreipkaterstrofe!*"},"content":{"rendered":"<p>Einen allgemeinen Verfall der Rechtschreibung oder gar der Rechtschreibf&auml;higkeit bei Kindern und Jugendlichen gibt es nicht, meint Hans Br&uuml;gelmann, bis 2012 Professor f&uuml;r Grundschulp&auml;dagogik und -didaktik an der Uni Siegen. Was es stattdessen aber sehr wohl gebe, seien immer mehr Diagnostiziererei und Pathologisierung abweichenden Verhaltens. Mit Konzepten wie Legasthenie, ADHS usw. w&uuml;rden Schwierigkeiten so zu individuellen Eigenschaften deklariert anstatt zu sehen, dass diese stets auch Folge der Wechselwirkung zwischen Kind und Umwelt seien. Mit <strong>Hans Br&uuml;gelmann<\/strong> sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Aus den Schulen h&ouml;rt man, die Zahl der so genannten &bdquo;Verhaltensst&ouml;rungen&ldquo; und &bdquo;Lernschw&auml;chen&ldquo; n&auml;hme allgemein zu&hellip;<\/strong><\/p><p>Nun, ob dem wirklich so ist und die Probleme und Schwierigkeiten zunehmen oder ob es eher unsere Sensibilit&auml;t f&uuml;r Abweichungen von der Norm ist, die mehr und mehr zugenommen hat, ist schwer zu sagen. <\/p><p>Festzuhalten ist jedenfalls: Wir haben f&uuml;r die Vergangenheit keine belastbaren Vergleichsdaten. Und wir haben auch keine inhaltlich begr&uuml;ndeten Schwellenwerte: Was akzeptieren wir noch als Abweichung innerhalb der normalen Streuung und was klassifizieren wir als &bdquo;Schw&auml;che&ldquo; oder &bdquo;St&ouml;rung&ldquo;? Weil man keine inhaltlichen Kriterien hat, macht man den Schnitt nach statistischen Gesichtspunkten &ndash; meist irgendwo zwischen 5 und 15 Prozent einer Altersgruppe.<\/p><p>Die vorhandenen Schwellenwerte sind also das Resultat statistischer Normierungen und insofern willk&uuml;rlich. In Summe sorgen sie dann daf&uuml;r, dass Kinder und Jugendliche schon allein deshalb als &bdquo;gest&ouml;rt&ldquo; oder &bdquo;krank&ldquo; etikettiert werden, weil die Methode dies so impliziert. Inhaltlich tendiert der Aussagewert solcher Testierungen jedoch gegen Null. <\/p><p><strong>Sie bestreiten also, dass eine zunehmende Anzahl von Kindern besondere Schwierigkeiten hat?<\/strong><\/p><p>Wir wissen es einfach nicht. Zumindest nicht in dem Sinne, ob die zu beobachtenden Schwierigkeiten wirklich in den Kindern oder vielmehr in externen Bedingungen begr&uuml;ndet liegen. Auf alle F&auml;lle aber es gibt zu viele, die an unserem System scheitern, das alle &uuml;ber einen Kamm schert und das sich mit dem Anderssein schwer tut, ja es sogar pathologisiert. So nehmen die Diagnosen von &bdquo;St&ouml;rungen&ldquo; zum Teil dramatisch zu, denken Sie nur an ADHS. Aber ob die tats&auml;chlichen Probleme zugenommen haben oder ob wir einfach empfindlicher, vielleicht auch p&auml;dagogisch aufmerksamer geworden sind, ist schwer zu sagen. <\/p><p>Und noch eines: Wie ein abweichendes Verhalten zu bewerten ist, h&auml;ngt von den konkreten Anforderungen ab. So gilt Autismus beispielsweise als eine St&ouml;rung. Aber gerade war zu lesen, dass u. a. die Softwarefirma ORACLE speziell Autisten f&uuml;r ihre Programmierabteilung sucht. Was in Situation A als &bdquo;Schw&auml;che&ldquo; erlebt wird, kann also im Kontext B pl&ouml;tzlich eine St&auml;rke sein. Ich m&ouml;chte nicht wissen, wie viele Pop-Musikerinnen und Rock-Musiker in ihrer Kindheit als &ldquo;hyperaktiv&ldquo; aufgefallen sind. Wir m&uuml;ssen lernen, die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen, und wir m&uuml;ssen ihnen helfen, das Beste aus ihren je besonderen M&ouml;glichkeiten zu machen.<\/p><p>Der verbreitete &bdquo;Defizitblick&ldquo; lenkt zum einen von den stets mannigfach vorhandenen St&auml;rken und Ressourcen ab. Zum anderen aber erlaubt er der Gesellschaft und der Schule schlicht zu einfach, sich aus der eigenen Verantwortung f&uuml;r die Entwicklung junger Menschen zu stehlen. Dann sind einfach diese selbst verantwortlich f&uuml;r ihr Scheitern, weil eben &bdquo;krank&ldquo; oder &bdquo;anders&ldquo; oder &bdquo;gest&ouml;rt&ldquo;. <\/p><p><strong>Ihr Fachgebiet ist der Schriftspracherwerb. Sie kritisieren vor allem die Diagnose von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten als &bdquo;Legasthenie&ldquo;. Wieso?<\/strong><\/p><p>Nun, mit dem Rechtschreibk&ouml;nnen ist es wie mit allen anderen menschlichen Leistungen auch: Sie streuen breit und die Unterschiede sind gradueller Art. Schnitte auf diesem Kontinuum, um &bdquo;die Normalen&ldquo; von &bdquo;den Rechtschreibschwachen&ldquo; zu trennen, sind immer willk&uuml;rlich. So greift auch die LRS-Forschung auf statistische Kriterien zur&uuml;ck &ndash; rein formale Schwellenwerte, die immer &bdquo;schwache&ldquo; Rechtschreiber produzieren, egal, wie gut die untere Leistungsgruppe tats&auml;chlich schreiben kann und wo genau eventuelle Probleme liegen. <\/p><p>Und auch die Forschung der letzten 50 Jahren zur so genannten &bdquo;Legasthenie&ldquo; &ndash; also der erwartungswidrigen Lese-\/Rechtschreibschw&auml;che &ndash; hat gezeigt, dass es keine klaren Kriterien gibt, um eine solche Teilgruppe zu unterschieden, die &bdquo;anders&ldquo; ist und die eine spezielle F&ouml;rderung braucht. Fakt ist vielmehr: Je nach dem gew&auml;hlten Intelligenztest und seiner Kombination mit einem bestimmten Rechtschreibtest wird ein Kind entweder zum Legastheniker oder eben nicht. <\/p><p>Die methodische Kritik an den Kriterien, die solchen &bdquo;Diagnosen&ldquo; zugrunde gelegt werden, ist das eine. Das andere sind deren Wirkungen auf die Beteiligten, wenn eine Schwierigkeit zur &bdquo;Eigenschaft&ldquo; erkl&auml;rt wird. Denn sind es wirklich unsere Kinder und Jugendlichen, die hier &bdquo;das Problem&ldquo; haben bzw. sind? Ich meine: nein. Und zwar unter anderem aufgrund der schlichten Beobachtung, dass je nach Unterricht entsprechend klassifizierte Kinder und Jugendliche entweder gr&ouml;&szlig;ere Probleme bekommen oder aber gar nicht weiter auffallen! <\/p><p><strong>Nun wird aber seit einiger Zeit in vielen Medien ein dramatischer Leistungsverfall in den Schulen beklagt &ndash; insbesondere in Bezug auf die Rechtschreibf&auml;higkeiten von Kindern und Jugendlichen&hellip; Ein Sachverhalt, der ihrer Perspektive ja wohl deutlich widerspricht?<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich gibt es zu viele Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, die mit der Rechtschreibung ernste Probleme haben. Aber die schulischen Leistungen vor 20 oder 50 Jahren werden dabei leider allzu sehr verkl&auml;rt. Ein gutes Dutzend Untersuchungen gibt es aus dieser Zeit &ndash; mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen allerdings. Einen allgemeinen &bdquo;Verfall&ldquo; der Rechtschreibf&auml;higkeit kann man mit diesen nicht belegen.<\/p><p><strong>Woher aber kommt die Rede vom dramatischen Rechtschreibverfall dann?<\/strong><\/p><p>Nun, zu allererst wohl daher, dass die vorhandenen Studien einfach selektiv betrachtet werden. Da sind zum einen die erfassten Zeitr&auml;ume und Altersgruppen verschieden. Und da wurde die Rechtschreibleistung zum anderen &uuml;ber unterschiedliche Aufgaben erhoben: &uuml;ber Diktate oder Aufs&auml;tze. Au&szlig;erdem beziehen einige, wie beispielsweise die viel zitierte Steinig-Studie, gerade einmal ein Dutzend Klassen mit ein. Da spielt dann nat&uuml;rlich der Zufall eine sehr gro&szlig;e Rolle. Die wenigen Repr&auml;sentativstudien, die es gibt, zeigen jedoch tats&auml;chlich nur geringe Ver&auml;nderungen.<\/p><p><strong>Aber es gibt doch Kinder, die besondere Unterst&uuml;tzung brauchen! Wir sprachen vorhin &uuml;ber sie&hellip;<\/strong><\/p><p>In der Tat, aber sie brauchen eben eine jeweils besondere Unterst&uuml;tzung, etwas, das man f&uuml;r sie <em>tut<\/em> &ndash; jenseits aller Diagnostiziererei. Statt also im Hirn, den Genen oder etwa dem Charakter der jungen Menschen nach einer Eigenschaft wie &bdquo;Rechtschreibschw&auml;che&ldquo; zu suchen, sollten wir lieber im Unterricht darauf achten, welche konkreten Probleme einzelne Kinder haben. Und da gibt es durchaus einige typische Stolperstellen. Denn unser Schriftsystem ist sehr komplex. Das k&ouml;nnen sich die Kinder nur schrittweise aneignen &ndash; wie schon die Muttersprache. So kommt es zu typischen Fehlern: Buchstabenverdrehungen, Skelettschreibungen wie FTR, Lautumschriften wie FATA, &Uuml;bergeneralisierungen wie OPER analog zu VATER&hellip; Alle diese Fehler sind f&uuml;r bestimmte Phasen des Rechtschreiberwerbs charakteristisch. Sie erscheinen nur bei verschiedenen Kindern zu ganz verschiedenen Zeitpunkten.<\/p><p><strong>Und die Kinder machen diese Phasen nur nicht alle zur gleichen Zeit und synchron zueinander durch&hellip;?<\/strong><\/p><p>Genau. Und das k&ouml;nnen sie leider aktuell auch noch nicht, denn Rechtschreibschw&auml;che ist eben auch logische Folge unseres auf Gleichschritt und Selektion orientierten Schulsystems. Wenn Schulanf&auml;nger sich in ihren fachlich relevanten Voraussetzungen um drei bis vier Entwicklungsjahre unterscheiden, aber im Unterricht zum gleichen Zeitpunkt mit denselben Anforderungen konfrontiert werden, dann f&uuml;hrt diese Fehlpassung zu St&ouml;rungen des Lernprozesses. Diese wiederum haben negative Folgen f&uuml;r das sich entwickelnde K&ouml;nnen derjenigen, die permanent &uuml;berfordert werden. Und selbst wenn sie vergleichbare Fortschritte machen wie ihre Mitsch&uuml;lerinnen und -sch&uuml;ler, die g&uuml;nstigere Voraussetzungen mitgebracht haben, bleiben sie unterdurchschnittlich und damit &bdquo;schwach&ldquo;. Denn Leistung wird in unserem System nicht danach bewertet, was jemand aus seinen M&ouml;glichkeiten macht, sondern wie er oder sie im Vergleich mit anderen abschneidet &ndash; egal mit welchen Voraussetzungen die einzelnen an den Start gegangen sind. Wenn dann noch der Druck von Zuhause zunimmt, oft aus wohlmeinender Sorge um die Zukunft des einzigen Kindes, dann haben wir einen Teufelskreis. Unter dem leiden gerade die sog. &bdquo;Schw&auml;cheren&ldquo;, und es kommt zu all&lsquo; den Symptomen, die wir als Schulangst, als Verweigerung, Depressivit&auml;t usw. kennen.<\/p><p><strong>Also m&uuml;sste sich die Leistungsbewertung &auml;ndern?<\/strong><\/p><p>Ja, aber die Lehrenden sitzen in einer Falle: Aus p&auml;dagogischen Gr&uuml;nden m&uuml;ssten sie jedem einzelnen Kind erm&ouml;glichen, seinen n&auml;chsten Schritt zu tun und dann diesen Lernfortschritt bewerten; angesichts drohender Selektion sind sie gezwungen zu beschleunigen und damit oft zu &uuml;berfordern. Zugleich wissen sie, dass ein eventuell &uuml;berdurchschnittlicher Fortschritt dieses Kindes bedeutet, dass ein anderes in der relativen Rangreihe zur&uuml;ckf&auml;llt und, statistisch gesehen, zum &bdquo;schwachen&ldquo; Rechtschreiber wird.<\/p><p><strong>Und wie s&auml;he ein Weg aus den Problemen beim Lesen- und Schreiben-Lernen Ihrer Meinung nach aus?<\/strong><\/p><p>Zum einen wird die vergleichende Leistungsbewertung mit Ziffernnoten den individuellen Lernfortschritten nicht gerecht. Die Anforderungen sind f&uuml;r alle gleich. Aber unser Pr&uuml;fungssystem muss flexibler werden. Wie beim F&uuml;hrerschein: Da sind die Kriterien klar definiert, aber die eine macht nach 15 Fahrstunden die Pr&uuml;fung, der andere nach 25. Es gibt Grund- und Sekundarschulen, z. B. im Verbund der Reformschulen &bdquo;Blick &uuml;ber den Zaun&ldquo;, die analog ihren Unterricht modularisieren. Also Verzicht auf den Gleichschritt, der den Konkurrenzdruck verst&auml;rkt. Stattdessen individuellere Unterst&uuml;tzung.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das konkret?<\/strong><\/p><p>Oft k&ouml;nnen sich Kinder untereinander helfen. Aber mal mehr, mal weniger  brauchen sie besondere Unterst&uuml;tzung von den Lehrpersonen. Dann brauchen sie insbesondere mehr Aufmerksamkeit f&uuml;r ihre Entwicklungsschritte, zum Teil einfachere Aufgaben, manchmal besonders motivierende Anregungen, oft gezieltere methodische Hilfen, nicht selten auch klarere Absprachen &uuml;ber die Arbeitsorganisation. Und sie brauchen Anerkennung f&uuml;r ihre Fortschritte. Aber sie brauchen keinen anderen Unterricht oder gar statt seiner eine &bdquo;Therapie&ldquo;. Wie alle anderen Kinder auch brauchen sie Lehrende, die fachlich kompetent sind, aber den Unterricht nicht von der Fachsystematik her, sondern in Kenntnis der Lernlogik der Kinder entwickeln. Lehrende, die zentrale Teilleistungen kennen und im Blick behalten, aber F&ouml;rderung nicht auf deren isoliertes Training reduzieren. Lehrende, die nicht nur eine &bdquo;Methode&ldquo; kennen und nutzen, sondern &uuml;ber vielf&auml;ltige M&ouml;glichkeiten der Unterst&uuml;tzung verf&uuml;gen und die auch beobachten, ob diese f&uuml;r das betreffende Kind hilfreich sind. Und schlie&szlig;lich: Sie brauchen eine Lernumgebung, die als sozialer Raum gestaltet ist, mit individuell bedeutsamen Aktivit&auml;ten, in dem richtiges Schreiben Sinn macht, in dem aber auch Rechtschreibung und ihre Aneignung regelm&auml;&szlig;ig thematisiert werden.<\/p><p><em>Dr. Hans Br&uuml;gelmann, Fachreferent beim Grundschulverband, bis 2012 Professor f&uuml;r Erziehungswissenschaft an der Universit&auml;t Siegen, Autor verschiedener Fachb&uuml;cher, u. a. &ldquo;Schule verstehen und gestalten&rdquo; (Libelle 2005).<\/em><\/p><p>* <strong>Siehe: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/index-2013-25.html\">Spiegel &ndash; Die Rechtschreipkaterstrofe!<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen allgemeinen Verfall der Rechtschreibung oder gar der Rechtschreibf&auml;higkeit bei Kindern und Jugendlichen gibt es nicht, meint Hans Br&uuml;gelmann, bis 2012 Professor f&uuml;r Grundschulp&auml;dagogik und -didaktik an der Uni Siegen. 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