{"id":19418,"date":"2013-11-27T16:24:56","date_gmt":"2013-11-27T15:24:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19418"},"modified":"2015-10-13T17:24:22","modified_gmt":"2015-10-13T15:24:22","slug":"merkel-in-ihrem-lauf-die-grosskoalitionaere-wollen-an-merkels-krisenpolitik-festhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19418","title":{"rendered":"Merkel in ihrem Lauf &#8211; die Gro\u00dfkoalition\u00e4re wollen an Merkels Krisenpolitik festhalten"},"content":{"rendered":"<p>Wer im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/131127_koalitionsvertrag_2711.pdf\">Koalitionsvertrag [PDF &ndash; 1 MB]<\/a> von CDU\/CSU und SPD nach den dringend n&ouml;tigen Impulsen sucht, mit denen Deutschland die &ouml;konomische, soziale und politische Dauerkrise in Europa bek&auml;mpfen k&ouml;nnte, sucht vergebens. Die Formulierungen der Themenfelder &bdquo;Finanzen&ldquo; und &bdquo;Europa&ldquo; lesen sich vielmehr wie ein Bekenntnis zur Krisenpolitik Angela Merkels. K&uuml;rzungspolitik (also Austerit&auml;tspolitik), neoliberale Reformen und die klare Bekenntnis zu einem durch den Fiskalpakt geknebelten und damit handlungsunf&auml;higen Staat ziehen sich wie ein roter Faden durch das 185-seitige Papier.  Man kann der SPD hier jedoch noch nicht einmal vorwerfen, dass ihre Handschrift nicht zu erkennen ist &ndash; im Gegenteil, die SPD steht vielmehr bereits seit Beginn der Eurokrise treu Seit&acute; an Seit&acute; mit der Kanzlerin. Realistisch betrachtet, erf&uuml;llt der Koalitionsvertrag bei den genannten zwei Themenfeldern somit die schlimmsten Bef&uuml;rchtungen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls sich die DDR im Sp&auml;tsommer 1989 bereits in Aufl&ouml;sung befand, sagte Erich Honecker die mittlerweile ber&uuml;hmt gewordenen Worte: &bdquo;Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.&rdquo; Seit heute m&uuml;sste es im sich in Aufl&ouml;sung befindenden Europa wohl hei&szlig;en:&bdquo;Angela Merkel in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.&ldquo; &ndash; und was Ochs und Esel nicht schaffen, schafft die SPD auch nicht. Dies ist die Quintessenz der Lekt&uuml;re des seit heute vorliegenden Koalitionsvertrags der designierten Gro&szlig;en Koalition. Im Papier liest sich dies folgenderma&szlig;en:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Damit Europa dauerhaft einen Weg aus der Krise findet, ist ein umfassender politischer Ansatz erforderlich, der Strukturreformen fu&#776;r mehr Wettbewerbsf&auml;higkeit und eine strikte, nachhaltige Haushaltskonsolidierung mit Zukunftsinvestitionen in Wachstum und Besch&auml;ftigung in sozial ausgewogener Weise verbindet.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Koalitionsvertrag, Seite 157<\/p><p>Nahezu wortgleich hei&szlig;t es anderer Stelle:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die Glaubwu&#776;rdigkeit unseres Handelns erfordert eine an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtete Haushalts- und Wirtschaftspolitik. Die hohen Staatsschuldenquoten der Eurol&auml;nder mu&#776;ssen daher zuru&#776;ckgefu&#776;hrt werden. Das ist eine der Lehren aus der aktuellen Krise. Die Politik der Haushaltskonsolidierung muss fortgesetzt werden und mit Reformen fu&#776;r strukturelles Wachstum und nachhaltigen Zukunftsinvestitionen kombiniert werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Koalitionsvertrag, Seite 158<\/p><p><strong>Eurokrise &ndash; &bdquo;weiter so!&ldquo;<\/strong><\/p><p>So oder so &auml;hnlich hat es Angela Merkel in den vergangen Jahren mehrfach vorgetragen. Wer die &bdquo;Lehre aus der aktuellen Krise&ldquo; darin sieht, die &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit des Handelns&ldquo; in einer &bdquo;an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtete Haushalts- und Wirtschaftspolitik&ldquo; mit einer &bdquo;R&uuml;ckf&uuml;hrung der Staatsschuldenquote&ldquo; wiederherzustellen, hat die Eurokrise nicht einmal im Ansatz verstanden. Es ist dabei auch schon fast &uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass es den Gro&szlig;koalition&auml;ren hier um die &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; gegen&uuml;ber den M&auml;rkten und nicht gegen&uuml;ber dem Volk geht. <\/p><p>Es ist nichts dagegen einzuwenden, eine Senkung der Staatschuldenquote als Ziel politischen Handelns zu definieren. Vor allem dann, wenn man die Senkung der Staatsschuldenquote als Folge, als Ergebnis, einer klugen Wirtschafts- und Finanzpolitik definiert. Problematisch wird es jedoch, wenn man die Senkung als prim&auml;res Ziel definiert, dem andere politische Entscheidungen unterzuordnen sind. Hier folgen CDU\/CSU und SPD eins zu eins dem theoretischen Ansatz der Austerit&auml;tspolitik.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131127_auster_01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131127_auster_01_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Die &bdquo;Logik&ldquo; der Austerit&auml;t sieht dabei wie folgt aus: Der Staat k&uuml;rzt seine Ausgaben und setzt &bdquo;Strukturreformen&ldquo; (damit werden in der Regel neoliberale Reformen &aacute; la Agenda 2010 bezeichnet) um. Dadurch vertrauen die M&auml;rkte dem Staat wieder (im Koalitionsvertrag hei&szlig;t dies &bdquo;Wiederherstellen der Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo;), der Privatsektor investiert, es kommt zum Aufschwung, die Arbeitslosigkeit sinkt, ebenso das Haushaltsdefizit, und am Ende des Prozesses haben die Investoren auch den Staat wieder lieb und verlangen niedrigere Zinsen &ndash; das Ende der Eurokrise.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131127_auster_02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131127_auster_02_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Zwischen Theorie und Wirklichkeit stehen jedoch &ouml;konomische Logik und der gesunde Menschenverstand. K&uuml;rzt ein Staat in der Krise seine Ausgaben, steigt die Arbeitslosigkeit und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sinkt, was das Land in eine Rezession st&uuml;rzt. In einer Rezession nimmt der Staat jedoch auch weniger Steuern ein und verfehlt seine &bdquo;Sparziele&ldquo;, das Haushaltsdefizit steigt und ohne die Intervention der Notenbank steigen am Ende des Prozesses die Zinsen f&uuml;r Staatsanleihen noch weiter an. Diesen letzten Schritt hat die EZB durch ihre Interventionspolitik ausgehebelt, der Rest der Austerit&auml;tsspirale ist jedoch eins zu eins in den Krisenl&auml;ndern zu beobachten. <\/p><p>Weder CDU\/CSU noch SPD haben diesen Mechanismus verstanden. Ein Koalitionsvertrag, der immer noch an der gescheiterten Austerit&auml;tsideologie festh&auml;lt, ist dogmatisch und wird dazu f&uuml;hren, dass Europa sich auch in den n&auml;chsten vier Jahren nicht aus der Krise befreien kann. An diversen Stellen des Koalitionsvertrag ist zwar von  Investitionen die Rede &ndash; auch dies ist nicht neu und wurde schon mehrfach exakt so geschrieben. Doch was nutzt die Bekenntnis zu &ndash; nicht konkret definierten &ndash; Investitionen, wenn man sie unter Finanzierungsvorbehalt stellt und &uuml;ber allem das Damoklesschwert des Fiskalpakts schwebt, der auch im Koalitionsvertrag zur obersten Direktive politischen Handelns erkl&auml;rt wird? An warmen Worten kann sich kein Grieche w&auml;rmen. Und nur durch Sonntagsreden wird kein junger Spanier einen Job bekommen.<\/p><p>Es ist schon erstaunlich, wie wenig man auf 12 Seiten sagen kann &ndash; so lang ist das Kapitel &bdquo;Starkes Europa&ldquo; im Koalitionsvertrag. Zieht man wohlfeile Bekenntnisformeln und wachsweiche,  sich vielfach selbst widersprechende, Absichtserkl&auml;rungen ab, kommt man auf zwei Worte: &bdquo;Weiter so!&ldquo; Das ist nicht die Antwort, die Europa aus Deutschland h&ouml;ren will.<\/p><p><strong>Finanzpolitik &ndash; Finanzierungsvorbehalt und realit&auml;tsferne Prognosen<\/strong><\/p><p>Die selben Denkfehler, die CDU\/CSU und SPD bei der Eurokrisen-Politik jeglichen Fortschritt versperren, schlagen auch im nationalen finanzpolitischen Ressort zu. Will man den gesamten Koalitionsvertrag auf einen Satz reduzieren, dann w&auml;re es dieser:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die in diesem Koalitionsvertrag unter &bdquo;Priorit&auml;re Ma&szlig;nahmen&ldquo; genannten Vorhaben werden wir auf jeden Fall umsetzen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Koalitionsvertrag, Seite 88<\/p><p>Mit anderen Worten: Alle anderen ausgehandelten Punkte, die Geld kosten, stehen unter Finanzierungsvorbehalt. Als &bdquo;priorit&auml;re Ma&szlig;nahmen&ldquo; definieren die Gro&szlig;koalition&auml;re folgende Punkte: Finanzielle Entlastung von Gemeinden, St&auml;dten, Landkreisen und L&auml;nder, Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, den St&auml;dtebau, die Entwicklungshilfe, die Bundeszusch&uuml;sse f&uuml;r die Rentenversicherung, die Eingliederung Arbeitssuchender und den Pakt f&uuml;r Forschung und Innovation. Alle anderen ausgehandelten Punkte stehen unter Finanzierungsvorbehalt. F&uuml;r die &bdquo;priorit&auml;ren Ma&szlig;nahmen&ldquo; sieht der Koalitionsvertag dabei Mehrkosten von 26 Mrd. Euro f&uuml;r die gesamte Legislaturperiode vor. <\/p><p>Gleichzeitig will man ab 2015 einen Haushalt ohne Neuverschuldung vorlegen und bis 2017 die Staatsschuldenquote auf 70% senken. Das klingt alles sehr schnittig und ambitioniert und wird sicher von den meisten Leitartiklern positiv aufgenommen werden. Was hei&szlig;t dies jedoch konkret? Sollte der Bund &ndash; wie beabsichtigt &ndash;  in der n&auml;chsten Legislaturperiode ohne Neuverschuldung auskommen, br&auml;uchte es ein Wirtschaftswachstum von rund 4,2% pro Jahr, um die Staatsschuldenquote bis 2017 auf 70% zu senken. An solche Wachstumsquoten glaubt jedoch noch nicht einmal der argloseste Optimist. Wenn man einmal ein halbwegs realistisches Wirtschaftswachstum von 1,0% pro Jahr unterstellt, m&uuml;sste der Bund &uuml;ber die gesamte Legislaturperiode 273 Mrd. Euro einsparen, um bei der Staatsschuldenquote die Zielmarke von 70% zu erreichen &ndash; dies entspricht rund 68 Mrd. Euro pro Jahr. <\/p><p>Dieses Rechenbeispiel zeigt bereits den ganzen Irrsinn der &bdquo;Sparvorhaben&ldquo;. L&auml;ndern wie Griechenland, Portugal, Irland oder Spanien werden derart hohe K&uuml;rzungen durch das Diktat der EU-Kommission und\/oder der Troika vorgeschrieben. Es ist jedoch nahezu ausgeschlossen, dass die Gro&szlig;e Koalition den Bundesetat freiwillig um 68 Mrd. Euro pro Jahr einschrumpfen wird, wollen CDU\/CSU und SPD wiedergew&auml;hlt werden &ndash; zum Gl&uuml;ck, denn derartige K&uuml;rzungen w&uuml;rden Deutschland tief in die Krise st&uuml;rzen. Was ist aber von einem Koalitionsvertrag zu halten, der bei realistischen Wachstumsprognosen im Grund fast alles unter Finanzierungsvorbehalt stellt? <\/p><p>Auch wenn die designierten Koalitionspartner ihr Mammutwerk heute in den schillerndsten Farben schildern &ndash; was von den drei Parteien in den letzten Wochen verhandelt wurde, ist zumindest in den Rubriken &bdquo;Finanzen&ldquo; und &bdquo;Eurokrise&ldquo; das viele Papier nicht wert. Dennoch ist zu erwarten, dass die SPD-Basis diesem traurigen Elaborat zustimmen und damit Merkels Politik um weitere vier Jahre verl&auml;ngern wird. Angela Merkel in ihrem Lauf halten nun einmal weder Ochs noch Esel auf.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/4f7bd3bc04d343b5939684c54518916d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/131127_koalitionsvertrag_2711.pdf\">Koalitionsvertrag [PDF &ndash; 1 MB]<\/a> von CDU\/CSU und SPD nach den dringend n&ouml;tigen Impulsen sucht, mit denen Deutschland die &ouml;konomische, soziale und politische Dauerkrise in Europa bek&auml;mpfen k&ouml;nnte, sucht vergebens. Die Formulierungen der Themenfelder &bdquo;Finanzen&ldquo; und &bdquo;Europa&ldquo; lesen sich vielmehr wie ein Bekenntnis zur Krisenpolitik Angela Merkels. K&uuml;rzungspolitik (also Austerit&auml;tspolitik), neoliberale Reformen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19418\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,13,190,157],"tags":[423,290,1247,325],"class_list":["post-19418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-wahlen","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-austeritaetspolitik","tag-binnennachfrage","tag-fiskalpakt","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19418"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19420,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19418\/revisions\/19420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}