{"id":19225,"date":"2013-11-12T09:20:58","date_gmt":"2013-11-12T08:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19225"},"modified":"2015-10-12T14:23:21","modified_gmt":"2015-10-12T12:23:21","slug":"gustl-mollath-macht-braucht-kontrolle-wirksame-kontrolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19225","title":{"rendered":"Gustl Mollath &#8211; \u201eMacht braucht Kontrolle, wirksame Kontrolle\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Was in unserem Land in der Justiz, Politik, Bankenwirtschaft und der Psychiatrie abl&auml;uft, muss &ouml;ffentlich werden. Wir d&uuml;rfen dar&uuml;ber nicht l&auml;nger schweigen. Hinter der Fassade unseres demokratischen Rechtstaates herrschen Zust&auml;nde, die ihresgleichen suchen und die an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte gemahnen. Ich wei&szlig;, ich hatte Gl&uuml;ck. Gro&szlig;es Gl&uuml;ck. Nur durch den Einsatz und die Unterst&uuml;tzung vieler Menschen, die mein Schicksal nicht kalt gelassen hat und die sich auf eine unglaubliche Art f&uuml;r mich eingesetzt haben, bin ich nun in Freiheit. Nur durch die in meinem Fall zustande gekommene &Ouml;ffentlichkeit waren die Institutionen regelrecht dazu gezwungen, mich vor die T&uuml;r zu setzen. Aber: Meine nun wieder gewonnene Freiheit bedeutet f&uuml;r mich noch lange nicht, so frei zu sein, wie es alle anderen Mitb&uuml;rger sind. An mir h&auml;ngt ein gro&szlig;er Makel. Diesen Makel kann ich nur loswerden durch ein ordentliches Wiederaufnahmeverfahren, das jetzt immerhin wahrscheinlich geworden ist. Von <strong>Gustl Mollath<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1958\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19225-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131112_Gustl_Mollath_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131112_Gustl_Mollath_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131112_Gustl_Mollath_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131112_Gustl_Mollath_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=19225-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131112_Gustl_Mollath_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"131112_Gustl_Mollath_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Der Text ist ein exklusiver Auszug aus dem Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/staatsversagen-auf-hoechster-ebene.html#.Une7YhDhGSo\">Staatsversagen auf h&ouml;chster Ebene. Was sich nach dem Fall Mollath &auml;ndern muss<\/a>&ldquo; (Westend Verlag, 208 Seiten, 12,99 Euro), das heute erschienen ist. Die Autoren, Experten aus Justiz, Psychiatrie, Politik, Medizin und Medien, nehmen sich der Aff&auml;re Mollath an, denken aber &uuml;ber den Einzelfall hinaus und verdeutlichen: Die Missst&auml;nde in Justiz und Psychiatrie sind gro&szlig;. Kann es wirklich jedem passieren, pl&ouml;tzlich weggesperrt zu werden?<\/em><\/p><p>Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Gesetze in Deutschland sind mitnichten schlecht. Sie sind sogar &uuml;berwiegend dazu angetan, f&uuml;r ein friedliches Gemeinwesen zu sorgen und vor &Uuml;bergriffen zu sch&uuml;tzen. Nur: Was helfen die besten Gesetze, wenn diese hintergangen und missachtet werden und wenn es keinerlei tats&auml;chlich wirksame Kontrolle gibt, nur Pseudokontrollen?<\/p><p>In vielerlei Hinsicht gelten wir Deutsche als Vorbildnation. Auf unser Land setzen viele Menschen in der Welt ihre Hoffnung. Da darf es doch nicht sein, dass es unter unserem Sofa tats&auml;chlich ganz anders aussieht. <\/p><p>Ich habe immer erwartet und erwarte weiterhin, dass die Institutionen so arbeiten, wie es theoretisch die Gesetze vorgeben. Aber in meinem Fall fand genau das Gegenteil statt. <\/p><p>Ich erinnere mich noch genau daran, wie damals eine &Auml;rztin empfohlen hat, mich auf meinen Geisteszustand zu &uuml;berpr&uuml;fen. Schon war ein Richter vom Amtsgericht N&uuml;rnberg zur Stelle, der den entsprechenden Beschluss gefasst hat, gerade so, als w&auml;re es vorher schon abgesprochen gewesen. Damals war mir klar: Nun geht es um alles, nun geht es um mein Leben. Ich konnte mir damals schon vorstellen: Wenn Sie erst einmal in dieses R&auml;derwerk aus Justiz und Psychiatrie hineingeraten, kommen Sie nie mehr raus. Und das, was die Psychiatrie aus Ihnen m&ouml;glicherweise macht, was sie aus Ihnen machen kann, ist grausam. Am Ende ist nicht ausgeschlossen, dass Ihre eigene Mutter Sie nicht mehr wieder erkennt.<\/p><p>Wie Sie alle wissen: Ich war in der forensischen Psychiatrie. Dort kommen die Menschen hin, die angeblich Straftaten begangen haben, aber aufgrund einer angeblich psychischen St&ouml;rung nicht schuldf&auml;hig sind. <\/p><p>Die j&uuml;ngsten Mitgefangenen, die ich w&auml;hrend meiner zwangsweisen Unterbringung gesehen habe, waren fast noch Kinder, erst vierzehn Jahre alt. Was ich da mitbekommen musste, was mit diesen &raquo;Patienten&laquo; gemacht wurde, dar&uuml;ber kann ich nicht schweigen. Diese jungen Patienten wurden missbraucht, misshandelt &ndash; und das unter den Augen des Personals und der &Auml;rzteschaft. Wenn diesen Zust&auml;nden in der Psychiatrie nicht Einhalt geboten wird, dann handeln wir uns psychische Bomben ein. Die Jugendlichen, die in den Psychiatrien untergebracht sind, kommen teilweise aus diesem v&ouml;llig destruktiven Kreislauf nicht mehr heraus. Ich habe Mitgefangene, junge M&auml;dchen gesehen, die nicht zuletzt durch diese uns&auml;gliche Medikamentengabe zu regelrechten k&ouml;rperlichen und geistigen Monstern aufgedunsen sind, obwohl sie tief im Inneren ganz liebe, verletzliche, gef&uuml;hlvolle Menschen sind. Wie mit denen &uuml;ber Jahre und Jahrzehnte umgegangen wird, es ist uns&auml;glich. <\/p><p>Oft f&auml;ngt die Leidensgeschichte der jungen Menschen mit problematischen famili&auml;ren Umst&auml;nden an. Zuerst kommen sie zwangsweise in ein Kinderheim, unter Umst&auml;nden durchs Jugendamt getrennt von der Mutter, von den Eltern, von der ganzen Familie. Je nachdem dauert es nicht lange, bis sie im Alter von zw&ouml;lf oder vierzehn Jahren kriminalisiert sind und in der Forensik landen. Sie haben dann ein ganz schweres Schicksal, das sich h&auml;ufig &uuml;ber Jahre hinzieht. Um diese jungen Menschen k&uuml;mmert sich schlie&szlig;lich niemand mehr.<\/p><p>Sie stecken in einem System, einem geschlossenen System, das &uuml;ber die Deutungshoheit verf&uuml;gt. Das System bestimmt die Wahrheit. Das System bestimmt, ob die hier Eingeschlossenen gesund oder krank sind. Dieses System ist kein imagin&auml;res Etwas. Dieses System besteht aus vielen Personen, die es durch ihre Zusammenarbeit erst erm&ouml;glichen. Systeme der Unterdr&uuml;ckung, Systeme, in denen Menschen &uuml;ber andere herrschen, gab es schon immer. Macht braucht Kontrolle &ndash; und zwar wirksame Kontrolle. <\/p><p>Ich will damit nicht sagen, dass man einfach die Anstalten abschaffen soll. Kein Zweifel besteht doch darin, dass es Menschen gibt, die wirklich sehr gef&auml;hrlich sind, f&uuml;r sich und auch f&uuml;r die Allgemeinheit. Aber auch in diesen F&auml;llen bekleckert sich die Psychiatrie nicht gerade mit Ruhm. Immer wieder passiert es, dass gef&auml;hrliche Straft&auml;ter freigelassen werden und dann schlimme Straftaten begehen. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass ganz viele Fehldiagnosen gestellt werden. Einerseits werden Menschen, die eigentlich gesund sind, als krank diagnostiziert, andererseits werden Menschen, die tats&auml;chlich gest&ouml;rt sind, als gesund diagnostiziert. Fast hat man das Gef&uuml;hl, dass die betreffenden &Auml;rzte, wenn ihre Diagnose dann doch mal passt, einen Gl&uuml;ckstreffer gelandet haben. <\/p><p>Wenngleich ich nicht &uuml;ber das Wissen eines studierten Psychiaters verf&uuml;ge, so habe ich mir mittlerweile aber durchaus Kenntnisse angelesen. Innerhalb der Psychologie und Psychiatrie gibt es einen bekannten Problempunkt. Ich spreche hier vom sogenannten Best&auml;tigungsfehler. Um diesen Best&auml;tigungsfehler mit meinen eigenen Worten zu beschreiben: Sie haben als psychiatrischer Arzt, der eine Diagnose stellen soll, einen &raquo;Ersteindruck&laquo; vom Patienten. Dieser Ersteindruck mag auf einem Vorurteil beruhen. Aber das Problem ist, dass Sie, wenn auch nur unbewusst, dazu neigen werden, sich im Laufe der weiteren Diagnose und Behandlung Ihren Ersteindruck immer wieder zu best&auml;tigen. Damit will ich sagen: Es ist sehr schwierig f&uuml;r einen Arzt, sich selbst und seine Diagnose kritisch zu hinterfragen. <\/p><p>Dabei ist es doch genau die F&auml;higkeit zur selbstkritischen Hinterfragung, die einen seri&ouml;sen Wissenschaftler auszeichnet. Er muss bereit sein, seine eigenen Erkenntnisse, seine eigenen &Uuml;berzeugungen und seine eigenen Ma&szlig;st&auml;be selbst immer wieder kritisch zu &uuml;berpr&uuml;fen und gegebenenfalls auch neu zu bewerten. Gerade in der Psychiatrie ist das aber kaum der Fall. Am einfachsten kann man sich wohl in der Psychiatrie bewegen, wenn man seine eigenen Diagnosen erst gar nicht kritisch analysiert. <\/p><p>Wissen Sie, ein psychiatrischer Gutachter verdient recht viel Geld, wenn er wei&szlig;, was die, die bei ihm Gutachten in Auftrag geben, von ihm erwarten und m&ouml;chten. Einer dieser Gutachter, der auch in meinem Fall eine Rolle spielt, sagte vor einiger Zeit in eine Fernsehkamera: &raquo;Ein Gutachter muss die Sprache der Richter verstehen.&laquo; Das k&ouml;nnen Sie jetzt interpretieren, wie Sie wollen. <\/p><p>Es gibt Gutachter, die verf&uuml;gen wirklich nur &uuml;ber sehr unzureichende fachliche F&auml;higkeiten. Wenn sich solch ein Gutachter dann auch noch nicht weiter um Recht und Gesetz schert, wenn ihm der Proband letztlich auch noch als Mensch egal ist und er vor allem darauf erpicht ist, dem Richter nach dem Mund zu schreiben, dann kommt das heraus, was als Gef&auml;lligkeitsgutachten bekannt ist. <\/p><p>In meinem Fall gehe ich schon davon aus, dass ich Opfer von Gef&auml;lligkeitsgutachten geworden bin. Und ich will Ihnen sagen, wie es ist: In der Psychiatrie gibt es Scharlatane!<\/p><p>Es ist zwingend notwendig, gr&uuml;ndlich hinter die Kulissen zu blicken. Man muss die Wahrheit verlangen, um ein h&ouml;chstm&ouml;gliches Ma&szlig; an Transparenz zu erreichen. Geschieht dies nicht, geht es auf unser aller Kosten. Im Moment ist es so, dass jeder B&uuml;rger Opfer des psychiatrischen Systems werden kann.<\/p><p><em><strong>Hinweis:<\/strong> <a href=\"http:\/\/bewegung.taz.de\/termine\/staatsversagen-auf-hoechster-ebene-was-sich-nach-dem-fall-gustl-mollath-aendern-muss\">Heute Abend<\/a> um 19 Uhr stellen der Autor und Wirtschaftskriminologe Hans See und der taz-Redakteur Kai Schlieter das Buch im Berliner taz Caf&eacute; vor.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was in unserem Land in der Justiz, Politik, Bankenwirtschaft und der Psychiatrie abl&auml;uft, muss &ouml;ffentlich werden. Wir d&uuml;rfen dar&uuml;ber nicht l&auml;nger schweigen. Hinter der Fassade unseres demokratischen Rechtstaates herrschen Zust&auml;nde, die ihresgleichen suchen und die an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte gemahnen. Ich wei&szlig;, ich hatte Gl&uuml;ck. Gro&szlig;es Gl&uuml;ck. 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