{"id":19396,"date":"2013-11-26T10:05:15","date_gmt":"2013-11-26T09:05:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19396"},"modified":"2015-10-13T11:28:44","modified_gmt":"2015-10-13T09:28:44","slug":"sprechen-wir-doch-mal-ueber-unsere-exportueberschuesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19396","title":{"rendered":"Sprechen wir doch mal \u00fcber unsere Export\u00fcbersch\u00fcsse"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist stolz. Stolz auf seine Fu&szlig;ballnationalmannschaft und seine Export&uuml;bersch&uuml;sse. Dieser Stolz versperrt jedoch leider auch sehr oft die F&auml;higkeit zur Selbstkritik. Immer wenn von innen oder von au&szlig;en Kritik an den deutschen Export&uuml;bersch&uuml;ssen gibt, reagieren die Wortf&uuml;hrer aus Politik und Medien wie angeschossene Pawlowsche Hunde. Es zwingt doch niemand die Ausl&auml;nder, deutsche Produkte zu kaufen! Man kann ein Land doch nicht f&uuml;r seine wirtschaftliche St&auml;rke bestrafen! Das ist freilich alles richtig, geht jedoch meilenweit am eigentlichen Thema vorbei. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Dieser Artikel ist aus meiner Eurokolumne in der taz und am letzten Freitag in der Printausgabe der taz erschienen.<\/em><\/p><p>Zun&auml;chst einmal: Wenn man die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse kritisiert, kritisiert man damit nicht die deutsche Wirtschaft oder gar deren Produkte. Es geht auch nicht um die Menge der Exporte, sondern einzig und allein darum, dass Deutschland wesentlich mehr G&uuml;ter exportiert als es importiert. Und wenn es um Export&uuml;bersch&uuml;sse geht, liegt Deutschland weltweit unangefochten an der Spitze. <\/p><p>Man k&ouml;nnte Export&uuml;bersch&uuml;sse auch genauso gut als Importdefizite bezeichnen, auch wenn sich dies freilich nicht so positiv anh&ouml;rt, denn wir haben ja gelernt, dass &Uuml;bersch&uuml;sse etwas Gutes und Defizite etwas Schlechtes sind. Export&uuml;bersch&uuml;sse entstehen immer dann, wenn die L&ouml;hne &ndash; in Relation zu den Handelspartnern &ndash; einerseits zu niedrig und andererseits ungleich verteilt sind. Beides trifft auf Deutschland zu. Wenn die L&ouml;hne steigen und die Ungleichverteilung der Einkommen sinkt, steigt auch der Konsum der Bev&ouml;lkerung und somit die Menge der Importe. Man muss schon ziemlich ignorant sein, wenn man darauf stolz ist, dass man f&uuml;r seine Arbeit schlechter bezahlt wird als der Nachbar. Diese Ignoranz ist in Deutschland jedoch durchaus popul&auml;r.<\/p><p>Deutschlands Export&uuml;bersch&uuml;sse sind jedoch kein rein deutsches Problem. Gesamtwirtschaftlich betrachtet, sind die &Uuml;bersch&uuml;sse des einen immer zwingend die Defizite des anderen. Der Welthandel ist nun einmal ein Nullsummenspiel. Wenn Deutschland immer gr&ouml;&szlig;ere &Uuml;bersch&uuml;sse anpeilt, so sind diese nur dann realisierbar, wenn andere L&auml;nder ihre Defizite ausbauen. Wenn ein Land permanent mehr G&uuml;ter  aus- als einf&uuml;hrt, muss es &uuml;ber kurz oder lang den L&auml;ndern, die diese G&uuml;ter kaufen, Geld leihen. Die deutschen Unternehmen haben Auslandsforderungen in H&ouml;he von 722 Milliarden Euro, die deutschen Banken sitzen sogar auf Auslandsforderungen in H&ouml;he von fast zwei Billionen Euro. So gesehen ist die Exportweltmeisterschaft gleich ein doppelter Pyrrhussieg: Die Arbeitnehmer bezahlen diese Weltmeisterschaft, indem sie vergleichsweise niedrige L&ouml;hne erhalten, w&auml;hrend die Unternehmen und Banken immer mehr Forderungen aufbauen, deren Begleichung alles andere als sicher ist. Womit soll eine chronisch defizit&auml;re Volkswirtschaft auch ihre Schulden bezahlen?<\/p><p>Und hier sind wir beim Kern der Eurokrise angekommen. Es ist unstrittig, dass Volkswirtschaften wie Irland oder Spanien zu hoch verschuldet sind. Um die  Verschuldung gesamtwirtschaftlich abzubauen, ist es jedoch notwendig, dass diese defizit&auml;ren Volkswirtschaften Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse erzielen. Ansonsten verteilt man die Schulden und die Forderungen nur von der rechten in die linke Tasche. In einem Nullsummenspiel ist der Abbau von Defiziten jedoch nur dann m&ouml;glich, wenn auf der anderen Seite auch die &Uuml;bersch&uuml;sse abgebaut werden. <\/p><p>Genau aus diesem Grunde hat die EU-Kommission auch neben einem Grenzwert f&uuml;r Handelsbilanzdefizite einen Grenzwert f&uuml;r die &Uuml;bersch&uuml;sse eingef&uuml;hrt, der bei +6% liegt. Im ersten Halbjahr 2013 hat Deutschland jedoch einen &Uuml;berschuss von +7,2% erzielt und erf&uuml;llt damit nicht mehr die Stabilit&auml;tskriterien der EU. Solange die deutschen &Uuml;bersch&uuml;sse nicht sinken, k&ouml;nnen n&auml;mlich spiegelbildlich auch die Defizite anderer EU-Staaten nicht sinken. Auch wenn diese Form der Selbstkritik hierzulande nicht sonderlich popul&auml;r ist: Die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse sind ein elementares Problem f&uuml;r Europa und die Eurozone.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/4f7bd3bc04d343b5939684c54518916d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist stolz. Stolz auf seine Fu&szlig;ballnationalmannschaft und seine Export&uuml;bersch&uuml;sse. Dieser Stolz versperrt jedoch leider auch sehr oft die F&auml;higkeit zur Selbstkritik. Immer wenn von innen oder von au&szlig;en Kritik an den deutschen Export&uuml;bersch&uuml;ssen gibt, reagieren die Wortf&uuml;hrer aus Politik und Medien wie angeschossene Pawlowsche Hunde. 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