{"id":19333,"date":"2013-11-21T19:10:19","date_gmt":"2013-11-21T18:10:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19333"},"modified":"2015-10-13T11:10:25","modified_gmt":"2015-10-13T09:10:25","slug":"der-millenium-bambi-an-bill-gates-eine-polemik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19333","title":{"rendered":"Der Millennium-\u201eBambi\u201c an Bill Gates &#8211; Eine Polemik"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstagabend vergangener Woche: Eine wei&szlig;bekleidete junge Frau mit Halbmeterausschnitt und ein t&auml;towierter S&auml;nger mit irrem Blick er&ouml;ffnen die diesj&auml;hrige &bdquo;Bambi&ldquo;-Verleihung. Schnitt. Wenn mindestens zweimal im Jahr die &ouml;ffentlich-rechtlichen Vernebelungsmaschinen vollends auf Anschlag gedreht werden, dann legen entweder &bdquo;Ein Herz f&uuml;r Kinder&ldquo; (als dreiste Spitzenvertreterin aller Fernseh-Wohlt&auml;tigkeits-Galas) oder der &bdquo;Bambi&ldquo; gezielt zur Gehirnw&auml;sche ihrer arglosen Zuschauer an. Namentlich der &bdquo;Bambi&ldquo;, von der ARD geh&auml;tscheltes Kind des Kunsthistorikers und Druckerk&ouml;nigs Hubert Burda, sucht in seiner ungeniert-schleimigen, boulevardesken Zelebrierung des in beiden &ouml;ffentlich-rechtlichen Anstalten vorherrschenden konservativ-neoliberalen Weltbilds seinen Meister. Von <strong>Mende Tegen<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2430\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19333-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131121_Bambi_Polemik_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131121_Bambi_Polemik_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131121_Bambi_Polemik_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131121_Bambi_Polemik_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=19333-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131121_Bambi_Polemik_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"131121_Bambi_Polemik_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In diesem Jahr bekam Bill Gates (&bdquo;Der Welt-Retter von nebenan&ldquo; &ndash; Huffington Post) den ber&uuml;chtigten Bambi-Millenniums-Preis f&uuml;r seine &bdquo;Bill &amp; Melinda Gates-Stiftung&rdquo;, die sich als mit Abstand finanziell bestausgestattete Privat-Stiftung weltweit f&uuml;r Globale Entwicklung, Gesundheit und Bildung engagiert. <\/p><p>Laudator des Multimilliard&auml;rs war &ldquo;Wer-wird-Million&auml;r&rdquo;-Moderator G&uuml;nther Jauch. Jauch, der fr&uuml;her auch schon mal zusammen mit dem Fast-oder-Schon-Milliard&auml;r Carsten Maschmeyer auf der Werbe-B&uuml;hne stand, l&ouml;ste f&uuml;rs Publikum denn auch mit Bravour den scheinbaren Widerspruch zwischen steinreichem Unternehmer und Menschenfreund auf und pries den Geehrten als beispielhaft f&uuml;r die segensreiche Kultur des marktkonformen Gebens aus empathischer Milliard&auml;rshand. Gezeigt wurde ein mit schw&uuml;l-pathetischer Streichorchestermusik und bedeutungsschwangeren Bildern unterlegter Einspielfim, der den Weg des Genies Bill Gates vom Studenten-T&uuml;ftler, Microsoft-Giganten bis hin zum ebenso gigantischen Wohlt&auml;ter nachzeichnet, wie er schlie&szlig;lich tief auf Augenh&ouml;he hinuntergebeugt schwarze Kinderh&auml;ndchen sch&uuml;ttelt. Dann steht das &ldquo;Bambi&rdquo;-Publikum auf: Standing Ovations f&uuml;r Bill Gates!<\/p><p>Damit keine Missverst&auml;ndnisse aufkommen: Das, was Bill Gates mit seiner Stiftung, was die Rockefeller-Stiftung, die Clinton-Stiftung, was der Milliard&auml;r Warren Buffet (u.a. im Vorsitz der Gates-Stiftung) usw. tun, ist (punktuell) segensreich, ist sehr oft lebensrettend und ist selbstverst&auml;ndlich ungleich besser und hilfreicher, als es nicht zu tun! Gar kein Zweifel. Und nat&uuml;rlich bestimmen in Menschen wie Herrn Gates und seiner Gattin sicher durchweg ehrenwerte, soziale, vielleicht sogar altruistische Motive ihr Handeln. Aus ihrer Selbstsicht heraus nehmen sie sich freilich sowieso als von dieser Motivlage durchdrungen wahr, zuz&uuml;glich der nicht unerheblichen Selbstgewi&szlig;heit, das konkurrenzlos Richtige zu tun, um die Not auf dieser Erde lindern zu helfen. <\/p><p>Doch diese gern &ldquo;Philanthrokapitalismus&rdquo; genannte private Wohlt&auml;tigkeit gr&ouml;&szlig;eren Stils &auml;ndert  nichts an den strukturellen Faktoren, die eine (auch nur halbwegs) gerechte Teilhabe aller Menschen an den Ressourcen dieser Welt verhindern.  Diese Wohlt&auml;tigkeit r&uuml;ttelt nicht an den Verh&auml;ltnissen, die Armut produzieren. Dasselbe gilt nat&uuml;rlich auch f&uuml;r die popul&auml;ren Mikrokredite und damit auch f&uuml;r Muhammad Yunus, und es gilt f&uuml;r die Initiativen des noch weit popul&auml;reren Milliard&auml;rs Bono (der in der DATA-Initiative mit Gates&rsquo; Stiftung zusammenarbeitet), und es gilt f&uuml;r Bob Geldof usw. Die Armut bleibt logischerweise mit oder ohne solche Edelm&auml;nner- und frauen prinzipiell dieselbe. <\/p><p>Doch auch bei diesen Beispielen ist die Frage nat&uuml;rlich mehr als berechtigt, was denn, bitte sch&ouml;n, gegen die geforderte Entschuldung von Entwicklungsl&auml;ndern oder Mikrokredite einzuwenden sei? Nichts nat&uuml;rlich! Die Kritik ist allerdings, dass diese Initiativen den Blick auf die wirklichen Ursachen von Verteilungsungerechtigkeit und der daraus erwachsenden Armut verschleiern, eine kritische Auseinandersetzung mit Ursache und Wirkung  &ndash; erfolgreich &ndash; vermieden bzw. unterdr&uuml;ckt und damit gleichzeitig das Ungerechtigkeit gebierende System gest&auml;rkt und stabilisiert wird. <\/p><p>Der Begriff &bdquo;Philanthrokapitalismus&ldquo; wurde Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von Matthew Bishop gepr&auml;gt, einem zutiefst neoliberalen amerikanischen Wirtschafts-Journalisten des noch (neo-)liberaleren britischen &bdquo;Economist&ldquo;, dem &bdquo;Blatt der globalen F&uuml;hrungsschicht&ldquo;, wie selbst die &bdquo;Zeit&ldquo; einmal bemerkte. Der &bdquo;Philanthrokapitalismus&ldquo; behauptet stets, bescheiden wie er ist, soziale Probleme mit kapitalistisch-unternehmerischer Effizienz wesentlich besser l&ouml;sen zu k&ouml;nnen als dies jede andere sozialstaatliche, ethisch oder religi&ouml;s begr&uuml;ndete Wohlfahrt leisten k&ouml;nnte. Das Argument liegt dabei gerne auf der zielgerichteten &ldquo;Ergebnis- und Leistungsorientiertheit&rdquo; des Unternehmers samt seiner ihm inh&auml;renten Cleverness, gerade so als m&uuml;ssten staatlich-zivilgesellschaftliche Projekte per se ohne jede Effizienz-Kontrolle auskommen (eines der alten Lieder aller Sozialstaatsgegner). Doch dieses Spiel der Eitelkeiten innerhalb der gewohnten kapitalistischen Grund&uuml;berheblichkeit (die ja &uuml;brigens tats&auml;chlich im Mantel einer irgendwie eigenartigen Bescheidenheit so seltsam stelzig daherkommt), wer wie und was zum Wohle des Menschen besser und effektiver organisieren kann, lenkt von der eigentlichen, nackteren Botschaft ab: Der Kapitalismus soll also das System sein, das die Not dieser Welt nicht nur lindern, sondern eines Tages im Groben sogar ganz beseitigen kann! Diese bescheidene, na ja, nur ein kleinwenig irref&uuml;hrende Behauptung sollte man erst mal so auf sich wirken lassen. <\/p><p>Doch an das Charity-Unwesen gew&ouml;hnte Gesellschaften werden wohl wenig Wirkung versp&uuml;ren und wissen gar nicht, was eigentlich auf sie wirken soll, sie glauben das blind. Der vom neoliberalen Propaganda-Nebel eingeschl&auml;ferte B&uuml;rger wird sich vielleicht schon in der n&auml;chsten Generation sowieso nichts anderes mehr vorstellen k&ouml;nnen als die Privatisierung auch der allerletzten einstmals gesamtgesellschaftlichen, staatlichen Aufgaben. Das globale neoliberale Projekt  &ndash; das in unterschiedlicher Gewichtung, Ausgestaltung und Dramatik f&uuml;r jeden Staat, ob in der Ersten oder der so genannten Dritten Welt (Bodensch&auml;tze) gilt -, das staatliche F&uuml;rsorge diskreditiert und den Wettbewerb zum Fetisch, ja geradezu zum Gott erhebt, ein Projekt das Sozialabbau, Lohndumping, prek&auml;re Besch&auml;ftigung, Steuerungerechtigkeit oder eben auch die privatwirtschaftliche Ausbeutung von Bodensch&auml;tzen, Gro&szlig;grundbesitz an sich, schlie&szlig;lich den Krieg (der Demokratie wegen!) als legitimes Mittel zur Profitsicherung und last not least die Armut selbst als alternativlos festschreibt und die Politik zu seinem willf&auml;hrigen Marionetten-Exekutor und\/oder Mitprofiteuer macht, dieses Projekt ist, das muss man konstatieren &ndash; Respekt wem Respekt geb&uuml;hrt &ndash; bisher hervorragend gelungen. Man muss auch mal loben k&ouml;nnen&hellip;<\/p><p>Nun, man kann Bill Gates und Co. freilich nicht vorwerfen, keine kritischen Fragen an das System zu stellen, das ihn und seine potenten Weggef&auml;hrten so reich gemacht hat. Man kann ihm demgem&auml;&szlig; genauso wenig vorwerfen, mit seinem Tun selbstverst&auml;ndlich dazu beizutragen, das per se die Erdbev&ouml;lkerungsmehrheit ausbeutende kapitalistische System zu zementieren.  Man sollte ihm auch nicht unterstellen, den verarmten &bdquo;Massen&ldquo; soweit Wohlt&auml;tigkeit und symbolischen Anteil am Reichtum dieser Welt haben zu lassen, wie es notwendig erscheint, einen vielleicht dereinstigen unkoordinierten, &uuml;ber alle Grenzen hinweg tosenden Super-Aufstand entfesselter Kapitalismus- und Globalisierungsverlierer gegen das sie kleinhaltende System verhindern zu wollen. Denn vermutlich denken auch Milliard&auml;re &uuml;ber solche Szenarien, &uuml;ber die Implosion des Systems nach und erkennen in ungehemmt wachsender Armut und Ungleichheit eine tickende Zeitbombe f&uuml;r sich selbst. Wei&szlig; man&rsquo;s denn? <\/p><p>Alle anderen Nicht-Milliard&auml;re- und Nicht-Million&auml;re aber sollten sich diese Fragen nach dem dahinter stehenden System sehr wohl stellen und sich von Bock und G&auml;rtner gleicherma&szlig;en kritisch distanzieren. Die soziale Frage muss zur&uuml;ck in die gesellschaftliche Gesamtverantwortung, sie muss zur&uuml;ck in die politische Verantwortung. Wir sind durch ungez&auml;hlte Spendenaufrufe, durch unsere zunehmende &ndash; politisch unterst&uuml;tzte &ndash; Benefiz-Kultur inzwischen so konditioniert, dass wir soziales Handeln oftmals nur noch als fallbezogene private Intervention begreifen, so dass soziales Handeln als Grund- und Staatshaltung, als Gerechtigkeits- und Gemeinschaftsfrage in den Hintergrund gedr&auml;ngt wird. <\/p><p>Nichts gegen die menschlich wunderbare F&auml;higkeit zum Altruismus und gegen die unverzichtbare gesellschaftliche und private Notwendigkeit des Gebens, Teilens und Spendens! Aber der neoliberale Nebel muss wieder aus den K&ouml;pfen geblasen werden und kapitalistisches Wirtschaften (wiewohl auch &ndash; auf andere Weise &ndash; kapitalistisches Helfen) muss hinterfragt werden, um die dramatischen Folgen dieses durch den Neoliberalismus endg&uuml;ltig losgelassenen Monsters f&uuml;r Mensch und Umwelt zu erkennen und zu benennen. <\/p><p>Veranstaltungen wie der &bdquo;Bambi&ldquo; sind dagegen lupenreine Propagandamaschinen, die einen besch&ouml;nigenden, anr&uuml;hrenden, menschlichen Kapitalismus zelebrieren und dem Verschleiern und Verwischen der tats&auml;chlichen Auswirkungen dieses herrschenden Systems dienen sollen. Man k&ouml;nnte solche Veranstaltungen auch soweit herunterbrechen, dass sie sich (mit einiger Vergewaltigung des Begriffs!) unter Antonio Gramscis These von der &bdquo;Kulturellen Hegemonie&ldquo; subsumieren lie&szlig;en, n&auml;mlich der erstaunlichen Begabung der &bdquo;Eliten&ldquo; bzw. Herrschenden, ihre einseitig auf Eigennutz fokussierten Interessen und ideologisierte Weltsicht so durchzusetzen, dass die Nicht-Eliten, also das Volk, diese schlie&szlig;lich als ihre eigenen Interessen und Weltsicht wahr- und annimmt und der &Uuml;berzeugung ist, es bestehe tats&auml;chlich ein gemeinsames Interesse hinsichtlich des jeweils gegenw&auml;rtigen Zustands. An einer diese Interessen als Lautsprecher artig nachstammelnden und willf&auml;hrig umsetzenden Regierungs- und Oppositionsmehrheit (ausgenommen der Linken), ob alt oder in B&auml;lde neualt, fehlt es hierzulande ja nun auch nicht. Genauso wenig mangelt es an einer ebenso willf&auml;hrigen, sich im tiefen Kniefall vor den Kapitalinteressen beugenden Medienlandschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstagabend vergangener Woche: Eine wei&szlig;bekleidete junge Frau mit Halbmeterausschnitt und ein t&auml;towierter S&auml;nger mit irrem Blick er&ouml;ffnen die diesj&auml;hrige &bdquo;Bambi&ldquo;-Verleihung. Schnitt. 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