{"id":19441,"date":"2013-11-28T13:34:20","date_gmt":"2013-11-28T12:34:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19441"},"modified":"2019-01-30T10:43:30","modified_gmt":"2019-01-30T09:43:30","slug":"getaktete-musse-ist-keine-musse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19441","title":{"rendered":"\u201eGetaktete\u201c Mu\u00dfe ist keine Mu\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin findet seit dem 27. November die Jahrestagung der <em>Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Psychiatrie und Psychotherapie<\/em> zum Thema <em>Von der Therapie zur Pr&auml;vention<\/em> statt. Dr. Iris Hauth, die Pr&auml;sidentin dieser Vereinigung, wurde am Mittwoch in Deutschlandradio-Kultur <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/psychisch-krank-universelle-praevention-gibt-es-eigentlich.954.de.html?dram:article_id=270273\">zum Thema der Tagung interviewt<\/a>. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat das Interview geh&ouml;rt und kommentiert eine der dort ge&auml;u&szlig;erten Empfehlungen.<br>\n<!--more--><br>\nCirca 30 Prozent der Deutschen seien psychisch krank und erhielten ein Mal pro Jahr eine entsprechende Diagnose, erfahren wir. Jedes f&uuml;nfte Kind gelte als psychisch gest&ouml;rt. Das habe mit dem gewachsenen Stress zu tun, dem wir alle, und eben auch bereits Kinder, ausgesetzt seien. Manche Eltern m&ouml;chten, dass ihre Kinder durch schulischen Erfolg eine gute Startposition im Rennen um wirtschaftlichen Erfolg erreichten und setzten sie auf diese Weise unter Druck, dem viele nicht standhalten k&ouml;nnten. Was man denn gegen den zunehmenden Stress tun k&ouml;nne, wird Frau Dr. Hauth gefragt. Achtsamkeits- und Entspannungs&uuml;bungen seien ein probates Mittel. Wenn allerdings gewisse Symptome &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum auftr&auml;ten, sei es ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen und einen Arzt aufzusuchen. Das Wort <em>Mu&szlig;e<\/em> klinge f&uuml;r viele Menschen altbacken und manch einer w&uuml;sste sicher gar nicht mehr, was das sei. Es sei aber immens wichtig, &bdquo;Zeiten der Mu&szlig;e in unseren Alltag einzutakten&ldquo;. <\/p><p>Es fiel Frau Dr. Hauth gar nicht auf, dass das &bdquo;<em>Eintakten<\/em>&ldquo; von Mu&szlig;e das genaue Gegenteil von Mu&szlig;e ist und sie im Keim bereits wieder zunichtemacht. Von Mu&szlig;e kann nur gesprochen werden, wenn die daf&uuml;r zur Verf&uuml;gung stehende Zeit unserer freien Gestaltung unterliegt und nicht fremdbestimmt ist. Mu&szlig;e stellt sich nur ein, wenn der Rhythmus von Produktion und Konsum au&szlig;er Kraft gesetzt wird und wir in eine andere Zeitzone eindringen. Was wir heute unter Freizeit verstehen, ist die Erg&auml;nzung der Arbeit und in der Regel ebenso entfremdet wie diese. <\/p><p>Was Frau Dr. Hauth empfiehlt, sind psychische Fitness-&Uuml;bungen, die der Aufrechterhaltung der Arbeitsf&auml;higkeit unter gegebenen Bedingungen dienen. Mit Mu&szlig;e hat das etwa so viel zu tun, wie ein schneller Fick mit Liebe. Eine an der Jagd nach Profit orientierte Gesellschaft, die dem M&uuml;&szlig;iggang den Krieg erkl&auml;rt hat, um die urspr&uuml;nglich diskontinuierlichen Energien der Menschen in kontinuierliche und fortlaufend angebotene Arbeitskraft zu transformieren, will sich auf dem H&ouml;hepunkt ihrer hektischen Betriebsamkeit die Mu&szlig;e wieder einverleiben, um sich und die Menschen vor dem Kollaps zu bewahren. <\/p><p>Solange man &uuml;berwiegend f&uuml;r den eigenen Bedarf produzierte, also Gebrauchswerte herstellte, herrschten ein anderer Arbeitsrhythmus und eine Zeitstruktur, die man im Unterschied zur <em>linearen<\/em> Zeit des Kapitals <em>zyklisch<\/em> genannt hat. Wie der englische Historiker E. P. Thompson gezeigt hat, basierte eine &Ouml;konomie, die am Bedarf orientiert war und die Kategorie des Genug kannte, auf einem Wechsel von h&ouml;chster Anspannung und Phasen der Mu&szlig;e. Da die menschlichen T&auml;tigkeiten noch nicht der &ouml;konomischen Rationalit&auml;t und ihrem rechnerischen Kalk&uuml;l unterlagen, fielen sie mit Zeit, Bewegung und Rhythmus des Lebens selbst zusammen. <\/p><p>Georg B&uuml;chner vermittelt uns in seinem Lustspiel <em>Leonce und Lena<\/em> durch den Mund von Valerio in deftiger Sprache einen Vorgeschmack einer k&uuml;nftigen Gesellschaft, die die Tyrannei von Arbeit und Profit &uuml;berwunden hat: &bdquo;Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und z&auml;hlen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Bl&uuml;te und Frucht.&ldquo; Valerio setzt hinzu: &bdquo;Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, dass, wer sich Schwielen in die H&auml;nde schafft, unter Kuratel gestellt wird; dass, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; dass jeder, der sich r&uuml;hmt, sein Brot im Schwei&szlig;e seines Angesichts zu essen, f&uuml;r verr&uuml;ckt und der menschlichen Gesellschaft f&uuml;r gef&auml;hrlich erkl&auml;rt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!&ldquo; <\/p><p>Mich hat das Interview und die Mu&szlig;e-Empfehlung der Pr&auml;sidentin der Gesellschaft f&uuml;r Psychiatrie an eine Geschichte erinnert, die Oskar Negt und Alexander Kluge in ihrem Buch &bdquo;Geschichte&ldquo; und Eigensinn erz&auml;hlt haben. &bdquo;In einem Vortrag vor Behavioristen in den USA erl&auml;uterte Jean Piaget den Satz: &sbquo;Wenn Sie das Kind etwas lehren, so hindern Sie es daran, es selber zu entdecken, Sie stiften Schaden.&rsquo; In der Diskussion sagte daraufhin ein Behaviorist: &sbquo;Es f&auml;llt mir wie Schuppen von den Augen. Meine Frage: Wie kann man diesen Vorgang beschleunigen?&rsquo; Hierauf lacht Piaget. Er antwortet nicht.&rdquo; <\/p><p>Ich bin sicher, dass die versammelten Behavioristen sein Lachen nicht verstanden haben. Vom Kabarettisten Dieter H&uuml;sch stammt folgende Geschichte: Der Direktor einer anthroposophischen Schule tritt in der gro&szlig;en Pause auf dem Balkon. Indem er in die H&auml;nde klatscht, fordert er die auf dem Hof spielenden Kinder auf: &bdquo;Seid ungezwungen, Kinder!&ldquo; Man ahnt, dass die Aufforderung des Direktors ins Leere gehen wird und Zwang sich nicht auf Kommando abstellen l&auml;sst. Und selbst wenn: Eine befristete Aussetzung der herrschenden Regeln bekr&auml;ftigt letztlich die herrschenden Regeln und dient so der Aufrechterhaltung des Status quo.<\/p><p>&bdquo;Die gro&szlig;en, die gl&uuml;cklichen, die niemals erjagbaren Einsichten und Einf&auml;lle&ldquo;, sagt der Philosoph Josef Pieper, &bdquo;werden uns im Zustand der Mu&szlig;e zuteil&ldquo;, wenn es zu einer &bdquo;schweigenden  Ge&ouml;ffnetheit der Seele&ldquo; kommt. Schon Platon wusste, dass es einen Zusammenhang zwischen Denken und Zeit gibt: Man kann nicht denken, wenn man es eilig hat. Zum Denken muss man innehalten, aus dem Rhythmus des Alltags aussteigen und eine Pause der Besinnung einlegen. Das birgt f&uuml;r die herrschende Gesellschaft die Gefahr, dass die Menschen ihren Funktionsprinzipien auf die Schliche kommen und herausfinden, dass es auch ganz anders sein k&ouml;nnte. Denken erm&ouml;glichende Mu&szlig;e birgt Gefahren und ist potenziell subversiv. <\/p><p>Frau Dr. Hauth steht auf den Schultern des Psychiaters Emil Kraepelin, der in seiner 1896 erschienenen Schrift <em>Zur Hygiene der Arbeit<\/em> der sich gerade herausbildenden Arbeitsgesellschaft ins Stammbuch schrieb, Pausen und Unterbrechungen der Arbeit so zu dosieren, dass sie die m&uuml;hsam erreichte Gew&ouml;hnung der Menschen an die &bdquo;M&uuml;hen der Arbeit&ldquo; und ihren Rhythmus nicht gef&auml;hrden. So ist es auch mit der in den Alltag <em>eingetakteten Mu&szlig;e<\/em>. Sie wird sie zu einem St&uuml;ck Hygiene, die dazu dient, die Ausbeutbarkeit der Arbeitskraft aufrechtzuerhalten und die Menschen instand zu setzen, das eigentlich nicht Aushaltbare weiter auszuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin findet seit dem 27. 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