{"id":19213,"date":"2013-11-11T09:27:04","date_gmt":"2013-11-11T08:27:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19213"},"modified":"2015-10-12T14:19:47","modified_gmt":"2015-10-12T12:19:47","slug":"schwergewicht-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19213","title":{"rendered":"Schwergewicht Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Ende Oktober l&ouml;ste die Kritik des amerikanischen Finanzministeriums an den deutschen Export&uuml;bersch&uuml;ssen in Berlin Emp&ouml;rung aus.<br>\nDoch man sollte dem amerikanischen Finanzministerium dankbar daf&uuml;r sein, dass es &ouml;ffentlich zum Ausdruck brachte, was Deutschlands Partner nicht zu sagen wagen: &bdquo;Deutschland hatte w&auml;hrend der ganzen Eurozonen-Finanzkrise gro&szlig;e Zahlungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse&ldquo;. Und genau diese Sachlage &bdquo;verhinderte die Wiederherstellung gleichgewichtiger Zust&auml;nde&ldquo; in den anderen Eurol&auml;ndern bzw. f&uuml;hrte zu einer &bdquo;Deflationstendenz sowohl f&uuml;r die Eurozone als auch f&uuml;r die Weltwirtschaft&ldquo;.<br>\nAuch der IWF teilt diese Besorgnis. Doch der deutsche Finanzminister wies die amerikanische Kritik zur&uuml;ck und meinte, Zahlungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse seines Landes &bdquo;seien kein Grund zur Besorgnis &ndash; weder f&uuml;r Deutschland noch f&uuml;r die Eurozone noch f&uuml;r die Weltwirtschaft&ldquo;. <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/economie\/article\/2013\/11\/08\/pesante-allemagne_3510514_3234.html\">Beitrag von Martin Wolf in Le Monde<\/a>.<br>\nIns Deutsche &uuml;bertragen von <strong>Gerhard Kilper<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDiese Reaktion des deutschen Finanzministers war genau so vorhersehbar wie sie unhaltbar und falsch ist. Der &Uuml;berschuss Deutschlands, den der IWF in diesem Jahr auf 215 Mrd. Dollar (d.h. 159 Euro, fast genauso viel wie der &Uuml;berschuss Chinas) beziffert, ist in Wirklichkeit ein riesiges (makro&ouml;konomisches) Problem, in erster Linie f&uuml;r die k&uuml;nftige Entwicklung in der Eurozone.<\/p><p>&Uuml;bersch&uuml;sse im Export bedeuten nicht nur bessere Wettbewerbsf&auml;higkeit eines Landes, sie bedeuten auch &Uuml;berschuss seiner gesamtwirtschaftlichen Produktion im Verh&auml;ltnis zu seinen Gesamtausgaben. Die &Uuml;berschussl&auml;nder importieren dann diejenige Nachfrage, die sie selber nicht generieren k&ouml;nnen. <\/p><p>Solange die weltweite Nachfrage stark ist, stellte dieser Sachverhalt unter der Bedingung, dass von Defizitl&auml;ndern geborgte Gelder in wirtschaftliche Aktivit&auml;ten investiert werden, mit denen eingegangene Schulden bei F&auml;lligkeit zur&uuml;ckgezahlt werden k&ouml;nnen, kein Problem dar. Leider geschah dies selten, auch weil der Niedrigpreis-Importzufluss die Defizitl&auml;nder zu Investitionen in (international) nicht austauschbare Aktivit&auml;ten verf&uuml;hrte, die also nicht zur Schuldenr&uuml;ckzahlung taugen. <\/p><p>Im aktuellen wirtschaftlichen Kontext mit Zinss&auml;tzen nahe Null und einer chronisch defizit&auml;ren weltweiten G&uuml;ternachfrage ist der Import von Nachfrage durch &Uuml;berschussl&auml;nder mit protektionistischer Politik gleichzusetzen. Eine solche Politik des Export&uuml;berschusses versch&auml;rft die weltweite wirtschaftliche Schw&auml;chephase.<\/p><p>Es ist daher nicht &uuml;berraschend, dass im zweiten Trimester des Jahres 2013 das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone immer noch um 3,1% niedriger als bei seinem H&ouml;chststand vor der Krise war. <\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft der Eurozone, durch ihre Export&uuml;bersch&uuml;sse selbst in h&ouml;chstem Ma&szlig;e zahlungsf&auml;hig, untergr&auml;bt die Gesamtnachfrage anstatt sie zu beg&uuml;nstigen. Daher ist es auch nicht &uuml;berraschend, dass die Eurozone in Richtung Deflation gedr&uuml;ckt wird. Die letzte, auf das Jahr bezogene Eurozonen-Inflationsziffer, betrug 0,8%. <\/p><p>Aufgrund ihrer extremen Nachfrageschw&auml;che besteht f&uuml;r die Eurozone das Risiko, in eine deflationistische Falle &agrave; la Japan zu geraten und selbst nicht mehr imstande zu sein, ihre erforderlichen internen Wettbewerbsangleichungen durchf&uuml;hren zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Die von der Wirtschaftskrise betroffenen Eurozonenl&auml;nder sehen sich gezwungen, pure Deflationsentwicklung einfach akzeptieren zu m&uuml;ssen. Dies wird notwendigerweise zu einem hohen Arbeitslosenniveau f&uuml;hren und ihren tats&auml;chlichen Schuldenstand weiter erh&ouml;hen.<\/p><p><strong>Mythen<\/strong><\/p><p>Fatal ist, dass die in unter der F&uuml;hrung Deutschlands durchgesetzte Politik &ndash; aufgrund der zerst&ouml;rerischen Wirkung allgemein betriebener Haushalts-Austerit&auml;tspolitik &ndash; in der Eurozone zu solchen Ergebnisse f&uuml;hrt. <\/p><p>Jan In&rsquo;t Veld, &Ouml;konom bei der EU-Kommission, sch&auml;tzt in einem am 21.Oktober 2013 publizierten Text, dass das budget&auml;re G&uuml;rtel-enger-Schnallen zwischen 2011 und 2013 kumulierte Produktionsverluste in einer Gr&ouml;&szlig;enordnung Hvon 18% des j&auml;hrlichen Bruttoinlandsprodukts in Griechenland, von 9,7% in Spanien, 9,1% in Frankreich, 8,4% in Irland und von 8,1% des BIP in Deutschland zur Folge hatte.<\/p><p>Da die angeschlagenen Eurozonen-Krisenl&auml;nder ihre Au&szlig;enhandelsdefizite reduzieren und da das Hauptgl&auml;ubigerland Deutschland seine Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse beibeh&auml;lt, generiert die Eurozone insgesamt Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse. <\/p><p>Nach Berechnungen des IWF wird sich der Umschlag vom Au&szlig;enhandelsdefizit zum &Uuml;berschuss zwischen 2008 und 2015 auf 3,3% des Bruttoinlandsprodukts der Eurozone belaufen. Was nichts anderes als eine protektionistische Politik der Eurozone gegen&uuml;ber dem Rest der Welt bedeutet. <\/p><p>Doch wird es f&uuml;r die Eurozone unm&ouml;glich sein, (l&auml;ngerfristig) ihr Wachstum auf Exporte zu st&uuml;tzen, f&uuml;r den Erfolg einer solchen Politik ist das wirtschaftliches Gewicht der Eurozone zu gro&szlig;. <\/p><p>Die Eurozone muss zuvorderst ihre internen wirtschaftlichen Verwerfungen wieder auf Gleichgewichtspfad bringen. Nach Angaben der Wirtschaftlichen Weltperspektiven des IWF vom Oktober 2013 beruhte die bisherige Verbesserung der Eurozonen-Wettbewerbsf&auml;higkeit auf massivem Arbeitsplatzabbau und auf dem Einbruch der Binnen-Nachfrage. Letzterer half zwar den Krisenl&auml;ndern beim Abbau ihrer Au&szlig;enhandelsdefizite. Aber der &bdquo;Erfolg&ldquo; des Anpassungsprozesses wurde mit einer Wirtschaftskrise und mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit erkauft. Der IWF kann selbst unter diesen Bedingungen keine signifikante Reduktion der Netto-Schuldenlage der Krisenl&auml;nder erkennen.<\/p><p>All das wird jedoch in der &Ouml;ffentlichkeit als akzeptabel, w&uuml;nschenswert und sogar als moralisch angesehen, insgesamt jedenfalls als Erfolg. <\/p><p>Warum? <\/p><p>Weil man an bestimmte Mythen glaubt: <\/p><ol type=\"a\">\n<li>Die Krise sei eher durch staatliches Budget-Fehlverhalten als durch unverantwortliche, grenz&uuml;berschreitende Kredit-Zahlungsstr&ouml;me ausgel&ouml;st worden.<\/li>\n<li>Die Haushaltspolitik spiele bei der Regulierung der volkswirtschaftlichen Gesamtnachfrage &uuml;berhaupt keine Rolle.<\/li>\n<li>Die Ank&auml;ufe von Staatsanleihen durch die EZB (als Kreditgeber letzter Hand) stellten Schritte in die Hyperinflation dar.<\/li>\n<li>Und schlie&szlig;lich sei (bessere) Wettbewerbsf&auml;higkeit die Ursache von Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;ssen und nicht etwa ungen&uuml;gende (Binnen-) Gesamtnachfrage im Verh&auml;ltnis zum volkswirtschaftlichen Gesamtangebot.<\/li>\n<\/ol><p>Diese verbreiteten Mythen sind nicht ungef&auml;hrlich &ndash; weder f&uuml;r die Eurozone noch f&uuml;r die Weltwirtschaft.<\/p><p>Sie drohen f&uuml;r die schw&auml;chsten Eurozonen-L&auml;nder zur Falle f&uuml;r eine permanente Depression zu werden oder im Zeitablauf gar zur Katastrophe des Zusammenbruchs der EU-W&auml;hrungsunion selbst. <\/p><p>Im einen wie im anderen Fall wird das europ&auml;ische Projekt nicht mehr Symbol f&uuml;r Wohlstand, sondern Symbol f&uuml;r Armut sein. Welch eine tragische Entwicklung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Oktober l&ouml;ste die Kritik des amerikanischen Finanzministeriums an den deutschen Export&uuml;bersch&uuml;ssen in Berlin Emp&ouml;rung aus.<br \/> Doch man sollte dem amerikanischen Finanzministerium dankbar daf&uuml;r sein, dass es &ouml;ffentlich zum Ausdruck brachte, was Deutschlands Partner nicht zu sagen wagen: &bdquo;Deutschland hatte w&auml;hrend der ganzen Eurozonen-Finanzkrise gro&szlig;e Zahlungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse&ldquo;. 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