{"id":19237,"date":"2013-11-13T09:14:45","date_gmt":"2013-11-13T08:14:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19237"},"modified":"2015-10-12T14:27:13","modified_gmt":"2015-10-12T12:27:13","slug":"spd-wozu-eigentlich-einen-parteitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19237","title":{"rendered":"SPD: Wozu eigentlich einen Parteitag?"},"content":{"rendered":"<p>Vom kommenden Donnerstag bis zum Samstag findet in Leipzig der ordentliche Bundesparteitag der SPD statt. Das ist eine Nachricht! Kaum jemals hat ein Parteitag so wenig Aufmerksamkeit in den Medien gefunden. Der Grund ist ausnahmsweise nicht eine b&ouml;sartige Medienblockade. Nein, die t&auml;glichen &bdquo;Wasserstandsmeldungen&ldquo; &uuml;ber die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU\/CSU und SPD sind tats&auml;chlich f&uuml;r die zuk&uuml;nftige Politik im Lande viel wichtiger als irgendwelche Antr&auml;ge, mit denen ein Parteitag selbst einer h&ouml;chst wahrscheinlich in die Regierung eintretenden Partei die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spd.de\/partei\/parteitag\/111294\/20131104_parteitag_leipzig_ankuendigung.html\">Weichen f&uuml;r die Zukunft<\/a>&ldquo; stellen will. Was interessiert schon die Weichenstellung der SPD f&uuml;r eine ferne Zukunft, wenn in der Gegenwart die f&uuml;hrenden Sozialdemokraten in Koalitionsverhandlungen &uuml;ber die praktische Politik der n&auml;chsten vier Jahre entscheiden. Da ist selbst die Ank&uuml;ndigung im Wahlkampf 2017 die &bdquo;Ausschlie&szlig;eritis&ldquo; gegen&uuml;ber der Linkspartei aufgeben zu wollen nur Wokenkuckucksheim. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDabei scheint dieser ordentliche Parteitag ein ganz normaler zu sein. Die Tagesordnung gleicht <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/102392\/20131114_bundesparteitag.html\">allen fr&uuml;heren<\/a>. Da gibt es eine Rede von Peer Steinbr&uuml;ck (der nicht mehr als Kanzlerkandidat tituliert wird), damit die Partei ihm nochmals f&uuml;r seinen unerm&uuml;dlichen Einsatz applaudieren kann. Nat&uuml;rlich h&auml;lt der Parteivorsitzende Gabriel eine Grundsatzrede. Und man hat einen prominenten Gast, Enrico Letta, den Ministerpr&auml;sidenten Italiens als Gastredner eingeladen, um im Hinblick auf die Europawahlen im n&auml;chsten Jahr europapolitisches Flair auszustrahlen. Es gibt die &uuml;blichen Formalien und die turnusgem&auml;&szlig; anstehenden Wahlen &bdquo;der\/des Parteivorsitzenden&ldquo;, der stellvertretenden Vorsitzenden, &bdquo;des\/der Schatzmeister\/in&ldquo; und &bdquo;des\/der Generalsekret&auml;r\/in&ldquo;.<br>\nAuch der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier kommt wie &uuml;blich am zweiten Tag zu Wort. Und dann gibt es nat&uuml;rlich noch die Antragsberatungen.   <\/p><p>Nicht einmal, die sonst so beliebten Personalspekulationen, l&ouml;sen diesmal auch nur das geringste Interesse aus. Bei den Stellvertretenden Vorsitzenden macht der amtsm&uuml;de Klaus Wowereit, dem Hessen Thorsten Sch&auml;fer-G&uuml;mbel Platz. Sonst bleibt alles beim Alten.<br>\nAuch bei den weiteren Mitgliedern des Vorstandes gibt es keine spektakul&auml;ren Personalwechsel, so scheiden etwa Julian Nida-R&uuml;melin, Zulfiye Kaykin, Nadja L&uuml;ders und der erkrankte Mathias Platzeck aus.  Politisch gro&szlig; in Erscheinung getreten waren sie in ihrer Amtszeit ohnehin nicht.  <\/p><p>Wer w&uuml;rde schon erwarten schon, dass der wieder kandidierende Vorsitzende Sigmar Gabriel, derzeit Verhandlungsf&uuml;hrer in den Koalitionsgespr&auml;chen, von den Delegierten abgestraft oder gar aus dem Sattel gehoben w&uuml;rde. Im Gegenteil: Die Delegierten werden ihm diszipliniert den R&uuml;cken st&auml;rken. Allenfalls hinter den Kulissen wird man &uuml;ber die Generalsekret&auml;rin Andrea Nahles l&auml;stern und sich fragen, warum man sie in ihrem Amt best&auml;tigen sollte. Nein, nicht deswegen, weil man mit ihrer Wahlkampff&uuml;hrung unzufrieden war, sondern weil sie den Posten der Generalsekret&auml;rin mit Sicherheit wieder aufgeben wird, wenn sie in ein paar Tagen als Ministerin ins Kabinett einziehen d&uuml;rfte. <\/p><p>Einen Parteitag abzuhalten, w&auml;hrend gleichzeitig Koalitionsverhandlungen laufen, einen besseren Zeitpunkt f&uuml;r eine Garantie, dass die Parteif&uuml;hrung mit gro&szlig;er Mehrheit best&auml;tigt wird, gibt es nicht. Schlie&szlig;lich sind sich Sozialdemokraten ihrer staatspolitischen Verantwortung bewusst und werden ihrer F&uuml;hrung den R&uuml;cken f&uuml;r die Gespr&auml;che mit der CDU\/CSU st&auml;rken.<\/p><p>Und damit sich auch blo&szlig; keine Debatte dar&uuml;ber entz&uuml;ndet, ob diese Koalitionsverhandlungen &uuml;berhaupt einen Sinn machen und ob eine Gro&szlig;e Koalition die Partei nicht noch weiter dem Abgrund entgegen treibt, hat man vor dem Parteitag noch ein bisschen Dramatik bei den bisher so friedlich verlaufenden Koalitionsgespr&auml;che inszeniert. Nahles verk&uuml;ndete aufr&uuml;ttelnd, dass es in einigen Arbeitsgruppen <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/bundestagswahl\/schwierige-koalitionsverhandlungen-cdu-und-csu-streiten-nun-auch-ueber-volksentscheide-12661426.html\">&bdquo;ernsthafte Probleme&ldquo; gebe<\/a>. Einige dieser Gespr&auml;che sind sogar abgebrochen worden und es gab sogar Drohungen von Seiten einer sozialdemokratischen Verhandlungsf&uuml;hrerin, n&auml;mlich von Manuela Schwesig, dass man unter diesen Umst&auml;nden den SPD-Mitgliedern nicht empfehlen k&ouml;nne, einer Koalitionsvereinbarung zuzustimmen. Dass die zur Schau getragenen Streitpunkte nur &bdquo;Theaterdonner&ldquo; vor dem Parteitag sei, hat die Generalsekret&auml;rin nat&uuml;rlich strikt zur&uuml;ckgewiesen. Nach dem Parteitag wird sich vermutlich das Schauspiel schon wieder auf sein Happy End zu bewegen.<\/p><p>Das Antragsbuch ist mit fast 300 Seiten so dick wie es sich halt f&uuml;r <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/scalableImageBlob\/111082\/data\/20131029_antragsbuch_bpt13-data.pdf\">einen ordentlichen Parteitag der SPD geh&ouml;rt [PDF &ndash; 4.9 MB]<\/a>. <\/p><p>Man ist es zwar von fr&uuml;heren Parteitagen gewohnt, dass die Antragskommission vorher jeden gegen&uuml;ber der Parteif&uuml;hrung widerspenstigen Antrag glattb&uuml;gelt. Aber diesmal muss sich jeder Antragssteller geradezu veralbert f&uuml;hlen, er die Empfehlungen der Antragskommission zu den oft unter viel Arbeit und innerparteilichem Streit zustande gekommenen Antr&auml;gen liest. Nur ein gutes Dutzend nicht unwichtige, aber f&uuml;r den politischen Kurs insgesamt belanglose Antr&auml;ge, wie etwa die Aufnahme afghanischer Ortskr&auml;fte, die Neuregelung der Pensionsanspr&uuml;che von Bundespr&auml;sidenten oder zur Sicherung der Menschenw&uuml;rde in der digitalen Gesellschaft werden von den Parteioberen zur Annahme empfohlen. <\/p><p>Antr&auml;ge zum Kindergeld, zur k&uuml;nftigen Urwahl des Kanzlerkandidaten, zur Einf&uuml;hrung einer Plastikt&uuml;tensteuer oder zur Abschaffung der Winterzeit wurden von der Antragskommission abgelehnt. Dass es aber gerade dar&uuml;ber zu Kontroversen kommt, ist kaum zu erwarten und w&auml;re auch komisch.<\/p><p>Bei den Antr&auml;gen, wo es tats&auml;chlich zu einer Debatte kommen k&ouml;nnte, verweist die Antragskommission auf den Leitantrag des Parteivorstandes.<\/p><p>Gef&uuml;hlte 99 Prozent der Antr&auml;ge aus dem Antragsbuch werden  laut Empfehlung der Antragskommission an die Landtagsfraktionen, an die Bundestagsfraktion, an den Parteivorstand, an Parteikommissionen oder an die SPD-Abgeordneten im Europ&auml;ischen Parlament &uuml;berwiesen. Oder sie werden durch schon gestellte Antr&auml;ge der Bundestagsfraktion, durch den Beschluss des Parteikonvents vor wenigen Tagen und ganz &uuml;berwiegend durch das im August beschlossenen &bdquo;Regierungsprogramm&ldquo; f&uuml;r erledigt erkl&auml;rt.<\/p><p>Waren seit der Verabschiedung dieses &bdquo;Regierungsprogramms&ldquo; und dem jetzigen ordentlichen Parteitag nicht etwa Wahlen? Und hat die SPD &ndash; sicherlich nicht nur wegen dieses &bdquo;Regierungsprogramms&ldquo;, aber auch deshalb &ndash; nicht ihr zweitschlechtestes Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte eingefahren? Gibt es nach dem Scheitern von Rot-Gr&uuml;n etwa keinen Bedarf f&uuml;r eine Debatte &uuml;ber dieses Programm oder f&uuml;r eine Neuaufstellung der SPD?  Lassen sich die Delegierten durch das Abschieben ihre Antr&auml;ge auf die lange Bank oder durch den Verweis auf die Beschlusslage tats&auml;chlich entm&uuml;ndigen und finden sie sich mit der Wahlniederlage ihrer Partei einfach nur noch apathisch ab? Ist Kritik und Selbstkritik, Lernen aus der bitteren Erfahrung nicht mehr n&ouml;tig oder kurz: gelten politische Debatten und das Ringen um neue Wege auf SPD-Parteitagen inzwischen als Versto&szlig; gegen die Parteidisziplin? <\/p><p>Lie&szlig;en sich die Delegierten diesen obrigkeitsh&ouml;rigen Umgang mit ihren Antr&auml;gen bieten, w&auml;re das ein Trauerspiel f&uuml;r eine sich nach au&szlig;en so basisbezogen gebende Partei. Zur Groteske w&uuml;rde diese Veranstaltung aber, wenn niemand daran Ansto&szlig; n&auml;hme, dass auf einem Parteitag &uuml;ber Antr&auml;ge auf nahezu allen Politikfeldern, von der Arbeitsmarkt- &uuml;ber die Au&szlig;en-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik, &uuml;ber die Bildungs-, Sozial-, Gesundheits-, Steuer- bis hin zur Europapolitik diskutiert und beschlossen werden w&uuml;rde und gleichzeitig oder wenige Tage danach in einer Koalitionsvereinbarung von diesen Beschl&uuml;ssen kaum etwas &uuml;brig bliebe, ja m&ouml;glicherweise sogar das genaue Gegenteil die praktische Politik auch des erneut gew&auml;hlten Parteivorsitzenden, der Generalsekret&auml;rin oder der SPD-Vorstandsmitglieder als Minister oder Staatssekret&auml;re f&uuml;r die kommenden vier Jahre bestimmen k&ouml;nnte.<\/p><p>Eine Diskussion &uuml;ber rote Linien bei den Koalitionsverhandlungen oder gar dar&uuml;ber, ob eine Gro&szlig;e Koalition von den Delegierten &uuml;berhaupt erw&uuml;nscht ist, scheint selbstverst&auml;ndlich tabu. So kann man dann wenigstens im Vorfeld des Mitgliederentscheids verk&uuml;nden, dass selbst der Parteitag die zustimmende Linie des Parteikonvents und die Verhandlungspositionen der SPD-Emiss&auml;re in den Gespr&auml;chen unterst&uuml;tzt, jedenfalls aber nichts gegen eine Gro&szlig;e Koalition eingewandt habe. <\/p><p>Das nennt man dann wohl eine gelungene Parteitagsstrategie der Parteif&uuml;hrung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom kommenden Donnerstag bis zum Samstag findet in Leipzig der ordentliche Bundesparteitag der SPD statt. Das ist eine Nachricht! Kaum jemals hat ein Parteitag so wenig Aufmerksamkeit in den Medien gefunden. Der Grund ist ausnahmsweise nicht eine b&ouml;sartige Medienblockade. 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