{"id":193,"date":"2005-06-10T16:21:34","date_gmt":"2005-06-10T15:21:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=193"},"modified":"2016-03-13T15:57:38","modified_gmt":"2016-03-13T14:57:38","slug":"bisherige-dogmen-der-europapolitik-sollten-in-frage-gestellt-und-uberdacht-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=193","title":{"rendered":"Bisherige Dogmen der Europapolitik sollten in Frage gestellt und \u00fcberdacht werden"},"content":{"rendered":"<p>Zusammenfassender Bericht &uuml;ber einen Artikel des ehemaligen franz&ouml;sischen Au&szlig;enministers Hubert V&eacute;drine in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 9.6.2005 von Gerhard Kilper.<br>\n<!--more--><br>\nDer Aufstand der franz&ouml;sischen W&auml;hler am 22.5.2005 war ein &bdquo;kalter Mai 68&ldquo;, der sich allerdings schon lange vorher bei uns angek&uuml;ndigt hatte. Er zwingt uns, vorurteilslos und ohne Scheuklappen &uuml;ber unsere bisherige Wirtschafts-, Sozial- und Europapolitik nachzudenken.<br>\nWelche Gr&uuml;nde veranlassten die Franzosen, die EU-Verfassung abzulehnen? Welche politische Konsequenzen wird das &bdquo;Non&ldquo; haben und welches politische Handeln ist heute angesagt? Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Ablehnung sollten ehrlich analysiert werden, politische oder pers&ouml;nliche ad-hoc-Interpretationen wie bisher gen&uuml;gen nicht mehr. Das &bdquo;Non&ldquo; hatte sich &ndash; von den Politikern nicht zur Kenntnis genommen &ndash; schon mit den 49,2% Nein-Stimmen zum Maastricht-Vertrag angek&uuml;ndigt.<br>\nEine Europapolitik, die nur noch in Br&uuml;sseler Direktiven wahr genommen wird, mit denen &ndash; noch radikaler als in den USA &ndash; gleiche Marktverh&auml;ltnisse herstellt werden sollen, eine solche Europapolitik wird von den B&uuml;rgern nicht mehr akzeptiert. In der politischen Tradition Frankreichs waren Regeln oder Gesetze auch immer Ausdruck eines &bdquo;allgemeinen Willens&ldquo;. Die Europapolitik der EU-Kommission wird daher vom Gro&szlig;teil der W&auml;hlerschaft als ein bevormundender Affront angesehen und nicht weiter hingenommen.<\/p><p>Die europ&auml;ische Integration ist und bleibt f&uuml;r die Franzosen ein unbestrittenes und fortschrittliches politisches Ziel. Sie wird aber von den Leuten nicht mehr akzeptiert, wenn der Weg zur Erreichung dieses Ziels f&uuml;r den Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung zu einer wirtschaftlichen und sozialen Bedrohung wird. Die letzte Mega-EU-Erweiterung wurde von den Politikern als moralische Pflicht gegen&uuml;ber den demokratisch erneuerten Ostblock-L&auml;ndern verkauft und durchgesetzt, obwohl die EU-Volkswirtschaften gleichzeitig noch eine von Br&uuml;ssel dekretierte, versch&auml;rfte innere Liberalisierung und Markt&ouml;ffnungen im Rahmen der Globalisierung zu verkraften hatten und obwohl es schon seit geraumer Zeit Frankreich (und Deutschland) nicht mehr gelang, die eigene Arbeitslosigkeit auch nur einigerma&szlig;en in Griff zu bekommen.<br>\nZu all dem kam f&uuml;r die Mehrzahl der W&auml;hler das Gef&uuml;hl, von den selbst ernannten Eliten &uuml;berhaupt nicht mehr geh&ouml;rt oder ernst genommen zu werden. Am Ende wurde ihnen jetzt in Frankreich mit 15,422 Millionen Nein-Stimmen die Rechnung pr&auml;sentiert. Drei Tage sp&auml;ter folgte das niederl&auml;ndische Nein und gestern die Absage des britischen Referendums. Die Zur&uuml;ckweisung eines &bdquo;weiter so&ldquo; in der Europapolitik durch die B&uuml;rger ist kein franz&ouml;sisches Problem, sondern ein europ&auml;isches. Die Franzosen sind nicht &uuml;ber Nacht zu Anti-Europ&auml;ern geworden, ihr &bdquo;Non&ldquo; zur EU-Verfassung war Ausdruck des Gef&uuml;hls, durch Br&uuml;ssel demokratisch &bdquo;enteignet&ldquo; zu werden. Dazu war die Gleichg&uuml;ltigkeit und Arroganz der eigenen Politiker gegen&uuml;ber ihren berechtigten N&ouml;ten und &Auml;ngsten gekommen. <\/p><p>Es ist ein Paradox, dass die V&auml;ter der EU-Verfassung &ndash; wie &uuml;brigens auch ich &ndash; gemeint hatten, mit der Verfassung ein tragf&auml;higes Gleichgewicht zwischen der EU und den nationalen Besonderheiten der Mitgliedsstaaten gefunden zu haben. Viele linke W&auml;hler votierten mit ihrem &bdquo;Nein&ldquo; f&uuml;r den Schutz unseres bestehenden sozialen Netzes vor den zerst&ouml;rerischen Wirkungen der Globalisierung und der freien M&auml;rkte &ndash; denen sie sich nicht zuletzt durch Br&uuml;sseler Direktiven hilflos ausgeliefert sahen und sehen. Deswegen, und nicht weil sie den europ&auml;ischen Einigungsprozess nicht wollen, haben die Franzosen die EU-Verfassung abgelehnt.<br>\nWelche politischen Handlungsm&ouml;glichkeiten haben wir heute?<br>\nDie in Br&uuml;ssel in den letzten Tagen entworfenen Szenarien bringen keine wirklich tragf&auml;higen L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft. Die anderen Mitgliedsl&auml;nder k&ouml;nnen jetzt zwar weiter &uuml;ber die EU-Verfassung abstimmen und sie billigen. Aber nach internationalem Recht kann keinem Staat ein v&ouml;lkerrechtlicher Vertrag als geltendes Recht verordnet werden, dem er nicht zugestimmt hat. Nach der Vertrags-Ablehnung durch zwei EU-Gr&uuml;ndungsl&auml;nder haben daher weitere Abstimmungen &uuml;ber die EU-Verfassung in anderen Mitgliedsl&auml;ndern keinen Sinn mehr.<br>\nEs macht auch keinen Sinn, den Vertragstext den Franzosen und Niederl&auml;ndern nochmals zur Abstimmung vorzulegen. Das w&uuml;rde als Provokation aufgefasst und ein zweites Debakel w&auml;re voraussehbar. Erfolgreiche Neuverhandlungen sind wenig wahrscheinlich, da f&uuml;r einen neuen Verfassungstext die Zustimmung aller 25 EU-Partner n&ouml;tig w&auml;re. Eine demokratische L&ouml;sung der gegenw&auml;rtigen Krise k&ouml;nnte in einer st&auml;rkeren Rolle der nationalen Parlamente innerhalb der EU und in der Schaffung eines effizienteren Petitionsrechts (gegen EU-Direktiven) liegen. Der Vertrag von Nizza gilt rechtlich weiter. Er k&ouml;nnte durch eine verst&auml;rkte Zusammenarbeit interessierter Regierungen erg&auml;nzt werden. Kooperierende Regierungen haben auch weiterhin die M&ouml;glichkeit, gemeinsam auf europ&auml;ischer Ebene initiativ zu werden.<br>\nMan sollte zur urspr&uuml;nglichen politischen Konzeption Jacques Delors zur&uuml;ck kehren. Delors begriff die EU als Zusammenschluss selbst&auml;ndiger Staatsnationen mit eigenst&auml;ndigen Sozialstaatsmodellen. Vor neuen Entscheidungen m&uuml;ssten in der EU die Argumente eines jeden Mitgliedslandes sorgf&auml;ltiger zur Kenntnis genommen und abgewogen werden als bisher. Die bestehende EU mit kulturell unterschiedlichen V&ouml;lkern und Staaten muss zun&auml;chst weiter stabilisiert werden und man sollte nicht weiter so tun, als ob es diese V&ouml;lker und Staaten morgen nicht mehr geben werde. Ein weiterer Grund allgemeiner Verunsicherung und Beunruhigung sind die ausufernden, immer neuen Erweiterungspl&auml;ne. Hier sollte ein f&uuml;r allemal der Schluss gezogen werden, dass Europa politisch und geographisch bestimmte Grenzen hat. Die USA schlagen Nachbarn, mit denen sie enge politische und wirtschaftliche Beziehungen haben, auch nicht vor, sobald wie m&ouml;glich Bundesstaaten der USA zu werden. Man sollte seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und das Dogma unendlicher Integrationsoffenheit fallen lassen.<br>\nDie L&ouml;sung aller nationalen Probleme kann nicht von Europa erwartet werden, so wie Europa auch nicht f&uuml;r alle bestehenden nationalen Probleme verantwortlich gemacht werden kann. Unsere eigene nationale Politik muss genau definierte Ziele und einen politischen Willen haben, nach Wegen zur Durchsetzung einer solchen Politik zu suchen. Zur&uuml;ck zur gemeinsamen Europapolitik. Warum ist eigentlich der Chiracsche Plan gemeinsamer gro&szlig;er europ&auml;ischer Infrastrukturprojekte gescheitert? Neben gemeinsamen Infrastrukturprojekten sind l&auml;nder&uuml;bergreifende Projekte im universit&auml;ren, wissenschaftlichen, industriellen, sozialen, kulturellen, &ouml;kologischen und diplomatischen Bereich vorstellbar und realisierbar. Diese Projekte m&uuml;ssten inhaltlich und in den Schritten ihrer Umsetzung pr&auml;zisiert werden. F&uuml;r die ganze Euro-Zone w&auml;re eine harmonisierte und abgestimmte Wirtschaftspolitik denkbar, die sich auf Besch&auml;ftigung und Wachstum konzentriert und diese Ziele mit einer verbesserten &Ouml;kologie verbindet.<br>\nSozialpolitik wird zwar weiterhin eine Dom&auml;ne nationaler Politik bleiben, aber die 25 EU-L&auml;nder k&ouml;nnten sich auf Mindeststandards einigen, um in diesem Bereich innerhalb der WTO ein gr&ouml;&szlig;eres Gewicht gegen&uuml;ber den USA zu bekommen. Sozialreformen kann es nur mit einer innovativen Wirtschaftspolitik geben, die tats&auml;chlich neue Arbeitspl&auml;tze und damit neues Vertrauen f&uuml;r die Zukunft schafft. Verschlechterungen gegen&uuml;ber dem status quo werden die B&uuml;rger jedenfalls nicht akzeptieren.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassender Bericht &uuml;ber einen Artikel des ehemaligen franz&ouml;sischen Au&szlig;enministers Hubert V&eacute;drine in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 9.6.2005 von Gerhard Kilper.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,181,180],"tags":[530,1043],"class_list":["post-193","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-europapolitik","category-europaeische-vertraege","tag-buergerentscheid","tag-frankreich"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/193","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=193"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32082,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/193\/revisions\/32082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=193"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=193"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}