{"id":19394,"date":"2013-11-26T09:38:57","date_gmt":"2013-11-26T08:38:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19394"},"modified":"2024-09-25T04:50:53","modified_gmt":"2024-09-25T02:50:53","slug":"kranke-menschen-oder-kranke-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19394","title":{"rendered":"Kranke Menschen oder kranke Gesellschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Seit Langem wird das &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit%C3%A4tsst%C3%B6rung\">Thema ADHS<\/a>&ldquo; kontrovers diskutiert. Werden immer mehr Kinder in unserem Land &bdquo;einfach krank&ldquo;? Warum? Und was hat es damit auf sich, dass selbst der &bdquo;Erfinder&ldquo; von ADHS, der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, auf dem Sterbebett nicht mehr an seine eigene Sch&ouml;pfung glaubte, sondern diese als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/ritalin-gegen-adhs-wo-die-wilden-kerle-wohnten-11645933.html\">ein Paradebeispiel f&uuml;r eine fabrizierte Erkrankung<\/a>&ldquo; bezeichnet hat? <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach hierzu mit <strong>Dieter Mattner<\/strong>, Professor f&uuml;r Heil- und Sonderp&auml;dagogik im Ruhestand, der seit L&auml;ngerem <a href=\"http:\/\/www.kohlhammer.de\/wms\/instances\/KOB\/appDE\/Paedagogik\/Heil-und-Sonderpaedagogik\/Kinder-mit-gestoerter-Aufmerksamkeit\/\">zum Thema arbeitet und forscht<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Mattner, immer mehr Kindern wird ein so genanntes ADHS, ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit&auml;ts-Syndrom, diagnostiziert. Werden unsere Kinder immer kr&auml;nker?<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich steigt die Anzahl der ADHS-Diagnosen von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Auff&auml;llig dabei ist jedoch, dass, wie empirische Untersuchungen belegen, diese Diagnose in Verbindung mit der Behandlung des hochproblematischen Medikamentes Ritalin vermehrt bei Schuleintritt gestellt wird. Die Diagnose selbst geht dabei hypothetisch von einer hirnorganischen Wahrnehmungsverarbeitungsinsuffizienz betroffener Kinder aus, die sich bisher mit harten Fakten jedoch nicht hat belegen lassen. Das hei&szlig;t, die Diagnose gr&uuml;ndet im Sinne einer Summationsdiagnose, als so genanntes Syndrom also, prim&auml;r auf Verhaltensbeobachtungen und Frageb&ouml;gen, die aufgrund subjektiver Wertma&szlig;st&auml;be der dazu legitimierten Personen wohl kaum objektiven G&uuml;tekriterien gen&uuml;gen. Insofern scheiden sich hier die Geister in der Einsch&auml;tzung dieser anscheinend epidemisch um sich greifende &bdquo;Krankheit&ldquo; ADHS, was seitens der jeweiligen Positionen inzwischen auch mit zunehmender Sch&auml;rfe diskutiert wird. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das, kontrovers diskutiert? Welche Positionen stehen sich denn gegen&uuml;ber?<\/strong><\/p><p>Diese so genannte Krankheit ADHS f&uuml;hrte mittlerweile zu einer der gr&ouml;&szlig;ten Kontroversen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie &uuml;berhaupt. So wird von einem Gro&szlig;teil der Seite der Bef&uuml;rworter dieses Konzepts allenthalben betont, die wahren Ausma&szlig;e dieser Krankheit seien &ndash; besonders im so genannten &bdquo;Zwischenbereich zwischen Normalit&auml;t und Erkrankung&ldquo; &ndash; noch l&auml;ngst nicht diagnostisch erfasst. Hier g&auml;be es noch eine hohe &bdquo;Dunkelziffer&ldquo;. Auf der Gegenseite mehren sich jedoch die warnenden Stimmen, die von einer &bdquo;Krankheitskonstruktion&ldquo; bzw. einem &bdquo;Krankheitsmythos&ldquo; sprechen und insbesondere auf die bisher unerforschten m&ouml;glichen Nebenwirkungen von Ritalin auf das sich entwickelnde kindliche Gehirn hinweisen. <\/p><p>Die &bdquo;Kontroverse ADHS&ldquo; vollzieht sich zudem in einer Zeit, in der recht allgemein immer mehr Kinder eine &bdquo;St&ouml;rung&ldquo; oder &bdquo;Krankheit&ldquo; testiert wird, exemplarisch seien hier nur <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19187\">Legasthenie<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/alias\/dyskalkulie\/rechenschwaeche-gibt-es-nicht\/1209908\">Dyskalkulie<\/a> genannt. In <a href=\"http:\/\/www.aerztezeitung.de\/politik_gesellschaft\/berufspolitik\/article\/829420\/schleswig-holstein-immer-kinder-nicht-beschulbar.html\">einem Appell<\/a> wurde daher unl&auml;ngst sogar im &Auml;rzteblatt selbst vor einer &ldquo;zunehmenden Pathologisierung und Psychiatrisierung der Kinder&rdquo; gewarnt. Hierbei wird dann auch der Kern des Problems sofort deutlich. Er betrifft die Frage: Sind es wirklich unsere Kinder, die hier krank, in organischem Sinne also beeintr&auml;chtigt sind, oder sind es nicht vielmehr gesellschaftliche Norm- und Leistungsanspr&uuml;che, denen Kinder immer weniger gewachsen sind? <\/p><p><strong>Womit wir sehr unmittelbar bei Ihrer pers&ouml;nlichen Einsch&auml;tzung angelangt sind. Die Frage lautet also: &bdquo;Kranke Kinder oder kranke Gesellschaft?&ldquo;, verstehe ich recht?<\/strong><\/p><p>Nun, nach meiner Einsch&auml;tzung m&uuml;ssen hier grundlegend verschiedene Aspekte ber&uuml;cksichtigt werden. So scheint in Zeiten um sich greifender medizisch-psychiatrischer Krankheitskonstruktionen ein bisher selbstverst&auml;ndlich gelebtes Normalit&auml;tsempfinden schlicht mehr und mehr verloren zu gehen, wie auch der ehemalige Mitautor des amerikanisches Handbuchs zur Klassifizierung psychischer St&ouml;rungen (DSM), Allen Frances, in seinem k&uuml;rzlich erschienenen Buch mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.dumont-buchverlag.de\/buch\/Allen_Frances_Normal\/12208\">&bdquo;Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen&ldquo;<\/a> konstatiert. <\/p><p>Gem&auml;&szlig; dieser Tendenz sind Kinder heute eben nicht mehr einfach schlecht in Mathematik oder in Deutsch, sondern sie leiden tendenziell an der bereits erw&auml;hnten &bdquo;Dyskalkulie&ldquo; oder eben einer &bdquo;Legasthenie&ldquo; mit der Vermutung einer wie auch immer gearteten zugrundeliegenden cerebralen Fehlfunktion. Nach diesem neuropathologischen Erkl&auml;rungsmuster wird kindlicher Ungehorsam dann zum &bdquo;oppositionellen Trotzverhalten&ldquo; und wird Schuleschw&auml;nzen zum &bdquo;Eskapismus&ldquo; umetikettiert. Das Entscheidende dabei ist, dass das &bdquo;erkrankte&ldquo; Kind und sein soziales Umfeld, Eltern, Schule und andere also, der Verantwortung f&uuml;r das auftretende Problem damit ganz grunds&auml;tzlich enthoben sind&hellip;<\/p><p>W&auml;re das Kind einfach nur &bdquo;schlecht&ldquo;, st&uuml;nde beispielsweise die Frage nach den Bedingungen, die hierzu f&uuml;hren, jene etwa nach gutem oder schlechtem Unterricht, sofort im Raum. Anders verh&auml;lt es sich jedoch, wenn das Kind unter einem testierten organisch-neuronalen Defekt leidet. Die Frage danach, was die individuelle Ursache dieses gegen die institutionellen Normalit&auml;tserwartungen versto&szlig;enden kindlichen &bdquo;Eigen-Sinns&ldquo; sein k&ouml;nnte, stellt sich nicht mehr. So wurde sukzessive aus einem ehemaligen p&auml;dagogisch-sozialen Problem ein medizinisch-psychiatrischer Sachverhalt, der pharmazeutischer Intervention bedarf.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/A6vtFS_CwkA?rel=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><br>\n<strong style=\"display: block;text-align:center;\">Prof. Gerald H&uuml;ther: ADHS ist keine St&ouml;rung<\/strong><\/p><p><strong>Wenn die Kinder aber nicht krank sein sollen &ndash; woran oder worunter &bdquo;leiden&ldquo; sie denn dann? Warum sind sie sozusagen &bdquo;so anders&ldquo; als die anderen?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst m&ouml;chte ich voranstellen, dass es, selbst wenn auch dies nicht eindeutig zu diagnostizieren ist, nat&uuml;rlich durchaus Kinder auch geben kann, deren auff&auml;lliges Verhalten auf hirnorganische St&ouml;rungen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Das allerdings nur dann, wenn diese Auff&auml;lligkeiten von Geburt an &ndash; und eben nicht erst ab Schul- beziehungsweise Vorschuleintritt &ndash; situationsunabh&auml;ngig und persistierend auftreten. Da dies jedoch, wie ein &ouml;sterreichischer Kinder- und Jugendpsychiater einmal betonte, lediglich im Promillebereich der Fall ist, muss man wohl davon ausgehen, dass die &uuml;berwiegende Mehrzahl von mit ADHS diagnostizierten Kindern und Jugendlicher wohl kaum an einer ADHS-Erkrankung leidet. Ihr Vergehen besteht vielmehr darin, dass sie nicht bereit sind oder bereit sein k&ouml;nnen, den institutionellen Normalit&auml;ts- und Leistungserwartungen zu entsprechen. <\/p><p>Wenn das aber der Fall ist, m&uuml;sste statt der Suche nach den Krankheitsursachen das jeweilige Kind im Sinne des Fallverstehens im Fokus des Interesses sowie im Vordergrund stehen. Das hei&szlig;t, nicht die Frage nach irgendwelchen organischen Beeintr&auml;chtigungen sollte von prim&auml;rem Interesse sein, sondern es sollte darum gehen, zu fragen, warum dieses eine, ganz konkrete Kind in welchen Lebenssituationen so ist, wie es ist, und was es mit seinem So-Sein bedeutungsvoll mitzuteilen versucht. Das so genannte Symptom hat hier n&auml;mlich vor allem die Bedeutung einer Selbstmitteilung des betroffenen Kindes, die in ihrer impliziten Bedeutsamkeit auch verstanden werden muss. Dieser hermeneutische Zugang zum jeweiligen Verhaltensph&auml;nomen unterscheidet sich gegen&uuml;ber der defektorientierten, monokausalen Blickreduzierung dadurch, dass hier ein so genanntes Symptom, beispielsweise also eine Aufmerksamkeitsschw&auml;che, nicht als Krankheitssymptom des Symptomkatalogs einer Krankheitskonstruktion wie etwa ADHS zugeordnet wird, sondern dass stattdessen nach der impliziten Bedeutsamkeit sowie m&ouml;glichen psychosozialen Ursachen des individuellen Problems gefragt wird. <\/p><p>Lassen Sie es mich ein wenig platt ausdr&uuml;cken und Ihre Frage wie folgt beantworten: Wenn ich mich nicht konzentrieren kann, muss ich nicht krank, sondern kann ebenso auch m&uuml;de oder gelangweilt sein. Wenn ich nerv&ouml;s bin, muss dies nicht f&uuml;r eine Krankheit, sondern kann dies beispielsweise ebenso gut als Ausdruck von Verunsicherung, von Bed&uuml;rfnissen nach mehr N&auml;he und Geborgenheit und anderem interpretiert werden. Mit ziemlicher Sicherheit sind derlei Deutungen dabei n&auml;her an der Realit&auml;t dran als der Krankheitsblick. Vor allem aber sind sie n&auml;her an den Kindern, um die es ja zu allererst einmal gehen sollte, und ihren Bed&uuml;rfnissen dran. <\/p><p><strong>Aber es sieht doch so aus, als h&auml;tten immer mehr Kinder &bdquo;Probleme&ldquo; im skizzierten Sinne. Wieso sind es immer mehr, immer mehr, die offenbar &bdquo;anders&ldquo; sind als die Norm dies vorsieht?<\/strong><\/p><p>M&ouml;glicherweise schlicht deshalb, weil die Lebensumst&auml;nde der Kinder im Lande sich zunehmend ver&auml;ndert haben und immer weiter ver&auml;ndern, wobei die Engf&uuml;hrung des ADHS-Konzeptes gegen&uuml;ber &auml;lteren Erkl&auml;rungsmodellen wie beispielsweise der <em>Minimalen Cerebralen Dysfunktion<\/em> oder dem Hyperkinetischen Syndrom zugleich auch noch all jene Kinder in die psycho-pathologische Blickperspektive genommen hat, die sich einfach nur zur&uuml;ckhaltend-unauff&auml;llig, als &bdquo;Tr&auml;umer&ldquo; also etwa, gerieren. Die mit ADHS diagnostizierten Kinder verweisen m&ouml;glicherweise einfach symptomatisch auf die besondere Situation von &bdquo;Kindheit heute&ldquo;. Damit verbunden ist eine Kindheit im psychosozialen Ver&auml;nderungsprozess der Post-Moderne. Stichworte wie &bdquo;Medienkindheit&ldquo;, &bdquo;institutionelle Kindheit&ldquo; und das <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Das-Verschwinden-Kindheit-Neil-Postman\/dp\/3596238552\">&bdquo;Verschwinden der Kindheit&ldquo;<\/a> m&ouml;gen hier einen Hinweis geben. <\/p><p>Hinzu kommt, dass der Schule neben der Wissensvermittlung zunehmend ein Erziehungsauftrag zukommt, den diese aus den unterschiedlichen Gr&uuml;nden nicht umfassend zu leisten vermag. F&uuml;r vermeintlich &bdquo;normale&ldquo; Kinder, die allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch keine oder kaum Probleme entwickeln, hat man inzwischen &uuml;brigens den Begriff &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Resilienz\">Resilienz<\/a>&ldquo; erfunden. Dieser beschreibt die vermutete genetische F&auml;higkeit, trotz belastender Faktoren in der Lebenswelt Betroffener, den Verhaltens- und Leistungserfordernissen der Umwelt dennoch gewachsen zu sein. Auch das aber lenkt den Fokus wieder auf die weniger interessante Spur: Statt genetische Gr&uuml;nde zu erforschen, warum eine Minderzahl von Kindern noch immer &bdquo;problemarm&ldquo; aufw&auml;chst, sollte die Frage danach, was p&auml;dagogisch und sozial f&uuml;r all die anderen getan werden kann und muss, im Vordergrund stehen. <\/p><p><strong>Und wie ist das mit der Aufmerksamkeit? Ich bin sehr wohl der Meinung, dass, wer sich nie wirklich konzentrieren kann, etwas &bdquo;Krankhaftes&ldquo; hat&hellip;<\/strong><\/p><p>Bei der Betrachtung des Ph&auml;nomens Aufmerksamkeit m&uuml;ssen wir zuerst einmal grunds&auml;tzlich zwischen einer interessegeleiteten Aufmerksamkeit der Alltagswelt, bei der uns Dinge und Situationen wirklich &bdquo;auf-merken&ldquo; lassen und interessieren, und einer anderen Form der Aufmerksamkeit unterscheiden. Aufmerksamkeit ist in diesem Falle dann sehr wohl als &bdquo;nat&uuml;rliche Eigenschaft&ldquo;, sich in der Welt zurechtzufinden und sich ihr mit Interesse zuzuwenden, zu betrachten. In Bezug auf diese w&uuml;rde wohl auch kaum jemand von Erkrankung sprechen, wenn diese Aufmerksamkeit durch eintretende M&uuml;digkeit oder etwas, das einem spontan in den Sinn kommt und jemand daran hindert, sich zu konzentrieren, nicht zum Zuge kommen kann. <\/p><p>Um etwas ganz anderes handelt es sich hingegen bei der im ADHS-Konzept gemeinten normierten, gewisserma&szlig;en zivilisatorisch herzustellenden Aufmerksamkeitsleistung, deren zeitlich-r&auml;umliche Bereitstellung in bestimmten sozialen Arrangements, also etwa in Schule oder Beruf, zur Leistungsbeurteilung herangezogen wird. Diese institutionell gefordert Aufmerksamkeit hat insbesondere die Schule als sekund&auml;re Sozialisationsinstanz seitens ihrer Klientel &uuml;berhaupt erst herzustellen. Das ist eine ihrer wesentlichen Aufgaben. Dabei obliegt es dann der jeweiligen Lehrerpers&ouml;nlichkeit, mittels entsprechender motivationaler und methodischer Kniffe die curricularen Inhalte den ihr anvertrauten Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern m&ouml;glichst kindgerecht n&auml;her zu bringen. Dies gelingt offenbar nicht immer, was absolut verst&auml;ndlich ist &ndash; um das Kind selbst und seine Interessen geht es hierbei ja auch allerh&ouml;chstens mittelbar.  <\/p><p><strong>Und das Ritalin &hellip; hilft bei der Herstellung besserer Aufmerksamkeit?<\/strong><\/p><p>Im Sinne der Logik des ADHS-Konzeptes liegt es nahe, das von der Normalit&auml;tserwartung abweichende Verhalten betroffener Kinder lediglich monokausal zu erfassen, womit sich eine medikament&ouml;se Behandlung geradezu aufzudr&auml;ngen scheint, um &uuml;ber die propagierte pharmakologische Korrektur einen w&uuml;nschenswerten,, &bdquo;ad&auml;quaten&ldquo; Verhaltenszustand zu errei&shy;chen. <\/p><p>Insofern ist es eine logische Schlussfolgerung, dass die medikament&ouml;se Behandlung zur Steuerung kindlichen Verhaltens heute eine immer breitere Anwendung findet. So wurde schon im Jahre 2010 mit gr&ouml;&szlig;ter Besorgnis darauf hingewiesen, dass die Verschreibung von Methylphenidat, also Ritalin, durch von 34 Kilogramm im Jahre 1993 auf 1.760 Kilogramm angestiegen sei, und dies trotz allseits bekannter hochproblematischer Nebenwirkungen. <\/p><p><strong>Was f&uuml;r Nebenwirkungen denn?<\/strong><\/p><p>Da gibt es vor allem Ein- und Durchschlafprobleme, was bedeutet, dass die Kinder zum Schlafen gewisserma&szlig;en medikament&ouml;s heruntergefahren werden m&uuml;ssen, um sie morgens dann wieder hochzufahren. Dann Beeintr&auml;chtigungen des L&auml;ngenwachstums, m&ouml;gliche sp&auml;tere parkinsonartike Erkrankungen sowie teilweise schwere psychiatrische Erkrankungen wie Psychosen und anderes. <\/p><p>Und was der eigentliche Skandal ist: Die langfristigen Auswirkungen dieses Amphetaminderivates Methylphenidat, das mit Kokain beziehungsweise Pervitin, welches Soldaten gern in kriegerischen Auseinandersetzungen verabreicht wird, verwandt ist und unmittelbar auf das sich im Entwicklungsprozess befindliche kindliche Gehirn einwirkt, sind trotz 60j&auml;hriger Karriere und ungebremster Anwendung bislang &uuml;berhaupt nicht erforscht. <\/p><p><strong>Gibt es also gar keine Zunahme der ADHS zugeschriebenen Probleme bei Kinder und Jugendlichen &ndash; oder missverstehe ich Sie?<\/strong><\/p><p>Eine Zunahme von Problemen mag es geben. Offenbar aber vor allem derjenigen, die aus einer Abnahme der Toleranz gegen&uuml;ber dem Anders-Sein unter dem Eindruck eines zunehmend eingeengten Normalit&auml;tsverst&auml;ndnisses entstehen. Konkret: Wer oder was ist heute schon noch wirklich &bdquo;normal&ldquo;? Immer weniger und immer weniger von uns, meine ich. Und hier&uuml;ber m&uuml;ssten wir einmal sprechen. Im Sinne der Frage danach beispielsweise, welche Interessen es &ndash; neben jenen der Pharmaindustrie, meine ich nat&uuml;rlich &ndash; denn wohl sind, die hier ein Festhalten an dieser h&ouml;chst umstrittenen Krankheitskonstruktion forcieren? <\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/t__xtXKta5Q?rel=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><br>\n<strong style=\"display: block;text-align:center;\">Bayerischer Rundfunk: ADHS: Ruhig gestellt und angepasst<\/strong><\/p><p>Gibt es hier m&ouml;glicherweise ein &bdquo;biopolitisches Interesse&ldquo; im Zusammenhang einer systemisch organisierten Gesellschaftsstruktur, wie man mit Foucault und seinen Forschungen zu &bdquo;Bio-Politik&ldquo; und &bdquo;Bio-Macht&ldquo; durch den Staat fragen kann? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt dabei, wie so oft, ein Blick in die USA. Dort wurde Eltern n&auml;mlich bereits angedroht, ihnen das Sorgerecht zu entziehen, wenn sie sich weiterhin weigern sollten, ihren Kindern das verordnete Ritalin zu verabreichen. Vor dem Hintergrund eines nach wie vor vermuteten Zusammenhangs auch von ADHS und Jugendkriminalit&auml;t scheint diese Ma&szlig;nahme dabei nur konsequent und plausibel zu sein. <\/p><p><strong>Was also w&auml;re Ihrer Meinung nach zu tun? F&uuml;r die Kinder und Jugendlichen, aber auch &hellip; die Gesamtsituation?<\/strong><\/p><p>Sich zunehmend der Gesamtproblematik psychosozialer Probleme in seiner Multikausalit&auml;t &ndash; und genau darum handelt es sich meiner Meinung nach &ndash; bewusst zu werden, sich den jeweiligen individuellen multifaktoriellen Problemlagen wirklich widmen und nach M&ouml;glichkeiten suchen, dem zu beobachtenden allumfassenden Biologisierungs- und Medizinisierungsprozess zur Verschleierung gesellschaftlicher und sozialer Not hierdurch entschieden entgegenzusteuern. Da dies offensichtlich ein gesellschaftspolitisches Problem ist, sind hier kurzfristig-griffige L&ouml;sungen aber kaum zu erwarten.<\/p><p>Im anderen Falle wird wohl alles ohnehin so bleiben m&uuml;ssen, wie es ist: Betroffenen Menschen sind krank &ndash; und die seit mehr als sechzig Jahre andauernde und stets vergebliche Suche nach den biologischen Ursachen sowie einem erfolgreichen Medikament zur Behandlung dieser konstruierten Krankheit ADHS, oder wie sie zuk&uuml;nftig im Wandel terminologischer K&uuml;rzel auch immer hei&szlig;en wird, kann und muss also weitergehen.<\/p><p><em>Die Positionen des Interviewpartners geben nicht zwingend die Positionen der NachDenkSeiten-Redaktion wieder. Sehr wohl aber sollen sie Eines: &hellip;zum Nachdenken anregen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Langem wird das &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit%C3%A4tsst%C3%B6rung\">Thema ADHS<\/a>&ldquo; kontrovers diskutiert. Werden immer mehr Kinder in unserem Land &bdquo;einfach krank&ldquo;? Warum? Und was hat es damit auf sich, dass selbst der &bdquo;Erfinder&ldquo; von ADHS, der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, auf dem Sterbebett nicht mehr an seine eigene Sch&ouml;pfung glaubte, sondern diese als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/ritalin-gegen-adhs-wo-die-wilden-kerle-wohnten-11645933.html\">ein Paradebeispiel f&uuml;r eine<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19394\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,209,161],"tags":[1449,438],"class_list":["post-19394","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-interviews","category-wertedebatte","tag-adhs","tag-pharmaindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19394","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19394"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121927,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19394\/revisions\/121927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}