{"id":19331,"date":"2013-11-21T10:55:28","date_gmt":"2013-11-21T09:55:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19331"},"modified":"2019-07-05T10:54:31","modified_gmt":"2019-07-05T08:54:31","slug":"weimarer-verhaeltnisse-in-griechenland-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19331","title":{"rendered":"\u201eWeimarer Verh\u00e4ltnisse\u201c in Griechenland? Teil 3"},"content":{"rendered":"<p>In meiner Darstellung der Situation, die nach dem Mord an zwei Mitgliedern der neonazistischen Chrysi Avgi entstanden ist (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19136\">NachdenkSeiten vom 4. November<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19228\">12. November<\/a>) , mussten zwei Fragen offen bleiben. Zum einen gab es noch kein Bekennerschreiben, mit dem sich die T&auml;ter sichtbar gemacht h&auml;tten. Zum anderen gab es noch keine demoskopischen Umfragen, die erkennen lie&szlig;en, ob die Partei aus ihrer &bdquo;Opferrolle&ldquo; politisches Kapital schlagen kann. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf beide Fragen gibt es seit letztem Sonntag zumindest Elemente einer Antwort. Am 17. November wurde den Medien &uuml;ber eine Website (zougla.gr) ein 18-seitiges Bekennerschreiben zugespielt, in dem eine Gruppe namens &bdquo;Machomenes Laikes Epanastatikes Dynamis&ldquo; (K&auml;mpferische Revolution&auml;re Kr&auml;fte des Volkes) die Verantwortung f&uuml;r die bewaffnete Attacke auf das ChA-B&uuml;ro im Athener Stadtteil Neo Heraklion &uuml;bernimmt.<br>\nAn dieser Erkl&auml;rung sind vier Dinge auff&auml;llig. <\/p><p>Erstens benutzt die Gruppe einen &auml;hnlichen Namen wie jene Organisation, die sich zu den Sch&uuml;ssen auf die Parteizentrale der Nea Dimokratia vom 14. Januar dieses Jahres bekannt hatte. Die damalige Aktion war allerdings eher symbolischer Art: Die Attacke auf das ND-B&uuml;ro erfolgte in den fr&uuml;hen Morgenstunden, konnte also keine Menschenleben in Gefahr bringen. Auch deshalb hatte es im Januar Zweifel gegeben, ob es sich tats&auml;chlich um eine &bdquo;linksterroritische&ldquo; Aktion handelte &ndash; oder vielleicht um eine &bdquo;Provokation&ldquo;, die Sympathie f&uuml;r die Regierung Samaras erzeugen sollte.<\/p><p>Zweitens spielt die Erkl&auml;rung der &bdquo;Volksrevolution&auml;re&ldquo; mit allen Symbolen fr&uuml;herer terroristischer Gruppen, die fast schon klischeehaft anmuten: Die Ver&ouml;ffentlichung wurde auf den 17. November gelegt, das Datum des Athener Studentenaufstandsgegen die Junta-Herrschaft im Jahre 1973. Dieses Datum hatte sich auch die erste linksterroristische Gruppe zu eigen machte, die sie sich &bdquo;Revolution&auml;re Organisation 17. September&ldquo; nannte und von 1975 bis zu ihrer Zerschlagung 2002 zahlreiche Attentate mit ingesamt 23 Todesopfern ver&uuml;bt hat. Deponiert wurde die Erkl&auml;rung (auf einem USB-Stick) auf dem Gel&auml;nde des alten Schie&szlig;platzes von Kaiseriani, also an dem Ort, an dem die deutsche Besatzungsmacht zahlreiche griechische Widerstandsk&auml;mpfer exekutiert hat. Damit stellt sich die Gruppe in zwei Traditionslinien: die des Widerstands gegen die Milit&auml;rjunta, und die des Widerstands gegen die Nazi-Okkupation Griechenlands (1941-1944).<\/p><p>Drittens ist die Erkl&auml;rung eine Ansammlung aller erdenklichen linksterroristischen Begriffe und Slogans, die &uuml;beraus authentisch klingt, aber auch ohne weiteres von einem m&auml;&szlig;ig intelligenten Kopf aus fr&uuml;heren &bdquo;revolution&auml;ren&ldquo; Erkl&auml;rungen &auml;hnlicher Gruppen kompiliert sein k&ouml;nnte. Besonders auff&auml;llig ist die Berufung auf Symbole und  Ereignisse des griechischen B&uuml;rgerkriegs. Dazu zwei Beispiele: Die &bdquo;Chrysiavgites&ldquo; werden als &bdquo;Nachkommen&ldquo; der alten Nazi-Kollaborateure charakterisiert, die man &bdquo;ausrotten und in die neuen Brunnen des Typs Meligala werfen&ldquo; werde (&uuml;ber Meligala siehe meinen Beitrag vom 12. November). Eine weitere Ankn&uuml;pfung an die Rhetorik der 1940er-Jahre ist die fast w&ouml;rtliche &Uuml;bernahme eines kommunistischen Slogans aus dem griechischen B&uuml;rgerkrieg, als die Kommunisten das Symbol von Hammer und Sichel rhetorisch zu konkreten Waffen umgeschmiedet haben. Jetzt hei&szlig;t es in dem Text der &bdquo;Volksrevolution&auml;re&ldquo; in einer fast gen&uuml;sslich brutalen Sprache: &bdquo;&Ouml;ffnen wir ihnen (den Neonazis und ihren Helfern) die K&ouml;pfe mit dem Hammer, schneiden wir ihnen zur exemplarischen Bestrafung die H&auml;nde mit der Sichel ab.&ldquo; Wiederholt ist in der Ekl&auml;rung auch vom &bdquo;Abschaum der Chrysi Avgi&ldquo; die Rede, was derselbe Ausdruck (apovrasmata) ist, den die Neonazis regelm&auml;&szlig;ig  f&uuml;r ihre linken Gegner benutzen. Das ist bezeichnend f&uuml;r die durchgehend &bdquo;revanchistische&ldquo; Tonlage des Textes, der offen nach dem Muster &bdquo;Auge um Auge&ldquo; argumentiert und demonstrativ die &bdquo;historische&ldquo; Konfrontation des griechischen B&uuml;rgerkriegs fortschreibt.<\/p><p>Viertens ist auff&auml;llig, dass in dem Schreiben nicht ein einziges Detail erw&auml;hnt wird, das auf die Attacke von Neo Heraklion Bezug nimmt. In den meisten fr&uuml;heren Bekennerschreiben griechischer Terrorgruppen wurden solche Details erw&auml;hnt, um die &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; der Verfasser zu unterstreichen. <\/p><p>Besonders der dritte und der vierte Punkt lassen Spielraum f&uuml;r den Verdacht, dass es sich bei dem Schreiben nicht unbedingt um ein &bdquo;authentisches&ldquo; Dokument handeln muss. Manche Beobachter schlie&szlig;en nicht aus, dass die Erkl&auml;rung von rhetorischen Trittbrettfahrern stammen k&ouml;nnte. Damit w&auml;re allerdings noch nichts &uuml;ber die T&auml;ter gesagt, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in linksterroritischen Kreisen zu finden sind. Wobei offen ist, ob es sich um die Reste oder um eine neue Kombination von Gruppen handelt, die sich als zweite oder dritte Generation des originale &bdquo;17. November&ldquo; begreifen. Aber die &Ouml;ffentlichkeit wird nach diesem Bekennerschreiben noch aufmerksamer als zuvor beobachten, was die offiziellen Untersuchungen &uuml;ber den Fall ergeben. <\/p><p>Was die Wirkung der Mordtaten betrifft, so lassen die drei ersten Umfragen, die das Meinungsbild nach dem 1. November erfassen, eine beunruhigende Tendenz erkennen: Die Neonazis sind wieder im Aufwind. W&auml;hrens sie unmittelbar nach dem Mord an dem linken Rapper Fissas, als der T&auml;ter ein ChA-Mitglied war, an Zustimmung eingeb&uuml;&szlig;t hatten, legten sie im November wieder deutlich zu, ohne allerdings schon die Spitzenwerte vom September 2013 (zwischen 12 und 15 Prozent) zu erreichen. In zwei der Umfragen liegen sie knapp &uuml;ber, in einer knapp unter 10 Prozent.<\/p><p> In jedem Fall gehen die Wahlforscher &ndash; und die &uuml;brigen Parteien &ndash; davon aus, dass die Neonazis trotz ihrer Verfolgung als &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; bei m&ouml;glichen Wahlen mehr als zehn Prozent der Stimmen und damit deutlich &uuml;ber 20 Parlamentssitze gewinnen k&ouml;nnen. Dabei muss bis auf weiteres offen bleiben, ob dieser Trend durch die neu gewonnene &bdquo;Opferrolle&ldquo; der Chrysi Avgi zu erkl&auml;ren ist, oder aber durch die Tatsache, dass die Parteif&uuml;hrung und die ChA-Parlamentarier seit dem Fissas-Mord &bdquo;Kreide gefressen&ldquo; haben und offensichtlich auch ihre Gefolgschaft von provokatorischen Auftritten abhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner Darstellung der Situation, die nach dem Mord an zwei Mitgliedern der neonazistischen Chrysi Avgi entstanden ist (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19136\">NachdenkSeiten vom 4. November<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19228\">12. November<\/a>) , mussten zwei Fragen offen bleiben. Zum einen gab es noch kein Bekennerschreiben, mit dem sich die T&auml;ter sichtbar gemacht h&auml;tten. 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