{"id":19428,"date":"2013-11-28T09:37:26","date_gmt":"2013-11-28T08:37:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428"},"modified":"2024-09-25T04:49:30","modified_gmt":"2024-09-25T02:49:30","slug":"macht-pisa-dumm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428","title":{"rendered":"Macht PISA dumm?"},"content":{"rendered":"<p>Herr <strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer<\/strong>, am 3. Dezember werden die Ergebnisse der neuesten, inzwischen f&uuml;nften PISA-Studie, PISA 2012 genannt, der &Ouml;ffentlichkeit vorgestellt. Sie geh&ouml;ren von Beginn an zu den <a href=\"http:\/\/www.franzbecker.de\/langfassung\/428.pdf\">gr&ouml;&szlig;ten Kritikern dieses Programms [PDF &ndash; 89.4 KB]<\/a>. Wogegen richtet sich Ihre Kritik?<br>\nNun, ich habe urspr&uuml;nglich mal versucht, mit Hilfe von PISA und &auml;hnlichen Studien Wege zur Verbesserung von Schule zu finden. Daf&uuml;r geben diese Studien aber nichts her. Zudem war es, als w&uuml;rden Sie ein Bild aufh&auml;ngen wollen: Sie schlagen einen Nagel in die Wand und Schlag f&uuml;r Schlag br&ouml;ckelt Ihnen die ganze Wand entgegen. Bei n&auml;herer Betrachtung erweist sich jedes theoretische und methodische Element von PISA als br&uuml;chig. Ein Interview von <strong>Jens Wernicke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Br&uuml;chig? Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Die vorgeblich verwendeten Theorien werden nicht zur Testerstellung verwendet, sie werden dem Test lediglich als M&auml;ntelchen umgelegt. Die Tests selbst werden nach oberfl&auml;chlichen Kriterien zusammengest&uuml;ckelt, es gibt nicht mal den Versuch darzustellen, was &uuml;berhaupt gemessen wird. Das benutzte mathematische Modell beispielsweise eignet sich nicht f&uuml;r die Abbildung von Geistigem. &Uuml;berdies zerst&ouml;ren die notwendig weichen statistischen Kriterien die sinnvolle Interpretierbarkeit der Daten. Die verwendeten Kompetenzstufenmodelle kann man mit Fug und Recht als Unfug bezeichnen. Und ganz nebenbei: Eine solch gr&uuml;ndliche Zerst&ouml;rung von Poesie wie der PISA-Deutschtest hat bisher noch nicht mal das mieseste Lehrbuch hingekriegt.<\/p><p><strong>Wie muss ich mir das konkret im mathematischen Bereich von PISA vorstellen? Sie sind ja Mathedidaktiker&hellip;<\/strong><\/p><p>Nun, ganz grunds&auml;tzlich gilt: Bei jeder nicht v&ouml;llig trivialen Aufgabe gibt es stets viele M&ouml;glichkeiten, zur gew&uuml;nschten L&ouml;sung, die aber nicht in jedem Fall die richtige sein muss, zu gelangen. Faktisch kann man also gar nicht benennen, welche F&auml;higkeit eine Aufgabe eigentlich misst. Das Konstrukt &bdquo;mathematische Leistungsf&auml;higkeit&ldquo;, also das, was PISA hier angeblich misst, wird damit aber der Zuf&auml;lligkeit preisgegeben. Das ist zwar nicht schlimmer als in einer Mathearbeit, steht aber einem immensen Mehraufwand bei standardisierten Tests gegen&uuml;ber.<\/p><p><strong>Ich verstehe kein Wort. PISA &hellip; misst Murks? Wie konkret?<\/strong><\/p><p>Der Laie denkt, in der Mathematik k&auml;me es nur auf das Resultat an. Ein Test sollte aber herausfinden, was der Sch&uuml;ler konkret kann. Schon bei der Aufgabe 17+28 gibt es ja viele Wege, die ganz unterschiedliche F&auml;higkeiten anzeigen. Z&auml;hlt der Sch&uuml;ler? Wenn ja, z&auml;hlt er 17+28 oder 28+17? Rechnet er die Zehner und die Einer einzeln zusammen? Rechnet er schrittweise, beispielsweise also 28+10 &ndash; und wie rechnet er weiter? Muss er noch &bdquo;&uuml;ber die 40 gehen&ldquo; oder landet er direkt bei der 45? Es kann sein, dass ein Sch&uuml;ler hier ein falsches Resultat produziert, aber mehr verstanden hat als einer, der ein richtiges Resultat produziert. <\/p><p>PISA bewegt sich nun aber in Klasse 9. Die mathematischen Inhalte sind dort deutlich komplexer als 17+28, und es gibt noch mehr L&ouml;sungswege. Man wei&szlig; nicht, welchen Weg ein Sch&uuml;ler gegangen ist. Die PISAner aber glauben, ihr banales Richtig-Falsch-Schema w&uuml;rde schon irgendwie ein sinnvolles Resultat ergeben. Nur haben sie eben keinerlei Vorstellung davon, wie dieses Sinnvolle zustande kommen soll.<\/p><p><strong>Aber kann man die Aufgaben denn nicht einfach verbessern?<\/strong><\/p><p>Ja, Sie k&ouml;nnten lauter wirklich scharf messende Aufgaben nutzen. Viele Tests f&uuml;r Geistiges sind ja genau deshalb so armselig, weil sie solch ein eindeutiges Messverfahren anstreben. Wenn Sie schon bei 17+28 nicht mehr wissen, welche Leistung Sie gerade konkret messen, dann k&ouml;nnen Sie sich vorstellen, wie primitiv eine Aufgabe sein muss, damit sie nur einen einzigen, klar benennbaren L&ouml;sungsweg hat. Dann aber eignet sich der Test ganz sicher nicht mehr als Schulleistungstest. Denn Schule soll ja gerade geistige Vielfalt und Reichhaltigkeit herausbilden. Das widerspricht pr&auml;zisem Messen aber diametral. <\/p><p><strong>Aber PISA will doch explizit &bdquo;Mathematische Literalit&auml;t&ldquo; testen. Das hei&szlig;t, dass es ganz bewusst nicht mehr <em>nur<\/em> ums Rechnen geht und gehen soll, sondern eben darum &bdquo;die Rolle, die Mathematik in der Welt spielt, zu erkennen und zu verstehen, begr&uuml;ndete mathematische Urteile abzugeben&ldquo; etc., wie es in der PISA-Eigendarstellung hei&szlig;t&hellip;<\/strong><\/p><p>Von all dem kann angesichts der realen Aufgaben aber keine Rede sein. Ich habe bereits in der ersten PISA-Runde alle Mathe-Aufgaben untersucht, auch die verheimlichten. Und dabei stellte sich heraus, dass weder die gestellten mathematischen Probleme noch die angeblichen realen Probleme ernst genommen werden d&uuml;rfen, um zur &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; der Aufgabe zu gelangen. Stattdessen muss man sich auf das konzentrieren, was die Tester angekreuzt oder hingeschrieben haben wollen. Prinzipiell erweist es sich dabei als besonders g&uuml;nstig, mittelm&auml;&szlig;ig zu arbeiten und auf intellektuelle Tiefe in der Auseinandersetzung mit den Aufgaben zu verzichten. Die Rolle, die Mathematik in der Welt spielt, wird entgegen der Behauptung bei PISA jedoch gerade nicht erkundet.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie denn behaupten, dass PISA in diesem Sinne unwissenschaftlich ist?<\/strong><\/p><p>Das kommt darauf an, was man f&uuml;r Wissenschaft h&auml;lt. Wenn Wissenschaft das ist, was die Meinungsf&uuml;hrer unter jenen Leuten sagen, die von der Regierung das meiste Geld f&uuml;r etwas bekommen, was &bdquo;Wissenschaft&ldquo; genannt wird, dann ist PISA nat&uuml;rlich Wissenschaft. Im Mittelalter geh&ouml;rten in diesem Sinne die elaboriertesten Theorien zur Hexenverbrennung ja auch der wissenschaftlichen Speerspitze an. Wenn Sie hingegen an ein wissenschaftliches Messinstrument den Anspruch haben, dass benennbar ist, was &uuml;berhaupt gemessen wird, dass das Instrumentarium der wissenschaftlichen Debatte zug&auml;nglich ist, dass das verwendete mathematische Modell zum Gegenstandsbereich passt und dass die Stichprobe bestimmten Kriterien gen&uuml;gt, dann w&uuml;rde man das PISA-Instrumentarium sicherlich eher in den Grenzbereichen des Wissenschaftlichen verorten.<\/p><p>Im Vorwort des wissenschaftlichen Sammelbandes <a href=\"http:\/\/www.univie.ac.at\/pisaaccordingtopisa\/pisazufolgepisa.pdf\">&bdquo;PISA zufolge PISA&ldquo; [PDF &ndash; 7 MB]<\/a> von Stefan Thomas Hopmann und anderen hei&szlig;t es, die dort publizierten 18 Beitr&auml;ge von Forscherinnen und Forschern aus 7 europ&auml;ischen L&auml;ndern zusammenfassend, denn auch in aller Deutlichkeit, ich zitiere: <\/p><p><em>&bdquo;Das PISA-Projekt ist offenkundig mit so vielen Schwachstellen und Fehlerquellen belastet, dass sich zumindest die popul&auml;rsten Endprodukte, die internationalen Vergleichstabellen sowie die meisten nationalen Zusatzanalysen zu Schulen und Schulstrukturen, Unterricht, Schulleistungen und Problemen wie Migration, sozialer Hintergrund, Geschlecht usw., in den bisher praktizierten Formen wissenschaftlich schlicht nicht aufrecht erhalten lassen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Genau darum geht&rsquo;s. <\/p><p><strong>Sie str&auml;uben sich also prinzipiell gegen eine Vermessung von Geistigem?<\/strong><\/p><p>Man muss sich klar machen, was man will und was das dann kostet. Ein wirklich pr&auml;ziser Messprozess ist tats&auml;chlich nur m&ouml;glich, wenn man ganz eng eingrenzt, was man messen will. Eine solch pr&auml;zise Messung umfasst immer nur ein kleines Gebiet. Wer in zwei Stunden so etwas Gro&szlig;es wie &bdquo;mathematische Leistung&ldquo; messen will, der vergewaltigt das Geistige, denn er tut so, als ob das L&ouml;sen einiger vorgestanzter Aufgaben bereits dieses Gro&szlig;e selber w&auml;re. <\/p><p>Meine Setzung ist schlicht, dass Schule zu geistigem Reichtum f&uuml;hren soll. Den aber kann ich nicht mit engen Aufgaben erfassen. Wenn die Menschenmesser wenigstens pr&auml;zise offenlegen w&uuml;rden, was genau sie messen oder zu messen glauben, dann h&auml;tte ich auch nichts gegen die Vermessung von Geistigem. Ich habe sogar gezeigt, wie man mit der Methode der Objektiven Hermeneutik eine solche pr&auml;zise Benennung leisten kann. Dann w&uuml;rde man aber eben auch sehen, dass PISA ausschlie&szlig;lich etwas misst, das tats&auml;chlich bedeutungslos ist.<\/p><p><strong>PISA wird von der OECD organisiert. Man mag daher nicht recht glauben, dass das Testen in dem von Ihnen angedeuteten Sinne dem reinen Selbstzweck dient &hellip; Andererseits kann doch auch die OECD kein Interesse daran haben, allerorten Testeritis auszul&ouml;sen ohne dass dabei wirkliche Qualit&auml;tsverbesserungen f&uuml;r das Bildungssystem herausspringen?<\/strong><\/p><p>Die OECD will mit PISA offenbar erreichen, dass die Institution Schule zuk&uuml;nftig in st&auml;rkerem Ma&szlig;e wirtschaftlichen Interessen zuarbeitet. Das hat sie inzwischen &uuml;brigens auch schon erreicht, denn mit den Bildungsstandards und den zugeh&ouml;rigen Tests wird der Schule ja gerade das letzte kritische Element gr&uuml;ndlich ausgetrieben. Sie soll fortan einfach brauchbares, nein brauchbareres Menschenmaterial produzieren.<br>\nEs geht aber wohl auch darum, das Bildungswesen immer st&auml;rker zu privatisieren. Und so was k&ouml;nnen Sie nur legitimieren, wenn Sie die Illusion erzeugen, dass die privaten Anbieter alle eine ordentliche Qualit&auml;t erzeugten &ndash; und dass schlechte Qualit&auml;t allerorten gleicherma&szlig;en selektiert wird. Dazu m&uuml;ssen Sie am Ende einfach alle Schulen mit dem gleichen Test vergleichen. Dann schreiben Sie ein Handbuch, das den Unterricht auf den Test hin strukturiert, und schon k&ouml;nnen Sie auch unqualifiziertes und billiges Personal vor die Klasse stellen. Die Bildungsstandards bereiten in diesem Sinne die umfassende Entprofessionalisierung der Lehrerschaft vor. Nach der Finanzkrise hat man ja in allen gesellschaftlichen Bereichen gemerkt, dass ein rein marktf&ouml;rmiges Denken zu schlechten Probleml&ouml;sungen f&uuml;hrt. Ausgerechnet in Bildung und Wissenschaft f&auml;hrt die Politik weiter brachial in diese Sackgasse hinein.<\/p><p><strong>Bedeutet Ihre Kritik an PISA denn umgekehrt, dass Deutschland in der L&auml;nderrangreihe eigentlich besser dastehen m&uuml;sste?<\/strong><\/p><p>Wenn Sie einen so komplexen Test wie PISA machen, dann m&uuml;ssen Sie sehr viele statistische Entscheidungen treffen. Man fummelt dann mit einer gewissen Pragmatik an den Daten rum und weicht aus quasipolitischen Gr&uuml;nden von den vorher aufgestellten Grunds&auml;tzen ab. <a href=\"http:\/\/joachimwuttke.de\/testing.html\">Joachim Wuttke<\/a> hat schon vor rund 10 Jahren die PISA-Daten nachgerechnet und dabei probehalber konsequent mit den vorher aufgestellten Grunds&auml;tzen gearbeitet. Man kommt dann zu einer anderen L&auml;nderrangreihe. Au&szlig;erdem sind viele dieser statistischen Entscheidungen ebenso sinnvoll, wenn man sie ganz anders trifft. Im Grunde ist dadurch die L&auml;nderrangreihe im Mittelfeld ein reines Zufallsprodukt. Au&szlig;erdem sollte Deutschland schlecht abschneiden. <\/p><p><strong>Wie bitte?<\/strong><\/p><p>Einer der PISAner hat es fachintern bereits im Vorfeld sehr offen formuliert. Es sagte: &bdquo;Ich mache seit 25 Jahren Mathematikdidaktik und die Lehrer begreifen es nicht. Jetzt zeige ich ihnen, was ich von ihnen will.&ldquo; Eine solche Agenda verfolgt man nat&uuml;rlich nur, wenn man das eigene Konzept f&uuml;r die Weltverbesserung an sich h&auml;lt. Der Kollege hat dabei nur &uuml;bersehen, dass man eine vielleicht gute Idee vergewaltigt, wenn man sie in standardisierte Formen gie&szlig;t.<br>\nStrukturell und bildungspolitisch sind jedoch nicht irgendwelche frustrierten Didaktiker zentral. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.uni-potsdam.de\/theorieschulelehrplan\/flitner.html\">Elisabeth Flitner<\/a> hat vor einiger Zeit <a href=\"http:\/\/www.phil-fak.uni-duesseldorf.de\/fileadmin\/Redaktion\/Institute\/Sozialwissenschaften\/BF\/Lehre\/Materialien\/Pisa\/El%20Flitner_Paedagogische%20Wertschoepfung.pdf\">exemplarisch herausgearbeitet [PDF &ndash; 40.8 KB]<\/a>, welche Testkonzerne PISA durchf&uuml;hren und welches Markterschlie&szlig;ungsinteresse diese insbesondere in Deutschland haben. Daher wurde PISA auch nirgendwo so aggressiv vermarktet wie hier. Es ging und geht vor allem darum, dieses bis dahin immer sehr geistig orientierte Land f&uuml;r eine gewaltige Testindustrie zu &ouml;ffnen und geistige Beschr&auml;nkung als Fortschritt zu vermarkten.<\/p><p><strong>Das ist ja nun gelungen.<\/strong><\/p><p>Ja, man muss einfach anerkennen, dass es eine gro&szlig;artige Marketing-Leistung war, 40 Regierungen dazu zu bringen, eine dreistellige Millionensumme pro Durchgang lockerzumachen f&uuml;r einen Test, der keinerlei handlungsrelevantes Wissen erzeugt. Es gibt keine politische Entscheidung, die aus PISA ableitbar w&auml;re &ndash; auch wenn es nat&uuml;rlich viele Entscheidungen gibt, die man mit PISA legitimiert.<\/p><p>Und Deutschland hat man auch gleich doppelt abgezockt: Einerseits zahlen wir Millionen f&uuml;r PISA. Andererseits haben dutzende Professoren ihre wissenschaftlichen Dienstverpflichtungen f&uuml;r die internationalen Testkonzerne kanalisiert. Der deutsche Steuerzahler zahlt f&uuml;r diesen Arbeitsausfall wahrscheinlich mehr als f&uuml;r die Testgeb&uuml;hren. Wie viele relevanten Gedanken diese Leute stattdessen h&auml;tten produzieren k&ouml;nnen!<\/p><p><strong>Und warum haben sich die Testkonzerne so auf Deutschland konzentriert?<\/strong><\/p><p>Nun, zum einen kriegen die Konzerne hier eben die Arbeitsleistung geschenkt. Zweitens geht es um die &Ouml;ffnung eines Milliardenmarktes. Fr&uuml;her hat der Deutsche richtige B&uuml;cher gelesen, heute liest er B&uuml;cher, die ihm beibringen, wie man bei Tests gut abschneidet, und er zahlt f&uuml;r diese Tests. Ein dritter Grund ist ein untersuchungspragmatischer: Wenn Sie einen relevanten quantitativen internationalen Vergleich machen wollen, dann brauchen Sie die USA, Japan und Deutschland, also die drei gr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaften. K&uuml;nftig werden Sie noch China brauchen. Alle anderen L&auml;nder sind im Grunde vor allem Rankingstaffage. Dahinter steckt nicht nur eine kulturelle Dominanz, sondern auch die Idee, dass Bildung ein Produktivfaktor sei. Ich selbst w&uuml;rde eher sagen: &bdquo;Wir leben in einem kulturell und wirtschaftlich recht erfolgreichen Land, wozu sollten wir in Mathetests besser abschneiden?&ldquo; So denkt man aber wohl vor allem dann, wenn man gute Test-Leistungen und gute Volkes-Bildung als Gegensatzpaar ansieht.<\/p><p><strong>Das h&ouml;rt sich im Ganzen so an, als ob Sie den &bdquo;PISA-Schock&ldquo; f&uuml;r eine Art organisierten kollektiven Irrtum hielten&hellip;<\/strong><\/p><p>Sie als Journalisten haben hier jedenfalls kollektiv versagt. Sie haben nie die Frage gestellt: Wie viele richtige Kreuze mehr als ein deutscher Sch&uuml;ler hat denn so ein finnischer Sch&uuml;ler gemacht? Nie gefragt: Ist das denn &uuml;berhaupt ein relevanter Unterschied? Kann man in 90 Minuten wirklich eine sinnvolle Aussage &uuml;ber ein Schulsystem generieren? Wollen wir gut sein in einem Test, in dem ausgerechnet die ostasiatischen Schulm&uuml;hlen gut abschneiden? Kann man aus einem Neuntkl&auml;sslertest Aussagen &uuml;ber Kindergartenbildung ableiten? Wer verdient an diesen Tests? Bei jeder Kreissparkassenbilanz h&auml;tte es kritischere Nachfragen gegeben. Und selbst bei den wenigen Medien, bei denen im Feuilleton die Standardisierung des Geistigen kritisch diskutiert wurde, haben die politischen und die Bildungsredaktionen die Skandalisierungsmasche der Testkonzerne mitgetragen.<\/p><p><strong>Aber der Journalismus hat doch seine Aufgabe der Kritik am Schulwesen ernst genommen!<\/strong><\/p><p>Genau das ist der Kategorienfehler. Denn wenn ich &uuml;ber Kritik am Schulsystem berichte, dann besteht journalistischer Ethos doch nicht lediglich darin, das Schulsystem zu befragen, sondern ebenso darin, auch die Kritik an diesem kritisch zu durchleuchten. Kritik am Schulsystem ist billig zu haben. Die Frage ist aber doch vielmehr, ob eine konkrete Kritik auch wirklich stimmig ist. Die deutschen Medien haben PISA jedoch lediglich als Auslassventil f&uuml;r ein allgemeines Unbehagen am Schulsystem genutzt und sich dabei kollektiv mit den Testkonzernen gemein gemacht. Das ist umso bedenklicher, als dieser Schulfrust ja v&ouml;llig berechtigt ist. <\/p><p><strong>Der PISA-Schock hatte aber doch heilsame Wirkungen auf das Schulsystem.<\/strong><\/p><p>Wenn es darum ging, das Thema Bildung in den gesellschaftlichen Fokus zu stellen, dann h&auml;tte man nach der ersten PISA-Skandal-Runde einfach Schluss machen k&ouml;nnen mit dem Geteste. Schule hatte bereits vorher die Tendenz, die Bildungsgegenst&auml;nde vom eigentlich Bildsamen zu entkleiden und das &Uuml;briggebliebene dann einfach nur noch als &bdquo;Stoff&ldquo; zu vermitteln. Statt Schule nun aber st&auml;rker dem Bildsamen zuzuwenden, statt sie lebendiger zu machen, offener f&uuml;r Freude an der Sache und am Verstehen, f&uuml;r Neugier und f&uuml;r wirklich sinnstiftendes Lernen, hat man sich f&uuml;r den entgegengesetzten Weg entschieden. PISA forderte zu einer weiteren Verengung von Schule auf und dieser Aufforderung ist man allerorten gehorsam gefolgt. Die sogenannten Bildungsstandards verfolgen dabei den einzigen Zweck, dass nur noch als Bildung gilt, was standardisiert testbar ist. Schule soll also zuk&uuml;nftig ihren Gegenst&auml;nden das Bildsame noch mehr entrei&szlig;en als sie dies bereits bisher getan hat. Das aber ist das genaue Gegenteil des Notwendigen.<\/p><p>Konsequenterweise muss man daher fordern: Schluss mit PISA! Da PISA aber nur den gr&ouml;&szlig;ten Tanker im Meer der Menschenmesserideologie darstellt, w&auml;re das nur der erste Schritt. Tats&auml;chlich muss die Schule noch breiter aus dem W&uuml;rgegriff der Testinstitute und Standardisierer befreit werden. Insofern geht es auch darum, mittelfristig etwa das Institut zur Qualit&auml;tsentwicklung im Bildungswesen und all seine Parallelstrukturen in den L&auml;ndern abzuschaffen. Die Bildungsstandards sowie die Gesamtstrategie der Kultusministerkonferenz zum Bildungsmonitoring m&uuml;ssen au&szlig;er Kraft gesetzt werden. Das Beruhigende dabei ist, dass diese Ma&szlig;nahmen sehr schnell umsetzbar sind, weil diese Strukturen sachlich v&ouml;llig freischwebend sind. <\/p><p><strong>Was meinen Sie, was wird in der neuen PISA-Runde rauskommen? Wird Deutschland sich verbessert haben?<\/strong><\/p><p>Die L&auml;nderrangreihen befriedigen kein Erkenntnis-, sondern vor allem ein voyeuristisches Interesse. Insofern ist es auch v&ouml;llig unwichtig, ob Deutschland sich in irgendeinem Ranking verbessert. Au&szlig;erdem ist die Deutung von Ver&auml;nderungen hier v&ouml;llig beliebig. Ich offeriere Schulfunktion&auml;ren jeweils eine Palette von widerspr&uuml;chlichen, aber jeweils gut begr&uuml;ndeten Deutungen. So ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Deutschland irgendwie wieder &bdquo;besser&ldquo; geworden sein wird, weil deutsche Lehrer und Sch&uuml;ler in den letzten Jahren viel st&auml;rker als ihre Kampfgegner in den wirtschaftlich konkurrierenden L&auml;ndern auf besseres PISA-Ankreuzen hin getrimmt worden sind. Auf jeden Fall werden die Menschenmesser behaupten, dass sich in einer Rangreihenverbesserung zeigen w&uuml;rde, dass Testen und Standardisieren sich positiv auswirkt. Es handelt sich eben um ein Glaubenssystem mit Selbstverst&auml;rkungsmechanismen. <\/p><p>F&uuml;r mich selbst ist aktuell viel interessanter, welche Sau die PISA-Konzerne diesmal durchs Dorf treiben werden, um medial die Illusion aufrecht zu erhalten, dass PISA bedeutsam sei und f&uuml;r Bildungsverbesserungen, die irgendwem n&uuml;tzten, st&uuml;nde. Deutschlands vorgebliches Versagen und die soziale Ungleichheit hatten wir inzwischen ja schon. Ich bin gespannt, was sich diesmal am Grunde des Datensatzes f&uuml;r ein Skandal offenbart.<\/p><p><strong>Alles in allem&hellip;: Macht PISA also dumm?<\/strong><\/p><p>Es ist sicherlich nicht inkorrekt, diese Frage mit Ja zu beantworten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Das Interview erschien zuerst in stark gek&uuml;rzter Form in der taz vom 27. November 2013.<\/em><\/p><p><em>Die Positionen des Interviewpartners geben nicht zwingend die Positionen der NachDenkSeiten-Redaktion wieder. Sehr wohl aber sollen sie eines: &hellip;zum Nachdenken anregen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer<\/strong> wurde 1970 in Woldegk (Vorpommern) geboren. Er studierte Mathematik und Physik an der Universit&auml;t Potsdam, wo er auch 2004 promovierte. Inzwischen ist er Professor f&uuml;r Mathematikdidaktik an der Universit&auml;t Paderborn. Er ist Mitglied in den Beir&auml;ten des Deutschen Philologenverbandes, der Gesellschaft Bildung und Wissen und der Stiftung Bildung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr <strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer<\/strong>, am 3. Dezember werden die Ergebnisse der neuesten, inzwischen f&uuml;nften PISA-Studie, PISA 2012 genannt, der &Ouml;ffentlichkeit vorgestellt. Sie geh&ouml;ren von Beginn an zu den <a href=\"http:\/\/www.franzbecker.de\/langfassung\/428.pdf\">gr&ouml;&szlig;ten Kritikern dieses Programms [PDF &ndash; 89.4 KB]<\/a>. Wogegen richtet sich Ihre Kritik?<br \/> Nun, ich habe urspr&uuml;nglich mal versucht, mit Hilfe von PISA und &auml;hnlichen Studien Wege<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,209,11],"tags":[343,602,371],"class_list":["post-19428","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-interviews","category-strategien-der-meinungsmache","tag-luegen-mit-zahlen","tag-oecd","tag-pisa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19428"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19428\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121926,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19428\/revisions\/121926"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}